Familie und Sozialisation Die Macht der Familie
Seite 5/5:

"Trennungen schaden Kindern nicht per se"

Telses Mutter Elisabeth, die von einem Bauernhof in Schleswig-Holstein stammt, hatte sich zum Beispiel entschieden, anders zu leben als ihre Familie – ihre Kinder sogar anders zu erziehen. »Meine Eltern waren sehr konservativ, ich hatte sehr wenig Freiräume«, erzählt sie. »Ich habe das als Last empfunden, ich wollte mich daraus lösen. Und ich wollte meinen Kindern unbedingt mehr Freiheit vermitteln.« So ließ sie Telse gewähren, als die mit 14, 15 häufiger in der Stadt bei Freunden als zu Hause war, mit flauem Gefühl im Bauch manchmal, doch in dem Vertrauen, dass Telse ihren Weg schon gehen werde.

In der Familie muss sich Geschichte nicht wiederholen. Wer sich abgrenzt, auflehnt, alles anders machen will, tut dies jedoch fast immer auf die Art seiner Herkunftsfamilie. Auch dann ist diese der Maßstab, nur diesmal im Negativen, das Beispiel, wie man es nun ganz bestimmt nicht machen will.

Anzeige

Allerdings deuten Umfragen darauf hin, dass Generationskonflikte, wie sie die Nachkriegsgeneration und deren Nachkommen, die 68er, zerrissen, heute seltener sind. In der Shell-Jugendstudie von 2006 behaupteten neun von zehn Jugendlichen, dass sie mit ihren Eltern bestens auskämen, zwei Drittel würden auch ihre Kinder erziehen, wie sie erzogen wurden.

»Ich habe nicht bewusst entschieden, vieles anders zu machen als meine Eltern, dazu bin ich viel zu nah an meiner Mutter dran«, sagt auch Telse. Trotzdem: Zumindest mit der Trennung möchte sie anders umgehen als ihre Eltern. Weil sie darunter litt, dass der Kontakt zum Vater so schlecht wurde, achtet sie darauf, dass das Verhältnis der Kinder zu ihrem Exmann gut bleibt und dass sie auch als Trennungsfamilie Wichtiges gemeinsam erleben: »Als Kaare im Herbst in die fünfte Klasse kam, waren Sven und ich bei der Schulanfangsfeier dabei – das war richtig schön.«

Gut möglich, dass sie durch dieses Verhalten die Scheidungsgeschichte ihrer Familie stoppt. »Trennungen schaden Kindern nicht per se«, fasst der Familienforscher Wolfgang Bohrhardt von der Hochschule Coburg den Stand der Forschung zusammen. Nur wenn die getrennten Eltern auch nach der Trennung viel stritten oder wenig Erziehungskompetenz mitbrächten, drohten Spätfolgen.

Es gibt in der Entwicklung von Menschen eben nichts Vorbestimmtes. Ständig verändert sich etwas, eines ergibt das andere. Man kann sich einen Lebensweg vorstellen wie die Bahn einer Flipperkugel: Einmal abgeschossen, verändert sie die Richtung immer wieder, je nachdem, worauf sie stößt. Und im echten Leben sind es meistens Menschen, die einen in die eine oder andere Richtung lenken – und dafür sorgen, dass manchmal sogar schwierigste Familienverhältnisse keine Folgen haben. Die deutschamerikanische Psychologin Emmy Werner beobachtete seit den fünfziger Jahren 700 Kinder auf Hawaii von ihrer Geburt bis zum 40. Lebensjahr. Sie stellte fest, dass ein Drittel der Kinder, die unter schlechten Bedingungen aufwuchsen – mit Eltern, die sie vernachlässigten oder misshandelten –, trotz aller Widrigkeiten mit 40 Jahren gut im Leben standen. Diese Kinder hatten feste Vertrauenspersonen außerhalb der Familie: Nachbarn, Freunde, Lehrer oder ältere Geschwister, die ihnen Halt gaben.

Es kommt drauf an, was man aus dem macht, was man mitbekommen hat. Zwar ist die Familie »die zentrale lebensbegleitende Instanz«, wie es Fend nennt, zwar sind Verwandte wichtige Vertraute – aber eben nicht die einzigen. Die LifE-Studie jedenfalls ergab: Im Laufe des Lebens gewinnen Freunde und Partner an Einfluss – und natürlich die eigene, neue Familie. Dass man die braucht zum Glück, davon sind zwei Drittel der Menschen fest überzeugt. Zu Recht, das zeigen Studien: Menschen mit Familie sind tatsächlich zufriedener.

