Leistungssteigernde Medikamente
Ist Hirndoping gut für uns?
Viele Menschen dopen sich am Arbeitsplatz mit Psychopillen. Sollte man sie gewähren lassen? Philip Campbell und Thomas Metzinger streiten über das Für und Wider

© Heiko Wolfraum/dpa
Fünf Prozent der Arbeitnehmer haben schon mal Pillen zur Leistungssteigerung im Beruf eingenommen, ergab eine Studie der Deutschen Angestellten-Krankenkasse
PRO
Stellen Sie sich bitte mal einen Krebsforscher, einen Rettungssanitäter oder einen Konzertpianisten vor. Angenommen, diese drei könnten ihre Konzentrationsfähigkeit mit einem günstigen Medikament verbessern, und zwar mit ähnlich geringen Nebenwirkungen, wie wir sie für Aspirin akzeptieren. Wäre das nicht ein Vorteil für jedermann?
Wir sind noch nicht so weit. Es gibt zwar Arzneien mit dem gewünschten Effekt, aber ihre Nebenwirkungen bei Gesunden sind ungewiss. Ich kenne kein Land, in dem es Zulassungsregeln für solche Anwendungen gibt. In manchen Ländern ist es sogar illegal, derartige Pillen ohne Rezept einzunehmen.
Aber ob wir es wollen oder nicht, die Menschen werden Fakten schaffen. In den USA besorgt sich bereits eine beachtliche Zahl Studenten diese Pillen. Und laut einer Studie der Krankenkasse DAK ist der Gebrauch auch in Deutschland weit verbreitet. Dass viele Menschen die Pillen schlucken wollen, heißt zwar nicht, dass sie verfügbar sein sollten, aber es gibt keine guten Argumente gegen die kontrollierte Abgabe.
Wir müssen die Risiken erforschen, und wir brauchen Regeln, um Fairness in Prüfungen zu gewährleisten und Kinder zu schützen. Aber diese Vorbehalte sollten dem langfristigen Ziel nicht im Weg stehen, auch Gesunden die Mittel zur Verbesserung ihrer kognitiven Fähigkeiten zugänglich zu machen. Nicht nur Krebsforschern, Sanitätern und Pianisten, sondern auch allen anderen.
Philip Campbell, 57, ist Chefredakteur der Zeitschrift »Nature«. Mit Hirnforschern hat er kürzlich ein Plädoyer für die kontrollierte Freigabe von Wachmachern publiziert.
CONTRA
Das Folgende nenne ich das »Prinzip der phänomenal-kognitiven Liberalität«: In einer freien, offenen Gesellschaft hat jeder Bürger selbstverständlich und ganz prinzipiell das Recht, mit seinem Gehirn und seinem bewussten Geist das zu tun, was er selbst für richtig hält. Mein Gehirn gehört mir! Wie ich mein bewusstes Erleben designe, ist ganz allein meine Sache! Dieses Prinzip ist schön, wichtig, und leicht dahergesagt. Aber es ist zu billig.
Das eigentliche Problem besteht nämlich darin, es auf vernünftige und ethisch überzeugende Weise einzuschränken. Denn oft berührt die geistige Selbstoptimierung die Interessen anderer Menschen. Gehört das Gehirn von Eltern nicht auch ihren Kindern, die für ihre eigene psychologische Entwicklung ein Anrecht auf eine »normale« Mami und einen »normalen« Papi haben, die nicht ständig fantastisch gelaunt und hellwach sind?
Gehört mein Gehirn nicht auch der Solidargemeinschaft in meiner Krankenkasse, die möglicherweise für die Spätfolgen meines ruchlosen beruflichen Ehrgeizes und meiner mitleidlosen Selbstausbeutung mit dem neuesten Hallo Wach der Pharmaindustrie finanziell aufkommen muss? Müssen wir jetzt wirklich Urintests vor Prüfungen an Universitäten einführen?
Eine Freigabe ohne Kenntnis von Langzeitrisiken beim nichttherapeutischen Gebrauch ist ethisch nicht zu verantworten – gerade in liberalen Gesellschaften, die sich immer auch selbst schützen müssen. Neue cognitive enhancers werden erfunden, neue Märkte entstehen, Langzeitstudien gibt es nicht. Diese Daten brauchten wir aber, um eine ethisch korrekte Weise des Umgangs zu definieren.
Thomas Metzinger, 51, ist Professor für Theoretische Philosophie an der Universität Mainz und forscht derzeit als Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin.
- Datum 8.4.2009 - 11:22 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.04.2009 Nr. 03
- Kommentare 45
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Leider sind beide Möglichkeiten - Pro und Contra - nur sehr kurz und nicht wirklich ausgearbeitet.
