Psychologie Keine Panik!

Der Mensch hat Angst. Früher vor wilden Tieren, heute vor der Schweinegrippe, dem Klimawandel, der Vogelgrippe, der Inflation, der Arbeitslosigkeit. Mitunter kann Angst nützlich sein, oft aber lähmt sie. Und manchmal wird sie selbst zur Gefahr.

Übertriebene Angst kann selbst zur Gefahr werden. Aber wie viel Angst ist zu viel?

Übertriebene Angst kann selbst zur Gefahr werden. Aber wie viel Angst ist zu viel?

Die Fleischer trifft es immer wieder. Wenn eine Epidemie eine Hysterie auslöst, werden die Kunden sofort wählerisch: Vor neun Jahren schreckte BSE die Menschen, aus Angst vor dem Rinderwahn strichen sie Steaks vom Speiseplan.

Als alle längst wieder Rindfleisch aßen, kollabierten Schwäne auf Rügen – Vogelgrippe. Viele kauften daraufhin kein Brathühnchen mehr. Heute geht die Schweinegrippe um. In den USA klagen die Schweinezüchter über Verluste von 30 Millionen Dollar, obwohl die Grippe gar nicht von Schweinen übertragen wird.

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Gewiss, zunächst konnte niemand wissen, wie gefährlich BSE wirklich für den Menschen ist. Und ja, die Vogelgrippe ist ernst zu nehmen, übrigens auch heute noch. Das Gleiche gilt für die Schweinegrippe. Doch fast jede neue Seuche bringt neben echter Gefahr eine neue Hysterie mit sich, die ansteckender ist als jedes Virus. Auch Umweltprobleme wie das Waldsterben, das Ozonloch und der Klimawandel lösten neben berechtigten Sorgen Panikpandemien aus. Und die können selbst gefährlich werden.

Denn übertriebene Angst macht uns nicht nur das Leben schwer, sie führt auch zu falschen Entscheidungen und kostet unnötig Geld, wie der Soziologe Barry Glassner beobachtet hat. In den neunziger Jahren glaubten zwei Drittel der Amerikaner, dass die Kriminalitätsrate in die Höhe schnelle – obwohl sie tatsächlich rapide sank.

Obwohl die Kriminalität zurückging, wurde damals mehr Geld in ihre Bekämpfung gesteckt, während es zum Beispiel in der Bildung fehlte. Und nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 kauften viele Amerikaner teure Sicherheitssysteme – obwohl Terroristen sich kaum von einer Alarmanlage abschrecken lassen würden.

Angst

Angst warnt vor Gefahr und ermöglicht schnelle Reaktionen. Streng genommen wird zwischen Angst und Furcht unterschieden: Furcht bezieht sich auf einen bestimmten Gegenstand, Angst nicht.

Angststörung

Angststörungen liegen vor, wenn jemand die Gefährlichkeit einer Situation überschätzt. Man unterscheidet Phobien, die Panikstörung und die generalisierte Angststörung.

Risiko

Risiko ist die statistische Wahrscheinlichkeit dafür, dass etwas Negatives passiert. Man muss zwischen absolutem und relativem Risiko unterscheiden: Wenn ein Medikament die Sterblichkeit von 2 auf 1 von 10000 senkt, nimmt das absolute Risiko um 0,01 Prozent ab und das relative Risiko um 50 Prozent.

Anxiolytische Medikamente

Anxiolytische Medikamente lösen Angst- und Spannungszustände. Sie wirken gegen negative Emotionen, beruhigen aber auch und machen müde. Deswegen werden sie oft als Schlafmittel ein- gesetzt, vor allem, wenn die Betroffenen wegen ihrer Ängste nicht schlafen können. Bekannteste Substanz ist Diazepam (Valium).

