Computerspiele Aufbauen statt Draufhauen

Warum verkaufen sich Strategiespiele ausgerechnet in Deutschland so gut?

anno

Die Anno-Reihe ist vor allem Deutschland sehr erfolgreich

Die Deutschen sind eine Nation von Hobbystrategen. Fast jedes zehnte Computerspiel, das hierzulande verkauft wird, ist ein Aufbau-Strategiespiel, in den USA ist ihr Anteil nur halb so groß. "Die Siedler" und "Anno", in denen der Spieler in mittelalterlichen Welten aus ein paar Hütten ein Imperium schafft, stammen aus Deutschland und werden hier auch am besten verkauft. Von sieben Millionen Exemplaren gingen 80 Prozent auf den heimischen Markt. Schaffe, schaffe, Häusle baue – jetzt auch am Bildschirm.

"Diese Spiele sind Metaphern der Arbeitswelt", sagt Jürgen Fritz, der die Wirkung virtueller Welten an der Fachhochschule Köln erforscht. "Sie befriedigen das menschliche Bedürfnis, Spuren des Lebens auf der Welt zu hinterlassen." Und etwas aufzubauen sei nun mal ein Grundmotiv menschlichen Handelns. Der Erfolg im Spiel mache zuversichtlich, die Aufgaben des Lebens ebenso bewältigen zu können wie die Levels im Computerspiel. Dennoch sei das Spiel "keine Vorbereitung auf das Leben", sagt Fritz. Die echte Welt sei viel chaotischer als die auf dem Bildschirm

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Rolf Nohr vom Forschungsprojekt "Strategie spielen" der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig sieht den Reiz am Städtebau darin, dass der Spieler vieles ausprobieren kann, ohne Konsequenzen zu fürchten. Wer scheitert, spielt einfach noch mal. Die Aufbauspiele richten sich vor allem an Menschen, die sich eine eigene Welt erschaffen wollen. Als Häuslebauer und Erben des Wirtschaftswunders seien wir empfänglich für solche Themen, sagt Nohr.

Er glaubt aber, dass Computerspiele wie "Die Siedler" und "Anno" noch aus einem anderen Grund so beliebt sind: Strategiespiele sind ein Teil deutscher Geschichte. Im 18. Jahrhundert entwickelte der Mathematiker Johann Hellwig ein beliebtes Kriegsschach, im 19. Jahrhundert wurde das "Kriegsspiel" des preußischen Barons von Reißwitz populär: Holz- und später Zinnsoldaten rückten auf Gipsterrain gegeneinander vor.

Während sich aber auf den alten Spielfeldern alles um den Konflikt drehte, geht es auf den Bildschirmen um dessen Vorspiel. "Die Siegesbedingungen wurden in die Aufbauphase verlagert", sagt Nohr. Er glaubt, dafür sei die Entwicklung der Gesellschaft verantwortlich. Krieg sei keine politische Option mehr. Was im 18. Jahrhundert das Schlachtfeld war, ist inzwischen das Börsenparkett – Wirtschaft statt Waffen. "Die Spiele sind ein Spiegel der Gesellschaft."

 
Leser-Kommentare
    • Yadgar
    • 06.06.2009 um 13:43 Uhr

    Vermisst habe ich einen Hinweis auf die "Mutter" aller rundenbasierten Computer-Strategie- und Aufbauspiele: Sid Meier's Civilization! Seit 1994 in den unterschiedlichsten Version Stammgast in meinem Computer, mittlerweile auch als OpenSource-Programm: http://www.freeciv.org !

    Yadgar Shah, Emperor of the Afghans from 4000 BC to 2020 AD...

    • maddus
    • 06.06.2009 um 14:37 Uhr

    Mein absoluter Favorit unter den Strategiespielen. Schon etwas älter, deshalb aber auch ziemlich billig zu bekommen. Und man kann auch die in wirtschaftlich starken Deutschen spielen :)

    • aadam
    • 06.06.2009 um 15:11 Uhr

    Diese Aufbau-Spiele sind schreckliche Zeitfresser. Als eines meiner ersten Computer-Spiele erinnere ich mich an ein Erlebnis beim Spiel von Civilization. Sonntag vormittags begonnen, erwachte ich irgendwann aus meiner Spielwelt und musste feststellen, dass mein Magen knurrte, meine Hände mitten im Sommer eiskalt und seit Spielbeginn tatsächlich zehn Stunden vergangen waren.
    Jetzt bevorzuge ich Killer-Spiele, da brummt nach einer halben Stunde der Kopf und zwingt zum Abschalten.
    Vielleicht liegt die Vorliebe für Aufbau-Spiele in Deutschland einfach daran, dass wir Urlaubszeit-Weltmeister sind?

