Rätselhaftes Leiden Der Doktor-Vater
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Tatsächlich gibt es jetzt eine heiße Spur

Als Rienhoff an diesem Nachmittag auf seinem Dachboden von dem eigenwilligen Versuch erzählt, kommt Beatrice die Treppe hoch. Bei jedem Schritt presst sie die Hände auf die Oberschenkel, um die Beinmuskeln zu unterstützen. »Sie ist sehr selbstständig heute, sie fährt sogar ins Sommercamp und lernt Karate«, sagt Rienhoff und hebt sie auf den Schoß. »Und sie beschwert sich fast nie, außer vielleicht darüber, dass sie mit ihren Fingern nicht Klavier spielen kann.«

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Die Do-it-yourself-Rettungsaktion hat noch einen Vorteil: Sie hat sich herumgesprochen. Die Fachzeitschrift Nature und das Technologie-Magazin Wired berichteten darüber, Google lud Rienhoff zu einem ihrer berühmten tech talks ein. Zugleich entbrannte ein Streit, der die Genforscher-Zunft noch heute spaltet. Die einen halten Rienhoffs Experimente für fragwürdig: Der Deutsche André Reis nennt sie »eher einen verzweifelten Hilferuf«, und Hal Dietz hält Rienhoff sogar für ein schlechtes Vorbild für andere Eltern.

Selbst in den Genen ihrer kranken Kinder herumzustöbern lenke sie von ihrer eigentliche Aufgabe ab – sich um ihre Kinder zu kümmern. Andere halten dagegen, unter ihnen der Max-Planck-Forscher Hans Lehrach: »Zwar ist ein Erfolg unwahrscheinlich, aber je mehr man über einen Fall weiß, desto besser. Würde nicht jeder in Rienhoffs Situation so handeln?«

Die Aufmerksamkeit verhalf Rienhoff zu einem zweiten, viel größeren Experiment, das unter anderem der Harvard-Genforscher George Church, ein Informatiker-Team des renommierten Massachusetts Institute of Technology sowie die Firma Illumina, die Sequenziermaschinen baut, unterstützen: Rienhoff lässt die Transkriptome von Beatrice, sich selbst und seiner Frau untersuchen. Das Transkriptom ist die DNA-Abschrift, die die Erbinformationen in jenen Teil der Zelle übermittelt, wo die Proteine hergestellt werden.

Vergleicht man die Abschriften von Vater, Mutter und Kind, müsste eine Mutation auffallen, so das Kalkül. Eine Transkriptom-Analyse kostet derzeit 4000 Euro, einen Bruchteil der Analyse eines vollständigen Genoms. Und sie erfasst zumindest große Teile von 15.000 der insgesamt 25.000 menschlichen Gene.

Um all das möglich zu machen, sei er nach dem Tom-Sawyer-Prinzip vorgegangen, sagt Rienhoff. »Ich habe mich vor einen großen Zaun gestellt und jedem, den ich kannte, erzählt, wie viel Spaß es macht, ihn zu streichen.« Dass sogar namhafte Forscher helfen, liegt vor allem daran, dass die Idee, die Transkriptome von Eltern und Kindern zu vergleichen, neu ist. Sie hoffen, mit derselben Methode Erklärungen für unzählige andere Krankheiten zu finden – falls das Experiment erfolgreich sein sollte.

Und tatsächlich gibt es jetzt eine heiße Spur: Das Team hat entdeckt, dass sowohl Rienhoffs Erbgut als auch das seiner Frau einen sehr seltenen Gendefekt aufweisen, der die Produktion eines Wachstumsfaktors in dem von Rienhoff untersuchten Kreislauf behindert. Daran leidet jeder 1000. bis 2000. Mensch. Weil jeder zwei Kopien von diesem Gen erbt – eine vom Vater, eine von der Mutter –, kann der Schaden normalerweise kompensiert werden.