Dennoch stelle ich mich hinter das Contra, dies hat mehrere Gründe.
1. Leider gibt es keine überzeugenden Langzeitstudien, die beweisen, dass es keine Schäden gibt.
2. Mit chemischen Stoffen ein Gehirn zu manipulieren, das mit chemischen Stoffen funktioniert - und noch lange nicht vollständig erforscht ist, kann Konsequenzen mit sich ziehen, die keiner jetzt für möglich halten kann.
3. Die Möglichkeit der Manipulation. Viele Science-Fiction-Autoren beschwören das Bild der Kontrolle über die Menschen mit verschiedenen chemischen Substanzen, einfach ist es dort einzugreifen.
4. Ich bin davon überzeugt, dass der Körper schon weiß warum er müde ist oder gerade nicht aufnahmefähig. Dies zu manipulieren, kann dazu führen, dass Reserven angegriffen werden, die der Mensch normalerweise nicht benutzen würde.
Zum Pro. Gerne stelle ich mir einen Krebsforscher oder Pianisten vor, der dadurch versucht sein Potential zu erweitern, aber wir brauchen keine Supermenschen, die für eine kurze Zeit aufglühen und ohne Medikamente nicht mehr ihr Leben leben können.
Das Problem der psychischen Sucht entsteht - "ohne Präparate bin ich niemand mehr". Dieses Suggestion, die entsteht ist nicht zu verachten. Immerhin weist der Artikel darauf hin, dass es viele Menschen bereits jetzt für bessere Leitung oder Laune nahmen (DAK-Studie). Die Auto-Suggestion beginnt dort bereits. Dieses Verhalten erkennt man auch bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen "Wenn ich Alkohol trinke/Hasch rauche bekomme ich bessere Laune". Stimmungsveränderung. Chemisch gesehen ist es richtig, dieser Effekt entsteht - wenn man mal die negativen Folgen ausblendet - aber der weitere Schritt wäre dann "Nur mit Alkohol/Drogen/Stimmungserhellern/ Leistungssteigernden Präparaten bekomme ich gute Laune. Das wird passieren, wenn diese Präparate weiterhin nur positiv beworben werden.
Weiterhin ist es wichtig chemische Wirkstoffe weiter zu erforschen und die Auswirkungen zu untersuchen. Aber es gibt viele Nebenwirkungen, diese wird es immer geben. Auch eine Aspirin können manche Menschen nicht vertragen.
Ebenso stellt sich die nächste Frage, nützen diese Medikamente wirklich etwas, gibt es dadurch eine messbare oder auch nützliche Leistungssteigerung? Und was ist wenn man nur ein Placebo einsetzt?
Die Menschen, die Aufputschmittel nehmen sollten sich überlegen, was an ihrer Arbeitseinteilung nicht funktioniert und gegen Ängste sollte man lieber doch mit einem Psychologen sprechen. Das ist doch eigentlich immer noch die beste Methode, wenn man es nicht selbst schafft.
Letztendlich sind wir Menschen dazu fähig konzentriert zu arbeiten, gute Laune zu haben oder Ängste zu überwinden. Solche Präparate bekämpfen höchstens die Auswirkungen - nicht die Ursachen der Probleme, und das ist meines Erachtens nach der falsche Ansatz.
Ihrem Kommentar kann ich nur beipfLichten. Im psychiatrischem Sinne nenne ich Bewusstseinsverändernde Medikamente auch "chemische Zwangsjacken".
Hierzu zähLen aLLe Formen von NeuroLeptikas und Antidepressiva. Ich weiß, ich weiche etwas vom Thema ab, aber die von mir benannte Medikamentengruppe bewirken im Konsens das GLeiche, wie die WunderpiLLen für gute Leistung und gute Laune.
Gegen den Einsatz dieser Medikamente ist nichts einzuwenden, wenn diese in der akuten Krise eines Menschen verschrieben werden. Ein Verbrechen steLLt es dar, wenn diese aus rein profiLaktischen Gründen von Ärzten verschrieben werden.
In dieser Hinsicht sind mir sehr vieL FäLLe bekannt geworden, wo Patienten durch Längerfristige Einnahme dieser Medikamente, wie ferngesteuert und wie Zombis herumLaufen, weiL die Nebenwirkungen so gravierend sind, dass diese ParkinsonähnLiche Symtome (Bewegungsstörungen) hervorrufen können.
Sogar TodesfäLLe sind gemeLdet worden.
In Sachen von RitaLin, kann ich nur zur Vorsicht mahnen, es ist wie aLLe NeuroLeptikas ein MitteL, die das zentraLe Nervensystem sowie auch andere Organe, wie Herz und Leber stark in MitLeidenschaft ziehen.
