Serie Die soziale Stadt

Keine andere deutsche Großstadt zerfällt derart schnell in Arm und Reich wie Berlin. Immer mehr Viertel versinken in Kriminalität und Hoffnungslosigkeit. Sind sie noch zu retten?

Familien und Singles, Karrieremenschen und Arbeitslose, Migranten, Studenten und Rentner: Im Quartier der Zukunft leben Menschen mit ganz verschiedenen Lebensstilen in enger Nachbarschaft

Familien und Singles, Karrieremenschen und Arbeitslose, Migranten, Studenten und Rentner: Im Quartier der Zukunft leben Menschen mit ganz verschiedenen Lebensstilen in enger Nachbarschaft

Die Schilder aufzustellen fiel Peter Kranz schwer. Lange hatte der Berliner Pfarrer darum gekämpft, dass alle Nachbarn den Park rund um die Lutherkirche in Spandau-Neustadt einträchtig nutzen. »Privatgelände« steht da nun geschrieben. Und: »Alkohol trinken verboten«. Der Kirchenplatz war zum Treffpunkt der Trinker im Viertel geworden. »Der Lärm sorgte für viel Ärger«, sagt Kranz. »Ein Nachbar hat sogar gedroht, mit der Schrotflinte auf sie zu schießen, falls sie nicht verschwinden.« Seit das Schild steht, kann Kranz die Polizei rufen, wenn vor seiner Kirche gesoffen wird. Doch das eigentliche Problem ist damit nicht gelöst – jetzt prosten sich die Trinker einfach auf der anderen Straßenseite zu.

Berlin ist weit entfernt vom Ideal einer Stadt, die all ihren Bewohnern ein gutes Umfeld und gute Wohnbedingungen bietet. Das eine Viertel wird immer attraktiver, das nächste – wie Spandau-Neustadt – stürzt umso tiefer. Allein die Marktgesetze von Angebot und Nachfrage bestimmen, wer wo lebt.

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Segregation nennen Wissenschaftler den Zerfall von Großstädten in höchst verschiedene Quartiere. Er ist bundesweit zu beobachten, im einst geteilten Berlin entfaltete der Mauerfall allerdings eine besondere Sprengkraft. Seit 1990 vollzieht sich hier im Zeitraffer, was anderswo nach und nach geschah: Zu Hunderttausenden zogen Mittelschichtsfamilien, die zuvor ihre Viertel sozial stabilisiert hatten, ins Umland. Viele Wohnungen wurden frei, die Bevölkerung sortierte sich nach Arm und Reich.

Berlin musste schon immer große soziale Widersprüche aushalten. Ich bin zuversichtlich, dass das Zusammenleben hier auch in Zukunft funktionieren wird. Zum Glück ist die Stadt dezentral organisiert: Wenn es in einem Bezirk zu teuer wird, ziehen die Kreativen einfach weiter.

Jim Rakete, 58, Fotograf

»Arbeitslosigkeit, Armut, Kinderreichtum und den Bildungsstand der Bevölkerung kann man inzwischen in vielen Städten an der Adresse ablesen«, heißt es in einer Studie der Bertelsmann Stiftung. Berlin ordnen die Forscher als besonders heterogen ein. In kaum einer anderen Stadt sind die sozialen Unterschiede so immens.

Spandau-Neustadt etwa ist ein Viertel, das immer mehr verwahrlost. Das Berliner Establishment, das stolz sein möchte auf seine Stadt, ignoriert seine Existenz. Und anders als im Prenzlauer Berg, in Kreuzberg oder neuerdings in Neukölln ebnet keine Künstler- und Studentenszene den Weg zum attraktiven Kiez. Das Morbide hier ist nicht charmant. Rund um die Lutherkirche bleiben die Verlierer unter sich.

Was Berlin tun müsste, um zur sozialen Stadt zu werden? »Berlin als Ganzes gibt es gar nicht. Tempelhof ist anders als Zehlendorf und Neukölln ganz anders als Marzahn«, sagt Wolfgang Hinte, Professor am Institut für Stadtteilentwicklung der Universität Duisburg-Essen. Eine Stadt setze sich immer aus Quartieren zusammen, die alle einer eigenen Logik folgten.

Leser-Kommentare
  1. Wenn die kleinen Kinderchen ordentlich in die Schule gehen und betreut werden, dann koennen die sogar auf die Uni (unglaublich nicht wahr)!

    Aber nix da, die Intellektuellen faseln von Ausbildungsplaetze wobei es doch schon laengst zu spaet ist und den Kinderchen jegliche Grundlage fehlt.

