Papa mit 60Die Risiko-Väter

Dass eine späte Mutterschaft die Gesundheit des Kindes gefährden kann, ist bekannt. Spätes Vaterglück hingegen gilt allenfalls als kauzig – eine ungerechte Sichtweise, wie neue Studien zeigen. von Josephina Maier

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Die Deutschen müssen sich daran gewöhnen, dass die Väter immer älter werden  |  © sylvi.bechle/Photocase

Die Zeitungsmeldung hat Kathrin Haße ausgedruckt und mit nach Hause gebracht. Sind Kinder älterer Väter dümmer?, stand über dem Artikel in einer Berliner Tageszeitung. Kathrin Haße, 40 Jahre alt, ist Mutter von zwei kleinen Söhnen. Tim hat gerade seinen dritten Geburtstag gefeiert, Jan ist ein Jahr alt. Günter Haße, der Vater, passt zu Hause auf die Kinder auf. Er ist 63 und seit einer Weile in Altersteilzeit.

Der Mann, der in der Doppelhaushälfte in einem Berliner Vorort die Tür öffnet, hat dunkelgraue Haare, trägt Jeans und Birkenstock-Sandalen, auf dem Arm ein Kind. Günter Haße wurde schon für den Opa gehalten. Nun beugt er vor, wenn er mit seinen Söhnen unterwegs ist. Gib das mal dem Papa, sagt er dann im Supermarkt, oder: Jetzt kaufen wir ein, Sohnemann.

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Die Deutschen werden sich an Väter wie ihn gewöhnen müssen. Hatte 1990 noch nicht einmal jedes vierte Kind einen Papa über 35, war es 2000 schon jedes dritte. Im Jahr 2007 waren es fast 40 Prozent.

Tim und Jan wurden durch künstliche Befruchtung gezeugt. Zuvor hatten Kathrin Haße und ihr Mann mehrere Beratungsgespräche – beim Urologen, beim Frauenarzt, in der Reproduktionsklinik. Viel wurde darüber gesprochen, was es für einen Mann mit 60 bedeutet, kleine Kinder zu erziehen. Auch darüber, dass bei Frauen ab 35 die Wahrscheinlichkeit für ein Kind mit Downsyndrom stark ansteigt. Dass das Risiko für Autismus und Schizophrenie bei Kindern von Vätern über 50 fast genauso hoch liegt, hat ihnen aber niemand gesagt.

© ZEIT Wissen

Tim und Jan sind heute gesunde Kinder. Was das Ehepaar von der Beratung erzählt, spiegelt jedoch eine verbreitete Haltung wider: Späte Mutterschaft gilt als riskant, späte Vaterschaft allenfalls als kauzig. Schuld daran ist die Ansicht, dass Eizellen altern, Spermien aber nicht. Anders als die Keimzellen des Mannes werden Eizellen nicht ständig neu produziert, sondern reifen aus einem Vorrat heran, der bereits bei der Geburt in den Eierstöcken angelegt ist. Unaufhaltsame Alterung bei der Frau also, ewige Verjüngung beim Mann?

Neue Studien zeichnen ein anderes Bild. In der jüngsten, von der Kathrin Haße in der Zeitung las, wiesen amerikanische Forscher einen Zusammenhang zwischen der Intelligenz von Kindern und dem Alter des Vaters nach. Der Effekt ist nicht groß, aber unbestreitbar: Der Nachwuchs eines 50-jährigen Mannes schafft im Intelligenztest durchschnittlich sechs IQ-Punkte weniger als der eines 20-Jährigen. Schwedische Forscher zeigten im September, dass Kinder von Männern über 55 ein deutlich erhöhtes Risiko haben, später an manisch-depressiven Störungen zu erkranken. Israelische Wissenschaftler haben fest-gestellt, dass das väterliche Alter ein wichtiger Risikofaktor für Autismus und damit verbundene Erkrankungen ist. Und eine weitere Studie ergab, dass Schizophrene im Mittel ältere Väter haben als ihre gesunden Altersgenossen.

Der Arzt Wilhelm Weinberg wies schon 1912 nach, dass die Skelettbildungsstörung Achondroplasie häufiger die zuletzt geborenen Kinder einer Familie betrifft als die Erstgeborenen. Seine Vermutung, dass das väterliche Alter damit zusammenhängt, wurde inzwischen bestätigt. Offenbar kann der Vater-Faktor sogar über mehrere Generationen wirken: Ob ein Sohn die Blutgerinnungsstörung Hämophilie A von seiner Mutter erbt, hängt vom Alter ihres Vaters ab.

Leserkommentare
    • A.DOM
    • 30. Juni 2009 17:07 Uhr

    immer wieder begeistert wenn Studien Ergebnisse zu Tage bringen die jeder der von einem jungen Vater gezeugt wurde mit etwas Überlegung und Aufmerksamkeit im Biologieunterricht an zwei Fingern ausrechnen kann:-)

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    Die Tatsache, daß sich manche Männer auch mit sechzig Jahren noch entscheiden, mit wesentlich jüngeren Partnerinnen Kinder zu bekommen, zeigt, daß die Erkenntnisse des Biologieunterrichts eben nicht ausreichen, wie Sie schreiben. Insofern leistet dieser Artikel über ältere und alte Väter einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung aller Parteien und hilft zudem dabei, ältere Mütter, über die ja bekanntlich viel im Kontext der Risikoschwangerschaft geredet wird, zu entlasten.

    Problematischer als ein erhöhtes Autismus- und Schizophrenie-Risiko, das man letztlich ohnehin nicht ganz ausschließen kann, finde ich das, was in einigen (nicht allen!) Fällen dahinter steht: die Tatsache, daß viele Menschen einfach nicht altern wollen, sondern sich in Lebensmodelle flüchten, die auf diese Altersgruppe nicht zugeschnitten sind. Freilich gilt dieser (etwas gemeine) Seitenhieb nicht für die älteren, sondern für die alten Väter: Vielleicht macht es hinsichtlich der biologischen Risiken keinen großen Unterschied, ob man(n) es mit fünfundvierzig oder mit sechzig Jahren wagt, Vater zu werden; in sozialer Hinsicht gibt es aber schon einen großen Unterschied, ob man seine Kinder noch aufziehen kann oder nicht.

  1. Die Tatsache, daß sich manche Männer auch mit sechzig Jahren noch entscheiden, mit wesentlich jüngeren Partnerinnen Kinder zu bekommen, zeigt, daß die Erkenntnisse des Biologieunterrichts eben nicht ausreichen, wie Sie schreiben. Insofern leistet dieser Artikel über ältere und alte Väter einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung aller Parteien und hilft zudem dabei, ältere Mütter, über die ja bekanntlich viel im Kontext der Risikoschwangerschaft geredet wird, zu entlasten.

    Problematischer als ein erhöhtes Autismus- und Schizophrenie-Risiko, das man letztlich ohnehin nicht ganz ausschließen kann, finde ich das, was in einigen (nicht allen!) Fällen dahinter steht: die Tatsache, daß viele Menschen einfach nicht altern wollen, sondern sich in Lebensmodelle flüchten, die auf diese Altersgruppe nicht zugeschnitten sind. Freilich gilt dieser (etwas gemeine) Seitenhieb nicht für die älteren, sondern für die alten Väter: Vielleicht macht es hinsichtlich der biologischen Risiken keinen großen Unterschied, ob man(n) es mit fünfundvierzig oder mit sechzig Jahren wagt, Vater zu werden; in sozialer Hinsicht gibt es aber schon einen großen Unterschied, ob man seine Kinder noch aufziehen kann oder nicht.

    Antwort auf "Ich bin"
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    • A.DOM
    • 30. Juni 2009 21:55 Uhr

    war nicht verallgemeinernd gemeint. Sie haben völlig recht, auch mit Ihren Ergänzungen!
    lg

    • kascho
    • 30. Juni 2009 18:30 Uhr

    Vielen Dank für diesen längst überfälligen Artikel! Wenn auch die Überschrift "Vater mit 40" heißen müsste. Es gibt mittlerweile diverse Studien, die belegen, dass auch der ganz große Teil der Männer nicht- wie gern kolportiert - bis 80 fruchtbar ist. Zum Beispiel "produzieren" Frauen im Alter von 40 40% Fehlgeburten, Männer (mit jüngeren Partnerinnen) 30%.

    Die meisten Männer meinen sich mit dem Kinderkriegen Zeit lassen zu können. Dieser Irrglaube wird durch die Medien und ihr Umfeld hervorgerufen bzw. gestützt. Fruchtbarkeitsprobleme gelten allgemein als Frauenprobleme. Das sieht man auch deutlich an Gesprächen zwischen Menschen mit Kinderwunsch und deren Freunden. Diese fangen sofort an, der Frau gute Ratschläge zu geben oder Dinge wie 'Du bist ja auch nicht mehr die Jüngste' zu sagen, was viele Frauen innerhalb kürzester Zeit in Rage bringt. Um sich zu wehren, müssten sie aber ihren Mann preisgeben.

    In 50% der Fälle ungewollter Schwangerschaft liegt dies am Mann. Das bedeutet, das Unfruchtbarkeitsrisiko der Männer ist genauso groß wie das der Frauen.

    Viele der Männer mit Fruchtbarkeitsproblemen fühlen sich betrogen. Hätten sie um ihr Risiko gewusst, hätten sie schon früher versucht, Kinder zu bekommen.

