Ernährung Essen aus dem Labor
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 Die Chance ihres Lebens

Ein ähnliches Produkt entsteht derzeit am Deutschen Institut für Lebensmitteltechnik im niedersächsischen Quakenbrück. Umgeben von einigen der größten Mastbetriebe des Landes, entwickelt Achim Knoch hier Fleischimitate. Im vergangenen Jahr hat auch er damit begonnen, Fleischimitat aus Milch herzustellen, nach eigenem Rezept. Sein Auftraggeber ist ausgerechnet die Fleischwarenfabrik Kemper im benachbarten Nortrup.

Gern lädt er Gäste zu einem Imbiss in der Versuchsküche ein. Neben einem Plastikeimer mit der Aufschrift »Schweinearoma« steht ein Teller mit sieben panierten Prototypen seiner Entwicklung. Garantiert fleischfrei, und, das ist die Überraschung, sie schmecken nicht übel für Fast Food. Paniertes Geflügel wäre vielleicht etwas heller und hätte längere Fasern. Aber mit frittierten Hähnchennuggets können die Happen locker mithalten.

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Die wahren Ersatzfleisch-Pioniere gehen noch einen Schritt weiter. Im norwegischen Labor für Lebensmitteltechnologie Nofima in Aas, südlich von Oslo, arbeitet Achim Kohler an der Zukunft der Ernährung. Sein jüngstes Projekt: Retortenfleisch, das in Tanks voll Nährlösung heranreift. Aus einer einzigen Zelle aus der Lende eines Rindes könnte während 50 Teilungszyklen eine Tonne Fleisch wachsen, weil sich die Masse mit jedem Zyklus verdoppelt. Theoretisch würde eine Zelle genügen, um die ganze Welt mit solchem In-vitro-Fleisch zu versorgen.

An ein Kotelett oder Schnitzel wird sich Achim Kohler allerdings so bald nicht wagen: Es ist ihm zu komplex. Fleisch besteht nicht nur aus Muskelfasern, es ist durchzogen von Bindegewebe, feinen Fettadern und einem Netz aus Blutgefäßen. Deshalb werden vorerst nicht Hähnchenkeulen im Labor wachsen, sondern es wird ein Zellbrei als Rohmasse für Wurst, Pressfleisch oder Burger entstehen. »50 Prozent des gesamten Fleischbedarfs gehen in solche Produkte«, sagt Kohler. »Wenn wir Erfolg haben, muss wenigstens für diesen Anteil kein Tier mehr leiden.«

Werden die Verbraucher das Retortenfleisch akzeptieren? »Es wird immerhin ein paar Probleme lösen«, sagt Jason Matheny, der sich an der University of Oxford mit der Abschätzung von Technikfolgen befasst. »Man könnte den Fettgehalt genauer festlegen. Gesündere Produkte wollen die Verbraucher bestimmt.« Achim Kohlers Vision ist ein herzfreundlicher Hamburger. »Durch die Rezeptur des Nährmediums werden wir steuern können, welche Inhaltsstoffe die Zellen bilden.« Mehrfach ungesättigte Fettsäuren etwa, Vitamine oder Mineralstoffe, »ganz nach Bedarf«.

Matheny sieht das Retortenfleisch außerdem als tierfreundliche Proteinalternative für Menschen mit Allergien gegen Soja, Milch oder Eier. Es wäre vor allem wesentlich umweltfreundlicher als die traditionelle Viehzucht, die heute für gut 18 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich ist. Allerdings wird es nach Schätzung der Fleischzüchter noch mindestens fünf bis sieben Jahre dauern, bis ihre Zellkulturen etwas Essbares hervorbringen.

Kein Zweifel, die Lebensmitteltechnik ist weit fortschritten. Man kann Gene manipulieren, Rohstoffe auseinandernehmen und wieder zusammensetzen – alles scheint möglich. Nur die Ernährungswissenschaft mit ihren widersprüchlichen Studien hinkt hinterher, stets auf der Suche nach den entscheidenden Substanzen. Doch vielleicht ist die Suche nach einzelnen Bestandteilen überhaupt ein Irrweg, vielleicht wirkt gesunde Nahrung nur in ihrer stofflichen Gesamtheit. Der Lebensmittelchemiker Sascha Rohn von der Technischen Universität Berlin hält es für möglich, dass Gemüse nur in der kompletten Matrix des Lebendigen gesund ist. Er würde jedenfalls keine Brokkoli-Kapseln schlucken.

