Bundestagswahl 2009 Die W-FrageSeite 2/2
Die Folgen sind fatal: Deutschlands öffentliche und private Forschungsausgaben dümpeln noch immer bei 2,5 Prozent der Wirtschaftsleistung, obwohl seit einer gefühlten Ewigkeit über das Drei-Prozent-Ziel debattiert wird. Und längst ist das Land nicht mehr, was es so gern behauptet zu sein – das »Land der Ideen«. In Europa sind mittlerweile Dänemark, Schweden und Finnland laut HWWI-Ranking innovationsfähiger. Nicht zuletzt, weil alle drei Länder ihr Forschungsbudget in den vergangenen Jahren deutlich aufgestockt haben. Auch außerhalb von Europa machen immer mehr Länder eine engagierte Forschungspolitik.
Wenn im Sommer Angela Merkel und ihr Herausforderer im Fernsehen aufeinandertreffen, sollte all das zur Sprache kommen. Es ist höchste Zeit für ein Wissenschaftsduell! Ein Duell, das den Wählern zeigt, wer das Zeug zum Kanzler einer Wissensrepublik hat, wer die Ausschreibung gründlich studiert hat. Der ideale Kandidat würde die Chance ergreifen und die nicht unberechtigte Furcht zerstreuen, nach der Wahl könnte ausgerechnet an Forschung und Bildung gespart werden – schließlich müssen ja Abwrackprämie, Rettungspakete und all die Wahlgeschenke abbezahlt werden.
Er würde erklären, dass er die Wissenschaft gerade wegen der Krise stärker fördern muss als zuvor. Schwer wäre das nicht zu vermitteln. Denn auch das zeigt die von HWWI und ZEIT Wissen veröffentlichte Studie: Würden die forschungsintensiven Wirtschaftszweige im globalen Wettbewerb zurückfallen und nur um zehn Prozent schrumpfen, gingen fast 700.000 Jobs verloren.
Natürlich geht es um weit mehr als Geld. Ein guter Bewerber würde auch keinen Zweifel daran lassen, dass er ein großer Fan der Wissenschaft ist. Er würde noch im Fernsehstudio die besten Forscher Deutschlands einladen, ihre Ideen mit ihm zu diskutieren. Er würde vor Millionen Zuschauern schwärmen, dass Forscher täglich in faszinierende Welten vordringen, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Er würde ihnen erklären, dass Forschen weit mehr ist, als nach schwarzen Löchern und dem Higgs-Boson zu spähen. Dass es auch viel mit ihnen und ihrem Alltag zu tun hat, mit elementaren Fragen, etwa wie man Krankheiten heilt, Lebensmittel sicher macht oder Hochwasser verhindert. Und er würde vor allem auch die Jungen vor den Bildschirmen mitreißen, die der Wissenschaft so dringend als Nachwuchs fehlen.
Selbstverständlich muss der künftige Kanzler nicht aus dem Stand erklären können, wie sich A/H1N1-Grippeviren vermehren, aber er muss es verstehen und vermitteln können. Das gilt erst recht für strittige Themen wie die Stammzell- und Gentechnikforschung. Er sollte ideologiefreie Debatten anstoßen, anstatt sein Land mit populistischen Verboten seiner Chancen zu berauben. Das heißt nicht, dass am Ende einer solchen Debatte nicht trotzdem ein Verbot stehen kann – aber das würde dann zumindest auf Fakten beruhen.
Für den künftigen Kanzler wäre Wissenschaft nicht nur ein Gegenstand von Politik, sondern auch eine Methode – eine Haltung, ein Stil. Das heißt nicht, dass er selbst aus der Wissenschaft kommen muss, aber er würde deren Geist ins Kanzleramt tragen. Vielleicht würde er sich sogar Verstärkung holen und einen Chefwissenschaftler berufen, der neben dem Forschungsminister am Kabinettstisch Platz nimmt. Dieser würde dann dafür sorgen, dass die Ministerriege nicht den Bezug zu denen verliert, deren Job es ist, wahr und falsch zu unterscheiden – und dass sie Idee und Ideologie nicht vermischt, sondern wirklich nach bestem Wissen und Gewissen entscheidet.
Die von HWWI und ZEIT Wissen veröffentlichte Studie Wissen schafft Wachstum ist im Netz unter www.hwwi.org kostenlos erhältlich.
- Datum 30.07.2009 - 10:40 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT Wissen 04/2009
- Kommentare 14
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Artikel wie dieser sind doch völlig für die Katz. Als ob sich in der momentanen Politikergeneration irgendwas ändern würde. Auf Fakten und Visionen beruhende Politik?
Schon lange jede Hoffnung aufgegeben.
