Paläogenetik "Unheimliche Dinge werden möglich"

Stephan Schuster möchte mithilfe der Gentechnik ausgestorbene Tiere wiederauferstehen lassen. Mammuts könnten eines Tages einen Eiszeitpark in Sibirien bevölkern. Vor dem Klonen von Neandertalern schreckt der Paläogenetiker aber zurück.

ZEIT Wissen: Herr Professor Schuster, sind Sie eigentlich ein Tierfreund?

Stephan Schuster: Zunehmend. Früher hat es mit einem Haustier bei mir nicht so gut geklappt. Aber inzwischen lebt eins bei uns: Meine Kinder haben eine Eidechse.

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ZEIT Wissen: Und Sie erforschen nun das Erbgut ausgestorbener und bedrohter Tierarten. Mögen Sie Mammuts?

Stephan Schuster: Durch die Arbeit mit ihren Erbmolekülen habe ich tatsächlich ein sehr inniges Verhältnis zu ihnen aufgebaut. Allerdings glaube ich, dass alle Menschen der nördlichen Hemisphäre auf die eine oder andere Art eine Beziehung zum Mammut haben. Selbst Kinder kennen Mammuts durch Comics und Filme. Sie sind bis heute ein Teil unserer Gesellschaft geblieben.

ZEIT Wissen: Mensch und Mammut scheinen eine lange gemeinsame Geschichte zu haben.

Stephan Schuster: Für die Menschen der Eiszeit war das Mammut das, was die Kuh für uns heute ist: Die Knochen, die Haut und sein Fleisch haben im Pleistozän eine wesentliche Rolle gespielt.

ZEIT Wissen: Was ist an Mammuts so interessant, dass man ihr Erbgut entziffern muss?

Stephan Schuster

Der deutsche Paläogenetiker forscht an der Pennsylvania State University in den USA. Zuvor arbeitete Schuster am Tübinger Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie. Sein bekanntestes Projekt ist die Rekonstruktion des Mammuterbguts. Die DNA-Proben extrahierte er aus Mammuthaaren, die er nach Rücksprache mit russischen Behörden und Wissenschaftlern für 132 Dollar bei eBay ersteigerte. Außer dem Mammut erforscht Schuster die Evolutionsmechanismen von Bakterien sowie die Erbmoleküle bedrohter Tierarten. Damit will er zum Erhalt der Artenvielfalt beitragen. Zurzeit untersucht der 47-Jährige mit seinen Kollegen die Gene des vom Aussterben bedrohten Tasmanischen Teufels.

Stephan Schuster: Wir arbeiten nicht aus lauter Liebe am Erbgut des Mammuts. Doch weil man viele Mumien von ihm in den Permafrostböden gefunden hat und daher reichlich Proben zur Verfügung stehen, ist das Tier so etwas wie ein Modellsystem geworden.

ZEIT Wissen: Welchen Anteil des Mammutgenoms haben Sie inzwischen entziffert?

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Stephan Schuster: Etwa 70 Prozent sind sequenziert. Wir arbeiten aber weiter daran und wollen das Mammutgenom mit derselben Genauigkeit entschlüsseln, die heute Standard bei modernen Säugetiergenomen ist. Das heißt, wir werden dieses Genom insgesamt zehn- bis zwanzigmal lesen, um sicherzustellen, dass wir keine Fehler darin haben.

ZEIT Wissen: Was haben Sie bislang herausgefunden?

Stephan Schuster: Es gibt eine sehr interessante Parallele zum Menschen. Vor sechs bis sieben Millionen Jahren begann die Auffächerung der Affen, die ja auch zum Menschen führte. Etwa zum gleichen Zeitpunkt trennten sich bei den Elefanten die Wege des Afrikanischen und des Indischen Elefanten und eben des Mammuts. Das Mammut ist also ein ebenso moderner Elefant wie die anderen auch. Es hatte nur das Pech, auszusterben, bevor wir es erleben konnten.

Leser-Kommentare
    • mühli
    • 02.10.2009 um 18:53 Uhr

    Ein kleiner Schritt zum geklonten Mammut, ein großer zum geklonten Menschen. Hauptsache die Leute haben was zum Glotzen und es lässt sich damit Kohle verdienen! Danke für diese schöne neue Forschungswelt!

    Gute Nacht!

  1. könnte man fast denken. Denn wichtiger als die Wiederbelebung verstorbener, ist ja doch der Erhalt der akut bedrohten Arten - und davon gibt es allzu viele! Dieses Problem ist ja nur ansatzweise gelöst. Diese High-Tech-Forschung bewirkt allein durch ihre Mittelbindung eine indirekte Schwächung des Artenschutzes, auch könnte man sich ja sagen, halb so schlimm, wenn eine Art ausstirbt, wir können sie ja nachzüchten. Andererseits wird so die allgemeine Sensibilität für diese Dinge erhöht.

    • Puzi
    • 03.10.2009 um 12:22 Uhr

    Der Mensch ändert die Umwelt - daran will ich nicht rütteln.

    Die Frage die ich stellen möchte - kann er es verhindern? Jahrelang wurden kleine natürliche Waldbrände verhindert, jetzt haben wir überalterte Wälder und wenns brennt ist der gesamte Wald futsch (und manchmal Dörfer inklusive Menschen mit).

    Arten sterben - momentan sehr viel schneller als normal. Aber es gab mindestens 9 mal in der Vergangenheit der Erde Massensterben, nur selten ausgelöst durch Meteoriten. Wir selbst verdanken unsere "Herrschaft" über die Erde einem solchen Massensterben, denn erst dadurch konnten sich die Säugetiere aus dem Schatten der Reptilien lösen.

    Die Erde ändert sich und wir werden es dank kleinlicher Differenzen sowieso nicht aufhalten. Also sollte man sich langsam mal Gedanken machen, wie die Zukunft aussieht.

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