Auch Fischöl-Kapseln wären dann wohl nutzlos. Aber was ist mit Fischöl in der Pflanzenmatrix? Die amerikanische Lebensmittelbehörde FDA hat gerade eine von Monsanto entwickelte Sojapflanze zugelassen, die langkettige Omega-3-Fettsäuren enthält. Diese kommen normalerweise nur in Fisch vor. In einem Sojafeld von der Größe eines Fußballfeldes wäre so viel Fischöl enthalten wie in 10.000 Portionen Lachs. Soja statt Lachs: So ließe sich der Kollaps der Fischbestände verhindern.

Ob das Essen aus dem Labor uns gesünder machen wird, ist fraglich. Für Fische und andere Tiere könnte es die Chance ihres Lebens sein.

Mitarbeit: Hanno Charisius und Stefan Mauer

 
Leser-Kommentare
    • bibber
    • 11.01.2010 um 20:21 Uhr

    Durch Bildung und mehr Wohlstand wird sich die Bevölkerungszahl auf unserem Planeten demnächst stark reduzieren, und wenn die verbliebenen dann noch etwas mehr an Gesundheitsbewußtsein und Moral zulegen würden, gäbe es keine Probleme. Der Industrie traue ich es jedenfalls nicht zu, "Welternährungsprobleme" zu lösen.

    Wer heute diesen ganzen extrem stark verarbeiteten Industiefraß kauft, sollte sich bewußt sein, daß nicht abzuschätzen ist, wohin das führt. Und eines Tages wird es den menschen auch nicht merh schmecken, da bin ich sicher.
    Fischer und Bauern wurden früher nicht umsonst älter als der Durchschnitt, und das trotz harter Arbeit ein Leben lang. Oder gar wegen?

  1. Durch Bildung und mehr Wohlstand wird sich die Bevölkerungszahl auf unserem Planeten demnächst stark reduzieren, und wenn die verbliebenen dann noch etwas mehr an Gesundheitsbewußtsein und Moral zulegen würden, gäbe es keine Probleme. Der Industrie traue ich es jedenfalls nicht zu, "Welternährungsprobleme" zu lösen.

    Aktuell wird gerade von einer bestimmten Elitegruppe in den USA und Europa forciert, das Bildung und Wohlstand in der Masse eher störend sei und wähnt sich auf dem Weg in die 80/20 Gesellschaft, in der sich die eigentlich überflüssigen 80% - möglichst in der Kopfzahl reduziert - preiswert über solches Laborzeugs preiswert als nützliche Arbeitssklavenverfügungsmasse ernähren und "halten" liesse bei Brot und Spiel. Ihre weitere Überlegung wird sich für die Masse nicht mehr stellen, wenn diese Gruppe erfolgreich bleibt.

    Nebenbei gesagt wäre es ein leichtes, den Hunger auf der Welt erfolgreich zu bekämpfen - wenn es denn wirklich gewollt wäre, wird aber offensichtlich sehr bewusst nicht mal in Erwägung gezogen (ausser in Sonntagsreden), sondern die Menschen läßt man krepieren. Alleine der halbe US-Militäretat eines Jahres düfte dafür eine Weile reichen.

    Die äusserst zynische Systemfrage ist tatsächlich: Was fängt man mit den "überflüssigen" zu vielen Menschen an, die sich dann noch um so schneller vermehren?

    Ansonsten fand ich den Artikel recht informativ - so abschreckend seine Inhalte für mich sind.

    • Pyr
    • 12.01.2010 um 0:02 Uhr

    Die größte Herausforderung an der ganzen Sache wird noch sein, den Megakorporatismus von Firmen wie Monsanto zu brechen. Da mache ich mir nämlich am allermeisten Sorgen: die zwingen in Amerika Bauern dazu, auf ihre Produkte umzusteigen.