Mitarbeit: Alexandra Grossmann

 
Leser-Kommentare
  1. eigentlich erfolgreich?
    Oder hatte er Verhaltensstörungen?
    Das kann man leider nicht mehr feststellen, weil er ja nicht mehr da ist, um die Tests mit ihm zu machen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...niemand hat das m.E. besser verstanden als Jesus und wurde dafür erst recht mißverstanden.
    Wer "das Gute" tut ist (dem anderen) Bruder, Schwester, Mutter, Vater... (frei nach Markus 3,35)
    Was uns vielleicht zu oft davon abhält, immer wieder einen Perspektivwechsel einnehmen zu können, über den Tellerrand der eigenen Konditioniertheit zu sehen um (auf höherer Ebene) eine Verbundenheit mit den "Anderen" und "Fremden" zu erarbeiten - ist unsere Leidensscheu. Über Jesus steht geschrieben, dass er "durch seine Leiden - wie alle Menschen auch - reifte" (Hebräerbrief 2,11.18;4,15;5,8). Also war Jesus im wahrsten (Auferstehungs-) Sinne "Stehaufmännchen"... Sein Ziel (und er selbst) ging über die Ursprungs-Familie hinaus - auch wenn er auf ihr aufbaute. Verhaltensstörungen sind daher eine Frage der sog. "norm" - und diese ändern sich...

    Ein schöner Artikel! Altbekanntes neu bestätigt!

    ...niemand hat das m.E. besser verstanden als Jesus und wurde dafür erst recht mißverstanden.
    Wer "das Gute" tut ist (dem anderen) Bruder, Schwester, Mutter, Vater... (frei nach Markus 3,35)
    Was uns vielleicht zu oft davon abhält, immer wieder einen Perspektivwechsel einnehmen zu können, über den Tellerrand der eigenen Konditioniertheit zu sehen um (auf höherer Ebene) eine Verbundenheit mit den "Anderen" und "Fremden" zu erarbeiten - ist unsere Leidensscheu. Über Jesus steht geschrieben, dass er "durch seine Leiden - wie alle Menschen auch - reifte" (Hebräerbrief 2,11.18;4,15;5,8). Also war Jesus im wahrsten (Auferstehungs-) Sinne "Stehaufmännchen"... Sein Ziel (und er selbst) ging über die Ursprungs-Familie hinaus - auch wenn er auf ihr aufbaute. Verhaltensstörungen sind daher eine Frage der sog. "norm" - und diese ändern sich...

    Ein schöner Artikel! Altbekanntes neu bestätigt!

  2. "Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm", sagt dazu der Volksmund.
    Interessanter wäre, warum es trotz der familiären Prägungen immer friedlicher wird auf der Welt. Es gibt eine auch von Nicht-Forschern zu beobachtende Tendenz in Richtung Frieden und Gemütlichkeit. Also wird es wohl noch mehr geben, als die ohne Zweifel starke Beeinflussung durch "Familie". Aber was ist es?
    Ich behaupte, ohne echte spirituelle Erkenntnisse kann man das nicht erklären. Die Seele ist schon "wer", bevor der fleischliche Mensch entsteht. Das allerdings ist in anderen Kulturen schon immer eine Voksweisheit gewesen wie bei uns Mitteleuropäern vor Jahrhunderten auch.

    Ich bin übrigens 58 jahre alt und wuchs mit 6 Geschwistern auf; wir wählen CDU, Grün, SPD, SPD, Piraten, Linke und vielleicht sogar FDP, das letztere ist nicht sicher. Es könnte noch schlimmer sein.

    • Komabe
    • 03.02.2010 um 11:41 Uhr

    Dazu noch gut geschrieben, weiter so!

  3. ...niemand hat das m.E. besser verstanden als Jesus und wurde dafür erst recht mißverstanden.
    Wer "das Gute" tut ist (dem anderen) Bruder, Schwester, Mutter, Vater... (frei nach Markus 3,35)
    Was uns vielleicht zu oft davon abhält, immer wieder einen Perspektivwechsel einnehmen zu können, über den Tellerrand der eigenen Konditioniertheit zu sehen um (auf höherer Ebene) eine Verbundenheit mit den "Anderen" und "Fremden" zu erarbeiten - ist unsere Leidensscheu. Über Jesus steht geschrieben, dass er "durch seine Leiden - wie alle Menschen auch - reifte" (Hebräerbrief 2,11.18;4,15;5,8). Also war Jesus im wahrsten (Auferstehungs-) Sinne "Stehaufmännchen"... Sein Ziel (und er selbst) ging über die Ursprungs-Familie hinaus - auch wenn er auf ihr aufbaute. Verhaltensstörungen sind daher eine Frage der sog. "norm" - und diese ändern sich...

    Ein schöner Artikel! Altbekanntes neu bestätigt!

    Antwort auf "War Jesus"
  4. in drei Wochen steht an dieser Stelle ein Artikel, dass amerikanische (natürlich, wer sonst) Forscher nachgewiesen haben (Beweis: ein Statistik anhand von 34 untersuchten Schulkindern aus Omaha), dass Mitschüler und Spielgefährten Kinder wesentlich stärker prägen als die eigene Familie.
    Die statistisch bewiesene starke Prägung durch das Fernsehen wurde durch die Entwicklung des Internets ja bereits statistisch widerlegt. Ein Glück, dass den forschenden amerikanischen Statistikern durch den technologischen Fortschritt ständig neue Forschungsfelder zuwachsen. Gibt es schon prägende Forschungen zum neuen Apple Tablet?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service