Ethnologie
"Die Vielfalt ist begrenzt"
Trotz unzähliger Unterschiede haben alle Kulturen erstaunlich viel gemeinsam, sagt der Ethnologe Christoph Antweiler. Zum Beispiel sexuelle Tabus, Vetternwirtschaft und Emotionen wie Ekel, Ärger und Trauer. Lässt sich darauf eine bessere Welt bauen?
© Thomas Coex/AFP/Getty Images

"Es müssen nicht alle gleich sein, aber wir können auch nicht alle in ethnischen Enklaven leben", sagt Christoph Antweiler. Der Ethnologe will die Gemeinsamkeiten aller Kulturen ausbauen
ZEIT Wissen: Professor Antweiler ... was ist das denn?
Christoph Antweiler: Barbiepuppen.
ZEIT Wissen: Sind Sie dafür nicht schon zu alt?
Antweiler: Im Gegenteil, für mich werden sie erst jetzt interessant. Diese hier ist die klassische Barbie. Kopf mit Kindchenschema, extrem schmale Taille, große Oberweite, blonde Haare. Und das hier ist eine Gegen-Barbie aus dem Iran, wo 1991 die amerikanische Puppe verboten wurde. Sie ist etwas plumper, und man kann sie nicht ausziehen, weil die Kleidung mit dem Körper vernäht ist.

Antweiler sammelt Barbies aus der ganzen Welt, um kulturelle Gemeinsamkeiten zu finden. Professor wurde er auf Umwegen: In Köln studierte er Geologie und Paläontologie – Ethnologie war nur ein Hobby. 1990 zog er mit seiner Familie für ein Jahr nach Makassar in Indonesien und erforschte, warum die Menschen dort so oft umziehen. Anschließend wurde er Ethnologieprofessor in Trier. Heute lehrt der 53-Jährige in Bonn und lebt in Köln. Sein neues Buch »Heimat Mensch« ist im Murmann Verlag erschienen.
ZEIT Wissen: Und was schließt der Ethnologe daraus?
Antweiler: Das Interessante ist, dass die Puppen kulturell angepasst sind, aber bestimmte Grundmerkmale gemeinsam haben: Symmetrische Gesichter, glatte Haut, schmale Taillen und glänzendes Haar gelten quer durch die Kulturen als Zeichen von Schönheit.
ZEIT Wissen: Das ist ein Klischee.
Antweiler: Das ist Wissenschaft. Wir sprechen von Universalien.
ZEIT Wissen: Es gibt doch auch Kulturen, in denen Männer vollschlanke Frauen begehren.
Antweiler: Das sind ganz wenige Fälle angesichts der 6000 bis 7000 Kulturen, die man weltweit unterscheiden kann. Um die zu finden, muss man schon in die Zentralsahara oder ins Amazonas-Tiefland gehen. Mich interessieren weltweite Ähnlichkeiten, auch wenn sie nicht hundertprozentig universal sind.
ZEIT Wissen: Die Unterschiede zwischen den Kulturen sind doch viel spannender.
Antweiler: Mir geht auf die Nerven, dass Ethnologie immer nur dann fasziniert, wenn es um irgendwelche kulturellen Besonderheiten geht. Es stimmt, dass Ethnologen vor allem Einzelkulturen erforschen, auch ich fahre seit mehr als 20 Jahren jedes Jahr nach Makassar in Indonesien, um dort eine städtische Kultur zu studieren. Aber unter der Oberfläche finden wir Gemeinsamkeiten. Ich sehe Ethnologie als vergleichende Wissenschaft des ganzen Menschen, und deshalb interessieren mich verallgemeinernde Aussagen.
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- Datum 3.11.2009 - 13:56 Uhr
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nie aus ..
>>Antweiler: Ein überzogener Relativismus ist heute leider der Mainstream in den Kulturwissenschaften.
ZEIT Wissen: Was ist daran so falsch?<<
Eigentlich ist die Antwort im Grunde schon in dem Wort "überzogen" enthalten, denn was man richtig findet, wird man wohl kaum mit Vokabeln wie "überzogen" oder "übertrieben" bezeichnen.
