Statistische Physik, um die Finanzmärkte zu verstehen
Thomas Lux vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel teilt diese Kritik. Er ist einer der wenigen Ökonomen, die Statistische Physik gepaukt haben, um die Zuckungen auf den Finanzmärkten zu verstehen. »Die Ökonomen haben die Krise nicht nur nicht vorhergesehen«, schreibt er mit Gleichgesinnten in einem Brandbrief, »sie haben auch dazu beigetragen.«
Die Finanzwelt ist derzeit die größte Spielwiese der Netzwerkforscher. Hier finden sie Unmengen an Daten vor, ein Geflecht von Beziehungen und eine sanierungsbedürftige Wissenschaft. Die orthodoxe Finanzmarkttheorie rechnet bislang mit mathematischen Modellen, in denen Aktienhändler, Banken oder Unternehmen durch Vertreter ersetzt werden, »repräsentative Agenten« genannt. Außerdem sehen die Modelle keine großen Kurssprünge vor, die Wissenschaftler rechnen mit einer Normalverteilung. Dumm nur, dass die Börse nicht normal ist.
Statt repräsentativer Agenten treten in Bouchauds Simulationen Tausende von Händlern auf, die an der Börse aktiv sind. Jeder wird von der Meinung der Mehrheit beeinflusst – der Herdentrieb –, außerdem passt er seine Handelsstrategie der Entwicklung von Inflation, Zinsen und Wechselkursen an. Obwohl diese sich nur langsam verändern, treten im Modell starke Kurssprünge auf. Potenzgesetz statt Normalverteilung. »Das Modell ist stark vereinfacht«, gibt Bouchaud zu, »aber die Ähnlichkeiten mit den Spekulationsblasen sind offensichtlich.«
Thomas Lux hat mit ähnlichen Methoden das Auf und Ab von Stimmungsbarometern simuliert. Mit solchen Expertenumfragen versuchen die großen Wirtschaftsinstitute in Deutschland regelmäßig, die Zukunft vorherzusagen. Meistens liegen sie daneben, und Lux glaubt jetzt auch zu verstehen, warum. Sein Modell zeigt die Rückkopplung der Mehrheitsmeinung mit der des einzelnen Experten – diese verstärkt den Herdeneffekt. Als nächstes will Lux soziale Netzwerke in sein Modell integrieren, denn Aktienhändler, sagt er, »gehen auch mal nach Börsenschluss einen trinken und tauschen dann Informationen und Gerüchte aus«. Wahrscheinlich beeinflussen diese Gerüchte auch den nächsten Broker und den übernächsten. Der Investment-Unternehmer Warren Buffett formulierte es in seinem diesjährigen Aktionärsbrief so: »[Markt-]Teilnehmer, die Ärger aus dem Weg gehen wollen, stehen vor dem gleichen Problem wie jemand, der sich vor Geschlechtskrankheiten fürchtet. Es geht nicht nur darum, mit wem sie selbst schlafen, sondern auch darum, mit wem die anderen schlafen.«
Sozialphysiker an der ETH Zürich wagen sich nun am weitesten vor. Dort hat Didier Sornette ein »Financial Crises Observatory« gegründet und am 1.November ein Experiment zur Vorhersage von Spekulationsblasen gestartet. Sornette hat früher untersucht, wie Treibstofftanks der Ariane- Rakete zerbersten, wenn der Druck zu sehr ansteigt. Kurz vor dem Brechen knistert und knackt der Tank, je mehr Druck, desto lauter. Die Energie dieser Schallwellen, stellte Sornette fest, lässt sich – da war es wieder – mit einem Potenzgesetz beschreiben. Nun versucht er, Börsencrashs ähnlich vorherzusagen wie damals die Materialermüdung: indem er die Kurse statistisch analysiert und nach der Potenzstatistik Ausschau hält.