Es soLLte nur in der akuten Krise verschrieben werden, nie aber in präventiver oder vorbeugender Absicht.
Wer aber ohne nachvoLLziehbaren Grunde, Leistungsstärkende Medikamente einnimmt, die nur sekundär den persönichen LeistungspegeL heraufsetzen, versündigt sich am eigenen Körper und am nächsten Tag ist der Katzenjammer sehr groß.
So ist es mit aLLen Drogen, heißen die nun ALkohoL, Kokain und aLLem was das persönLiche Bewusstsein verändern kann, wozu ich auch psychiatrische MitteL hinzuzähLe, sofern diese unkontroLLiert sowie auch Längerfristig eingenommen werden.
Für das große L in meinen Sätzen bitte ich um EntschuLdigung. Meine Tastatur, scheint den Geist aufzugeben. Werde meinem PC wohL eine neue spendieren müssen.
VieLen Dank, für Ihren Kommentar, besser hätte ich auch nicht argumentieren können.
Viele Grüße von Harry!
Wir sollten uns unbedingt vor dieser Krankheit namens Anglophilie schützen, sicherlich nicht ohne Grund, denn diese Herren von der Insel als auch ihre Partner auf dem amerikanischen Kontinent haben uns schon so oft verführt mit billigen Versprechungen, die wir ihnen bereitwillig ohne Reflektion glaubten und nun dafür bezahlen. Es ist schon fast symptomatisch, daß ein Herr Campbell für ein naives überstürtztes Handeln plädiert und ein Herr Metzinger dagegen. Schlimm an der ganzen Diskussion ist nicht, daß es verschiedene Positionen gibt, sondern, daß dieses Thema überhaupt erst diskursfähig gemacht wurde, von wem wohl...!
Leider wird auch hier wieder der Diskurs als "Fuß in der Tür" fungieren und NICHT als Mittel der Aufklärung oder zur Information der Bevölkerung. Unter diesem Gesichtspunkt ist es recht auffällig, daß "Zeit online" diese Debatte offensichtlich mit mehreren in diese Richtung gearteten Artikeln forciert.
"Ihre Meinung", "Hirndoping", "Ich bin ein Zombie".
Sich nicht mit den Argumenten von jemandem auseinander zu setzen, weil er die "falsche" Staatsbuergerschaft hat ist billig.
Zur weiteren Diskussion: Nein, Phillip Campbell gehørt nicht zu einer Phrmafirma, der Mann ist Astrophysiker und seit 30 Jahren bei Nature.
Dass er hier nun Substanzen diskutiert, die es noch gar nicht gibt, finde ich absolut in Ordnung. Daraus ergenen sich zwei Møglichkeiten:
1. So etwas wird nie entwickelt, dann war die Diskussion eben akademisch, oder
2. So etwas wird entwickelt, dann fængt die Diskussion zumindest nicht bei Null an.
Man sollte sich auch nichts vormachen: Solche Substanzen werden genommen werden. In meiner Schulzeit herrschte z.B. der Glauben vor, man kønnte seine Konzentrationsfæhigkeit mit Traubenzucker erhøhen, natuerlich wurde das dann genommen. Heute ist es der Kaffe, der diesen Zweck fuer breite Bevølkerungsgruppen erfuellt, morgen vielleicht ein anderes Mittel.
Rechtzeitig entwickelte faire Regeln kønnen da eher helfen als Verteufelungen.
hier bereits erschöpfend dargelegt habe, ist eine ausserirdische Superasse nicht nur an den 9/11 anschlägen schuld - sondern auch an der Finanzkrise und damit an der Abwrackprämie.
Nun versucht Sie ausserdem noch die Menschheit durch gefährliche superdrogen zu dezimieren.
Die verantwortlichen behörden tun leider überhauptnichts, obwohl sich die beweise leicht googlen lassen.
Wir sollten in dem Zusammenhang vielleicht nochmal darüber reden, was es eigentlich mit Kaffee, Tee, Zigaretten und Alkohol auf sich hat. Mein letzter Stand war, dass darin chemische Substanzen enthalten sind, die unser chemisches Gehirn beeinflussen. Viele können ohne manche dieser Drogen gar nicht mehr arbeiten. Einige davon haben nachgewiesenermaßen negative Auswirkungen auf die Gesundheit. Aber alle sind erlaubt, voll akzeptiert und für Erwachsene frei erhältlich. Wenn jemand morgens nicht so recht wach werden will, heisst es "komm, nun trink einen Kaffee". Der Gruppendruck ist enorm. So, und jetzt kommen Sie.