Kanzler oder Kanzlerin! Es wäre schön wenn der Autor auch die weibliche Form inkludieren würde.
Sehr geehrte/r biblikaa,
wir haben die weibliche Form im dritten Absatz erwähnt, im kompletten Text beide Formen zu verwenden, würde den Lesefluss unserer Meinung nach eher stören.
Mit freundlichen Grüßen,
Johannes Kuhn, Redaktion ZEIT ONLINE
.... möchte ich haben!
Nix gegen weibliche Formen, nur schön rund müssen sie sein!
Sehr geehrte/r biblikaa,
wir haben die weibliche Form im dritten Absatz erwähnt, im kompletten Text beide Formen zu verwenden, würde den Lesefluss unserer Meinung nach eher stören.
Mit freundlichen Grüßen,
Johannes Kuhn, Redaktion ZEIT ONLINE
.... möchte ich haben!
Nix gegen weibliche Formen, nur schön rund müssen sie sein!
"Leider gibt es im jetzigen Wahlkampf weder das Vorstellungsgespräch noch den Personalchef, der sich die Bewerber vorknöpft."
Ja, wir leben zwar nicht in einer richtigen Demokratie, aber noch wird die Regierung teilweise vom Volk gewählt. Nach der Wahl sind unsere Auserwählten dann Spielball ihres Gewissens und das ist etwas, was bei vielen nie da war und wenn doch, dann bei Politikern mit hoher Wahrscheinlichkeit abhanden gekommen ist.
Was die Stellenanzeige angeht: finde ich gut, das mal so auszuformulieren. Eigentlich müßte doch jeder, der sich auf eine solche Stelle bewirbt, größenwahnsinnig sein, sich völlig selbst überschätzen oder ein Egomane sein. Und tätsächlich, solche Leute haben wir dann auch da oben sitzen. Wir werden von Menschen regiert, die nach oben kommen möchten, deren einziges Ziel es ist, selbst Macht auszuüben, sich die Welt nach den eigenen Vorstellungen zu formen, gleich ob es den Menschen nutzt oder schadet. Das kann nicht gut gehen.
Sehr geehrte/r biblikaa,
wir haben die weibliche Form im dritten Absatz erwähnt, im kompletten Text beide Formen zu verwenden, würde den Lesefluss unserer Meinung nach eher stören.
Mit freundlichen Grüßen,
Johannes Kuhn, Redaktion ZEIT ONLINE
Die vergangenen über zehn Jahre kennzeichnet, dass zwar Spitzenforschung betrieben wurde, aber der Staat sich bekanntlich damit zu begnügen hatte, deren Publikum horrend zu subventionieren, damit jenes überhaupt die Exzellenz erlangt, die dadurch gewonnenen Erkenntnisse sich je aneignen zu können. Wegen dieser Handlungskonstellation, dem Publikum zwar mit Milliardenbeträgen aus öffentlichen Haushalten gleichsam Eintrittskarten zu finanzieren und indessen über eine verhältnismäßig lange Dauer diejenigen darben zu lassen, die in diesen Bereichen tätig sind, werden in absehbarer Zeit nicht mehr viele übrig sein und sich zunehmend weniger bereit erklären, zu solchen Konditionen zu arbeiten. Selbst wenn es künftig den vorgeschlagenen Forschungskanzler geben sollte, wird er letztlich ein König ohne Reich sein, wenn er keine Antwort darauf zu geben imstande ist, auf welche Weise vor allem das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Privaten zu ändern wäre, damit Letztere die Ersteren endlich angemessen vergüten.
gibt es genug.
Es ist weniger die Forschung, die Förderung braucht, als eher deren Verankerung und ein Verständniss für sie in einer breitern Bevölkerungsschicht.
Ein Bildungskanzler, eher als ein Forschungssolcher wäre hier am Platze.
und, btw, hat D-land nicht derzeit eine Naturwissenschaftlerin auf dem Posten? Sollte nicht eine promovierte Chemikerin Forschung verstehen?
Noch ein weiterer Kommentar zum Artikel; D-land ist keine AG!
Und hat auch nicht 82 M Mitarbeiter, sondern ist (hoffentlich immer noch) eine Demokratie mit 82 M Mitbürgern. Sinn D-lands ist es nicht, wie bei einer AG, nach ekonomischen Vorgaben innerhalb einer kapitalistischen Wirtschaftsstruktur Gewinne einzufahren.
Z.B. kann D-land nicht unprofitable Sektorn "outsourcen". Sollte es zumindest nicht.
Was der Sinn D-lands ist, da gibt es mindestens 82 M verschiedene Antworten.
