Die Ursache sind soziale Kettenreaktionen. »Wir sind biologisch so verdrahtet, dass wir andere nachahmen«, sagt Christakis. Ob zu Hause, bei der Arbeit oder beim Einkaufen: »Wir neigen dazu, unsere Mimik, Stimmen und Gesten unbewusst und schnell zu synchronisieren.«

Bekannt ist, dass zwei beliebige Menschen auf der Welt über durchschnittlich sechs Kontakte in Verbindung stehen. »Small World« heißt das Phänomen, die Welt ist klein, und das verdanken wir den sozialen Hubs, also gut vernetzten Personen. Sie schaffen Abkürzungen im Netzwerk, im Guten wie im Schlechten. Wenn es um Seuchen geht, heißen sie »Superspreader«. Nicholas Christakis fügt der Small-World-Regel nun eine weitere hinzu: Zwei Menschen in einem Netzwerk beeinflussen einander über drei Verbindungen hinweg – so lernen auch viele ihren Partner über zwei bis drei Mittelspersonen kennen. In seinem Buch Connected, das im Frühjahr 2010 auf Deutsch erscheint, erhebt er die »Three degrees of influence« -Regel zu einer Art sozialem Naturgesetz.

Über vier und mehr Kontakte hinweg verschwindet die soziale Ansteckung. Der Empfänger ist dann im Netz zu weit entfernt, Stimmungen wie das Glücksgefühl verblassen, und weitergeleitete Informationen werden unsicher wie bei der stillen Post.

In der digitalen Welt, hoffen die Forscher, braucht man künftig keine Fragebogen mehr, um soziale Hubs oder Randgruppen zu erkennen. »In ein paar Jahren wird jedes Handy GPS haben«, frohlockt Dirk Brockmann. So lässt sich nicht nur erkennen, wie häufig und mit wie vielen Personen jemand telefoniert, sondern auch, wie viel er unterwegs ist. »Diese Spuren kann man verwenden, um noch mehr Fragen zu beantworten«, sagt Brockmann. Oder um einzugreifen.

Wer das Netzwerk versteht, sagt Christakis, kann gegensteuern. Vielleicht sei es besser, die Verwandten eines Rauchers von den Gefahren des Tabaks zu überzeugen als den Raucher selbst. Um Kriminalität einzudämmen, müsse man das Netzwerk potenzieller Verbrecher kennen. Und statt wahllos gegen Grippe zu impfen, solle man die Personen heraussuchen, die viel Kontakt zu anderen haben. Wenn der Impfstoff nur für 30 Prozent der Bevölkerung ausreiche, sagt Christakis, könne man durch gezieltes Impfen der Superspreader den gleichen Schutz erzielen wie wenn man 95 Prozent der Bevölkerung zufällig impft.

Das große Hindernis für die Forscher ist der Datenschutz – allerdings nicht für jeden. Ein Mobilfunkbetreiber stellte dem Netzwerkforscher Albert-László Barabási die anonymisierten Verbindungsdaten von sieben Millionen Handys zur Verfügung. Aus welchem Land die Daten stammen, verrät Barabási nicht, nur dass sie 20Prozent der dortigen Bevölkerung erfassen. Anhand der Daten hat er eine Erkenntnis der Soziologen bestätigt: Wenn Menschen einen Job suchen, hatte der Soziologe Mark Granovetter in den siebziger Jahren herausgefunden, sind die entfernten Bekannten die wichtigsten Vermittler, nicht die engsten Freunde. Die Stärke der schwachen Bindungen hieß Granovetters berühmter Aufsatz. Barabásis Handy-Studie zeigte ebenfalls, dass die sporadischen Kontakte für den Zusammenhalt des Netzes die wichtigsten sind.

Es geht darum, Muster zu erkennen. In den achtziger Jahren stürzten sich Naturwissenschaftler auf die Chaostheorie, jetzt sind die Netzwerke dran. Dabei zeigt sich: Egal, welches Netz sie erforschen, immer wieder stoßen sie auf die einfachen Potenzgesetze. Sie tauchen oft dann auf, wenn im Netzwerk ein paar große Hubs existieren.

Diese Struktur hat sich in der Natur wie in der Gesellschaft bewährt. Solche Netze sind robust: Fallen mehrere Knoten zufällig aus, bleibt das Gesamtnetz intakt. Sie machen aber auch verwundbar: Wer gezielt die Hubs ausschaltet, legt das ganze System lahm.

»Potenzgesetze lassen Ökonomen kalt,« sagt Jean-Philippe Bouchaud von der École Polytechnique in Paris, »regen aber sofort die Fantasie von Physikern an.« Er hat Theoretische Physik studiert und ist Forschungschef von Capital Fund Management (CFM), einem der größten Hedgefonds Europas. Bei CFM sollen 30 Physiker dafür sorgen, dass die 2,5 Milliarden Dollar der Kunden gut angelegt sind. Bouchaud sagt: »Die klassische Ökonomie hat kein Konzept, wie sie ›wilde‹ Märkte beschreiben soll, obwohl deren Existenz für jeden Laien offensichtlich ist. Die aktuelle Krise bietet eine hervorragende Gelegenheit für einen Paradigmenwechsel.«