Früher oder später muss der Satz ja fallen, wenn man über Familie spricht, darüber, wie sie das Leben formt, es bestimmt, einen nie wieder richtig loslässt: »Blut ist nun einmal dicker als Wasser«, sagt Gert, dreifacher Vater, fünffacher Großvater, seit 15 Jahren mit einem Zahnarzt aus Berlin zusammen. Der 68-Jährige sitzt in seinem Trödelladen zwischen Kaffeekannen und bunten Vasen, ein Stockwerk höher wohnt seine Exfrau, im Haus nebenan seine Tochter Telse mit fünf Kindern, gerade ist sein Sohn aus der Stadt zu Besuch gekommen, und Gert denkt über Familie nach. Er zieht noch einmal am Zigarillo, schaut seinen Sohn an und sagt: »Dieses Zusammenhalten, dieses Füreinander-da-Sein, gerade wenn es jemandem schlecht geht, das ist für mich Familie.«

Gerts Familie, Familie I. aus einer Kleinstadt in Norddeutschland, ist keine klassische Familie, aber eine typische. Heute sind Familien vielfältiger und dynamischer als früher, sie sind Beziehungsgeflechte, die sich ständig verändern, in denen Verbindungen reißen und an anderer Stelle neue entstehen. Manche Politiker mögen angesichts steigender Trennungszahlen und sinkender Geburtenraten den Niedergang der Familie beklagen, Konservative wegen Patchworkfamilien und homosexueller Eltern vor dem Ende aller Tradition warnen. Die Realität aber sieht anders aus: Familie lebt. Und sie ist lebendiger denn je.

»Es gab nie so viele Intensivfamilien: Eltern mit Wunschkindern, für die sie unglaublich viel tun«, sagt Helmut Fend, emeritierter Professor für Entwicklungspsychologie an der Universität Konstanz , der seit mehr als 30 Jahren die Lebensläufe junger Menschen erforscht. Oft sind die Eltern weit über die Jugendzeit hinaus für ihren Nachwuchs da: Jede zweite Frau zieht erst dann bei ihren Eltern aus, wenn sie älter als 21 Jahre ist, jeder zweite Mann, wenn er älter als 24 Jahre ist. Mehr als zwei Drittel der über 60-Jährigen wohnen im selben Ort wie ihre Nachkommen, in der Nachbarschaft oder sogar im selben Haus – im Osten sogar drei Viertel. Nie hielten familiäre Bande länger als heute: Die Menschen leben so lange, dass viele Rentner noch Eltern haben. Und vieles deutet darauf hin, dass die emotionalen Bindungen zwischen den Generationen noch nie so stark waren.

Das hat weitreichende Folgen: Obwohl wir unsere Unabhängigkeit immer stärker beschwören, unsere Individualität, unsere Freiheiten, ist der Einfluss der Familie nach wie vor entscheidend. Zwar ist er subtiler als in Zeiten, da man selbstverständlich den Beruf der Eltern ergriff oder den Hof übernahm – aber nicht minder stark. Wie groß die Bildungschancen eines Menschen sind, welche politischen oder kulturellen Wertvorstellungen er hat oder wie zufrieden er mit seiner Beziehung ist – all das ist auch eine Frage seiner Herkunft, seiner Familie. Ob er glücklich wird, erfolgreich oder selbstbewusst. Jeder ist das Kind seiner Eltern, ist Teil einer Familie. Und damit unter Menschen aufgewachsen, gegenüber denen er sich positioniert, von denen er sich abgrenzt – und von denen er doch meist mehr übernimmt, als ihm lieb ist.

Je enger die Bindung ist, desto prägender wirkt die Sippe. Egal, ob sie friedlich war oder zerstritten, traditionell oder ausgeflippt, emotional oder sachlich, ernsthaft oder voller Leichtigkeit: Die Familie ist eine Schablone, die die Konturen des späteren Lebens vorgibt. Und wer daraus ausbrechen will, der muss sich dieser Vorgaben erst einmal bewusst werden.

»Ich bin überzeugt, dass die Familie einem ganz viel mitgibt«, sagt Gerts Tochter Telse. Die 43-jährige Raumausstatterin, ältestes von drei Geschwistern, sitzt in ihrer Küche, die Wände hat sie hellgrün gestrichen, an der Wand hängt eine Tafel, auf der mit Kinderschrift geschrieben steht: »Mama, wir haben Dich lieb«. »Ich habe meine Eltern immer als sehr mutig empfunden, sie haben uns sehr vertraut und uns viel Freiraum gelassen. Das hat mich geprägt, mein freies Denken kommt sicher daher«, sagt Telse. Sie erinnert sich an Nachmittage, sie war vielleicht sechs, an denen sie mit dem kleinen Bruder und einem Picknickkorb in der Hand vom Haus der Eltern in den nahen Wald wanderte. Ein großes Abenteuer damals, das Gefühl unermesslicher Freiheit. Als sie ihre Mutter kürzlich darauf ansprach, ob das nicht leichtsinnig gewesen sei, antwortete diese, der Vater sei doch immer heimlich hinterhergegangen.