Familie und Sozialisation Die Macht der Familie

Sie prägt unser Leben und entscheidet darüber, ob wir als Kinder glücklich und als Erwachsene erfolgreich sind. Wie sehr können wir unser Leben selbst bestimmen?

Die Familie hat unbestreitbar einen prägenden Einfluss auf die Menschen und ihre Entwicklung. Glück und Erfolg können von der Familie abhängen

Die Familie hat unbestreitbar einen prägenden Einfluss auf die Menschen und ihre Entwicklung. Glück und Erfolg können von der Familie abhängen

Früher oder später muss der Satz ja fallen, wenn man über Familie spricht, darüber, wie sie das Leben formt, es bestimmt, einen nie wieder richtig loslässt: »Blut ist nun einmal dicker als Wasser«, sagt Gert, dreifacher Vater, fünffacher Großvater, seit 15 Jahren mit einem Zahnarzt aus Berlin zusammen. Der 68-Jährige sitzt in seinem Trödelladen zwischen Kaffeekannen und bunten Vasen, ein Stockwerk höher wohnt seine Exfrau, im Haus nebenan seine Tochter Telse mit fünf Kindern, gerade ist sein Sohn aus der Stadt zu Besuch gekommen, und Gert denkt über Familie nach. Er zieht noch einmal am Zigarillo, schaut seinen Sohn an und sagt: »Dieses Zusammenhalten, dieses Füreinander-da-Sein, gerade wenn es jemandem schlecht geht, das ist für mich Familie.«

Gerts Familie, Familie I. aus einer Kleinstadt in Norddeutschland, ist keine klassische Familie, aber eine typische. Heute sind Familien vielfältiger und dynamischer als früher, sie sind Beziehungsgeflechte, die sich ständig verändern, in denen Verbindungen reißen und an anderer Stelle neue entstehen. Manche Politiker mögen angesichts steigender Trennungszahlen und sinkender Geburtenraten den Niedergang der Familie beklagen, Konservative wegen Patchworkfamilien und homosexueller Eltern vor dem Ende aller Tradition warnen. Die Realität aber sieht anders aus: Familie lebt. Und sie ist lebendiger denn je.

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»Es gab nie so viele Intensivfamilien: Eltern mit Wunschkindern, für die sie unglaublich viel tun«, sagt Helmut Fend, emeritierter Professor für Entwicklungspsychologie an der Universität Konstanz, der seit mehr als 30 Jahren die Lebensläufe junger Menschen erforscht. Oft sind die Eltern weit über die Jugendzeit hinaus für ihren Nachwuchs da: Jede zweite Frau zieht erst dann bei ihren Eltern aus, wenn sie älter als 21 Jahre ist, jeder zweite Mann, wenn er älter als 24 Jahre ist. Mehr als zwei Drittel der über 60-Jährigen wohnen im selben Ort wie ihre Nachkommen, in der Nachbarschaft oder sogar im selben Haus – im Osten sogar drei Viertel. Nie hielten familiäre Bande länger als heute: Die Menschen leben so lange, dass viele Rentner noch Eltern haben. Und vieles deutet darauf hin, dass die emotionalen Bindungen zwischen den Generationen noch nie so stark waren.

Das hat weitreichende Folgen: Obwohl wir unsere Unabhängigkeit immer stärker beschwören, unsere Individualität, unsere Freiheiten, ist der Einfluss der Familie nach wie vor entscheidend. Zwar ist er subtiler als in Zeiten, da man selbstverständlich den Beruf der Eltern ergriff oder den Hof übernahm – aber nicht minder stark. Wie groß die Bildungschancen eines Menschen sind, welche politischen oder kulturellen Wertvorstellungen er hat oder wie zufrieden er mit seiner Beziehung ist – all das ist auch eine Frage seiner Herkunft, seiner Familie. Ob er glücklich wird, erfolgreich oder selbstbewusst. Jeder ist das Kind seiner Eltern, ist Teil einer Familie. Und damit unter Menschen aufgewachsen, gegenüber denen er sich positioniert, von denen er sich abgrenzt – und von denen er doch meist mehr übernimmt, als ihm lieb ist.

Je enger die Bindung ist, desto prägender wirkt die Sippe. Egal, ob sie friedlich war oder zerstritten, traditionell oder ausgeflippt, emotional oder sachlich, ernsthaft oder voller Leichtigkeit: Die Familie ist eine Schablone, die die Konturen des späteren Lebens vorgibt. Und wer daraus ausbrechen will, der muss sich dieser Vorgaben erst einmal bewusst werden.

