Der Täter muss durch das Fenster eingestiegen sein. Wahrscheinlich ist er über den Jägerzaun geklettert und hat sich an dem Gartenzwerg vorbei durch das Beet geschlichen, in der Erde ist der Abdruck seines Schuhs zu erkennen. Als er die Scheibe der Gartenlaube einschlug, hat er sich verletzt, an den Glassplittern klebt noch Blut.

Der Einbruch sieht aus wie echt – ist er aber nicht. Der Jägerzaun, der Gartenzwerg und das Ketchup an der Scheibe sind Teil einer Kulisse, in der angehende Kriminalisten üben, wie man Spuren sichert. Die Laube steht nicht in einem Schrebergarten, sondern im Ausbildungszentrum der Berliner Polizei in Spandau. Kriminalhauptkommissar Siegfried Weller zeigt, welche Tatorte seine Kollegen und er hier für Kriminalistik-Studenten nachgestellt haben, sein Hund Zeus trottet hinter ihm her. An dem Flur im Dachgeschoss befinden sich neben der Gartenlaube unter anderem ein Baucontainer, ein Tante-Emma-Laden, eine Bar und eine komplett eingerichtete Zweizimmerwohnung – »Tatortstraße« nennen die Berliner Polizisten ihre künstliche Welt.

Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen

Was die Studenten hier lernen, sind sauberes Handwerk und altbewährte Methoden der Kriminalistik: Mit welchem Werkzeug wurde die Tür aufgebrochen? Wo könnte ein Verdächtiger in seiner Wohnung etwas versteckt haben? Wie pinselt man Rußpulver korrekt auf Fingerabdrücke? Doch die klassische Kriminalistik bekommt zunehmend Konkurrenz: Biologen, Mediziner, Hirnforscher und Ingenieure entwickeln immer neue wissenschaftliche Methoden zur Aufklärung von Verbrechen. Hightech überholt Handwerk: Die DNA-Analyse hat Tausende von Verbrechern überführt und unschuldig Verurteilte entlastet. Inzwischen beginnen Genetiker sogar, vom Erbgut eines Verdächtigen auf sein Aussehen zu schließen. Neurowissenschaftler versuchen, mit bildgebenden Verfahren zu unterscheiden, wer lügt und wer die Wahrheit sagt, und eine neue Kameratechnik sorgt dafür, dass Ermittler am Tatort keine Spur mehr übersehen. (Klicken Sie hier für eine Infografik.)

Viele Kriminalisten der alten Schule stehen den hochgerüsteten forensischen Methoden allerdings skeptisch gegenüber. Neue Methoden setzen sich nur langsam durch, schließlich müssen sie auch vor Gericht bestehen. Und tatsächlich liegen die Kommissare nicht immer falsch mit ihren Bedenken: Die wissenschaftlichen Praktiken sind störanfällig – manchmal allein deshalb, weil Kriminalbeamte sich blind auf die aufwendige Technik verlassen und sich in scheinbarer Sicherheit wiegen. Verfechter der neuen Verfahren dagegen halten die altbewährten Methoden oft für überholt, von der neuen Technologie versprechen sie sich umfassendere und präzisere Ergebnisse.

Seit einigen Monaten arbeitet die Kriminalpolizei Hannover mit einer Kamera, die Tatorte mit sämtlichen Details und in höchster Auflösung scannt. »Wir haben vor Kurzem Spuren in einer Wohnung gesichert, in der eine Vergewaltigung stattgefunden hatte«, sagt die Kriminalkommissarin Nina Graupner. »Da war es besonders wichtig, den Zustand des Betts genau zu dokumentieren, weil dort die Tat passiert ist.« Wie sieht die Bettdecke aus? Gibt es Hinweise darauf, dass Täter und Opfer miteinander gekämpft haben? Solche Fragen sind entscheidend für den Gerichtsprozess. Deshalb stellte die Kommissarin die sogenannte Spheron-Kamera auf.

Das Gerät dreht sich einmal komplett um die eigene Achse und nimmt ein vollständiges Bild des Raums auf, das die Kriminalbeamten später in ein Computerprogramm übertragen und am Bildschirm immer wieder aufrufen. So können sich auch Kollegen ein Bild vom Tatort machen, die nie dort waren. Bei der Kripo Hannover ist das besonders wichtig, weil die ermittelnden Kommissare – anders, als man es von Fernsehkrimis kennt – gar nicht selbst den Ort des Verbrechens besichtigen. Für die Spurensicherung und die Dokumentation des Tatorts ist die Abteilung zuständig, in der Nina Graupner arbeitet. Sie gibt die Ergebnisse dann weiter an die Kollegen, die in dem Fall ermitteln. Bisher mussten diese sich die Situation anhand einzelner Fotos und eines Berichts veranschaulichen, jetzt stehen sie praktisch mittendrin. Auch die Richter bekommen so eine genauere Vorstellung vom Geschehen.

In dem Computermodell des Tatorts markiert Graupner die Spuren, die ihre Kollegen gesichert haben – Haare oder Speichelspuren an einem Glas etwa. »Wenn zum Beispiel eine Blutspur erst später durch die chemische Bearbeitung sichtbar wird, können wir sie nachträglich in das Gesamtbild einfügen«, erklärt Graupner. »Und wenn wir ein Detail vom Tatort noch einmal genauer ansehen wollen, einen Blutspritzer an der Wand vielleicht, können wir ihn in der 3-D-Optik heranzoomen.«

Doch nicht jede Polizeidienststelle kann sich die Spheron-Kamera leisten, zusammen mit der passenden Software kostet sie mindestens 80.000 Euro. In der Berliner Tatortstraße lernen die Studenten, auch ohne diese aufwendige Ausrüstung zurechtzukommen. Sie notieren auf sogenannten Spurensicherungsblättern, wo genau im Raum sie Haare oder Speichel entdeckt haben.

Weller bückt sich im nachgebauten Wohnzimmer der Tatortstraße, hebt den Teppich an und nimmt ein locker sitzendes Stück aus dem Laminatboden. Wenn die Studenten üben, wie man Wohnungen durchsucht, dürfen sie dieses Versteck nicht übersehen. Weller geht weiter in die Küche, Zeus hinterher. »Da nicht genügend Geld für die Ausstattung zur Verfügung stand, haben viele Kollegen der Berliner Polizei und wir selbst Möbel gespendet«, sagt der Kommissar. Sein alter Gasherd gehört jetzt zur Kulisse.