Zukunftsvision Die mobile StadtSeite 4/4

Dafür muss der öffentliche Nahverkehr aber noch wesentlicher besser werden. »Die Wege, die Menschen zurücklegen, werden künftig immer weniger routiniert sein«, sagt Irene Feige. »Das stellt hohe Anforderungen an Busse und Bahnen.« Wer heutzutage täglich mit der S-Bahn ins Büro fährt, weiß genau, wann und wie die Züge fahren. Wer in der Dienstleistungsgesellschaft von morgen nur gelegentlich irgendwohin muss, ist schnell von Tarifen, Fahrplänen und Umsteigemöglichkeiten verwirrt. Klare Preise und eine einfache Verbindungssuche, am besten auf dem Handy, könnten helfen.

Oder nicht auf Verkehrsmittel angewiesen zu sein: Wien, 21. Bezirk. Kinder spielen draußen, die Luft ist klar, Balkontüren stehen offen. Eine Atmosphäre wie auf dem Land. Wer hier wohnen will – und das sind viele –, muss auf ein Auto verzichten. Allenfalls Notarzt, Müll- und Möbelwagen dürfen in das Quartier fahren. Es gibt nur 15 Parkplätze für Carsharing-Autos, und nicht einmal die werden gebraucht. Zwei Schulen, eine Apotheke, das Hallenbad und viele Geschäfte sind zu Fuß erreichbar.

Die Idee, autofrei zu wohnen, ist nicht neu. Bereits vor 20 Jahren überredeten Soziologen der Universität Bremen mehrere Familien, vier Wochen lang auf ihr Auto zu verzichten. Danach schafften die meisten Probanden ihren Wagen freiwillig ab – sie hatten gelernt, ohne auszukommen.

»In Berlin sind bislang leider alle autofreien Versuche fehlgeschlagen«, klagt Martin Schlegel. Ein Viertel in Berlin-Mitte, in dem 760 autofreie Wohnungen entstehen sollten, musste dem Neubau der Zentrale des Bundesnachrichtendienstes weichen. Und ein autofreies Quartier auf der Lohmühleninsel, wo heute noch ein Betonwerk und viele Parkplätze zu finden sind, wird wohl an einem Bürgerbegehren gegen den Ausbau des Spreeufers scheitern. Die Hoffnung ruht nun auf Tempelhof: Am Rande des stillgelegten Flughafens könnte das erste autofreie Stadtviertel entstehen.

Andreas Knie sieht solche Initiativen eher skeptisch. »Das funktioniert allenfalls in kleinen Ecken«, sagt der Berliner Forscher. »Der Mensch muss sich bewegen.« Wer Kontakte pflegen, Verwandte versorgen oder sich ehrenamtlich engagieren, wer also am gesellschaftlichen Leben teilhaben will, komme um Mobilität nicht herum.

Also, was nun? Neue Autos oder bessere Bahnen? Mehr Leihfahrräder oder intelligente Leitsysteme? »Alles zusammen«, sagt Knie, ohne zu zögern. »Dem gebündelten Verkehr, der all diese Ansätze integriert, wird in Zukunft große Bedeutung zukommen.« Wer mobil sein will, fährt mit dem Rad zur Straßenbahn, steigt ein paar Stationen später, ohne zu warten, in die S-Bahn um. Schließlich fährt er mit dem bereitstehenden Elektroauto direkt zum Ziel. Alles mit einem Ticket oder einer Mobilkarte, gemeinsam organisiert von der Bahn, den Stromkonzernen und den Autoherstellern, gefördert von den Kommunen.

Es ist dunkel geworden, Scheinwerfer tanzen auf dem nassen Asphalt der Invalidenstraße. Viele Scheinwerfer, noch immer. Martin Schlegel sitzt in dem Café direkt an der Kreuzung. Trotz dicker Scheiben dringt der Straßenlärm herein, jenes unvermeidliche Grundrauschen, das für viele zum Charme, zur Lebendigkeit einer Metropole gehört.

Und das soll in Zukunft, im Zeitalter von Fahrrädern, Trams und Elektroautos, komplett entfallen? Martin Schlegel schmunzelt: »Es wird zwar komisch sein. Aber warum nicht? Lebhaft kann eine Stadt doch auch ohne Lärm sein.«

 
Leser-Kommentare
  1. "Sicherlich ist das alles eine Frage des Geldes: Das chronisch klamme Berlin kann derzeit nur etwa fünf Millionen Euro jährlich für den Radverkehr ausgeben"

    5 Miollionen Euro? Das ist sind ja fast 1,50 Euro pro Berliner pro Jahr - Bravo! Alles eine Frage der Prioritäten würde ich da dagegensetzen. Wie man einer Zusammenfassung zum Berliner Haushalt entnehmen kann, gibt die Stadt 5% von ca. 20Mrd. Euro jährlich für den Verkehr insgesamt aus. Das sind gerade ziemlich genau 1 Mrd. Euro. Für Radfahrer können also aus dem gesamten Verkehrsetat gerade 0,5% aufgewandt werden? Über den Stellenwert, den hier offensichtlich Verkehrsentlastung und ökologische und gesundheitsfördernde Fortbewegung einnimmt, braucht man sich dann ja nicht weiter zu unterhalten.

    Einfach weitermachen wie bisher.

  2. Wenn wenigstens schon mal Taxis, Kuriere, Busse, Rtws + Co ihre GPS-Daten - Wie schnell fährt er denn? - bündeln würden, damit man ordentliche Ansagen im Radio machen kann bei Unfällen o.ä.

    Die Leute arbeiten einfach zu wenig zusammen.

    • th
    • 26.05.2009 um 17:41 Uhr

    hat man in Berlin die Friedrichstrasse noch möglichst eng wiederaufgebaut, und die Leipziger Strasse unsinnigerweise verengt (Strieder, Stimmann), damit Berlin-Mitte nur ja wieder auf das Mass einer mittleren westdeutschen Kleinstadt zurechtgestutzt würde.

    Grosse Alleen - möglichst mit extra-Fahrspuren für den öffentlichen Nahverkehr -, wie in Paris oder auch Moskau (doch ja), oder wie die Berliner Karl-Marx-Allee sind eben etwas wert, auch wenn das manche Provinzler nicht wahrhaben wollten.

    "Mensch eenmal uff'n Boulevard
    Mensch eenmal in Paris ..."
    (Tucholsky, "Immer raus mit der Mutter ...")

    Ansonsten: man wäre ja schon froh, wenn an den Haltestellen die Übergänge von einem Verkehrsmittel zum andern möglichst bequem und übersichtlich gestaltet wären: also keine langen Wege von einem Bus zum anderen, kurze Wege zur U-Bahn, Behinderten-, Kinderwagen- und Fahrrad-gerecht, kein Labyrinth wie einst (wie sieht's da heute aus?) am Rathaus Steglitz.

    Und: genügend enge Taktfrequenzen: mehr als 10 min. wartet der Mensch nicht gerne!

    Das wären schon mal ein paar schrittweise vorzunehmende Verbesserungen.
    Das Nahverkehrssystem in Berlin ist ja gar nicht schlecht.

  3. Die ultimative Lösung für innerstädtische Verkehrsprobleme besteht doch zunächst in der Aufhebung jeglicher Park-und Halteverbote, damit erledigt bzw. blockiert sich das Thema Auto-Individualverkehr von selbst, und zum Freihalten von Feuerwehrzufahrten usw. könnte man sehr grosse, mobile Schredderfahrzeuge konstruieren, die den ganzen geparkten Geländewagen- und Staatskarossen-Stolz der Automobilisten vor Ort sofort in Rohstoff für die Stahlindustrie rückwandeln. Politessen eingespart, die Autoindustrie brummt wieder, Problem gelöst, oder ?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Mein Bruder lebt in Wuppertal,wo Spass wieder anders aussieht ,als in Hamburg
    etc. Er hat mir geraten,wenn ich einen Spaß mache ein smile oder ähnliches
    anzufügen.Hilft trotzdem nur wenig.

    Mein Bruder lebt in Wuppertal,wo Spass wieder anders aussieht ,als in Hamburg
    etc. Er hat mir geraten,wenn ich einen Spaß mache ein smile oder ähnliches
    anzufügen.Hilft trotzdem nur wenig.

    • KMurx
    • 26.05.2009 um 20:17 Uhr

    Ich als Stuttgarter war vom Berliner oeffentlichen Nahverkehr restlos begeistert - und jetzt in LA sehne ich mich nach Stuttgart zurueck!
    Die Expressbusse sind eine feine Sache, und die Ringbahn sowieso.

    In dem Sinne: Man kann in Berlin sicher noch viel verbessern, aber manch andere deutsche Stadt sollte sich erstmal auf Berlin's Niveau hocharbeiten.