»Ich bin überzeugt, dass die Familie einem ganz viel mitgibt«, sagt Gerts Tochter Telse. Die 43-jährige Raumausstatterin, ältestes von drei Geschwistern, sitzt in ihrer Küche, die Wände hat sie hellgrün gestrichen, an der Wand hängt eine Tafel, auf der mit Kinderschrift geschrieben steht: »Mama, wir haben Dich lieb«. »Ich habe meine Eltern immer als sehr mutig empfunden, sie haben uns sehr vertraut und uns viel Freiraum gelassen. Das hat mich geprägt, mein freies Denken kommt sicher daher«, sagt Telse. Sie erinnert sich an Nachmittage, sie war vielleicht sechs, an denen sie mit dem kleinen Bruder und einem Picknickkorb in der Hand vom Haus der Eltern in den nahen Wald wanderte. Ein großes Abenteuer damals, das Gefühl unermesslicher Freiheit. Als sie ihre Mutter kürzlich darauf ansprach, ob das nicht leichtsinnig gewesen sei, antwortete diese, der Vater sei doch immer heimlich hinterhergegangen.

Telse schaut aus dem Küchenfenster hinaus in den Garten, wo ihre vier Söhne mit dem Kaninchen spielen, streicht der zweijährigen Tochter auf ihrem Schoß die Haare aus dem Gesicht: »Wenn man darüber nachdenkt, wie viel man übernimmt von seinen Eltern, wird man sich auch der Macht bewusst, die man als Mutter hat, und dass man sorgsam damit umgehen sollte.«

Mithilfe von Langzeitstudien untersuchen Soziologen, Psychologen, Wirtschaftswissenschaftler und Pädagogen, inwieweit Telses Verdacht stimmt und Kinder auch als Erwachsene noch von ihrer Familie geprägt sind. Helmut Fend beobachtete 2000 Menschen aus Telses Altersgruppe, die heute Anfang-40Jährigen, vom 12. bis zum 35. Lebensjahr. Er fragte sie, wie ihr Lebensweg verlaufen ist und welche Rolle die Herkunftsfamilie darin spielt. Die Ergebnisse dieser LifE-Studie (»Lebensläufe ins frühe Erwachsenenalter«) bestätigen Telses Eindruck. »Wir haben überraschend enge Zusammenhänge zwischen der Herkunftsfamilie und den Einstellungen der Menschen festgestellt. So verändert sich eher die Persönlichkeit als das Wertegerüst, das einem das Elternhaus vermittelt hat«, sagt Fend. Wer aus einer CDU-nahen Familie kommt, wählt zu 80 Prozent wieder CDU, unter den Grünen fällt die Quote noch höher aus: »Grüne Eltern haben praktisch nur grüne Kinder.« Auch religiöse Werte werden vor allem im Elternhaus vermittelt. Und wer Vater und Mutter hat, die viel lesen, sich für Jazz interessieren oder ins Theater gehen, hat als Erwachsener deutlich häufiger ähnliche Vorlieben als Menschen, in deren Kindheit die ganze Zeit der Fernseher lief.

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»Transmission« nennen Forscher das Weiterreichen von Einstellungen, Verhaltensweisen oder Lebenschancen von Eltern an ihre Kinder. In zahlreichen Lebensbereichen haben sie solche Phänomene entdeckt, nicht immer nur gute: Kinder von Langzeitarbeitslosen werden, statistisch gesehen, selbst oft langzeitarbeitslos. Töchter von Teenagermüttern werden selbst häufig jung Mutter. Und Gewalt in Familien überträgt sich ebenso häufig über Generationen wie Missbrauch, Sucht oder Panikattacken.

All das wird keineswegs nur über die Gene vererbt. Denn in der Familie entfaltet alles seine Wirkung, was Menschen beeinflusst, auch Gelerntes und Gefühle. Verwandtschaft mag eine Frage der Biologie sein, doch Familie ist eine durch und durch kulturelle Angelegenheit, die es in dieser Form nur beim Menschen gibt. Sie entsteht nicht nur durch Blutsverwandtschaft, sondern etwa auch durch Recht, durch bestimmte Aufgaben und Besitz. Wer wen heiraten darf, wer zur Sippe gehört, welche Rollen Männer und Frauen spielen, wie Kinder aufgezogen werden und bei wem sie leben, nach welchen Gesetzen das Familienvermögen vererbt wird – all das hat sich über die Jahrhunderte verändert und unterscheidet sich noch heute in verschiedenen Kulturkreisen.

Forscher haben angesichts unzähliger, sich ständig wandelnder Familienformen Probleme, zu definieren, was Familie eigentlich ist. Meist verstehen sie darunter Menschen, die mit Kindern leben, egal, ob alle biologisch verwandt sind oder nicht. Allein deshalb müssen die Spuren, die die Familie im Leben jedes Einzelnen hinterlässt, neben biologischen auch soziale Ursachen haben.

Es hat daher auch nicht unbedingt mit Intelligenz zu tun, dass Kinder aus höheren Schichten hierzulande eine zwölfmal höhere Chance haben, Abitur zu machen, als Kinder aus Arbeiterhaushalten. »Das hängt vor allem damit zusammen, dass diese Eltern am meisten Energie in die Förderung ihrer Kinder investieren. Für Akademikereltern wird dies für viele Jahre zum Mittelpunkt ihrer Lebensgestaltung«, sagt Helmut Fend. Markus Neuenschwander, Professor für Pädagogische Psychologie an der Pädagogischen Hochschule in Solothurn in der Schweiz, zeigte zudem, dass die Erwartungen der Eltern entscheidend dazu beitragen, wie gut der Nachwuchs in der Schule ist. Gerade in Mathe und Deutsch beeinflussten die Eltern die Leistungen bis zu 50 Prozent, sagt der Psychologe: Je höher die Erwartungen, je mehr man seinen Kindern zutraut, desto besser die Noten. Die Kinder halten sich dann selbst für besser und sind es auch.

Solche Zusammenhänge bemerken die Betroffenen selbst meist nicht. »Wenn Kinder die Erwartungen ihrer Eltern oder bestimmte Verhaltensweisen ihrer Familien übernehmen, spielt sich das in vielen Fällen unbewusst ab«, sagt die Hamburger Psychologin und Psychotherapeutin Brigitte Gemeinhardt, die generationsübergreifende Muster in den Familien Alkoholkranker untersucht hat.

Es ist das Zusammenspiel von Abschauen und Nachahmen, von Lernen, Lieben und Loyalitäten, das der Familie ihre Macht verleiht. Unbewusst bestimmt sie sogar ganz persönliche Entscheidungen wie die Partnerwahl. Männer bevorzugen Frauen, deren Gesichter ähnliche Züge aufweisen wie das ihrer Mutter, Frauen wählen Partner, die Ähnlichkeiten mit dem Vater haben, fanden ungarische Wissenschaftler im vergangenen Jahr heraus. Allerdings: War die Beziehung zum Vater schlecht, spielte dessen Aussehen bei der Partnerwahl offenbar keine Rolle – ein weiterer deutlicher Hinweis, dass nicht nur die Einflüsse der Biologie, sondern auch Erfahrungen entscheidend sind. Und die schlagen nicht nur bei der Wahl des Partners durch: Haben sich die Eltern oft gestritten, steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Beziehung der Kinder nicht allzu harmonisch verläuft, das gilt vor allem für die Töchter.

Telses Eltern trennten sich, als sie 18 war – ihre eigene Ehe scheiterte vor fünf Jahren; die vier Kinder, ein Haus, das mehr eine Ruine war und viel zu viel Kraft kostete, oft auch die Sorge ums Geld: Irgendwann gab es mehr Streit als Gemeinsames zwischen ihr und ihrem Mann Sven. »Manchmal erschreckt mich das: Ich bin geschieden, meine Tochter auch, es ist, als würde sich alles wiederholen«, sagt Telses Mutter Elisabeth.

Vielleicht hatte Telses Scheidung nichts mit der ihrer Eltern zu tun. Statistisch gesehen aber ist dies tatsächlich wahrscheinlich: In der LifE-Studie war das Scheidungsrisiko von Scheidungskindern in der Anfangszeit der Ehe doppelt so hoch wie das von Kindern, deren Eltern zusammenblieben. Die Vermutung der Forscher: Kinder aus Scheidungsfamilien sind früher eigenständig, heiraten eher – und die frühe Heirat erhöht das Trennungsrisiko.

Leider dienen die Eltern in Beziehungsdingen meist nur als negatives Vorbild. Denn wer glücklich zusammenlebende Eltern hat, ist nicht unbedingt ein besserer Partner. So blieben zum Beispiel die Eltern von Sven, Telses geschiedenem ersten Mann, bis zum Tod des Vaters 45 Jahre lang verheiratet.