Beatrice aber hat unglücklicherweise beide Defekte. »Noch ist nicht sicher, ob das die Ursache ist«, sagt Rienhoff. »Als nächstes wollen wir bei im Labor hergestellten Muskelzellen das fragliche Gen unterdrücken, um zu testen, ob diese sich dann wie die von Beatrice verhalten.«

Und wenn wieder nichts herauskommt? Rienhoff schaut aus dem Fenster und denkt nach. »Dann habe ich zumindest alles versucht«, sagt er. »Und in einigen Jahren ist es sicher möglich, das ganze Erbgut schnell und billig zu analysieren – dann suche ich weiter.«

 
Leser-Kommentare
  1. schön, dass er so lange und ausdauernd gekämpft hat und einen Erfolg verbuchen konnte. Die Experimente, welche zur Aufschlüsselung einiger Bereiche des Genoms seiner Tochter geführt haben, sind super harmlos. Ich meine, es reicht wirklich aus, Blut abzunehmen und der Rest ist Aufreinigung, Vervielfältigung und Sequenzierung. Alles was dem Kind nicht schadet. Außerdem ist dieser Mann Arzt.
    Das Ausprobieren von Losartan halte ich auch für weniger bedenklich, ist es doch ein zugelassenes Medikament. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass viele Medikamente mehr Potential haben, als nur bei einer Krankheit zu helfen.
    Es war eine mühsame Odyssee, aber mit einem vorläufigen glücklichen Ende.
    Die Eltern, welche sich aufgerufen fühlen, es ihn nach zu tun, sei gesagt: Eine unbekannte Krankheit allein durch Fehler im Genom zu charakterisieren, ist nahezu unmöglich. Man kann Mutationen und defekte Gene entdecken, was sie verursachen im menschlichen Körper ist eine ganz andere Geschichte. Hierbei spielt die Proteomik eine sehr wichtige Rolle, welche ziemlich kostenintensiv ist. Dann müsste man noch schauen, wenn man ein defektes Protein, bzw. einen gestörten "metabolic or non-metabolic pathway" (sorry, komm grad nicht auf die Übersetzung) gefunden hat, wie man ihn postiv beeinflussen kann, ohne andere Prozesse im Körper zu stören. Dies müsste man dann wieder zuerst an Ratten und Hühnern testen.... Also wie man sieht, braucht man sehr viel Fleiß,Geld und der Erfolg ist sehr ungewiss.

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    @Sweet-CD: Sehr gelungener Kommentar!

    Dem kann ich mich nur anschliessen. Dank der neuen Hochdurchsatz-Sequenzier-Technologien werden in den nächsten Jahren sehr viele neue monogenetische "mendelian disorders" identifiziert... Häufig ist es reiner Zufall... Eine Punktmutation in einem Gen in der Eizelle/Spermium - und ein neue seltene Erkrankung entsteht... das wir ja nicht unendlich viele Gene haben, wird sich die Erkrankung mit Sicherheit wiederholen (in Dt, Iran, Australien... heute, vor 1000 Tsd Jahren) - aber wie soll man sie behandeln?

    Ein Glück, dass in diesem Fall der Vater als Arzt gehandelt hat....aber als Vater hat er auch volle Verantwortung getragen. Als Ärzte sind wir heutzutage sehr limitiert was neue Medikamente angeht... selbst Vitamine dürfen nicht in hoher Dosis, ohne entsprechendes Ethikvotum (und den Nachweis des Nutzens) ausprobiert werden.... Einzeilheilversuche sind noch möglich, aber da läuft man auch die Gefahr, ins Gefängnis zu wandern...
    - Also Proteomik und bessere pharma- screening systeme (worauf sich die Pharmafirmen ihre Zähne scharf machen..)müssen her..
    Trotzdem toll, wie dieser Fall gelöst wurde...

    @Sweet-CD: Sehr gelungener Kommentar!