  4. Es gibt viele gute Beispiele für gelungene Verkehrsplanung.
    Z.B Stuttgart,mit Hauptbahnhof neben Busbahnhof und den
    U-Straßenbahnen,und damals vielleicht auch noch heute
    mit zwei verschiedenen Spurweiten nebeneinander,das war
    gut geplant.
    Fahrgefühl,z.B. in den tiefen U-Bahnen Wiens und Londons,
    Roms oder Athens gibt es leider keines.Laut und ohne
    Ausblick auf die Stadt ist es wirklich ungemütlich.
    Allerdings gibt es in Wien auch Hochtrassen mit wunderbarem
    Ausblick.Und viele Straßenbahnen.Wien hatte den Vorteil
    so großzügig wie London oder Paris angelegt zu sein aber nur
    einen Bruchteil der Bevölkerung zu haben.
    Das Beispiel Graz in Österreich in der Steiermark zeigt
    wie man mit einem sehr gelungenen sehr kostengünstigen
    System den Smog aus der Stadt verbannen kann.
    Das Zentrum ohne Tunnel querende Tramways mit langen Strecken und
    daneben ein Radeldorado gibt der Stadt ein schönes Ambiente.
    Nur die Frage von Einkaufseldorados in der Stadt, die wird an den Stadtrand
    gelegt.Frische fröhliche Radler,die auch munter im Dienst ankommen
    prägen das Stadtbild.
    Gibt es eigentlich Untersuchungen um wie viel ein aufgeweckter
    Mitarbeiter,dem Betrieb mehr bringen kann, als ein müder im Stau
    abgekämpfter ? Gibt es Untersuchungen,um wie viel harmonischer
    und kreativer Arbeitnehmer und Chefs sind,die Bäume und Parks
    an Stelle von riesigen Parkplätzen um sich herum haben?
    Gibt es Untersuchungen,wie viel die Gesundheitskosten,bei Radfahrern
    niedriger sind,und um wie viel besser das Lebensgefühl eines Radlers
    ist ?
    Wenn im eigenen Land wieder mehr produziert werden würde,so würden weniger
    Transporte nötig sein,die LKWs könnten auf der Schiene transportiert werden
    und die Autos müßten nicht aus Sicherheitsgründen so groß sein.
    Der Staat hätte mehr Geld,da die Autobahnen weniger beschädigt werden würden.
    Bei mehr oder auch bei kombiniertem Radverkehr auf sicheren Radwegen würden die Gesundheitskosten erfreulich geringer sein.
    Was ich hier erzähle das tue ich auch: Ich mache meine kurzen beruflichen Wege
    mit dem Elektrofahrrad und fühle mich viel wohler.
    Wenn die Entscheidungsträger vielleicht folgendem Gedanken folgen könnten:
    Ein dicker Bauch bewegt nicht gern, wenn er schlanker ist,so fühlt man sich
    auf einmal wohler. Mit dem Besitz verhält es sich oft genau so oder ähnlich.
    Der reichste ist oft nicht der glücklichste.Teilen macht glücklich.
    Ich sage das deshalb,weil eine regionale Unterstützung der Klein und
    Mittelindustrie viele reicher,aber wenige ärmer machen würde.
    Hier noch einige links: http://www.veltop.eu/inde...
    http://www.think.no/,aber auch El-al oder das Buddy etc sind alles
    schon ganz gute Produkte.

  5. das Problem ist doch, das Autofahren keine intelektuelle Sache ist, sondern eine rein emotionale, dem menschlichen Schutzbedürfnis dienende, und es regt einfach auf, wenn Studien und Artikel über Verkehrsplanung ausgeführt werden, mit einem pseudowissenschaftlichen Anspruch, die einfach die Tatsache ignorieren, das es etwas anderes ist, mit einem Turm-Panzer-Geländewagen sich in die Städte zu trauen, als mit einem vernünftigen kleinen Wagen, der anstatt 50 quadratmeter Fläche nur einen Bruchteil davon benötigt, oder sich gleich ganz zu Fuss mit Öffentlichen zu trauen, die Fläche ist einfach zu knapp für Verkehrs-Egoisten, und "intelligente" Verkehrsleitsysteme werden daran mittelfristig auch nichts ändern.

  6. Schon Huxley hat begriffen, dass erwünschtes Verhalten belohnt werden muss, statt unerwünschtes zu bestrafen. Wie wäre es mit Abfrackprämien für Fahrräder, kostenlose Fahrausweise für Arbeitslose, Beschäftigte, die ohnehin in die Innenstadt müssen, anständige Parkmöglichkeiten vor der Innenstadt, Park&Ride. Je mehr Leute ein Auto haben, desto geringer wird die Praktibilität der Mobilität. Die Autofahrer behindern sich nicht nur gegenseitig, sondern auch jene, die auf das Auto verzichten wollen oder müssen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service