Doch wie berechenbar ist eine Gesellschaft, deren Mitglieder Gefühle und einen freien Willen haben? »Als Physiker kann man davon ausgehen, dass ein Elektron wie das andere ist, während Sozialwissenschaftler auf diesen Luxus verzichten müssen«, stellte der Quantenphysiker Wolfgang Pauli einst fest. Vergeblich versuchten große Gelehrte wie Adam Smith, Friedrich Engels und Auguste Comte, die Gesellschaft zu beschreiben wie andere eine Maschine oder das Sonnensystem. Comte wollte die Soziologie ursprünglich sogar »Sozialphysik« nennen. Die modernen Sozialnaturwissenschaftler nehmen nun einen neuen Anlauf. Sie betrachten die Gesellschaft als Netzwerk sozialer Atome. So wie man den Siedepunkt von Wasser berechnen kann, ohne jedes Atom zu verfolgen, versuchen sie, die Gesellschaft zu verstehen, ohne die Beweggründe jedes Einzelnen zu kennen.

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Das Projekt ist nicht so verrückt, wie es klingt. Schon auf begrenztem Raum lässt sich feststellen, dass Menschen sich in manchen Situationen wie berechenbare Teile einer Masse verhalten. Der Physiker Dirk Helbing hat mit seinem Doktoranden Anders Johansson die Massenpaniken während der Pilgerrituale in Mekka erforscht. Sie konnten zeigen, dass kurz vor einer Panik zunächst Stop-and-go-Wellen in der vorwärtsstrebenden Masse auftreten. Nimmt das Gedränge weiter zu, wird die Bewegung turbulent, und die in der Menge eingekeilten Menschen werden ruckartig hin und her geworfen. Der eben noch flüssige Menschenstrom verhält sich so, als wäre er einem Erdbeben ausgesetzt. Um das zu verstehen, muss man nicht wissen, welche Ängste jeder Einzelne gerade aussteht. Automatische Videoanalysen sollen nun helfen, die Gefahr frühzeitig zu erkennen.

Auch für Staus, Fußgängerströme und Vogelschwärme konnten die Wissenschaftler realitätsgetreue Modelle entwickeln. Nun wollen sie einen Schritt weiter gehen und gesellschaftliche Phänomene auf Gesetzmäßigkeiten untersuchen. Der Physiker Helbing forscht heute an der ETH Zürich – als Soziologieprofessor. Er simuliert am Computer die Entstehung von Normen und Altruismus in der Gesellschaft und fordert »ein Apollo-Programm für die Sozialwissenschaften«. Er sagt: »Wir geben Milliarden von Dollar aus, um den Ursprung des Universums zu verstehen, aber wir kennen immer noch nicht die Bedingungen für eine stabile Gesellschaft, eine funktionierende Ökonomie oder Frieden.«

Die einen sehen in der Sozialphysik die Lösung, die anderen einen Hype. Der Soziologe Nick Crossley von der University of Manchester ärgert sich, dass manche so tun, als würden sie die Sozialwissenschaft neu erfinden. Aber auch er erhofft sich neue Impulse: »Wir sollten die neue Sozialphysik nicht ignorieren, nur weil einige ihrer Vertreter so arrogant auftreten«.

Tatsächlich tun sich heute ganz neue Möglichkeiten auf: Es gibt GPS-Telefone und Blogs, Webseiten wie Facebook, Xing und MySpace. Sie alle sammeln Daten über die Art und Weise, wie Menschen miteinander Kontakt aufnehmen oder kommunizieren. In die Analyse dieser Vernetzung setzen die Forscher nun große Hoffnung.

»Menschen sind von jeher in soziale Gemeinschaften eingebettet«, sagt der Medizinsoziologe Nicholas Christakis von der Harvard University, »und wenn wir Mathematik, Biologie und Soziologie dieser Netzwerke durchschauen, verstehen wir sehr viel von gesellschaftlichen Vorgängen.« In der Fachzeitschrift Science forderte Christakis mit einigen Kollegen, die anonymisierten Daten von Unternehmen wie Yahoo und Google für die Forschung freizugeben.

Christakis weiß, wie wertvoll solche Informationen sein können. Er hat untersucht, wie das Gefühl, glücklich zu sein, in einer Gemeinschaft verbreitet ist. Seit 1948 leben einige Tausend Freiwillige in Framingham, Massachusetts, wie in einem großen Big-Brother-Container. Regelmäßig werden sie medizinisch durchgecheckt, in Fragebögen müssen sie ihr Gefühlsleben offenbaren, auch die Kinder und Enkel wachsen als gläserne Bürger auf. Damals wollten Mediziner herausfinden, welche Risikofaktoren Herzkrankheiten begünstigen, heute bedienen sich Netzwerkforscher an dem Datenschatz.

Christakis fand heraus, dass Glücksgefühle regelrecht ansteckend sein können, und zwar über mehrere Kontakte hinweg. Wenn man selbst glücklich ist, ist die Wahrscheinlichkeit, dass die direkten Freunde ebenfalls glücklich sind, um 15 Prozent gegenüber dem Durchschnittswert erhöht. Die Wahrscheinlichkeit, dass auch der Freund eines Freundes glücklich ist, steigt um zehn Prozent. Selbst auf den Freund eines Freundes eines Freundes hat das eigene Gefühl noch einen messbaren Einfluss: sechs Prozent. Es gilt also: Wer im Zentrum zufriedener Menschen steht, ist tendenziell glücklicher.

Es ist nicht nur so, dass glückliche Framingham-Bürger sich bevorzugt mit ihresgleichen anfreunden. Christakis konnte zeigen, dass sie tatsächlich die Grundstimmung ihrer Umgebung verändern. Auch Übergewicht und Rauchen sind in diesem Sinne ansteckend. »Jeder von uns hat viel mehr Einfluss auf andere, als wir erkennen können«, sagt der Harvard-Professor, »man muss dazu kein Superstar sein.«