    Ich bin ja wirklich nicht sonderlich politisch aber hier, hier koennte der Staat ja mal wirklich den ausufernden Mist der sich Medien (und der damit einhergehenden Werbung) schimpft einschraenken. Die verkaufen doch nur Flausen.

    Deutschland hat ausser seinem Knoff hoff nix weiter, und dieses muss gepflegt werden. Kann mir kein erzaehlen dass unter den ganzen Imigranten nicht das ein oder andere Edelsteinchen rumkullert.

    Und, um auf die Ueberschrift zurueck zu kommen, nen Rohdiamanten kann man nicht direkt auf nen Ring setzen.

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    Lieber pu_king81,

    Ihren Weltschmerz würde ich nicht gerne Teilen. Eine derart ausufernde und verfehlende Einschätzung zum Thema und zum Thema Medien habe ich mir nicht einmal in meinen kühnsten Träumen ausmalen können.

    Das Sie hier wirklich die Zeit-Redaktion beschimpfen und nach einer Art Zensur schreien kann ja wohl nicht ihr ernst sein?

    Machen Sie sich doch mal lieber Gedanken über ganze Nachmittage, im deutschen Fernsehen, welche nur Familien aus den angesprochenen Problemvierteln präsentieren. Junge Mütter, Drogenabhängige, zerstörte Familien und jugendliche Arbeitslose 5 Tage die Woche. Ohne Lösungsansatz, nur als Porträt.

    Die Zeit versucht hier nur einen Lösungsansatz zu präsentieren wie er zz in Berlin angewendet wird.

    Grüsse

    Lieber pu_king81,

    Ihren Weltschmerz würde ich nicht gerne Teilen. Eine derart ausufernde und verfehlende Einschätzung zum Thema und zum Thema Medien habe ich mir nicht einmal in meinen kühnsten Träumen ausmalen können.

    Das Sie hier wirklich die Zeit-Redaktion beschimpfen und nach einer Art Zensur schreien kann ja wohl nicht ihr ernst sein?

    Machen Sie sich doch mal lieber Gedanken über ganze Nachmittage, im deutschen Fernsehen, welche nur Familien aus den angesprochenen Problemvierteln präsentieren. Junge Mütter, Drogenabhängige, zerstörte Familien und jugendliche Arbeitslose 5 Tage die Woche. Ohne Lösungsansatz, nur als Porträt.

    Die Zeit versucht hier nur einen Lösungsansatz zu präsentieren wie er zz in Berlin angewendet wird.

    Grüsse

  2. Seltsam - was man da jetzt so als 'Neue Ideen' verkauft, habe ich als Stadtplaner schon vor 10 Jahren erzählt... Und selbst vor gut zwei Jahren habe ich hier in der ZEIT-Community reichlich Prügel dafür bezogen, weil immer genau diejenigen, die am lautesten die Kriminalität in den sozialen Brennpunkten der deutschen Großstädte beklagten diejenigen waren, die waren, die am lautesten gegen deren Auflösung brüllten.

    Und seien wir einmal ehrlich: für einen Wohnungsbauinvestor sind doch Wohnungen für Hartz-IV-Empfänger ein absoluter Traum: das Geld geht direkt vom Amt aufs eigene Konto. Und das garantiert - da sind doch satte Gewinne drin. Und wenn die Wohnsilos verwohnt sind, werden sie ausgegliedert und die neue Gesellschaft geht dann Konkurs. Der Staat zahlt dann ja...

  3. 3.

    Sehr interessanter Artikel. Jedoch vermisse ich die Gegenseite etwas. Also die mit der Gentrifizierung einhergehende Vertreibung der ansässigen Bevölkerung (aus mittleren und unteren Schichten) aus den neuen hippen Vierteln. Das führt ebenfalls zur Homogenisierung und kann im schlimmsten Fall ja zu Gated-Cities führen oder ähnlichem.

    Und Alexander Mitscherlich kritisiert in seinem Pamphlet ja nicht in erster Linie die Wohnsilos im baulichen Sinn. Vielmehr kritisiert er das Streben der Wohnungsbaugesellschaften nach Rendite, wobei die Bedürfnisse der Menschen in Vergessenheit geraten.
    Aber in diesem Streben nach Rendite liegt meiner Ansicht ein Grund für die Verslumung vieler Viertel. Denn Eindwanderer finden über den offiziellen Wohnungsmarkt keine Bleibe und sind auf den inoffiziellen Wohnungmarkt in bereits segregierten Vierteln angewiesen.