Man kann diesen Relativismus auch als einseitig bezeichnen, und das ist in jedem Falle negativ zu bewerten.
Es ist sozusagen die Dialektik der Ethnologie, dass die Menschen sich sehr ähneln UND es diese kulturelle Vielfalt gibt, die aber ohne die Ähnlihkeiten nicht besonders spektakulär wäre. Will sagen, erst die Ähnlichkeit der Menschen untereinander macht die kulturellen Unterschiede überhaupt erst interessant, und daher ist es Unsinn, beides gegeneinander ausspielen zu wollen. Ebensogut könnte man die Schrift, in der das Interview geschrieben ist, gegen den Hintergrund ausspielen wollen, von dem sie sich abhebt.
Leider relativiert Antweiler die Warnung vor dem Kulturrelativismus an einer Stelle. Ich bin zwar gegen einen Kulturchauvinismus, der zu schnell und zu viel wertet und dies auch einer überheblichen Perspektive tut, wäre aber niemals bereit, eine "kulturell" begründete Verachtung bestimmter Menschen einerseits und das Ethos, jeden Menschen zu respektieren und so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden würde, als auch nur annähernd gleichwertig anzusehen. Starker Werterelativismus ist Wertenihilismus.
Wie kann ein Universalien-Ethnologe nur so blind in die Kulturen-Falle tappen?
Kulturen als separierbare Menschengruppen sind ein Relikt aus der Zeit kolonialer Entdecker. Journalist und Forscher verschreiben sich beide unreflektiert archaischem Gruppendenken. Kulturen lösen sich regelmäßig auf, wenn es darum geht, sie empirisch zu fassen.
Gegenvorschlag: Reden wir von Ideen und Mentalitäten oder Kultur in der Einzahl. Ja, es gibt universelle Ideen, die viele Menschen teilen. Ich stimme dem Universalienforscher zu, dass diese Gemeinsamkeiten bedeutender sind als oft angenommen. Es gibt globalisierte Ideen und es gibt lokal verbreitete Ideen.
Das heißt noch lange nicht, dass sich homogene Menschengruppen aufgrund eines Bündels solcher Ideen (genannt Kultur) vom Rest der Menschheit abtrennen lassen. Wenn ein "Ethnologe" eine Vielzahl fremder Eindrücke und Ideen als "homogen anders" wahrnimmt ist dies ungefähr so aussagekräftig wie der Versuch eine Fremdsprache verständnislos nachzuäffen.
Auf die krude Differenzierung universell/relativ lässt sich ebenso leicht verzichten. Lokale und universelle Ideen lassen sich durch ihre lokale oder universelle Basis jeweils getrennt erklären. Wer dialektisch denkt kann zeitliche, lokale und individuelle Anpassungsprozesse nicht ausreichend verstehen, bleibt intellektuell hinter dem empirisch fassbaren zurück und muss auf viele nützliche Ergebnisse der Universalienforschung verzichten.
Überlassen wir die Kulturen doch den Gärtnern.
Schließlich haben wir inzwischen 6 Giga-"Homo-sapiens" alle mal vor vielleicht 6 Megajahren als zahlenmäßig ganz kleine Horde verlauster Obst- und Aasfresser angefangen! Und "die Natur" wäre schön blöd, wenn sie leichtfertig irgendwelche Verdrahtungen oder Programmstrukturen einfach so ändern würde, nur weil wir uns wünschen, dass es anders wäre, wohingegen diese Eigenschaften zumindest für 5,98 Megajahre das Überleben gesichert haben.
Als Sprachwissenschaftler erinnert mich der propagierte Paradigmenwechsel in der Ethnologie an Chomsky's Betrachtung der menschlichen Sprache in der Linguistik. Und da kann ich nur wiederholen was NicolaiP bereits etwas technischer schrieb: menschliches Verhalten ist genetisch fixiert. Unterschiede im Verhalten einzelner Menschen und im Verhalten von kleineren sowie größeren Gruppen von Menschen sind letztlich ziemlich klein.
Eine Auto bleibt ein Auto, ob's nun klein oder groß ist, grün oder blau .. Im Prinzip ist ein Coq-au-vin auch nur eine Art Sauerbraten.
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