Sie weisen auf ein erhebliches Defizit hin. Es ist mittlerweile hochproblematisch naturwissenschaftliche Inhalte zu vermitteln, da in den allermeisten Fällen nicht die Spur einer Ahnung vorhanden ist, worum es dabei eigentlich geht.
Anstelle eines, längst überfälligen Versuchs, diesen Mangel zu beheben wird weitergewurstelt. Mit dem angenehmen Nebeneffekt das nahezu niemand mehr in der Lage ist, Aussagen oder Projekte der "Politik", nach naturwissenschaftlichen Kriterien zu bewerten.
Die so produzierte Kritikunfähigkeit ist bestenfalls fahrlässig herbeigeführt, zumal sich damit ausgezeichnet regieren läßt (Was fatal an die historischen Ideen zur gezielt limitierten Bildung bei "Ostvölkern" zfür die Herrschaftssicherung erinnert).
Frau Dr. Merkel ist übrigens Physikerin.
Das Problem ist sicher nicht der Mangel an Verständnisvermögen, in der politischen Klasse herrscht das Primat: "wie kann ich Informationen gewinnmaximiert für mich oder gegen Dritte einsetzen?".
Mit konstruktiver naturwissenschaftlicher Arbeit hat das nichts mehr gemein und müsste sicher mit unmittelbarem Zwang gegen alle Parteien durchgesetzt werden. Denn schon jetzt unterhält ja jede Partei ein Sammelsurium an Stiftungen und "tink-tanks" die im o.a. Sinn tätig werden sollen und werden; nämlich für die Parteien!
Auch werden Sie parteiübergreifend mit der Forderung nach Wissenschaftlichkeit auf Ablehnung stoßen, weil ja naturwissenschaftliche Arbeit auch falsifizierbar sein muss und nicht abstrakten, somit beliebig interpretierbaren Heilsversprechen, folgen darf.
Wie es Kunst und Brauch der etablierten Parteien täglich demonstrieren.
Bildung kann tatsächlich nicht schaden.
Karl Müller
Sie weisen auf ein erhebliches Defizit hin. Es ist mittlerweile hochproblematisch naturwissenschaftliche Inhalte zu vermitteln, da in den allermeisten Fällen nicht die Spur einer Ahnung vorhanden ist, worum es dabei eigentlich geht.
Anstelle eines, längst überfälligen Versuchs, diesen Mangel zu beheben wird weitergewurstelt. Mit dem angenehmen Nebeneffekt das nahezu niemand mehr in der Lage ist, Aussagen oder Projekte der "Politik", nach naturwissenschaftlichen Kriterien zu bewerten.
Die so produzierte Kritikunfähigkeit ist bestenfalls fahrlässig herbeigeführt, zumal sich damit ausgezeichnet regieren läßt (Was fatal an die historischen Ideen zur gezielt limitierten Bildung bei "Ostvölkern" zfür die Herrschaftssicherung erinnert).
Frau Dr. Merkel ist übrigens Physikerin.
Das Problem ist sicher nicht der Mangel an Verständnisvermögen, in der politischen Klasse herrscht das Primat: "wie kann ich Informationen gewinnmaximiert für mich oder gegen Dritte einsetzen?".
Mit konstruktiver naturwissenschaftlicher Arbeit hat das nichts mehr gemein und müsste sicher mit unmittelbarem Zwang gegen alle Parteien durchgesetzt werden. Denn schon jetzt unterhält ja jede Partei ein Sammelsurium an Stiftungen und "tink-tanks" die im o.a. Sinn tätig werden sollen und werden; nämlich für die Parteien!
Auch werden Sie parteiübergreifend mit der Forderung nach Wissenschaftlichkeit auf Ablehnung stoßen, weil ja naturwissenschaftliche Arbeit auch falsifizierbar sein muss und nicht abstrakten, somit beliebig interpretierbaren Heilsversprechen, folgen darf.
Wie es Kunst und Brauch der etablierten Parteien täglich demonstrieren.
Bildung kann tatsächlich nicht schaden.
Karl Müller
Mein Neffe forscht in der Schweiz, und zwar primär der besseren Arbeitsbedingungen wegen ( dass er dort auch mehr verdient nimmt er dabei billigend in Kauf, ist aber nicht die Hauptmotivation). Für den Wissenschafts- & Wirtschaftsstandort Deutschland ist dieser Braindrain zwar schmerzlich, aus der individuellen Perspektive der Betroffenen aber verständlich.
.... möchte ich haben!
Rothschilds Geld - so nebenbei. Mit der Kombination lässt sich gut leben...;-)
Das bezweifle ich.
Rothschilds Geld - so nebenbei. Mit der Kombination lässt sich gut leben...;-)
Das bezweifle ich.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren