Zitternd lag er auf dem Fußweg und erbrach sich, als Passanten ihn fanden. Mehr als zwei Promille Alkohol fanden die Ärzte im Blut des Jungen, der vor Kurzem mit einer lebensgefährlichen Alkoholvergiftung in eine Berliner Klinik eingeliefert wurde. Er war erst sieben Jahre alt. Ein Extremfall, sagt die Polizei. Aber kein Einzelfall.

Das sogenannte Binge Drinking unter Kindern und Jugendlichen ist ein gefährlicher Trend. Noch nie mussten so viele Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene deshalb behandelt werden: 25.700 Zehn- bis Zwanzigjährige kamen 2008 nach neusten Zahlen des Statistischen Bundesamtes  in Deutschland mit akuter Alkoholvergiftung ins Krankenhaus.

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Auch die Trinkgewohnheiten vieler Erwachsener sind bedenklich: 1,3 Millionen Deutsche gelten als alkoholabhängig, fast zehn Millionen trinken im Übermaß. 73.000 Todesopfer fordert der Alkohol hierzulande jedes Jahr. In Europa ist er nach Nikotinsucht und Bluthochdruck der drittstärkste Risikofaktor für Krankheit und Tod.

Endlich ruft die Weltgesundheitsorganisation (WHO) jetzt zum systematischen Kampf gegen Alkoholmissbrauch auf. Sie plant eine globale Strategie und appelliert an die Regierungen, entschlossener zu handeln.

Welches die effektivsten Mittel sind, haben Wissenschaftler kürzlich im Fachmagazin The Lancet beschrieben. Eine höhere Alkoholsteuer etwa senkt den Konsum deutlich, vor allem bei Jugendlichen und harten Trinkern, das haben zahlreiche Studien gezeigt. In Deutschland gelten jedoch im europäischen Vergleich besonders niedrige Steuersätze, sie haben sich – mit Ausnahme der Steuer auf Alkopops – seit 27 Jahren nicht verändert. Wein ist von der Steuer sogar ausgenommen.

 

Ökonomen der Universität Hamburg haben festgestellt, dass alkoholische Getränke hierzulande in den vergangenen 40 Jahren im Verhältnis zu anderen Produkten um 30 Prozent billiger geworden sind. Sie fordern eine deutlich höhere Steuer, die sich zudem am Alkoholgehalt der Getränke bemisst, statt nach Klassen wie Bier oder Branntwein zu unterscheiden.

Die Steuer auf Alkopops hat den Konsum der fertigen Mixgetränke zwar gesenkt, dafür ist aber der Absatz von Spirituosen gestiegen, was darauf hindeutet, dass sich Jugendliche ihre Drinks jetzt selbst mischen. Einzelaktionen bringen also nicht viel, alle alkoholischen Getränke müssen teurer werden. Auch sollte Alkoholwerbung strenger kontrolliert werden. Je öfter Jugendliche diese sehen, desto mehr trinken sie, das ist erwiesen.

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Aufklärungskampagnen, etwa in Schulen, können dem nicht entgegenwirken, sie haben kaum Einfluss auf das Trinkverhalten, urteilten die Wissenschaftler in Lancet . In Frankreich darf Alkohol im Fernsehen gar nicht beworben werden. So weit muss man in Deutschland nicht unbedingt gehen, es reicht aber auch nicht, die Kontrolle der Alkohol- und Werbeindustrie zu überlassen, wie derzeit üblich. Für die Wirkung freiwilliger Selbstregulierungen gibt es keine Beweise, im Gegenteil, mehrere Studien zeigen, dass diese den Einfluss der Alkoholwerbung auf Jugendliche nicht verhindern.

Wichtig sind strengere Regeln, die auch die Werbemenge betreffen und noch stärker Eventmarketing und Sponsoring einbeziehen.