Schicksal ist ein großes Wort, aber Familie kommt dem schon ziemlich nahe. Schließlich hat jeder Eltern, die er sich nicht aussuchen konnte, und Geschwister, die einfach da waren. Er trägt lebenslang einen Namen, den andere ausgewählt haben, und bekommt das Erbgut der Familie ebenso wie Traditionen und Geheimnisse mit auf den Lebensweg. Untersuchungen der Oldenburger Erziehungswissenschaftlerin Astrid Kaiser belegen, dass schon der Name über Chancen im Leben mitentscheidet – Kevins und Mandys schätzen Lehrer weniger leistungsstark ein als Charlottes und Simons.

Doch wie sich die Familie auf das spätere Leben auswirkt, ob gut oder eher schlecht, hängt vor allem von einem ab: von der Kommunikation, der verbalen und der nonverbalen. Wer seine Eltern als Kind im Alter von etwa zehn Jahren unterstützend und zugewandt erlebt, kommt als junger Erwachsener sozial und emotional besser zurecht, zeigten die Regensburger Psychologen Klaus und Karin Grossmann. Ein weiteres Indiz liefern Versuche mit Ratten: Wurden diese von ihren Müttern kaum geleckt und mit wenig Körpernähe bedacht, waren sie später eher ängstlich. Die Erfahrungen, folgern die Forscher, verändern die genetischen Informationen im Gehirn der Rattenbabys derart, dass sie stressanfälliger werden. Die Ergebnisse zeigen, dass sich biologische Anlagen und Umwelt im Laufe des Lebens wechselseitig beeinflussen. Und weil die meisten Menschen ihre Jugend vor allem mit der Familie verbringen, hat diese eben einen enormen Einfluss.

Menschen etwa, deren Eltern autoritär waren, viel verboten und wenig auf sie eingingen, haben später öfter Suizidgedanken, weniger Sozialkompetenz und ein geringeres Selbstwertgefühl. Doch ein schlechtes Familienleben schadet nicht nur dem Einzelnen, sondern auch der ganzen Sippe: Familien, in denen Regeln mit Bestrafung und Demütigung statt mit Belohnung und Aufmerksamkeit durchgesetzt werden, geraten in eine Abwärtsspirale, erkannten Forscher vom Social Learning Center in Eugene im amerikanischen Bundesstaat Oregon. Die Kinder werden immer aggressiver, die Eltern auch, irgendwann ist die Situation hoffnungslos verfahren. Was aber passiert, wenn man lernt, Familienkonflikte ohne Streit und Aggression auszutragen? Die Wissenschaftler testeten das an alleinerziehenden Müttern. Und nach zweieinhalb Jahren zeigten sich überraschende Ergebnisse: Die Mütter waren zufriedener, verdienten mehr Geld als vorher und hatten stabilere Partnerschaften.

Solche Untersuchungen machen deutlich: Familie ist ein System, in dem jeder von jedem abhängt. Ändert sich ein Teil, spüren alle anderen die Folgen. So erziehen nicht nur die Eltern ihre Kinder, umgekehrt manipulieren auch die Kinder ihre Eltern mehr oder weniger bewusst, ihre Begabungen und Eigenheiten zu fördern: Sportliche Kinder bewegen ihre Eltern eher dazu, sie im Verein anzumelden, besonders intelligente luchsen Vater oder Mutter ständig neue Bücher ab.

Auch die Geschwister wirken in diesem verflochtenen Netzwerk aufeinander ein. Vor allem solche, die nicht mehr als drei Jahre auseinander sind: Weil sie um die Aufmerksamkeit der Eltern konkurrieren, grenzen sie sich voneinander ab, suchen Nischen, in denen sie einzigartig sind – und entwickeln auch dank dieser Abgrenzung eine eigene Identität.

»Wir sind auf der Welt, um uns zu unterscheiden«, hat Telses ältester Sohn Keno mal über die Beziehung zu seinem nächstjüngeren Bruder Boje gesagt: Der eine spielt stundenlang Gitarre und liest, der andere ist am liebsten in der Natur. Boje versteht sich am besten mit seinem nächstjüngeren Bruder Kaare – die beiden mittleren der vier Brüder halten zusammen. Ein häufiges Muster: Selbst wenn Eltern noch so gerecht sein wollen, bekommen die ältesten und die jüngsten Geschwister doch tendenziell mehr Aufmerksamkeit als die »Sandwichkinder« dazwischen.

