Volker Sturm glaubt. »Ich denke, es gibt einen lieben Gott«, sagt er. »Unser Geist kann nach dem Tod weiterexistieren, und wir werden wiederauferstehen.« Seine Religiosität hindert den Kölner Neurochirurgen allerdings nicht daran, tief in die Gefilde des Herrn vorzustoßen. Sturm repariert Seelen.

Um in den Schädel seiner Patienten einzudringen, setzt er zunächst grobes Gerät ein: Bohrer und Skalpell öffnen das Tor zur Seele. Doch hinter der Schädeldecke, wo Theologen den menschlichen Geist und Wissenschaftler die Psyche verorten, verwendet der Chef der Klinik für Stereotaxie und funktionelle Neurochirurgie filigrane Technik. Er verpflanzt mikroelektronische Sonden millimetergenau in kritische Hirnareale. »Damit helfen wir kranken Menschen, ihre geistige Freiheit wieder zu entfalten«, sagt Sturm. »Nennen Sie es Seele oder Psyche: Was den Menschen ausmacht, ist das Ergebnis von zellulären, biochemischen und elektrischen Prozessen in den Neuronenschaltkreisen des Gehirns.«

Das Verfahren, die Tiefenhirnstimulation (Deep Brain Stimulation, DBS), wurde in den neunziger Jahren ursprünglich entwickelt, um Parkinson-Patienten zu behandeln. Inzwischen hat sich jedoch gezeigt: Auch die Symptome psychischer Leiden lassen sich damit beseitigen; Bewusstsein und Gedächtnis werden von den winzigen Stromimpulsen ebenso beeinflusst wie Stimmungen. Aus Tristesse wird Freude, aus Apathie Zuversicht. Der Elektronenfluss, ein bis zehn Volt bei 130 Hertz, beseitigt Ängste oder löst Panik aus, er kann Lust spenden, Ekel oder Zorn erzeugen.

Sturm und seine Kollegen dringen tief ins Hirn vor – zum Innersten des Menschen, seiner Psyche, der Summe der Eigenschaften und Verhaltensweisen , die seine Persönlichkeit einzigartig machen. Wie die Nervenschaltkreise im Kopf eines Menschen sein Wesen hervorbringen, ist eine der schwierigsten und weithin ungelösten Fragen der Wissenschaft.

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Welche Mechanismen machen einen Menschen so einmalig und unverwechselbar? Was weckt zum Beispiel bei dem Biologen Craig Venter einen derart ungeheuren Forschungsdrang? Was macht die oberste Grüne Claudia Roth so schrill und exzentrisch, Schauspieler Christian Ulmen zum Party-Clown und Web-2.0-Ikone Sascha Lobo zum bunten Hund? Und warum ist Sterne-Sänger Frank Spilker so ungeduldig und schwer zufriedenzustellen? Hinter all diesen Fragen verbirgt sich auch eine jahrzehntealte Debatte – die um nature oder nurture: Was steuert nach der Geburt die Entwicklung der Persönlichkeit, was prägt uns? Sind es die Gene, die uns unsere Eltern mitgegeben haben? Oder ist es die Gesellschaft, in der wir aufwachsen, die Familie, die Schule, unsere Freunde?

Bislang scheint es ein unergründliches Wunder zu sein, dass ein Säugling in wenigen Jahren zu einer eigenen Persönlichkeit heranwächst. Nicht verwunderlich ist es also, dass die Menschheit seit Jahrtausenden ein wie auch immer geartetes immaterielles Prinzip am Werk sieht, eine spirituelle Kraft, die sich der naturwissenschaftlichen Erkenntnis entzieht. Für Platon gehörte sie zu den »ersten Schöpfungen, noch vor allen Körpern«. Der Leib galt ihm nur als Fahrzeug der Seele. Und der Philosoph Gottlob Frege (1848 bis 1925) urteilte: Jeder sei »sich selbst in einer besonderen und ursprünglichen Weise gegeben, wie er keinem anderen gegeben ist«. Wer mag schon glauben, dass das Enigma des menschlichen Geistes allein mit biologischen Prozessen zu erklären ist?

Zwar haben Philosophen das Problem in den vergangenen 3000 Jahren vielfach durchdacht, kluge Fragen formuliert und versucht, ein Begriffssystem der Seelenerkenntnis zu erarbeiten. Doch ihre Bemühungen erschöpften sich im immer neuen Nachdenken über die innere Natur des Menschen. Eine Lösung für das Rätsel der Seele fanden die Denker nicht.