Letzte SeiteSchluss mit dem Geschnatter

Über die Webseite Twitter versenden Millionen Menschen Belanglosigkeiten. Das nervt. Eine Glosse von 

Promi vs. News: Der Schauspieler Ashton Kutcher schlug den Nachrichtensender CNN bei der Zahl der Twitter-Follower

Promi vs. News: Der Schauspieler Ashton Kutcher schlug den Nachrichtensender CNN bei der Zahl der Twitter-Follower  |  ©Gero Breloer/dpa

Das Internet hat seinen nächsten Megahype: Twitter, eine Website, die gern als gelungene Mischung aus Blog und SMS-Dienst beschrieben und von mehr als 20 Millionen Menschen im Monat besucht wird. In Wirklichkeit ist sie aber nichts anderes als die Klowand des Internets. Wer vorbeikommt, hinterlässt einen kurzen Spruch, einen Gedanken oder eine Befindlichkeit, erlaubt sind maximal 140 Zeichen. Und wer sich für die – allein schon aus Platzgründen – inhaltsarmen Beiträge der anderen interessiert, kann sie abonnieren. Das ist dann so, als würde man sich auf dem Büroklo immer wieder in die gleiche Kabine setzen, um nachzuschauen, ob neue Kommentare an der Wand stehen.

Übersetzt soll Twitter »Zwitschern« heißen. »Schnattern« trifft die Sache allerdings deutlich besser, denn was da »getweetet« wird, ist meist nicht lieblich, sondern einfach nur banal. Die meisten Benutzer nehmen die Frage zu wörtlich, die über dem Eingabefeld steht: »What are you doing?« – »Was tust du gerade?« Und so erfährt man, dass iMo gerade eben mit Mutti telefoniert hat, sushieemee eine Glühbirne austauscht und nkfoster21 beim Häkeln eine Masche verloren hat. All das ist ungefähr so spannend, wie einer frisch gestrichenen Raufasertapete beim Trocknen zuzuschauen. Selbst wenn in Hintertupfingen jemand einen Furz lassen würde, wäre man auf Twitter live dabei. (In der Twitter-typischen Verbalakrobatik läse sich das so: »@all Luft abgelassen, erleichtert.«)

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An der konzertierten Banalität erkennt man schnell, dass einen gewaltigen Vogel haben muss, wer da noch mitsingt. Warum das Ganze trotzdem so populär ist, ist schnell erklärt: Erstens haben Menschen einen nahezu unerschöpflichen Geltungsdrang. Und zweitens gibt es wie für Klowände keine Qualitätskontrolle, keine Mindeststandards. Jeder darf sich äußern, wann und so oft er will. Selbst jene, die nicht einmal mehr von all den Bärbels und Britts in Trash-Talkshows eingeladen würden.

Und so hat das Unterschichten-Fernsehen endlich seine Entsprechung im Netz: Twittern ist Bloggen für Arme! Wer auch immer den nächsten Internetpreis angeboten bekommt, sollte es Marcel Reich-Ranicki gleichtun und ihn ablehnen. Twitter ist Grund genug.

Richtig, da war ja noch was: Angeblich soll Twitter die Zukunft des Journalismus sein. Tatsächlich meldeten Twitterer früher als jede Nachrichtenagentur die Notlandung auf dem Hudson River, den Absturz auf dem Amsterdamer Flughafen und den Amoklauf von Winnenden . Doch das war eben nur möglich, weil niemand prüft, was wahr ist und was falsch.

© ZEIT Wissen

Das führt dazu, dass ein von Gerüchten getriebener Mob wieder und wieder Enten verbreitet. Wie nach den Anschlägen von Mumbai , als penetrant behauptet wurde, das Marriott-Hotel sei attackiert worden. Spätestens in Momenten wie diesem hofft man, dass endlich jemand ein Online-Pendant zu Scheuermilch erfindet, um das Netz von dem Geschmiere zu befreien.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

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Leserkommentare
    • Sannie
    • 03. Juni 2009 11:12 Uhr

    "Und wer sich für die [...] Beiträge der anderen interessiert, kann sie abonnieren."
    Warum tun sies, wenn es Sie nervt?

  1. Wie hält man 1 Milliarde Menschen in Industrienationen ruhig? Ausreichend Nahrung, Unterschichten-Fernsehen, Sportereignisse, Surfen und Shoppen im Internet, und jetzt eben Twitter. Der intellektuellere Teil der 1 Milliarde schreibt und liest über den weniger intellektuellen Teil. Auch eine Form sich die Zeit zu vertreiben ohne sich Gedanken über wichtigere Sachen machen zu müssen. Weiter so und schön ruhig und belanglos bleiben!