Einzelkinder dagegen müssen keine Kämpfe ausfechten, sie können ihre Interessen daher später oft diplomatischer, weniger direkt durchsetzen. Die meisten Klischees über Einzelkinder stimmten ohnehin nicht, meint der Familienforscher Hartmut Kasten vom Staatsinstitut für Frühpädagogik in München. Sie seien weder besonders oft egozentrisch noch häufiger Einzelgänger. Freunde ersetzen für sie Brüder und Schwestern, sodass sie sich im Großen und Ganzen nicht anders entwickeln als Geschwister.

Einen Nachteil haben sie jedoch ebenso wie Kinder, die nur unter Brüdern aufwachsen: Sie haben keine Schwestern. Denn die machen offenbar glücklich. Wer mit mindestens einem Mädchen an seiner Seite groß wird, fühlt sich als junger Erwachsener ausgeglichener und meistert Krisen besser, schrieben amerikanische Forscher kürzlich. Die mögliche Erklärung: Schwestern reden mehr über ihre Gefühle, fördern damit eine offene Kommunikationskultur in der Familie und stärken so das Gemeinschaftsgefühl.

Tatsächlich sind es meist Frauen, die Familien zusammenhalten. Stimmt das Verhältnis zu den Eltern, bleiben junge Frauen länger zu Hause, sie fühlen sich verpflichtet, Mutter und Vater zu unterstützen. Im Gegensatz zu jungen Männern: Verstehen sich diese gut mit ihren Eltern, werden sie eher selbstständig – und ziehen aus. Ebenso sind es fast immer Frauen im mittleren Alter, die die Verwandtschaft vernetzen. Sie rufen Onkel zu Geburtstagen an, organisieren Sippentreffen, geben Klatsch und Tratsch weiter.

Kommunikation ist eben der Kitt im System Familie. Sie sorgt dafür, dass der eine weiß, was den anderen beschäftigt, dass Nähe und Vertrautheit herrschen. Und sie lässt eine Familienidentität entstehen, ein Wirgefühl, einen bestimmten Blick auf die Welt, der die Sippe zusammenschweißt und besonders macht. In jeder Familie gelten andere Regeln, andere Rituale, andere Glaubenssätze. Jede streitet anders, zeigt Zuneigung anders, feiert anders. Da gibt es Familien, für die Weihnachten ohne den gemeinsam bereiteten Lachstatar misslungen wäre, andere, die nicht feiern, bevor die gläserne Trompete von Oma am Tannenbaum hängt, und solche, die es zum Ritual gemacht haben, keine festen Bräuche zu haben, sondern gemeinsam zu entscheiden, wie man denn in diesem Jahr feiern möchte.

In Telses Familie werden Geburtstage immer zelebriert. Abends bügelt Telse die rosa-orangefarbene Geburtstagstischdecke und backt Kuchen, morgens versammelt sich die ganze Familie dann am Fuß der Treppe und nimmt, noch im Schlafanzug, das Geburtstagskind in Empfang. »Ich habe Telse immer um ihre Geburtstagsrituale beneidet. Bei uns in der Familie gab es so etwas nicht«, sagt Telses Exmann Sven.

Familien, die Ritualen viel Bedeutung beimessen, sind glücklicher, stellte die amerikanische Familienforscherin Barbara Fiese fest: Die Eltern sind mit ihrer Beziehung zufriedener, und die Kinder haben seltener Verhaltensprobleme. Oft werden die Bräuche über Generationen weitergegeben: 65 Prozent der befragten Großeltern sagten in einer amerikanischen Untersuchung, dass sie Rituale aus ihrer Familie bei ihren Kindern oder Enkeln wiederentdeckten.

Doch nicht nur Feste, auch den Alltag strukturieren Rituale und Regeln. Wie begrüßt man sich? Wer übernimmt welche Aufgabe? Und wie redet man miteinander? Wer mit einer fremden Familie beim Essen sitzt, fühlt sich bisweilen wie bei einem fremden Volksstamm – nur wer dazugehört, versteht die Regeln, Abläufe und Umgangsformen.

Die Soziologin Angela Keppler hat typische Familiensituationen untersucht und festgestellt: Familien erzählen oft die immergleichen Geschichten, reden auf typische Art miteinander über ähnliche Themen. Dabei kommt es gar nicht so sehr darauf an, dass alle Familienmitglieder die gleiche Sicht auf die Dinge haben, sondern dass sie sich einig sind, auf welche Weise sie mit unterschiedlichen Meinungen umgehen.

So entstehen Gewohnheiten und Regeln, die Kinder übernehmen – oder gegen die sie sich abgrenzen. »Meine Eltern haben sich nur gestritten. So wollte ich auf keinen Fall leben«, erzählt Telses Schwiegermutter Gudrun. »Ich habe deshalb meistens nachgegeben, um des lieben Friedens willen.« Eigentlich wollte sie immer weg von den Eltern, anderswo leben. Doch dann heiratete sie früh und baute mit ihrem Mann ein Haus – auf dem Nachbargrundstück der Eltern, in Rufweite der Mutter, die sie immer als herrisch und dominant empfunden hatte. »Bei uns gab es keine offenen Konflikte, meine Mutter war geradezu harmoniesüchtig, ist Konfrontationen immer aus dem Weg gegangen. Ich musste mir richtig antrainieren, mit Konflikten umzugehen«, sagt Sven, Gudruns Sohn und Telses Exmann, während er bei Chips und Bionade am Esstisch seiner Eineinhalb-Zimmer-Wohnung sitzt, ein paar Minuten zu Fuß von dem Haus entfernt, in dem Telse mit den Kindern lebt.

Die Hamburger Psychologin Brigitte Gemeinhardt sucht verbreitete Muster in der Familiengeschichte: Dazu zeichnet sie sogenannte Genogramme auf, eine Art von Stammbäumen, bei deren Betrachtung manchmal klar wird, dass eine Familie schon über Generationen auf die gleiche Weise streitet oder dass ein Familiengeheimnis seit Ururomas Zeiten alle bedrückt. Manche Therapieforscher sind davon überzeugt, dass man die vorherigen drei Generationen einbeziehen muss, will man die Emotionen in einer Familie, die Loyalitäten oder die unbewussten Verpflichtungen verstehen.

»Viele Menschen arbeiten sich ihr Leben lang an den unbewussten Aufträgen ihrer Eltern ab«, sagt Gemeinhardt: Aus Loyalität leben sie immer ein bisschen das Leben der Eltern weiter. Da denken Frauen, sie dürften nicht glücklicher sein als ihre immer unglückliche Mutter – und suchen sich Partner, mit denen es nie funktioniert. Da verlassen Väter ihre Familie, obwohl sie genau das an ihrem Vater verachtet haben. Oder Paare leben jahrelang aneinander vorbei, weil in der einen Familie ein bestimmtes Verhalten – Schweigen zum Beispiel – schon von jeher eine völlig andere Bedeutung hatte als in der anderen.

»Die Menschen tun eben das am liebsten, was ihnen von klein auf vertraut ist. Das gibt ihnen Sicherheit, denn sie können es ja auch am besten«, erklärt Gemeinhardt. Ergebnisse der Lernforschung kommen zum gleichen Schluss. Immer wenn Menschen etwas lernen, sei es bewusst oder unbewusst, bilden sich neue Verknüpfungen zwischen Nervenzellen im Gehirn. Je häufiger das Gelernte dann wiederholt wird, desto dichter werden die Verbindungen. So fällt das Immergleiche ganz leicht, während neue Verhaltensmuster mühsam gelernt werden müssen.

Was Hänschen lernt, verlernt Hans also nimmermehr? Können wir dem Schicksal, das unsere Familie für uns vorzeichnet, nicht mehr entrinnen? Zum Glück gibt es Auswege, denn die menschliche Entwicklung endet nicht mit Anfang 20, selbst das Gehirn und wahrscheinlich auch die genetische Aktivität verändern sich bis ins hohe Alter – und das kann jeder beeinflussen. »Wichtig ist, dass man sich bewusst macht, was man von den Eltern oder Großeltern übernommen hat und warum, und dann entscheidet, ob man es beibehalten möchte oder nicht«, sagt die Therapeutin Gemeinhardt.

Telses Mutter Elisabeth, die von einem Bauernhof in Schleswig-Holstein stammt, hatte sich zum Beispiel entschieden, anders zu leben als ihre Familie – ihre Kinder sogar anders zu erziehen. »Meine Eltern waren sehr konservativ, ich hatte sehr wenig Freiräume«, erzählt sie. »Ich habe das als Last empfunden, ich wollte mich daraus lösen. Und ich wollte meinen Kindern unbedingt mehr Freiheit vermitteln.« So ließ sie Telse gewähren, als die mit 14, 15 häufiger in der Stadt bei Freunden als zu Hause war, mit flauem Gefühl im Bauch manchmal, doch in dem Vertrauen, dass Telse ihren Weg schon gehen werde.