Mitunter kann übermäßige Angst ein Risiko sogar verstärken. Wenn Eltern ihre Kinder aus Sorge vor Nebenwirkungen nicht impfen lassen, steigt das Ansteckungsrisiko für alle. Und als viele britische Frauen Mitte der neunziger Jahre die neue Antibabypille absetzten aus Angst vor der erhöhten Thrombosegefahr (die missverständlich als sehr hoch dargestellt worden war), kam es zu vielen Tausend zusätzlichen Abtreibungen und Hunderten Teenager-Schwangerschaften. Paradoxerweise erhöhen sowohl Schwangerschaften als auch Abtreibungen das Risiko für eine Thrombose weit mehr als die neue Pille.

Übertriebene Angst kann also selbst zur Gefahr werden. Aber wie viel Angst ist zu viel? Um das zu wissen, müsste man das echte Risiko kennen. Genau das ist das Problem. Meist ist man, wenn überhaupt, erst hinterher schlauer. Von vornherein klar übertrieben war die Vogelgrippe-Hysterie: Jede tote Amsel konnte panische Anrufe bei der Feuerwehr auslösen. Und Katzenbesitzer bangten um das Leben ihrer Lieblinge, denen sie den Verzicht auf Geflügel nicht so leicht beibringen konnten.

Nur selten bewirkt Panik etwas Sinnvolles. Die Angst vor der Vogelgrippe zum Beispiel ließ Politiker und Behörden endlich den überfälligen Pandemieplan erstellen. Und die Angst vor den Gesundheitsschäden durch Passivrauchen brachte in vielen Bundesländern das Rauchverbot voran, das messbar die Gesundheit schützt – vor allem die der Raucher, die nun weniger Gelegenheit zum Qualmen haben.

Viele sind daran beteiligt, eine Hysterie loszutreten: Politiker, die Schuldige suchen und als Krisenmanager glänzen wollen. Journalisten, die skandalisieren und emotionalisieren. Unternehmen, die Versicherungen oder Sicherheitstechnik verkaufen. Wissenschaftler, die persönliche Profilierung mit Forschung verwechseln. Sie alle profitieren von der Angst. Sie rechnen mit Wählerstimmen, Forschungsgeldern, Umsatz, hohen Einschaltquoten. Angst ist gut fürs Geschäft.

Und dieses Geschäftsmodell funktioniert immer wieder. Wir sind offenbar sehr anfällig für die Ansteckung mit der Angst. Dafür gibt es Gründe:

Wir haben wenig Anlass zur Sorge. Dass wir nicht mehr ständig existenzielle Ängste haben müssen, gibt uns die Gelegenheit, uns vor allem Möglichen zu fürchten. Zugleich erwarten wir ein Leben ohne Risiko. Wenn dann doch etwas passiert, reagieren wir mit übermäßiger Angst.

Wir haben weniger Bindungen. Allein fürchtet man sich schneller, weil man das Gefühl hat, weniger ausrichten zu können, und weil der Realitätscheck im Gespräch mit anderen fehlt.

Wir haben viele Möglichkeiten. Noch nie konnten so viele Menschen so frei ihren Lebensentwurf verwirklichen. Doch wer mehr Möglichkeiten hat, hat auch mehr Möglichkeiten, etwas falsch zu machen. Das kann Angst auslösen.

Wir haben viel zu verlieren. Wer mehr hat, hat auch mehr, worum er sich sorgen kann.

Es geht nicht darum, die Angst ganz aus dem Alltag zu verbannen und alle Risiken kleinzureden. Aber sowohl für unsere Lebensqualität als auch für unsere Sicherheit wäre es gut, sich nicht von der Angst scheuchen zu lassen, sondern immer wieder innezuhalten. Und zu überlegen: Ist das jetzt Panikmache oder wirklich gefährlich? Die Antwort ist meistens nicht einfach, aber wer sich informiert, gewinnt.

