Bundestagswahl 2009 : Die W-Frage

Deutschland steht vor enormen Herausforderungen und vor der Wahl, wer sie bewältigen soll. Der künftige Kanzler muss vor allem die Wissenschaft voranbringen – und für die Ideen der besten Forscher offen sein.

Deutschland hat einen Spitzenjob zu vergeben. Wenn es am 27. September ein neues Parlament wählt, entscheidet es auch, wer künftig im Kanzleramt residieren soll. Angenommen, der Posten wäre im Stellenmarkt einer großen Zeitung ausgeschrieben, dann stünde dort wohl: »Traditionsreiches Unternehmen mit 82 Millionen Mitarbeitern sucht Führungspersönlichkeit (m/w). Wir bieten große Entscheidungsspielräume und ein Team, das Sie selbst aufbauen können. Die Stelle ist zunächst auf vier Jahre befristet.« Und weiter unten wäre zu lesen: »Sie lieben die Herausforderung: Einer Wirtschaftskrise begegnen Sie ebenso entschlossen wie dem Klimawandel, Debatten über Genmais und Kernkraft scheuen Sie nicht, die Zwänge der Globalisierung wecken Ihre Eigeninitiative. Idealerweise haben Sie bereits Erfahrung mit alternden Gesellschaften.«

Nehmen wir weiter an, es gäbe auch ein Bewerbungsgespräch. Angela Merkel käme, Frank-Walter Steinmeier auch, und vielleicht würde sogar ein selbstbewusster Guido Westerwelle aufkreuzen. Auf die Frage, warum gerade sie die Stelle bekommen sollten, würden die Kandidaten antworten: »Weil ich die Abwrackprämie verlängert habe!«, »Weil ich Angestellten einen 300-Euro-Bonus zahle, die keine Steuererklärung einreichen!« oder: »Weil ich die Steuern senken will!« Würde nicht jeder Personalchef irritiert nachhaken: »Haben Sie denn unsere Anzeige nicht gelesen? Wissen Sie nicht, was für Probleme die Deutschland AG hat?«

Leider gibt es im jetzigen Wahlkampf weder das Vorstellungsgespräch noch den Personalchef, der sich die Bewerber vorknöpft. Trotzdem stellt sich die Frage: Haben die Wahlkämpfer nicht verstanden, worum es eigentlich geht? Deutschland steht tatsächlich vor riesigen Herausforderungen – und den Kandidaten fällt nichts Besseres ein, als mehr Netto vom Brutto zu versprechen. Dabei ist es kein Geheimnis, wofür sich der nächste Kanzler (oder die nächste Kanzlerin) zuerst stark machen müsste, will er sein Land auf die Zukunft vorbereiten: für Wissenschaft und Bildung. Die K-Frage ist vor allem auch eine W-Frage: Wer hat das beste Konzept für eine Wissensrepublik Deutschland?

Warum? Ganz einfach: Wer auch immer die Wahl gewinnt, wird hinterher mit drängenden Fragen konfrontiert sein, die nur mit den Erkenntnissen und Errungenschaften der Forschung zu beantworten sind: Wie kann Deutschland dazu beitragen, den Klimawandel aufzuhalten? Soll es in erneuerbare Energien investieren oder lieber in die Erforschung einer Technologie, mit der man CO2 unterirdisch lagern kann? Wie entwickeln wir Therapien gegen Alzheimer oder Krebs, ohne ethische Grenzen zu überschreiten? Und wie bilden wir unsere Kinder so aus, dass sie uns künftig dabei helfen können, Fragen wie diese zu lösen?

© ZEIT Wissen

Zudem ist eine gute Forschungspolitik immer auch eine gute Wirtschaftspolitik – und damit ein wichtiges Mittel, nicht den Anschluss zu verlieren. Das zeigt auch eine Studie, die das Hamburgische WeltwirtschaftsInstitut (HWWI) gerade zusammen mit ZEIT Wissen veröffentlicht hat: Würden die wissensbasierten Sektoren ihre Wertschöpfung um zehn Prozent steigern, wüchse die gesamte deutsche Wirtschaft um 2,1 Prozent.

Der Wohlstand eines Landes, das weder Öl noch Gas, noch andere Bodenschätze besitzt, hängt davon ab, ob es ihm gelingt, das »Karussell des Fortschritts« in Schwung zu bringen: Wo viel geforscht wird, entsteht mehr Wissen. Wo mehr Wissen ist, wird mehr weitergegeben. Und wo mehr weitergegeben wird, gibt es mehr kluge Köpfe – die wiederum mehr forschen können. Zugleich, und das ist das Vergnügliche an dieser Karussellfahrt, entstehen mit jeder Drehung neue Ideen, mit denen sich Geld verdienen lässt.

Völlig neu ist das nicht. Vokabeln wie »Technologieführerschaft«, »Innovation« und »Wissensgesellschaft« gehören schon lange zum Standardrepertoire von Politikern. Und doch scheuen die meisten davor zurück, sich die Wissenschaft auf die Fahnen zu schreiben und damit in den Wahlkampf zu ziehen. Aus einem einfachen Grund: Kraftanstrengungen für Forschung und Bildung zahlen sich oft erst nach Jahrzehnten aus. Wann der Heureka-Moment kommt und was dann daraus wird, weiß niemand. Im Wahlkampf zählen jedoch nur Versprechen, die sich binnen einer Amtszeit einlösen lassen.

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Kommentare

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"Leider gibt es im jetzigen

"Leider gibt es im jetzigen Wahlkampf weder das Vorstellungsgespräch noch den Personalchef, der sich die Bewerber vorknöpft."

Ja, wir leben zwar nicht in einer richtigen Demokratie, aber noch wird die Regierung teilweise vom Volk gewählt. Nach der Wahl sind unsere Auserwählten dann Spielball ihres Gewissens und das ist etwas, was bei vielen nie da war und wenn doch, dann bei Politikern mit hoher Wahrscheinlichkeit abhanden gekommen ist.

Was die Stellenanzeige angeht: finde ich gut, das mal so auszuformulieren. Eigentlich müßte doch jeder, der sich auf eine solche Stelle bewirbt, größenwahnsinnig sein, sich völlig selbst überschätzen oder ein Egomane sein. Und tätsächlich, solche Leute haben wir dann auch da oben sitzen. Wir werden von Menschen regiert, die nach oben kommen möchten, deren einziges Ziel es ist, selbst Macht auszuüben, sich die Welt nach den eigenen Vorstellungen zu formen, gleich ob es den Menschen nutzt oder schadet. Das kann nicht gut gehen.

König ohne Reich

Die vergangenen über zehn Jahre kennzeichnet, dass zwar Spitzenforschung betrieben wurde, aber der Staat sich bekanntlich damit zu begnügen hatte, deren Publikum horrend zu subventionieren, damit jenes überhaupt die Exzellenz erlangt, die dadurch gewonnenen Erkenntnisse sich je aneignen zu können. Wegen dieser Handlungskonstellation, dem Publikum zwar mit Milliardenbeträgen aus öffentlichen Haushalten gleichsam Eintrittskarten zu finanzieren und indessen über eine verhältnismäßig lange Dauer diejenigen darben zu lassen, die in diesen Bereichen tätig sind, werden in absehbarer Zeit nicht mehr viele übrig sein und sich zunehmend weniger bereit erklären, zu solchen Konditionen zu arbeiten. Selbst wenn es künftig den vorgeschlagenen Forschungskanzler geben sollte, wird er letztlich ein König ohne Reich sein, wenn er keine Antwort darauf zu geben imstande ist, auf welche Weise vor allem das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Privaten zu ändern wäre, damit Letztere die Ersteren endlich angemessen vergüten.