    Und zwar weil Felder mit Monsanto-Samen sich selbstverständlich auf benachbarte Felder verteilen; Pflanzen pflanzen sich ja auch fort. Und Monsanto verklagt dann die Bauern, die gar keine genetisch veränderten Monsanto-Produkte haben wollen - wegen Urheberrechtsverletzung, weil das Erbgut der pflanzen auf dem Feld von Monsanto patentiert ist. Verkehrte Welt, aber leider die Realität. Monsanto ist daher ganz klar ein Mafiakonzern.

    Wenn man das wirklich angehen will, so muss man Patente auf Leben abschaffen. Ohne wenn und aber! Alles andere führt uns nämlich in die vollkommene Abhängigkeit von den großen Lebensmittelkonzernen wie Monsanto und Nestlé. Irgendwann kann man sich nämlich nicht mehr für etwas anderes entscheiden - und dann haben sie die Macht über Leben und Sterben.

    Fehlt nur noch das Patent auf Atemluft ("Jetzt gefiltert und angereichert für jüngere Haut! Atmen Sie jetzt!").

    • could
    • 17.01.2010 um 5:41 Uhr

    Die sitzten in W.DC und Berlin in der ersten Reihe, und
    sagen unseren Volksverdreher wo es hingeht.
    Monsanto ist eine gewaltige Bombe. Unsere BASF hat schon
    den Schulterschluss mit Monsanto getätigt.
    Landwirtschaftsminister und Mitarbeiter kommen dort sehr gut
    unter - aber nur wenn sie in der Regierungsarbeit kooperien.
    Dürfte in Berlin/Bonn nicht anders sein. Auch in anderen
    Ministerien. Nicht zum Wohle des Volkes, sondern zu eigenen
    Wohl - Prost Gerhard , und vergesst die schwarzen gesalbten
    in der Union nicht.
    Wahlenthaltung nutzt nicht - die wählen sich selber.

    • Fifty4
    • 22.01.2010 um 0:47 Uhr

    Das Beste ist, den Dreck, den die "Lebensmittel" -Industrie in ihren Labors produziert und uns zum essen anbietet, nicht zu kaufen. Wer das trotzdem tut und auch noch isst, muss sich nicht wundern wenn er krank wird. Die Produzenten lachen sich derweil eins ins Fäustchen ob soviel Dummheit und gründen vielleicht eine Krankenversicherung. Das lohnt sich dann doppelt.

    • JeySee
    • 06.03.2010 um 10:54 Uhr

    Natürlich würde ich mich freuen, wenn für unseren Fleischkonsum keine Tiere mehr leiden müssten und wir zudem etwas zur Verbesserung unseres Klimas beitragen könnten. Jedoch empfinde ich den Artikel als ein wenig einseitig. Auf Monsanto wurde ja bereits eingegangen. Ich finde man kann über Monsanto nicht reden, ohne deren Gräueltaten zu erwähnen. Viele Menschen wissen nicht, was Monsanto derzeit anrichtet und was sie noch vorhaben. Wo bleibt der kritische Blick, wenn es um die Nachteile von Gen-Food geht? Und warum wird nicht erwähnt, dass der "Golden Rice" eigentlich nur eine Imagekampagne ist, da er eigentlich ziemlich wirkunslos ist. Weiß nicht jeder, dass Carotin fettlöslich ist? Und was fehlt den armen Ländern in der Ernährung? - Richtig, das Fett! Es ist schön zu erfahren, was es mittlerweile alles gibt, ich jedoch hätte mir beim Thema Essen aus dem Labor etwas mehr Objektivität gewünscht.

  2. http://www.anhcampaign.org/news/efsa—are-you-trying-to-poison-us

  3. Don't eat the fruit of technology, which makes edible the inedible.

    Etwas gewagte Übersetzung von: Du sollst nicht essen die Frucht vom Baum der Erkenntnis, auf dass Du unterscheiden kannst zwischen gut und böse.

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