Über den Geschmack von Bioessen lässt sich streiten – auch unter Wissenschaftlern

Es ist ein schönes Gefühl, am Abend vor der Ernte noch einmal auf dem Feld im reifen Korn zu stehen, wenn der Wind über die rötlich-goldenen Ähren streift. Klaus Rauhaus, Gutsverwalter von Wendlinghausen und Herr über 90 Hektar Getreide, geht ein paar Schritte in den brusthohen Dinkel. Es ist ein kleines Feld, so groß wie sechs Fußballfelder, Korn für 390.000 Brötchen wächst hier. Rauhaus, ein sportlicher Typ mit kurzen Haaren, pult Körner aus der Ähre und probiert sie. »Erst wenn es beim Beißen knackt, ist der Dinkel trocken genug für die Ernte«, erklärt er. Die endgültige Entscheidung aber bringt ein Messgerät. 16Prozent Feuchtigkeit zeigt das an: Erntereife. Rauhaus bestellt einen Mähdrescher beim Lohnunternehmer, der in diesen Tagen bereitstehen muss wie eine Hebamme vor der Geburt.

Bevor der Mähdrescher am nächsten Morgen aufs Feld fährt, kontrolliert Rauhaus, ob die Ladefläche restlos leer ist. Schon Getreidereste mit Pestizidrückständen könnten die gesamte Ernte des Feldes für die Verarbeitung als Biogetreide unbrauchbar machen.

In Wendlinghausen wächst konventionelles Getreide Feld an Feld mit dem Biokorn der Gutsbesitzer, auf den ersten Blick ist es kaum zu unterscheiden. Doch die Nähe trügt. Zwischen biologisch und konventionell produzierten Lebensmitteln liegen Welten. Bio steht für ein anderes Geschäftsmodell, für alternative Vertriebswege und strenge Kontrollen. Bio steht für ein anderes Lebensgefühl. Und meistens steht es auch für die Hoffnung, dass das Biogetreide irgendwie gesünder, weil pestizidfrei ist, dass die Biomöhre mehr Vitamine enthält und das Fleisch in der Biosalami von glücklichen Schweinen stammt.

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Ist diese Hoffnung berechtigt? Ist Bio wirklich besser? Muss man sich diesen Vorteil teuer erkaufen? Die Antworten bekommt man nicht im Supermarkt. Wer mehr wissen will, muss nach draußen gehen – zum Beispiel um die Produktion eines Dinkelbrötchens von der Ernte bis zum Bäcker zu verfolgen, bei der Möhrenernte zuzusehen oder einen Blick in einen Schweinestall zu werfen.

Für Klaus Rauhaus ist der größte Unterschied zwischen biologischem und konventionellem Anbau zuerst einmal der Ertrag: Biobauern ernten nur halb so viel Getreide wie ihre Kollegen aus der konventionellen Landwirtschaft. Auf dem Feld nebenan stehen die Ähren dicht an dicht, das macht sie anfälliger für Pilzbefall, bringt aber auch mehr Getreide.

Wenn der Nachbar seine Felder im Frühjahr unkrautfrei spritzt, spannt Rauhaus seinen Striegel hinter den Schlepper, eine riesige Bürste mit Eisenzinken, die die Unkrautpflänzchen herausrupft oder mit Erde bedeckt. »In diesem Jahr ist die mechanische Unkrautbekämpfung gelungen«, sagt er. »Dieses Dinkelfeld hier ist mir schon fast zu sauber geworden. Ein bisschen Kamille, Mohn und Disteln würden es lebendiger machen.« Deshalb sät er ab und zu Streifen mit blühender Bienennahrung zwischen die Felder. Betriebswirtschaftlich gesehen ist das Geldverschwendung, aus ökologischer Sicht ein Gewinn.

Manchmal im Frühling ist Rauhaus ein bisschen neidisch, »wenn der konventionelle Bauer einfach künstlichen Mineraldünger aufs Feld ausbringen kann, der super wirkt, und wir bangen, ob wir mit dem Striegel den richtigen Zeitpunkt erwischt haben«. Weil der Biobauer weder Pestizide noch Kunstdünger verwenden darf, ist das Risiko eines Ernteausfalls viel höher. Er muss sich besser mit Wetter, Boden, Pflanzen und Fruchtfolge auskennen, Fehlerkorrektur mit Chemie ist verboten.