Das Internet hat seinen nächsten Megahype: Twitter, eine Website, die gern als gelungene Mischung aus Blog und SMS-Dienst beschrieben und von mehr als 20 Millionen Menschen im Monat besucht wird. In Wirklichkeit ist sie aber nichts anderes als die Klowand des Internets. Wer vorbeikommt, hinterlässt einen kurzen Spruch, einen Gedanken oder eine Befindlichkeit, erlaubt sind maximal 140 Zeichen. Und wer sich für die – allein schon aus Platzgründen – inhaltsarmen Beiträge der anderen interessiert, kann sie abonnieren. Das ist dann so, als würde man sich auf dem Büroklo immer wieder in die gleiche Kabine setzen, um nachzuschauen, ob neue Kommentare an der Wand stehen.

Übersetzt soll Twitter »Zwitschern« heißen. »Schnattern« trifft die Sache allerdings deutlich besser, denn was da »getweetet« wird, ist meist nicht lieblich, sondern einfach nur banal. Die meisten Benutzer nehmen die Frage zu wörtlich, die über dem Eingabefeld steht: »What are you doing?« – »Was tust du gerade?« Und so erfährt man, dass iMo gerade eben mit Mutti telefoniert hat, sushieemee eine Glühbirne austauscht und nkfoster21 beim Häkeln eine Masche verloren hat. All das ist ungefähr so spannend, wie einer frisch gestrichenen Raufasertapete beim Trocknen zuzuschauen. Selbst wenn in Hintertupfingen jemand einen Furz lassen würde, wäre man auf Twitter live dabei. (In der Twitter-typischen Verbalakrobatik läse sich das so: »@all Luft abgelassen, erleichtert.«)

An der konzertierten Banalität erkennt man schnell, dass einen gewaltigen Vogel haben muss, wer da noch mitsingt. Warum das Ganze trotzdem so populär ist, ist schnell erklärt: Erstens haben Menschen einen nahezu unerschöpflichen Geltungsdrang. Und zweitens gibt es wie für Klowände keine Qualitätskontrolle, keine Mindeststandards. Jeder darf sich äußern, wann und so oft er will. Selbst jene, die nicht einmal mehr von all den Bärbels und Britts in Trash-Talkshows eingeladen würden.

Und so hat das Unterschichten-Fernsehen endlich seine Entsprechung im Netz: Twittern ist Bloggen für Arme! Wer auch immer den nächsten Internetpreis angeboten bekommt, sollte es Marcel Reich-Ranicki gleichtun und ihn ablehnen. Twitter ist Grund genug.

Richtig, da war ja noch was: Angeblich soll Twitter die Zukunft des Journalismus sein. Tatsächlich meldeten Twitterer früher als jede Nachrichtenagentur die Notlandung auf dem Hudson River, den Absturz auf dem Amsterdamer Flughafen und den Amoklauf von Winnenden . Doch das war eben nur möglich, weil niemand prüft, was wahr ist und was falsch.

Weitere spannende Themen im aktuellen ZEIT Wissen-Magazin. Jetzt am Kiosk © ZEIT Wissen

Das führt dazu, dass ein von Gerüchten getriebener Mob wieder und wieder Enten verbreitet. Wie nach den Anschlägen von Mumbai , als penetrant behauptet wurde, das Marriott-Hotel sei attackiert worden. Spätestens in Momenten wie diesem hofft man, dass endlich jemand ein Online-Pendant zu Scheuermilch erfindet, um das Netz von dem Geschmiere zu befreien.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio