Rätselhaftes Leiden Der Doktor-Vater

Beatrice kam mit einem rätselhaften Leiden auf die Welt. Als selbst Spezialisten ratlos waren, machte sich ihr Vater Hugh Rienhoff auf die Suche nach der Ursache. Er besorgte sich ausrangierte Laborgeräte – um auf eigene Faust die Gene seiner Tochter zu analysieren.

Das band zwischen Vater und Tochter. Hugh Rienhoff versucht es auf eigene Faust, seiner Beatrice zu helfen. Spezialisten streiten ob er ein Vorbild ist oder ein Verzweifelter

Das band zwischen Vater und Tochter. Hugh Rienhoff versucht es auf eigene Faust, seiner Beatrice zu helfen. Spezialisten streiten ob er ein Vorbild ist oder ein Verzweifelter

Auf den ersten Blick wirkt Beatrice wie eine ganz normale Sechsjährige. An diesem Nachmittag tobt sie durch den Garten, stibitzt ihrem Bruder einen Ball und versucht mit einem Lachen, so breit wie ihr kleines Gesicht, zu entkommen. Erst als sie mühevoll einige Stufen erklimmt, zeigt sich, dass etwas nicht stimmt: Unter den abwechselnd hochrutschenden Hosenbeinen kommen zwei Unterschenkel zum Vorschein, die schnurgerade sind. Wo eigentlich Muskeln die Waden formen sollten, drücken sich Knochen durch die Haut.

Es ist wie ein Wunder, dass Beatrice heute überhaupt im Garten spielen kann. Noch vor wenigen Jahren fürchteten ihre Ärzte, sie werde niemals laufen lernen. Von Geburt an leidet das Mädchen an einer mysteriösen Krankheit, einem Gendefekt, der das Muskelwachstum bremst. Selbst Spezialisten an den besten Kliniken des Landes, in Stanford, in Baltimore, in Harvard, sind ratlos. Keiner weiß, was Beatrice fehlt – oder was die Zukunft für sie bereithält.

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Die Ungewissheit bestimmt das Leben von Hugh Rienhoff und seiner Frau Lisa – wie das Zigtausender Eltern. Humangenetiker schätzen, dass bis zu fünf von hundert Kindern mit Gendefekten zur Welt kommen. Diese können unscheinbare Symptome hervorrufen, die die Betroffenen kaum beeinträchtigen, aber auch tödliche Leiden wie Chorea Huntington. In mehr als der Hälfte aller Fälle jedoch lassen sich die Krankheitsbilder keiner eindeutigen Ursache zuordnen. Es gibt weder eine Diagnose noch eine Prognose.

Hugh Rienhoff, selbst Mediziner, wollte sich der Ohnmacht der Ärzte nicht ergeben. Er hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, der rätselhaften Krankheit seiner Tochter auf die Spur zu kommen. Er geht zu Wissenschaftskonferenzen, liest die neuesten Fachartikel, trifft Experten. Er hat sogar ausrangierte Laborgeräte gekauft, um Beatrice’ Erbgut zu analysieren. Und er hat einige der renommiertesten Genforscher überzeugt, sich an einem Genanalyseprojekt zu beteiligen, das Medizingeschichte schreiben könnte.

Rienhoff, ein hagerer 57-Jähriger mit silbergrauem Haar, sitzt auf dem Dachboden seines Hauses im kalifornischen San Carlos. Nüchtern erzählt er von seinem Rettungsversuch – als ginge es nicht um seine Tochter, sondern um irgendeinen Lehrbuchfall. Auf dem Teppich ringsherum stapeln sich Fachbücher und ausgerissene Aufsätze, manche Haufen reichen bis unter die Dachschrägen. Dazwischen liegen zwei abgegriffene Bücher aus seiner Zeit am Johns-Hopkins-Hospital in Baltimore. Dort hatte er in den siebziger Jahren eine Arztkarriere unter dem berühmten Victor McKusick begonnen, dem Begründer der klinischen Genetik.

Eigentlich hatte Rienhoff diesen Lebensabschnitt längst hinter sich gelassen. Vor zwölf Jahren zog er mit seiner Frau Lisa nach Kalifornien, um als Berater in der Biotech-Branche zu arbeiten. Doch seit dem Morgen des 8. Dezember 2003 hat er wieder eine Patientin. Damals lag seine Frau Lisa auf dem vorgewärmten Operationstisch eines Hospitals in San Francisco, bereit, ihr drittes Kind per Kaiserschnitt zur Welt zu bringen. Der junge Arzt klatschte in die Hände und rief: »Lasst uns ein Baby machen!«

Als Beatrice aus dem Bauch ihrer Mutter gezogen wurde, fiel Rienhoff sofort auf, dass etwas nicht stimmte. Das Baby hatte diese ungewöhnlich langen, gekrümmten Füße. Solche Füße, erinnerte er sich, sind typisch für das Marfan-Syndrom, einen seltenen Gendefekt. Das Tückische an der Krankheit: Viele Patienten haben vergrößerte, instabile Hauptschlagadern, die plötzlich bersten können. Das OP-Team aber beruhigte Rienhoff: Eine Kinderärztin legte ihm das Neugeborene in die Arme und sagte, Beatrice habe alle Tests gemeistert, Größe, Gewicht und Reflexe seien normal. Das Mädchen sei gesund, nur könne es Finger und Zehen nicht vollständig strecken.

Leser-Kommentare
  1. schön, dass er so lange und ausdauernd gekämpft hat und einen Erfolg verbuchen konnte. Die Experimente, welche zur Aufschlüsselung einiger Bereiche des Genoms seiner Tochter geführt haben, sind super harmlos. Ich meine, es reicht wirklich aus, Blut abzunehmen und der Rest ist Aufreinigung, Vervielfältigung und Sequenzierung. Alles was dem Kind nicht schadet. Außerdem ist dieser Mann Arzt.
    Das Ausprobieren von Losartan halte ich auch für weniger bedenklich, ist es doch ein zugelassenes Medikament. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass viele Medikamente mehr Potential haben, als nur bei einer Krankheit zu helfen.
    Es war eine mühsame Odyssee, aber mit einem vorläufigen glücklichen Ende.
    Die Eltern, welche sich aufgerufen fühlen, es ihn nach zu tun, sei gesagt: Eine unbekannte Krankheit allein durch Fehler im Genom zu charakterisieren, ist nahezu unmöglich. Man kann Mutationen und defekte Gene entdecken, was sie verursachen im menschlichen Körper ist eine ganz andere Geschichte. Hierbei spielt die Proteomik eine sehr wichtige Rolle, welche ziemlich kostenintensiv ist. Dann müsste man noch schauen, wenn man ein defektes Protein, bzw. einen gestörten "metabolic or non-metabolic pathway" (sorry, komm grad nicht auf die Übersetzung) gefunden hat, wie man ihn postiv beeinflussen kann, ohne andere Prozesse im Körper zu stören. Dies müsste man dann wieder zuerst an Ratten und Hühnern testen.... Also wie man sieht, braucht man sehr viel Fleiß,Geld und der Erfolg ist sehr ungewiss.

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    @Sweet-CD: Sehr gelungener Kommentar!

    Dem kann ich mich nur anschliessen. Dank der neuen Hochdurchsatz-Sequenzier-Technologien werden in den nächsten Jahren sehr viele neue monogenetische "mendelian disorders" identifiziert... Häufig ist es reiner Zufall... Eine Punktmutation in einem Gen in der Eizelle/Spermium - und ein neue seltene Erkrankung entsteht... das wir ja nicht unendlich viele Gene haben, wird sich die Erkrankung mit Sicherheit wiederholen (in Dt, Iran, Australien... heute, vor 1000 Tsd Jahren) - aber wie soll man sie behandeln?

    Ein Glück, dass in diesem Fall der Vater als Arzt gehandelt hat....aber als Vater hat er auch volle Verantwortung getragen. Als Ärzte sind wir heutzutage sehr limitiert was neue Medikamente angeht... selbst Vitamine dürfen nicht in hoher Dosis, ohne entsprechendes Ethikvotum (und den Nachweis des Nutzens) ausprobiert werden.... Einzeilheilversuche sind noch möglich, aber da läuft man auch die Gefahr, ins Gefängnis zu wandern...
    - Also Proteomik und bessere pharma- screening systeme (worauf sich die Pharmafirmen ihre Zähne scharf machen..)müssen her..
    Trotzdem toll, wie dieser Fall gelöst wurde...

    @Sweet-CD: Sehr gelungener Kommentar!

    Dem kann ich mich nur anschliessen. Dank der neuen Hochdurchsatz-Sequenzier-Technologien werden in den nächsten Jahren sehr viele neue monogenetische "mendelian disorders" identifiziert... Häufig ist es reiner Zufall... Eine Punktmutation in einem Gen in der Eizelle/Spermium - und ein neue seltene Erkrankung entsteht... das wir ja nicht unendlich viele Gene haben, wird sich die Erkrankung mit Sicherheit wiederholen (in Dt, Iran, Australien... heute, vor 1000 Tsd Jahren) - aber wie soll man sie behandeln?

    Ein Glück, dass in diesem Fall der Vater als Arzt gehandelt hat....aber als Vater hat er auch volle Verantwortung getragen. Als Ärzte sind wir heutzutage sehr limitiert was neue Medikamente angeht... selbst Vitamine dürfen nicht in hoher Dosis, ohne entsprechendes Ethikvotum (und den Nachweis des Nutzens) ausprobiert werden.... Einzeilheilversuche sind noch möglich, aber da läuft man auch die Gefahr, ins Gefängnis zu wandern...
    - Also Proteomik und bessere pharma- screening systeme (worauf sich die Pharmafirmen ihre Zähne scharf machen..)müssen her..
    Trotzdem toll, wie dieser Fall gelöst wurde...

    • Puzi
    • 16.03.2010 um 11:42 Uhr

    Schön, dass in diesem Fall ein einigermassen glückliches Ende stand. Im Normalfall dürfte jedoch entweder nichts herauskommen oder ein Todesurteil, da keine Therapien vorhanden.

  2. Sehr spannender Artikel, der geradezu fesselt.

    Das einzige, was mir ein bisschen kurz kommt sind die moralischen Implikationen, wobei am Ende ja angemerkt wird, das nicht jeder begeistert von der Aktion ist.

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    Ich kann hier beim besten Willen keine moralische Problematik erkennen.

    Ich kann hier beim besten Willen keine moralische Problematik erkennen.

  3. 4. Moral?

    Ich kann hier beim besten Willen keine moralische Problematik erkennen.

    Antwort auf "Schöner Artikel"
  4. Um eine Diagnose für Marfan-Syndrom oder ähnliche seltene Erkrankungen zu bekommen sollte man sich an spezialisierte Kliniken wenden. Informationen gibt es bei der Marfan Hilfe (Deutschland) e.V. unter kontakt@marfan.de.

  5. interessant, informativ und sogar spannend geschrieben.
    schön das sich die lebensqualität des kindes so verbessert hat. und wie sich zwischen den zeilen wieder mal zeigt, wie wenig die ärzte auch heute noch wissen.
    leider können sie es auch nicht zugeben. gibt es da so einen arztkodex? im zweifel irgendwas diagnostizieren und verschreiben, oder schweigen? mein hausarzt gestand, bei einem erzwungenen gespräch meinerseits, er hätte schon zwei jahre zuvor in meiner akte burnout vermerkt. sehr hilfreich. ich war dann bereits im dritten stadium und musste meinen job aufgeben. wär schön wenn ich ihn verklagen könnte.

  6. Um die von Mothers finest dargestellte Betrugsüberprüfung durchzuführen, muss man gar nicht selber im Keller tüfteln. Es genügt das einsenden der DNA von Vater und Kind an ein entsprechendes Labor. Das Internet ist voll von Angeboten in dieser Hinsicht. Das Labor benötigt nicht mal Blut, eine Speichelprobe (per Wattestäbchen entnommen) reicht aus und Testkits dafür gibt's in jeder Apotheke.

    Damit ist Folge 2 der Argumentation bereits eingetreten.

    Folge 1 hingegen ist seit 1. Februar 2010 juristisch ausgeschlossen. Seitdem gilt das Gendiagnostikgesetz, das vorsieht, dass Vaterschaftstest nur nach Zustimmung der Mutter oder auf gerichtlichen Beschluss hin erlaubt sind.

    Es ist zwar weiter möglich, dass ein Mann, der an seiner Vaterschaft zweifelt, einen heimlichen Test von einem Labor durchführen wird (Folge 2). Entprechenden Tests sind aber vor Gericht wertlos und dem Auftraggeber droht ein Bußgeld von bis zu 5.000 Euro.

    Die einzige Möglichkeit, die Vaterschaft auszuschließen, bleibt die Anfechtung vor Gericht.

    Zu dem im Artikel geschilderten Fall kann ich kein bedenkliches Handeln des Vaters feststellen. Er hat nur alles in seiner Macht stehende getan, ohne dabei sein Kind in Gefahr zu bringen. Welcher Vater würde das nicht tun?

    Das Kind hatte sozusagen Glück im Unglück: Pech wegen des seltenen Gendefekts, aber Glück, ein Mediziner als Vater zu haben, der etwas von Gendiagnostik versteht. Ich wünsche dem Kind alles Gute für eine endgültige Heilung.

    Antwort auf
  7. @Sweet-CD: Sehr gelungener Kommentar!

    Dem kann ich mich nur anschliessen. Dank der neuen Hochdurchsatz-Sequenzier-Technologien werden in den nächsten Jahren sehr viele neue monogenetische "mendelian disorders" identifiziert... Häufig ist es reiner Zufall... Eine Punktmutation in einem Gen in der Eizelle/Spermium - und ein neue seltene Erkrankung entsteht... das wir ja nicht unendlich viele Gene haben, wird sich die Erkrankung mit Sicherheit wiederholen (in Dt, Iran, Australien... heute, vor 1000 Tsd Jahren) - aber wie soll man sie behandeln?

    Ein Glück, dass in diesem Fall der Vater als Arzt gehandelt hat....aber als Vater hat er auch volle Verantwortung getragen. Als Ärzte sind wir heutzutage sehr limitiert was neue Medikamente angeht... selbst Vitamine dürfen nicht in hoher Dosis, ohne entsprechendes Ethikvotum (und den Nachweis des Nutzens) ausprobiert werden.... Einzeilheilversuche sind noch möglich, aber da läuft man auch die Gefahr, ins Gefängnis zu wandern...
    - Also Proteomik und bessere pharma- screening systeme (worauf sich die Pharmafirmen ihre Zähne scharf machen..)müssen her..
    Trotzdem toll, wie dieser Fall gelöst wurde...

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