    Den mediterranen Vorstadt-Look mit Hollywoodschaukeln mit hat Mitscherlich aber genauso kritisiert. :)

    Es ist aber schon bemerkenswert, daß diese Probleme bereits vor mehr als 40 Jahren präsent waren und sich kaum etwas geändert hat.

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    Sich nur auf Berlin zu kaprizieren genügt nicht - man muss alle Grossstädte sehen. Und in denen sieht es auch nicht besser aus. Was heisst besser?

    Wir müssen erst mal vom Vorhandenen ausgehen. Da gibt es Positives und Negatives. Und wir müssen die Begriffe klären. Was ist zB ein Slum? Wer Filme über die Weltmetropolen sieht merkt, dass man auch in sog. Slums gut leben kann. Vor allem als einer, der in einem solchen Slum geboren wurde und nichts anderes kennt. Für den ist auch ein Slum Heimat.

    Ich kenne Bangkok als Tourist, der 1995 einige Tage dort verbracht hat - Bangkok ist für einen Menschen, der in einer mittleren deutschen Stadt aufgewachsen ist, ein Moloch. 20 Millionen Einwohner. Hochhäuser im Bau. Auffallend die vielen Taxis, Motorradtaxis und Fahrräder. Eine vollkommen andere Kultur. Eine Stadt im Aufbruch eben. Trotzdem gibt es auch dort lachende glückliche Menschen.

    Also: man muss genauer hinsehen, länger in solchen Metropolen leben und sich dann ein Bild machen. Es kann sein dass sich dann die Perspektive des Kritikers in Luft auflöst.

    Sich nur auf Berlin zu kaprizieren genügt nicht - man muss alle Grossstädte sehen. Und in denen sieht es auch nicht besser aus. Was heisst besser?

    Wir müssen erst mal vom Vorhandenen ausgehen. Da gibt es Positives und Negatives. Und wir müssen die Begriffe klären. Was ist zB ein Slum? Wer Filme über die Weltmetropolen sieht merkt, dass man auch in sog. Slums gut leben kann. Vor allem als einer, der in einem solchen Slum geboren wurde und nichts anderes kennt. Für den ist auch ein Slum Heimat.

    Ich kenne Bangkok als Tourist, der 1995 einige Tage dort verbracht hat - Bangkok ist für einen Menschen, der in einer mittleren deutschen Stadt aufgewachsen ist, ein Moloch. 20 Millionen Einwohner. Hochhäuser im Bau. Auffallend die vielen Taxis, Motorradtaxis und Fahrräder. Eine vollkommen andere Kultur. Eine Stadt im Aufbruch eben. Trotzdem gibt es auch dort lachende glückliche Menschen.

    Also: man muss genauer hinsehen, länger in solchen Metropolen leben und sich dann ein Bild machen. Es kann sein dass sich dann die Perspektive des Kritikers in Luft auflöst.

    • panq
    • 15.09.2009 um 21:36 Uhr
    4. Test

    Test

    • outis
    • 15.09.2009 um 21:42 Uhr

    In Bonn wär dat nie passiert!

    • rabin
    • 15.09.2009 um 21:50 Uhr
    6. Global

    Wir leben in der Zeit der Verfügbarkeit von Wissen aus aller Welt.

    Wir können also gut beobachten, was mit Städten passiert, die "unregierbar werden",ebenso wie Konzepte, zum Beispiel in Brasilien, wie man mit geschickten Maßnahmen den Herausforderungen der Moderne beikommt.

    Es ist eine Mindestpflicht der Experten, das weltweite Wissen über Stadtentwicklung zu studieren und umzusetzen.

    • keox
    • 15.09.2009 um 22:07 Uhr

    wem nutzt diese Situation?

    Dann klären sich auch alle anderen Fragen

  4. Ist letztlich genau wie in München mit den prügelnden Jugendlichen. Ich habe neulich die sehr interessante Hypothese gelesen, dass es auch damit zusammenhängt, dass im Angesicht besonders großer Differezen zwischen den gesellschaftlichen Antipoden das Minderwertigkeitsempfinden besonders ausgeprägt ist und daher stärkere Dispositionen zu Selbstvernachlässigung und Gewalt auftreten.

    Trifft ja irgendwie auch auf Berlin zu.

    Ansonsten verwundert mich die beschriebene Verhältnismäßigkeit nicht, denn Berlin ist letztlich ein hochsubventionierter Moloch, in dem eine kleine, direkt und indirekt volksfinanzierte Elite mit entsprechend privatwirtschaftlich gesponsertem High-End-Lobbyumfeld und einigem weiterem privatwirtschaftlichem Engagement aus Image-Gründen residiert. Der Rest ist gesamtdeutsche Realität.

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