Gesundheit Das Fremde in uns

Viele Menschen tragen Zellen in ihrem Körper, die nicht ihre eigenen sind. Die Fremdlinge können tödliche Krankheiten auslösen – oder Leben retten.

Die Eindringlinge kamen, bevor das neue Leben richtig beginnen konnte. Wenige Wochen blieben dem Baby, bis es an einer Krankheit starb, die sonst Jahre oder gar Jahrzehnte braucht, um zu töten. Doch die dunklen Zellen waren da, und so erlag das Neugeborene einem Hautkrebs. Die Ärzte hatten so etwas noch nicht gesehen.

Als ein britischer Mediziner den Fall vor 60 Jahren in einem Fachblatt beschrieb, schenkte dem kaum jemand Beachtung. Zwar vermuteten US-Forscher bald, dass der Krebs von der Mutter in das Ungeborene eingedrungen war. Bloß fehlte jede Erklärung, wie das passiert sein konnte. Die Plazenta, der Mutterkuchen, galt als unüberwindbare Schranke. Auch für Zellen.

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Ein Irrtum, wie Forscher heute wissen. Viel häufiger als Krebszellen pflegen nämlich völlig gesunde Zellen einen lebhaften Grenzverkehr zwischen Schwangeren und Embryonen. Und die Plazenta ist keine Einbahnstraße: Neue Studien zeigen, dass Mütter auch Zellen des Kindes aufnehmen. Diese Eindringlinge nisten oft Jahrzehnte in Organen wie Herz, Knochenmark, Haut oder Bauchspeicheldrüse – Mikrochimärismus nennt sich das. Selbst in hohem Alter können diese Zellen noch ins körperliche Geschehen eingreifen.

»Die Folgen sind so umfassend wie die Biologie selbst«, sagt Lee Nelson vom Hutchinson Cancer Research Center in Seattle. Die Expertin für Autoimmunkrankheiten glaubt, dass die Erkenntnisse ein ganz neues Kapitel in der Medizin schreiben werden. Denn dass etwas Fremdes im Körper überdauern kann, widerspricht einem Prinzip unseres Abwehrsystems, das man lange Zeit für fundamental hielt: Fremdes Gewebe wird angegriffen, das eigene respektiert.

In der Transplantationsmedizin kennt man solche Übergriffe. Die Immunabwehr des Patienten identifiziert das neue Organ als Eindringling – und greift an. Oder das Transplantat selbst begehrt gegen den Empfänger auf: Immunzellen, die an Bord des Spendergewebes einreisen, dringen in die umliegenden Organe ein und attackieren Magen, Darm, Haut oder das Bindegewebe. Die Symptome ähneln dann der Sklerodermie, einer Autoimmunkrankheit, bei der das Abwehrsystem den eigenen Körper angreift.

Lee Nelson erkannte die Parallele. Mit Diana Bianchi von der Tufts University in Massachusetts durchforstete sie daher das Blut sklerodermiekranker Frauen nach fremden Zellen. Bianchi hatte zuvor gezeigt, dass in Müttern noch Jahrzehnte nach der Geburt eines Sohnes männliche DNA im Blut zirkuliert. Mit Bianchis Verfahren gelang nun der Beleg, dass Mikrochimärismus in Sklerodermiekranken weit häufiger auftritt als in gesunden Müttern.

Studien an anderen Autoimmunerkrankungen zeigten zudem, dass das Risiko, an Multipler Sklerose zu erkranken, steigt, wenn Frauen kindliche Zellen im Blut haben. Auch beim Schilddrüsenleiden Hashimoto fand man Belege dafür, dass die fremden Zellen am Ausbruch der Krankheit beteiligt sind.

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