Bei der Schweinegrippe hat das vielleicht schon funktioniert. Anders als in den USA merken die Metzger hierzulande jedenfalls nichts von einer Hysterie. Kaum jemand verzichte auf Würstchen und Koteletts, sagt Gero Jentzsch vom Deutschen Fleischer-Verband: »Bei den Leuten ist angekommen, dass die Grippe nichts mit Schweinefleisch zu tun hat.«

 
Leser-Kommentare
  1. Diese Unterscheidung verschwimmt meines Erachtens nach in diesem Artikel. Furcht hat man vor einem konkreten Problem: es brennt, man wird angegriffen, eine Krankheit geht umher. Ob diese Furcht vor einer Krankheit nun gerechtfertigt ist oder nicht ist dabei völlig nebensächlich - verschwindet die Bedrohung, ist auch die Furcht weg.

    Angst ist aber anders, Angst ist ein Geisteszustand. Wer Angst hat, hat diese auch ohne Anlass und hat ständig das Gefühl, dass ihm 'irgendetwas' Schlimmes zustoßen wird. Es gibt keinen Stimulus, den man da entfernen könnte. Diese Menschen haben einfach immer Angst und erfahren folgerichtig auch immer die stressvollen Symptome davon, weswegen die Lebensqualität rapide bergab geht.

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    Naja, Angst ist sehr wohl auch reizabhängig (und auch bewertungsabhängig) ... Es ist nicht so, dass man zwingend ständig Angst haben muss (wie bei einer Generalisierten Angststörung ... und auch da gibt es irgendwelche Auslöser)

    Aber es ist richtig, dass Angst nicht gleich Furcht ist, was selbst in Psychologie und Neurowissenschaften immer wieder gern vergessen wird ... Auch wenn das Verständnis hier noch unvollständig gibt es hier eine interessante Theorie von Gray - die Reinforcement Sensitivity Theory (RST), die 3 Gehirnsysteme postuliert, eins davon (das Flight-Fight-Freeze-System) reagiert auf aversive Reize mit der Emotion Furcht, während ein anderes (das Behavioral Inhibition System) auf Annäherungs-Vermeidungs-Konflikte mit der Emotion Angst reagiert, Angst wäre demnach etwas konflikthaftes und verhaltenshemmendes (um es dann neu auszurichten), währen Furcht unmittelbar je nach Situation entweder Fight-Flight-Freeze diktiert ... schon mal ein interessanter Ansatz ...

    Naja, Angst ist sehr wohl auch reizabhängig (und auch bewertungsabhängig) ... Es ist nicht so, dass man zwingend ständig Angst haben muss (wie bei einer Generalisierten Angststörung ... und auch da gibt es irgendwelche Auslöser)

    Aber es ist richtig, dass Angst nicht gleich Furcht ist, was selbst in Psychologie und Neurowissenschaften immer wieder gern vergessen wird ... Auch wenn das Verständnis hier noch unvollständig gibt es hier eine interessante Theorie von Gray - die Reinforcement Sensitivity Theory (RST), die 3 Gehirnsysteme postuliert, eins davon (das Flight-Fight-Freeze-System) reagiert auf aversive Reize mit der Emotion Furcht, während ein anderes (das Behavioral Inhibition System) auf Annäherungs-Vermeidungs-Konflikte mit der Emotion Angst reagiert, Angst wäre demnach etwas konflikthaftes und verhaltenshemmendes (um es dann neu auszurichten), währen Furcht unmittelbar je nach Situation entweder Fight-Flight-Freeze diktiert ... schon mal ein interessanter Ansatz ...

    • wowman
    • 19.10.2009 um 17:45 Uhr

    "Die angsttrompeter" von Heinz Hug.
    Wenngleich Hug es sich leider nicht verkneifen konnte, "die 68er" als Ursache kollektiver Irrationalitäten auszumachen, öffnet das Buch dennoch die Augen des Lesers, der bereit ist, seine medial geschrten "Ängste" einer Prüfung zu unterziehen.

  2. Die Angst seine Arbeit oder sein Leben zu verlieren.

    Wer aber suggeriert uns unsere tägliche Angst:

    All jene Gazetten, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, mit bunten Bildern all jene Bürger aufzuklären, deren geistiger Horizont immerhin bis an den Rand des Horizonts führt und deren Wissen lediglich darin besteht, die Erde sei immer noch eine Scheibe.