  1. Ja es gibt unterschiede bei Vorlieben für Spiele, so wie es tausende von Millionen von anderen Unterschieden gibt. Aus denen man deswegen noch lange nicht irgendwelche Charakterisierungen ableiten kann. Es hat sich halt so entwickelt. Wenn dann hat es eher was damit zu tun dass Brettspiele in Deutschland eine lange Tradition haben, im Englischen nennt man sie auch "German-style board games". Diese Strategiespiele sind halt die Computerversion davon.
    Mein Lieblingsspiel ever ist aber dennoch ein amerikanisches, und zwar SimCity.

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    • Gojira
    • 07.06.2009 um 13:44 Uhr

    Da haben Sie sich ja glatt in sieben Zeilen einer Antwort auf die eingangs gestellte Frage "Warum verkaufen sich Strategiespiele ausgerechnet in Deutschland so gut?" weiter angenähert, als das zugehörige Artikel.

    • Gojira
    • 07.06.2009 um 13:44 Uhr

    Da haben Sie sich ja glatt in sieben Zeilen einer Antwort auf die eingangs gestellte Frage "Warum verkaufen sich Strategiespiele ausgerechnet in Deutschland so gut?" weiter angenähert, als das zugehörige Artikel.

  2. Zitat aus dem Artikel:...Dennoch sei das Spiel "keine Vorbereitung auf das Leben", sagt Fritz.
    ###

    Nach kürzem Rückbesinnen und nachschauen in Entwicklungspsychologie/Eriehungswissenschaften... ist doch gerade "Spielen" z.B. bei Kindern, grundlegendes Einüben von Problemlösungs- und Verhaltensmustern für das Erwachsenenalter, die "wirkliche" Welt, wobei der Spieler ohne Sanktionen aus der "wirklichen" Welt Fehler machen, sehen, Wirkungen abschätzen und/oder vermeiden lernen kann.
    .
    Weiter ist in der Erwachsenenwelt "Spielen" aka Simulation ein sehr oft angewendetes, wichtiges Werkzeug um schlimme Fehler zu vermeiden/ zu finden, Lösungen zu entwickeln und Strategien zu überprüfen (siehe auch:. Planspiel, Flugsimulator, math. Modelle....)
    .
    Herr Fritz (als Experte WELCHER Fachrichtung?) steht da m.M.n. im großen Widerspruch zum Rest der akademischen Welt!
    .
    Im Diskurs
    .
    Strategie/Aufbauspiele vs. Ego-shooter
    .
    wird auch immer wieder die Erkenntnis vergessen, das Spieler ihr vor dem Spiel erworbenes Norm- und Wertesystem durch das Spiel nicht grundlegend verändern. Sie erweitern aber die Sichtweisen, Standpunkte.. aus der sie eine "Realsituation"
    nach einem Spiel bewerten bzw. analysieren können.

    Ich vermisse in dem Artikel gerade über die Funktion /Wirkung von Spiel ein wenig die Tiefe, (um da mal Jens Jessen zu zitieren)
    .
    Geistig unbefriedigte Gruesse
    Sikasuu
    .
    Ps.: "Spiel nicht immer rum, mach was sinnvolles!" :-))
    .
    --
    "Und im übrigen bin ich dafür, das Herr Jessen hier mitreden sollte" (frei nach Cato.d.Ä.)

    • Crest
    • 06.06.2009 um 18:43 Uhr

    Das finden Sie alles im Weltnetz :-) ;-)

    Herzlichst Crest

    • Alobam
    • 06.06.2009 um 19:03 Uhr

    Hallo,

    bin auch ein Strategiespieler der ersten Runde, der wohl von seinen Eltern (ungeplant) mit dem Brettspiel Siedler oder noch früher Monopoly angefixt wurde.
    Ich denke oder hoffe mehr, dass Stratgiespiele wissen vermitteln, und wenn es "nur" ist langfristig zu denken.

    PS: CIV 4, Washington

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    • KMurx
    • 06.06.2009 um 19:43 Uhr

    Mir fehlen die folgenden Infos im Artikel:

    a) Wie schaut es bei Brettspielen aus? Ist da dieser Unterschied genauso zu beobachten? Einfach Messgroesse waere z.B. die Anzahl Schachspieler/Kopf.
    b) "Krieg" ist in den meisten Aufbauspielen mittlerweile auch eine Option (und war's in Siedler schon immer!)
    c) Wie ist das Verhaeltnis bei den "Kriegs-Simulationsspielen" (Supreme Commander, Command&Conquer, Z, World in Conflict, Panzer General, usw.)? Sind wir etwa gar nicht fasziniert von der friedlichen Aufbaustrategie, sondern von Strategie an sich?

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  • Quelle DIE ZEIT, 03.06.2009 Nr. 04
  • Kommentare 11
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  • Schlagworte Computerspiel | Computerspiele | USA | Städtebau
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