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    • BERGEN
    • 01. Juli 2009 20:23 Uhr

    Ich gestehe es offen: die Aussage und Logik dieses Kommentars ist mir zum über-
    wiegenden Teil verborgen geblieben...die Fragen beginnen für mich mit der Fest-
    stellung, daß Männer meinen, sich mit dem Kinderkriegen Zeit lassen zu können und der Bezugnahme auf Gespräche von Menschen mit Kinderwunsch und deren Freunden...
    Hmmmm....Anfrage an Radio Eriwan: trifft es zu, daß auch Männer Kinder bekommen können? Antwort: nein, es wird jedoch immer wieder versucht...nun ja,....anyhow...
    Fruchtbarkeitsprobleme und gute Ratschäge an "die Frau".
    Aber was hat das mit ungewollter Schwangerschaft zu tun?
    Und wenn 50 % der Fälle dieser ungewollten Schwangerschaften beim Mann liegen -
    wie stellt man das eigentlich fest ? - wäre eigentlich ja alles schön gleichverteilt....
    aber die Schlußfolgerung "das bedeutet, das Unfruchtbarkeitsrisiko der Männer ist genauso groß wie das der Frauen..." Hä?

  2. Es war ein biologisches Dogma seit 1921: Bei männlichen Säugetieren - und dazu zählen eben auch die Männer - bilden sich fast ein Leben lang neue Spermien und bei den weiblichen sei die Zahl der Follikel, der unreifen Eizellen, bei der Geburt festgelegt.
    Das ist ein Vorurteil, das vom Massachusetts General Hospital bereits 2004 widerlegt wurde. Auch bei Frauen werden durch somatische Stammzellen in Ovarien immer wieder neue Follikel gebildet - und zwar etwa 20 Jahre lang.
    spe

  3. Für viele junge Menschen sieht es aber eben so aus, dass sie heute bis Mitte Dreißig beschäftigt sind, mit Schule, Ausbildung, Studium und dem Erarbeiten eines festen Standbeins im Job, bevor sie sich überhaupt über Kinder Gedanken machen können - und dann sind sie zu alt. Ein Treppenwitz der modernen Arbeitswirklichkeit. Da bleibt dem biologisch zu alten Erwerbsmensch nur ein zynisches Hoch auf seine ehemaligen Klassenkameraden auszurufen, die schon mit der beruflichen Erstausbildung nicht zurande kamen, um sich dann rechtzeitig hemungslos fortzupflanzen. Auch wenn dies boshaft überspitzt ist, so darf man doch ein Körnchen Wahrheit darin vermuten.

  4. wieviele Kinder der Erde es denn sind, die unter solchen Bedingungen geboren werden. Und welche Kinder werden erwachsen, hoher IQ, erstklassige Ausbildung, -nach Meinung einschlägiger Kreise-, die die Welt in Schutt und Asche legen namens genialer Ideen? Die können entsprechend dem Zeitgeist nicht mal genial sondern zwingend genannt werden.

    Noch eine Sichtweise:
    Was, wenn unter diesen "Problemgeburten" auch nur eine/r wäre, der/die die Menschheit tatsächlich voran brächte? Sind wir am Ende der Zeiten angelangt, dass da einer sagen kann, welches Kind geboren wird und welches nicht? Warum Bilanz ziehen, bevor das Leben gelebt ist? Welcher Freiheitsbegriff die Menschen betreffend, steckt hinter solchen Analysen?

    Stoffele ist gespannt auf solide Antworten. An der Stelle insbesondere auch von der Redaktion.

    ----
    Stoffele wartet nicht. Es ist Geduld. Nichts sonst.

  5. Es ist einfach absurd, das Alter der Frau oder der Mutter als Maß zu nehmen. Das Alter allein hat überhaupt nichts mit der Qualität der Besamung zu tun.

    Wir haben es eher mit der Frage zu tun, wie die Qualität der Samen und Eizellen beschaffen ist; das ist eine Frage, wie die Qualtät der Produzenten ist .

    Und dann muß man sich fragen, ob rauchen, saufen, Drogenkonsum und auch noch viele andere Dinge die Eier und Spermien schädigen.

    Eventuell ist surfen oder auch TV-Konsum auch für die Eier schädlich? Oder skifahren ist ein Problem für die Spermien?

    Oh je, das wird schierig ..

    Eventuell alles doch lieber im Reagenzglas? oder lieber überhaupt nix?

    Pisst euch ins Hemd... :-D

    [Anmerkung: Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl. Die Redaktion /ft]

  6. Verbot um solche "Risiko-" Schwangerschaften auszuschließen?

    ok jetzt ernst: Entweder man bekommt in sehr jungen Jahren ein Kind oder immer später, so sieht es heutzutage aus. Die richtige Zeitpunkt für ein Kind ist heutzutage sehr viel weniger gegeben als vor Jahrzehnten. Heutzutage ist eignetlich nie der richtige Zeitpunkt. Wenn man Glück hatte, wurde man schon mit 16-20 Eltern, ansonsten wirds schwer.

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