    Nun mag jemand sagen, dass die Angst vor dem Tod noch größer sei als die, seine Arbeit zu verlieren.
    So ganz von der Hand zu weisen ist diese Aussage auch nicht.
    Es kommt dann immer noch auf die Betrachtungsweise und die Situation an, in der man sich befindet.

    Wer sich mit der Angst auseinandersetzt, der kann aber diese Angst besiegen.
    Voraussetzung dafür ist sein eigener Wille und seine Fähigkeit, weiter zu denken als es durch die öffentliche Meinungsmache suggeriert wird.
    Dazu muss sich der Einzelne aber mit seiner Umwelt auseinandersetzen und das heißt nun einmal, sich seine eigene Meinung zu bilden und sich diese nicht "BILDen" zu lassen.

    Eine Leser-Empfehlung
  3. Ich bezweifle, ob die Menschen heute wirklich mehr Angst als früher haben. Ich denke, sie hat sich lediglich verlagert. Auch früher hatte man Angst: Vor Hexen, Seuchen, Herrschern, Unwettern... Heute ist es halt anderes. Auch bezweifle ich, dass die vom Autoren genannten Erklärungen für das Mehr an Angst, wirklich gehaltvoll sind:

    "Wir haben weniger Bindungen." Auch der heutige Mensch hat viele Bindungen, es ist halt einfach nicht mehr die dörfliche Gemeinschaft und die Sippe, sondern ein weiter Kreis von Bekannten, Freunden, Arbeitkollen, Vereinskollegen... Der Austausch mit einer grossen Vielfalt an Menschen ist sogar grösser als früher, da die Bekannten aus einem weiteren Kreis kommen als früher.

    "Wir haben viele Möglichkeiten." Früher waren die sozialen Verhaltensnormen oftmals sehr viel rigider, das Leben durchreglementierter, die soziale Kontrolle stärker. Ich denke, da waren die Ängste (zu versagen oder in ein Leben hineingedrängt zu werden, das man eigentlich nicht will) grösser. Heute kann man nicht mehr so viel falsch machen, da heute eine breitere Pallette an Lebensentwürfe in der Gesellschaft allgemein akzepiert wird.

    "Wir haben viel zu verlieren." Klar haben wir objektiv gesehen mehr als früher, aber unser Wohlstand und Einkommen hängt meist nicht mehr unmittelbar davon ab. Wenn einem früher die Werkstatt abgebrannt ist oder das Vieh krank wurde, konnte dies Lebensbedrohlich werden, da gleich das Einkommen wegfiel. Heute spring die Versicherung ein.

    Eine Leser-Empfehlung
  4. Naja, Angst ist sehr wohl auch reizabhängig (und auch bewertungsabhängig) ... Es ist nicht so, dass man zwingend ständig Angst haben muss (wie bei einer Generalisierten Angststörung ... und auch da gibt es irgendwelche Auslöser)

    Aber es ist richtig, dass Angst nicht gleich Furcht ist, was selbst in Psychologie und Neurowissenschaften immer wieder gern vergessen wird ... Auch wenn das Verständnis hier noch unvollständig gibt es hier eine interessante Theorie von Gray - die Reinforcement Sensitivity Theory (RST), die 3 Gehirnsysteme postuliert, eins davon (das Flight-Fight-Freeze-System) reagiert auf aversive Reize mit der Emotion Furcht, während ein anderes (das Behavioral Inhibition System) auf Annäherungs-Vermeidungs-Konflikte mit der Emotion Angst reagiert, Angst wäre demnach etwas konflikthaftes und verhaltenshemmendes (um es dann neu auszurichten), währen Furcht unmittelbar je nach Situation entweder Fight-Flight-Freeze diktiert ... schon mal ein interessanter Ansatz ...

    Antwort auf "Angst =! Furcht"

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