Klima Die hungrige StadtSeite 5/5

Nebenbei könnte der Energie-Butler seine Herren noch zum Energiesparen bewegen, weil er auch als smarter Stromzähler dient. Per Computer können die Röschs jederzeit ihre Verbrauchsdaten abrufen. Bunte Kästen zeigen ihnen dann, welches Gerät wie viel Strom zu welchem Preis frisst. »Man lernt viel über den Verbrauch«, sagt Rösch. Bis zu zehn Prozent Ersparnis könnte das bringen, schätzt das Wuppertal Institut.

Der ständige Appell, Energiesparbirnen einzudrehen und einen Ökokühlschrank zu kaufen, mag manche ermüden. »Für eine klimafreundliche Metropole ist es aber das A und O, den Verbrauch zu senken«, sagt Hertle. »In der Regel ist es billiger, eine Megawattstunde zu sparen, als sie aus erneuerbaren Quellen zu gewinnen.« Ein Phänomen, das der Amerikaner Amory Lovins mit dem Begriff »Negawatt« beschreibt.

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Hertle schätzt, dass Berlin langfristig mit 60 Prozent weniger Energie auskommen könnte. Gelänge das, wäre auch das Ziel in greifbarer Nähe, die Hälfte des Bedarfs mit CO2-freien Energieträgern zu decken. Denn gemessen an einem derart niedrigen Verbrauch, ist das Potenzial von Sonne, Biogas, Abwasserwärme und all den anderen Energiequellen zweieinhalbmal höher.

Wie man eine Stadt auf Sparkurs bringt, weiß kaum jemand besser als Edgar Hauer. Er setzt das Wiener Energie-Effizienz-Programm um. »Für alle Wohngebäude haben wir die Sanierungskosten ermittelt«, sagt er, »dazu haben wir sie in sieben Altersklassen mit fünf Sanierungsvarianten und 15 Heizungsarten aufgeteilt.« Noch genauer wurde der Verbrauch aller Geräte in den 800.000 Haushalten erfasst, vom Fernseher bis zum Föhn.

Auf Grundlage dieser gewaltigen Datenmenge entstand eine Liste mit hundert Sparmaßnahmen. So etwas gibt es zwar schon in anderen Städten, doch die Wiener haben sie auch noch sinnvoll geordnet. Nicht die Projekte mit dem größten Prestige stehen oben, sondern jene, die möglichst schnell und günstig Energie sparen. Auf einem hinteren Platz landeten etwa das Werben für Energiesparlampen oder das Dämmen denkmalgeschützter Stuckfassaden. Platz eins bekam die Wärmedämmung der Bausünden aus den fünfziger bis siebziger Jahren. Mit Schüttbeton, Fertigteilen und vorgehängten Fassaden bekämpfte man damals in Europa die Wohnungsnot. Heizöl war spottbillig, Isolierung kein Thema.

Die Altbausanierung ist mit Abstand die wichtigste Maßnahme. Je schlechter der Zustand, desto größer das Potenzial. Auch wenn verlässliche Zahlen fehlen: In Berlin dürfte das kaum geringer sein als in Wien – bisher wurde nur ein Drittel aller Gebäude umfassend gedämmt. Überraschenderweise sind die Plattenbauten oft besser saniert als die hübsch angestrichenen Jugendstilhäuser in Prenzlauer Berg. Der Grund: Die großen Wohnungsbaugesellschaften sind nach der Wende oft konsequenter vorgegangen.

Für 36 Milliarden Euro könnte auch der Rest auf Vordermann gebracht werden, hat die Beratungsfirma THP überschlagen. Energiekosten von zwei Milliarden Euro würde das jährlich sparen – und Berlins CO2-Emissionen um ein Fünftel senken.

Überwunden werden muss jedoch zunächst das »Eigentümer-Mieter-Dilemma«: Obwohl der Eigentümer die Sanierung bezahlt, profitieren zunächst die Mieter. Zwar darf er die Kosten später teilweise auf die Kaltmieten umlegen, doch sind Mieterhöhungen unpopulär und bergen die Gefahr von Leerständen. In Berlin ist das Dilemma besonders groß – hier sind neun von zehn Wohnungen vermietet.

Zudem ist es hilfreich, beim Sanieren Psychologen und Pädagogen zurate zu ziehen. Sonst besteht die Gefahr, dass in der Praxis nicht so viel Energie gespart wird wie vorher errechnet. Im Wiener Schöpfwerk, einer Hochhaussiedlung für 5000 Menschen, sank der Heizenergieverbrauch etwa nur um 30 statt um 77 Prozent. Das lag nicht an schlampigen Arbeitern, sondern an nachlässigen Bewohnern. Die neue Dämmung war nicht so effektiv, weil die Fenster stundenlang zum Lüften gekippt waren.

Wäre Berlin doch ein wenig wie Wien, Stockholm und Mannheim! Mike Kess sitzt nun an der Fernsehturmbar, es dämmert, die Stadt verwandelt sich in ein Lichtermeer. »Wir können die anderen noch einholen«, sagt er. »Wir dürfen nur kein Kohlekraftwerk bauen. Das würde 40, 50 Jahre Strom im Überfluss erzeugen, und es gäbe keine Anreize, die Energieversorgung neu zu erfinden.« Da geben ihm viele Energieexperten recht.

Mitarbeit: Dirk Asendorpf

 
Leser-Kommentare
    • TDU
    • 21.03.2009 um 21:40 Uhr

    Schon seit Jahren kann man in alle möglichen Großstädten Deutschlands beobachten, dass sich die Städte an selbst eigene, getroffene Beschlüsse nicht halten. Und auf dem Land wird es dann imer weniger ernst genommen.

    Es geht ja nicht nur um Energieversorgung bei solchen Konzepten, sondern wie am Mieterbeispiel dargestellt, um die Folgekosten. Selbst bei der Ernährung gibt es den Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit, und die heißt auch Möglichkeit. Könnte der Konsum ausschließlich aus der Region, Bio Anbau, ökologischer Transport wirklich eine Stadt oder einen Großraum versorgen?

    Solange in Deutschland Ideologie vor Analyse kommt, wird sich da nichts ändern. Und der Traum von der parzellierten Gesellschaft, jedem Dörfchen sein Kraftwerk, seine Schweine, seinen Acker hat durch aus was für sich.

    Aber wie kriegt man die Großräume so klein?. Auf jeden Fall nicht mit dem Anspruch, es müsste alle bis... passieren. Und solange kleine Schritte unbeachtlich sind, denn sie sind ja nicht das Absolute, erst recht nicht. Da seien die Lobbyisten des Wahren und einzig richtigen Weges, vor.