In der Familie muss sich Geschichte nicht wiederholen. Wer sich abgrenzt, auflehnt, alles anders machen will, tut dies jedoch fast immer auf die Art seiner Herkunftsfamilie. Auch dann ist diese der Maßstab, nur diesmal im Negativen, das Beispiel, wie man es nun ganz bestimmt nicht machen will.

Allerdings deuten Umfragen darauf hin, dass Generationskonflikte, wie sie die Nachkriegsgeneration und deren Nachkommen, die 68er, zerrissen, heute seltener sind. In der Shell-Jugendstudie von 2006 behaupteten neun von zehn Jugendlichen, dass sie mit ihren Eltern bestens auskämen, zwei Drittel würden auch ihre Kinder erziehen, wie sie erzogen wurden.

»Ich habe nicht bewusst entschieden, vieles anders zu machen als meine Eltern, dazu bin ich viel zu nah an meiner Mutter dran«, sagt auch Telse. Trotzdem: Zumindest mit der Trennung möchte sie anders umgehen als ihre Eltern. Weil sie darunter litt, dass der Kontakt zum Vater so schlecht wurde, achtet sie darauf, dass das Verhältnis der Kinder zu ihrem Exmann gut bleibt und dass sie auch als Trennungsfamilie Wichtiges gemeinsam erleben: »Als Kaare im Herbst in die fünfte Klasse kam, waren Sven und ich bei der Schulanfangsfeier dabei – das war richtig schön.«

Gut möglich, dass sie durch dieses Verhalten die Scheidungsgeschichte ihrer Familie stoppt. »Trennungen schaden Kindern nicht per se«, fasst der Familienforscher Wolfgang Bohrhardt von der Hochschule Coburg den Stand der Forschung zusammen. Nur wenn die getrennten Eltern auch nach der Trennung viel stritten oder wenig Erziehungskompetenz mitbrächten, drohten Spätfolgen.

Es gibt in der Entwicklung von Menschen eben nichts Vorbestimmtes. Ständig verändert sich etwas, eines ergibt das andere. Man kann sich einen Lebensweg vorstellen wie die Bahn einer Flipperkugel: Einmal abgeschossen, verändert sie die Richtung immer wieder, je nachdem, worauf sie stößt. Und im echten Leben sind es meistens Menschen, die einen in die eine oder andere Richtung lenken – und dafür sorgen, dass manchmal sogar schwierigste Familienverhältnisse keine Folgen haben. Die deutschamerikanische Psychologin Emmy Werner beobachtete seit den fünfziger Jahren 700 Kinder auf Hawaii von ihrer Geburt bis zum 40. Lebensjahr. Sie stellte fest, dass ein Drittel der Kinder, die unter schlechten Bedingungen aufwuchsen – mit Eltern, die sie vernachlässigten oder misshandelten –, trotz aller Widrigkeiten mit 40 Jahren gut im Leben standen. Diese Kinder hatten feste Vertrauenspersonen außerhalb der Familie: Nachbarn, Freunde, Lehrer oder ältere Geschwister, die ihnen Halt gaben.

Es kommt drauf an, was man aus dem macht, was man mitbekommen hat. Zwar ist die Familie »die zentrale lebensbegleitende Instanz«, wie es Fend nennt, zwar sind Verwandte wichtige Vertraute – aber eben nicht die einzigen. Die LifE-Studie jedenfalls ergab: Im Laufe des Lebens gewinnen Freunde und Partner an Einfluss – und natürlich die eigene, neue Familie. Dass man die braucht zum Glück, davon sind zwei Drittel der Menschen fest überzeugt. Zu Recht, das zeigen Studien: Menschen mit Familie sind tatsächlich zufriedener.

Mitarbeit: Alexandra Grossmann

 
Leser-Kommentare
  1. eigentlich erfolgreich?
    Oder hatte er Verhaltensstörungen?
    Das kann man leider nicht mehr feststellen, weil er ja nicht mehr da ist, um die Tests mit ihm zu machen.

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    ...niemand hat das m.E. besser verstanden als Jesus und wurde dafür erst recht mißverstanden.
    Wer "das Gute" tut ist (dem anderen) Bruder, Schwester, Mutter, Vater... (frei nach Markus 3,35)
    Was uns vielleicht zu oft davon abhält, immer wieder einen Perspektivwechsel einnehmen zu können, über den Tellerrand der eigenen Konditioniertheit zu sehen um (auf höherer Ebene) eine Verbundenheit mit den "Anderen" und "Fremden" zu erarbeiten - ist unsere Leidensscheu. Über Jesus steht geschrieben, dass er "durch seine Leiden - wie alle Menschen auch - reifte" (Hebräerbrief 2,11.18;4,15;5,8). Also war Jesus im wahrsten (Auferstehungs-) Sinne "Stehaufmännchen"... Sein Ziel (und er selbst) ging über die Ursprungs-Familie hinaus - auch wenn er auf ihr aufbaute. Verhaltensstörungen sind daher eine Frage der sog. "norm" - und diese ändern sich...