Nur weil die kleine brain_pille nicht die gesellschaftliche akzeptanz genießt wie das glas rotwein oder der guten_morgen_kaffee, heißt das nicht, dass umgehend alles auf den index gesezt werden sollte, was irgendwelche nebenwirkungen hat.
diese einzuschätzen und abzuwiegen ist letztlich aufgabe des nutzers.
Vieleicht sollte man aus gründen der bevorzugung alle privaten gymnasien und hochschulen schließen und aus gründen des gesundheitsschutzes kein auto mehr fahren ... dumme ideen gibt es viele, es kommt immer nur darauf an, wie groß die konten der betreffenden lobby wirklich sind ....
Wer sich vor der Klausur was einbaut - im wissen, dass der nutzen daraus möglicher weise um ein vielfaches durch folgeschäden aufgehoben werden kann - der handelt auch nicht anderst, als wenn er sich ein auto kauft. Unser Handeln trägt nunmal früchte. Auch wenn ich selbst abgesehen von tee kein doping betreibe kann ich gut verstehen, wenn man der konzentration etwas auf die sprünge helfen will ....
_________________
Aus so krummem Holz wie der Mensch geschnitzt, lässt sich nichts gerades zimmern. - i.kant-
das Fell des Bären, obwohl dieser noch gar nicht erlegt ist:
Alle bekannten "Wachmacher" und "Aufputscher" (außer Alkohol, Nikotin und Coffein) sind hierzulande entweder verschreibungspflichtig oder illegal. Wie dargelegt, mit gutem Grund, da die Nebenwirkungen nicht zu vernachlässigen sind. Eine "Wunderdroge" (ohne solche Nebenwirkungen) im Sinne des PRO-Aufsatzes existiert nicht, und es bleibt fraglich, ob man sie jemals wird herstellen können (auch das Soma der "Schönen, neuen Welt" blieb schließlich Fiktion; und die Pharmaindustrie hat einiges Geld verbrannt, um "Viagra für Frauen" herzustellen - auch hier war der Wunsch der Vater des Gedankens, die Realisierung ist man allerdings schuldig geblieben).
Last not least: Auch Aspirin bekäme heute aufgrund seiner Nebenwirkungen keine Zulassung mehr.
Insofern ist die ganze Debatte arg akademisch...
Nur weil die kleine brain_pille nicht die gesellschaftliche akzeptanz genießt wie das glas rotwein oder der guten_morgen_kaffee, heißt das nicht, dass umgehend alles auf den index gesezt werden sollte, was irgendwelche nebenwirkungen hat.
diese einzuschätzen und abzuwiegen ist letztlich aufgabe des nutzers.
Vieleicht sollte man aus gründen der bevorzugung alle privaten gymnasien und hochschulen schließen und aus gründen des gesundheitsschutzes kein auto mehr fahren ... dumme ideen gibt es viele, es kommt immer nur darauf an, wie groß die konten der betreffenden lobby wirklich sind ....
Wer sich vor der Klausur was einbaut - im wissen, dass der nutzen daraus möglicher weise um ein vielfaches durch folgeschäden aufgehoben werden kann - der handelt auch nicht anderst, als wenn er sich ein auto kauft. Unser Handeln trägt nunmal früchte. Auch wenn ich selbst abgesehen von tee kein doping betreibe kann ich gut verstehen, wenn man der konzentration etwas auf die sprünge helfen will ....
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Aus so krummem Holz wie der Mensch geschnitzt, lässt sich nichts gerades zimmern. - i.kant-
Kein guter Text, gerade von zwei Experten hätte ich mir eine ausführlichere Darstellung gewünscht.. War nicht Herr Campbell im Aufsichtsrat einer dieser Pharmafirmen? Ich bin mir da nicht mehr ganz sicher..
Mit Verlaub, es gibt genügend Studien, über die chronische Einnahme von "kognitiven Enhancern" bei Tieren. Und die Ergebnisse überraschen nicht: Neurodegeneration ist die Folge. Neuronen, die keine Möglichkeit haben sich zu erholen, degenerieren. Desweiteren ist zu bedenken, dass Hirne, die permant am Limit arbeiten, an anderen Stellen zu Umprogrammierungen führen: Bei Versuchstieren zu erhöhter Aggressivität, zu massivem Gedächntnisverlust, zu Schlafstörungen, das ganze kann bis zum Tod führen.
Und es gibt, eine "unfreiwillige Langzeitstudie" bei Menschen bezüglich der Einnahme von Psychopharmaka: Die Prävalenz von Neurodegeneration (ergo: Alzheimer) ist in Holland sehr stark angestiegen. Man führt es auf die liberale Haltung bezüglich Rauschgiftkonsum zurück... Hirne, sind, wie andere Organe auch, nicht für einseitige Leistungserbringung konzipiert ........
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