    • otto_B
    • 21.03.2009 um 23:44 Uhr

    Ich hätt mal eine Theorie zu bieten.
    Der moderne Großstädter ist ja üblicherweise ein sich für säkular haltender Mensch. Also Schöpfer, Sünde, jüngstes Gericht, ewiges Leben, ...... das sind ja alles Dinge, die einer Märchenwelt vergangener Zeiten entstammen. Aber den Gedanken an die Endlichkeit der Welt erträgt die derart verfasste Gesellschaft nicht. Aber auch die Protestanten sind da nicht soweit weg, die wollen "die Schöpfung bewahren". Daher bei allen der inflationäre Gebrauch des Wortes „Nachhaltigkeit“. Der Begriff hat aber auch Grenzen. Die sollten jedem halbwegs naturwissenschaftlich denkenden Menschen klar sein. Wo die Ausbeutbarkeit einer Erdgaslagerstätte endet, ist eine Milchmädchenrechnung. Aber auch das Maisfeld zur Biogaserzeugung funktioniert nur solange, wie eine Bodenkrume da ist. Und meines Wissens nach ist die Erosionsanfälligkeit von Maiskulturen ein nicht geringes Problem. Und mit Stickstoff gedüngt wird auch, von dem ein Teil dann als Lachgas ausdünstet....... und daß wir es mit Verfügbarkeitsproblem zu tun haben, das hat sich während der letzten Zeit ja auch rumgesprochen.
    Es wird ja gerade so getan, als ob die Einführung fossiler Brennstoffe vor ~ 200 Jahren ein Akt purer Bosheit gegenüber der „Umwelt“ gewesen sei. Eine Konzentrierung des Ressourcenverbrauches am Ort der Siedlung ist gegeben, seit der Mensch sesshaft ist. Die Jäger und Sammler entnahmen den natürlichen Ökosystemen der Umgebung was sie brauchten – und schleppten es zu ihren Lagerplätzen. Dann wurden aus natürlichen Ökosystemen beeinflusste – genannt Äcker und Wirtschaftswälder. Der Mensch lebte immer noch komplett von der Photosynthese, aber Bodenfruchtbarkeit wurde schon umgelagert – und in der Summe verbraucht. Ja, selbstverständlich. Die Landwirtschaft vor Liebig ging mit Bodendegradierung einher. Denn geschlossene Stoffkreisläufe gibt es nicht. Dazu müsste man schon zum Beispiel den irdischen Wasserkreislauf abstellen. Es gibt natürliche Veränderungsdynamiken, und solche die der Mensch beschleunigt.
    Daß man mit dem biogaserzeugenden Maisfeld ins Nirwana des ewigen Kreislaufes eintritt, das ist eine Illusion.
    Zurück zur Stadt. Natürlich kann man sich um Sparsamkeit bemühen, Nutzungsketten statt Einfachnutzung. Aber, wie gesagt hat das Grenzen (eine Entropie = Null gibt’s nicht). Ressourcen irgendwelcher Art müssen zugeführt werden. Wärmepumpen laufen mit Strom, und Sonnenkollektoren liefern Wärme bei Sonnenschein. An einem neblig-kalten Novembertag (vielleicht noch windstill...) geht gar nichts. Aber selbst die „grünste“ Wärmepumpe will da mit irgendwas gefüttert werden – die Leute frieren sonst.
    Das mit dem Verzicht auf das Kohlekraftwerk als Innovationsmotor – das mag ja ein ehrenwerter Ansatz sein. Aber die Alternativen greifen dann ja doch in der einen oder anderen Form auf Gas zu. Egal wie effizient – ein Bedarf bleibt (und nicht selten höher als erwartet). Wenn die Politik meint, dieses Gas bereitstellen zu können (bezahlbar!) – ob nun von märkischen Äckern oder aus Schröder-Putins Leitung, dann könnte man es ja mal probieren. Davon mal abgesehen - bei der Erzeugung von Grundlaststrom rauchen die Schlote ja ihnehin. Und dann läuft ja zur Zeit noch ein Ausstieg.......der will ja auch ressourcenmäßig abgefangen werden.......

    • glatum
    • 22.03.2009 um 4:21 Uhr

    Vielleicht leistet die Stadt Berlin nicht so viel wie sie sollte. Aber es gibt hier und da doch wieder Lichtblicke, wo private Bürger in die energiesparende Sanierung von Altbauten investieren ein Beispiel hierfür ist:

    http://www.toplofts.de

    Auch wenn die Programme in Berlin im Allgemeinen nicht so schnell voranschreiten, wie man sich das vielleicht wünschen würde, ist doch, gerade im Prenzlauer Berg, das Bewusstsein für den Umweltschutz groß. Mit fortschreitender Entwicklung und weiteren privaten wie öffentlichen Anstrengungen, blicke ich für die Stadt hoffnungsvoll in die Zukunft.

  1. Siehe http://wurzel0.de

    Auf dieser Seite wird ein Eindruck davon vermittelt, was "integraler Städtebau" ist.

    Der umfaßt natürlich mehr als "nur" Unabhängigkeit in der Energieversorgung.

    Er will die "dezentrale Bürgergesellschaft", welche einem jeden seine Versorgung mit allen nötigen Existenzmitteln ermöglichicht.

    Das Konzept wäre jederzeit machbar, doch wollen Poltik und Wirtschaft den abhängigen Bürger.

    Den Steuerzahler, Malocher, Konsumenten, Wähler und -vor allem- den Schuldner!

    Auch in Straubing, wo dieser Vorschlag unterbreitet wurde, sehen sich die Stadtheiligen in ihrer Macht eingeschränkt und "wollen nicht".

    Die Stadt läuft derweil in das offene Messer, wenn BMW und Zulieferer erst einmal Massenentlassungen durchziehen.

    Dann sitzen meist ältere Arbeitslose in Wohnungen mit explodierenden Betriebskosten, deren Miete oder Raten sie nicht mehr zahlen können.

    Exemplarisch für viele Regionen und Orte.

    Gute Nacht Deutschland!

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