    Ein schöner Artikel! Altbekanntes neu bestätigt!

    ...niemand hat das m.E. besser verstanden als Jesus und wurde dafür erst recht mißverstanden.
    Wer "das Gute" tut ist (dem anderen) Bruder, Schwester, Mutter, Vater... (frei nach Markus 3,35)
    Was uns vielleicht zu oft davon abhält, immer wieder einen Perspektivwechsel einnehmen zu können, über den Tellerrand der eigenen Konditioniertheit zu sehen um (auf höherer Ebene) eine Verbundenheit mit den "Anderen" und "Fremden" zu erarbeiten - ist unsere Leidensscheu. Über Jesus steht geschrieben, dass er "durch seine Leiden - wie alle Menschen auch - reifte" (Hebräerbrief 2,11.18;4,15;5,8). Also war Jesus im wahrsten (Auferstehungs-) Sinne "Stehaufmännchen"... Sein Ziel (und er selbst) ging über die Ursprungs-Familie hinaus - auch wenn er auf ihr aufbaute. Verhaltensstörungen sind daher eine Frage der sog. "norm" - und diese ändern sich...

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  2. "Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm", sagt dazu der Volksmund.
    Interessanter wäre, warum es trotz der familiären Prägungen immer friedlicher wird auf der Welt. Es gibt eine auch von Nicht-Forschern zu beobachtende Tendenz in Richtung Frieden und Gemütlichkeit. Also wird es wohl noch mehr geben, als die ohne Zweifel starke Beeinflussung durch "Familie". Aber was ist es?
    Ich behaupte, ohne echte spirituelle Erkenntnisse kann man das nicht erklären. Die Seele ist schon "wer", bevor der fleischliche Mensch entsteht. Das allerdings ist in anderen Kulturen schon immer eine Voksweisheit gewesen wie bei uns Mitteleuropäern vor Jahrhunderten auch.

    Ich bin übrigens 58 jahre alt und wuchs mit 6 Geschwistern auf; wir wählen CDU, Grün, SPD, SPD, Piraten, Linke und vielleicht sogar FDP, das letztere ist nicht sicher. Es könnte noch schlimmer sein.

    • Komabe
    • 03.02.2010 um 11:41 Uhr

    Dazu noch gut geschrieben, weiter so!

  3. ...niemand hat das m.E. besser verstanden als Jesus und wurde dafür erst recht mißverstanden.
    Wer "das Gute" tut ist (dem anderen) Bruder, Schwester, Mutter, Vater... (frei nach Markus 3,35)
    Was uns vielleicht zu oft davon abhält, immer wieder einen Perspektivwechsel einnehmen zu können, über den Tellerrand der eigenen Konditioniertheit zu sehen um (auf höherer Ebene) eine Verbundenheit mit den "Anderen" und "Fremden" zu erarbeiten - ist unsere Leidensscheu. Über Jesus steht geschrieben, dass er "durch seine Leiden - wie alle Menschen auch - reifte" (Hebräerbrief 2,11.18;4,15;5,8). Also war Jesus im wahrsten (Auferstehungs-) Sinne "Stehaufmännchen"... Sein Ziel (und er selbst) ging über die Ursprungs-Familie hinaus - auch wenn er auf ihr aufbaute. Verhaltensstörungen sind daher eine Frage der sog. "norm" - und diese ändern sich...

    Ein schöner Artikel! Altbekanntes neu bestätigt!

    Antwort auf "War Jesus"
  4. in drei Wochen steht an dieser Stelle ein Artikel, dass amerikanische (natürlich, wer sonst) Forscher nachgewiesen haben (Beweis: ein Statistik anhand von 34 untersuchten Schulkindern aus Omaha), dass Mitschüler und Spielgefährten Kinder wesentlich stärker prägen als die eigene Familie.
    Die statistisch bewiesene starke Prägung durch das Fernsehen wurde durch die Entwicklung des Internets ja bereits statistisch widerlegt. Ein Glück, dass den forschenden amerikanischen Statistikern durch den technologischen Fortschritt ständig neue Forschungsfelder zuwachsen. Gibt es schon prägende Forschungen zum neuen Apple Tablet?

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