Manchmal lag er damit schon richtig. Im Juni prophezeite Sornette den Absturz des Shanghai Composite Index, des wichtigsten Aktienindex Chinas, für Ende Juli. Das stimmte nicht ganz, aber am 4. August ging der Index tatsächlich in den Sinkflug über und verlor bis zum 31. August mehr als 20 Prozent. Mit anderen Prognosen lag Sornette schon daneben, Thomas Lux findet dessen Methode »nicht wirklich überzeugend«. Außerdem könnten solche Vorhersagen den Crash erst auslösen. Sornette stellt seine Prognosen daher nun verschlüsselt ins Netz, mit drei Vorhersagen hat er begonnen (arxiv.org/abs/0911.0454). Am 1.Mai 2010 will er den digitalen Schlüssel veröffentlichen, dann wird sich zeigen, ob er richtig lag.
Ob die Sozialphysik für eine Revolution taugt, steht damit freilich nicht fest. »Das große Projekt des 21. Jahrhunderts fängt gerade erst an«, sagt der Mediziner Christakis. »In den vergangenen vier Jahrhunderten haben wir das Leben zerlegt in Organe, dann Zellen, dann Moleküle, dann Gene. Wir haben alles erfunden, vom Mikroskop bis zum Teilchenbeschleuniger. Jetzt fügen wir die Teile wieder zusammen.«
- Datum 25.01.2010 - 15:07 Uhr
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- Quelle ZEIT Wissen 1/2010
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...aber auch, dass der Datenschutz der Forschung so störend im Wege steht. Wenn der nicht wäre, gäbe es Sicherheit ohne Ende. Man könnte beispielsweise jeden Kriminellen online verfolgen und sofort aus dem Verkehr ziehen, oder besser noch, böse Absichten schon im Mutterleib erkennen und aus- bzw. abtreiben. Krankheiten würden besiegt bevor sie überhaupt ausgebrochen sind und ungesunde Lebensweisen würden aufgrund des Massendrucks gar nicht erst in die Öffentlichkeit getragen. Man, soviel gute Absichten, dass einem schwindelig wird.
was haben 3 Typen mit Padcontrollern mit Vernetzung gemeinsam?
Nur weil ein Haufen Kabel auf dem Bild zu sehen sind... junge junge... ich erwarte mehr von der Zeit Bildredaktion.
Ökonomen haben zur Wirtschaftskrise "beigetragen"! Hier zu lesen! Sagt ein (äh) Forscher vom Institut für Angewandte Plutokratie. Und ich dachte bisher immer noch, das wäre alles Pech oder Schicksal - so ähnlich wie schlechtes Wetter, weissu? Zeit(ungs)leser wissen mehr!
Ist das nicht so wie unter der Laterne nach dem verlorenen Schluessel zu suchen, weil da Licht ist, obwohl man ihn woanderst verloren hat?
So was ist leicht und billig zu machen, aber es gibt doch nur Auskunft ueber Leute die das Internet (oft) benutzen (20% (5%) der Menschheit?).
Wie sich die Menschen wirklich verhalten kann man nur heraubekommen wenn man einen echten Qurschnitt analysiert - per definitionem sind da viele Menschen enthalten die kein Internet benutzen.
Auserdem: werden die wichtigen (interessanten!) Dinge wirklic am Netz gemacht??? Hoffentlich nicht.
aber Erkenntnisse wird die Physik wohl kaum hervorbringen. Die Soziologie arbeitet schon ewig an der Quantifizierung von Faktoren - mit mäßigem Erfolg. Bei statistischen Erhebungen und Ergenissen kommt man nicht weit, wenn man ein simples Ursache-Wirkungs-Schema anlegt, wie es nach wie vor in den Wissenschaften üblich ist. Das ist das Kernproblem aller dieser Untersuchungen, sie können zwar eine Entwicklung statistisch beschreiben und darstellen, aber wenn es um Ursachen geht, kommen sie nicht weit.
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