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    ...im Grunde ist es nichts anderes als seine privaten SMS öffentlich zu machen.

    Was nachdenklich stimmen sollte, ist der enorme Zuspruch den solche no brainers erfahren.

    Nun, der Autor dieser ZEIT-Glosse, Gero Breloer, entblößt sich mit diesem (gehässigen) Artikel selbst. Diesem Artikel ist allein zu entnehmen, daß dem Autor die Möglichkeiten und ungeahnten Ressourcen von Twitter schlichtweg unbekannt sind. Peinlich, sich dermaßen öffentlich zu desavouieren ...

  2. Ganz ernsthaft: Der Artikel ist mindestens sechs Monate hinterher, derartiges Twitter-Bashing war doch nun wirklich schon überall anders zu lesen. Der Autor hat sich leider nicht die Mühe gemacht, neue Argumente aufzutun, sondern sich im wesentlichen aufs Nachplappern verlegt. Und das noch nicht mal besonders gut. Und so jemand schreibt über belanglose Kommunikation?

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    In der Tat. Hätte der Autor seine Botschaft nicht in 140 Buchstaben unterbringen können? "Twitter ist doof" ist ja noch kürzer, da hätten wir dann auch twitter-typisch "Eh, Alder, auch schon gemerkt" oder "LOL, bist ja voll der Checker" antworten können.

  3. Wenn dem unendlichen Geltungsdrang, der aus dem Gefühl mangelnder Geltung resultiert (also ein geringes Selbstwertgefühl) entgegen gewirkt wird, kann das durchaus positiv sein. Ein selbstbewussteres Volk ist ein reiferes Volk. Jemand mit Minderwertigkeitsgefühlen zerstört sich selbst, lässt sich zerstören oder zerstört andere. Also lasst die Leute schnattern.

    Die Gefahr der Überkompensation von geringem Selbstwert zur Egoaufblähung ist im Web 2.0 natürlich stets gegeben. Aber wer sich zum Affen macht im Netz (durch dutzende Fotos von sich selbst bspw.) ist zumindest schnell erkennbar...

  4. Wieder so ein kenntnisloser Artikel. Liebe Zeit-Redaktion, können Sie sich nicht erst mal mit Themen vertraut machen, bevor Sie darüber schreiben? Natürlich ist es leicht, sich über Twitter lustig zu machen, aber es gibt eben auch Gründe, warum immer mehr Leute twittern. Z.B. kann man sich ja aussuchen, wem man folgt, und wer nur Langweiliges twittert, fliegt halt dann raus.

  5. Ich habe noch nie verstanden, warum man sich über etwas aufregen muss, dass man freiwillig umgehen kann. Wenn ihnen Twitter nicht gefällt, beschäftigen Sie sich doch nicht damit!
    Twitter außerdem als "Klowand des Internets" zu bezeichnen ist weder besonders einfallsreich (siehe Jean-Remy von Matt, Chef der Hamburger Agentur Jung von Matt, der Blogs 2006 so bezeichnete) noch zutreffend. Durch das followen von Meinungsführern und Leuten die die eigenen Interessen teilen, kann man sehr wohl relevante Informationen erhalten.
    Es ist ja Ihre Entscheidung ob Sie den Leuten folgen "die nicht einmal mehr von all den Bärbels und Britts in Trash-Talkshows eingeladen würden" oder Personen, die Ihnen im beruflichen Alltag weiter helfen können oder sie einfach mit ihren "Banalitäten" unterhalten.

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    • Zack34
    • 03. Juni 2009 13:47 Uhr

    @Kat8410:
    Es geht um Hype drum, um massenhafte Verbeitung von etwas, was "in" sein soll zumal phenotypisch für die postmoderne Informations-, ja nicht (sic!) Wissensgesellschaft.

    So, jetzt fol´ ääh "followe" (sic!) ich mal was anderes...

    8))

  6. ...im Grunde ist es nichts anderes als seine privaten SMS öffentlich zu machen.

    Was nachdenklich stimmen sollte, ist der enorme Zuspruch den solche no brainers erfahren.

    Antwort auf "Brot und Spiele"
  7. Jede Wette: Sie haben sich niemals die Mühe gemacht, sich bei Twitter anzumelden. Richtig?

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  • Schlagworte Marcel Reich-Ranicki | Amoklauf | Blog | Glühbirne | Internet | Journalismus
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