    Dem kann ich mich nur anschliessen. Dank der neuen Hochdurchsatz-Sequenzier-Technologien werden in den nächsten Jahren sehr viele neue monogenetische "mendelian disorders" identifiziert... Häufig ist es reiner Zufall... Eine Punktmutation in einem Gen in der Eizelle/Spermium - und ein neue seltene Erkrankung entsteht... das wir ja nicht unendlich viele Gene haben, wird sich die Erkrankung mit Sicherheit wiederholen (in Dt, Iran, Australien... heute, vor 1000 Tsd Jahren) - aber wie soll man sie behandeln?

    Ein Glück, dass in diesem Fall der Vater als Arzt gehandelt hat....aber als Vater hat er auch volle Verantwortung getragen. Als Ärzte sind wir heutzutage sehr limitiert was neue Medikamente angeht... selbst Vitamine dürfen nicht in hoher Dosis, ohne entsprechendes Ethikvotum (und den Nachweis des Nutzens) ausprobiert werden.... Einzeilheilversuche sind noch möglich, aber da läuft man auch die Gefahr, ins Gefängnis zu wandern...
    - Also Proteomik und bessere pharma- screening systeme (worauf sich die Pharmafirmen ihre Zähne scharf machen..)müssen her..
    Trotzdem toll, wie dieser Fall gelöst wurde...

    • Puzi
    • 16.03.2010 um 11:42 Uhr

    Schön, dass in diesem Fall ein einigermassen glückliches Ende stand. Im Normalfall dürfte jedoch entweder nichts herauskommen oder ein Todesurteil, da keine Therapien vorhanden.

  2. Sehr spannender Artikel, der geradezu fesselt.

    Das einzige, was mir ein bisschen kurz kommt sind die moralischen Implikationen, wobei am Ende ja angemerkt wird, das nicht jeder begeistert von der Aktion ist.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich kann hier beim besten Willen keine moralische Problematik erkennen.

    Ich kann hier beim besten Willen keine moralische Problematik erkennen.

  3. 4. Moral?

    Ich kann hier beim besten Willen keine moralische Problematik erkennen.

    Antwort auf "Schöner Artikel"
  4. Um eine Diagnose für Marfan-Syndrom oder ähnliche seltene Erkrankungen zu bekommen sollte man sich an spezialisierte Kliniken wenden. Informationen gibt es bei der Marfan Hilfe (Deutschland) e.V. unter kontakt@marfan.de.

  5. interessant, informativ und sogar spannend geschrieben.
    schön das sich die lebensqualität des kindes so verbessert hat. und wie sich zwischen den zeilen wieder mal zeigt, wie wenig die ärzte auch heute noch wissen.
    leider können sie es auch nicht zugeben. gibt es da so einen arztkodex? im zweifel irgendwas diagnostizieren und verschreiben, oder schweigen? mein hausarzt gestand, bei einem erzwungenen gespräch meinerseits, er hätte schon zwei jahre zuvor in meiner akte burnout vermerkt. sehr hilfreich. ich war dann bereits im dritten stadium und musste meinen job aufgeben. wär schön wenn ich ihn verklagen könnte.

  6. Um die von Mothers finest dargestellte Betrugsüberprüfung durchzuführen, muss man gar nicht selber im Keller tüfteln. Es genügt das einsenden der DNA von Vater und Kind an ein entsprechendes Labor. Das Internet ist voll von Angeboten in dieser Hinsicht. Das Labor benötigt nicht mal Blut, eine Speichelprobe (per Wattestäbchen entnommen) reicht aus und Testkits dafür gibt's in jeder Apotheke.

    Damit ist Folge 2 der Argumentation bereits eingetreten.

    Folge 1 hingegen ist seit 1. Februar 2010 juristisch ausgeschlossen. Seitdem gilt das Gendiagnostikgesetz, das vorsieht, dass Vaterschaftstest nur nach Zustimmung der Mutter oder auf gerichtlichen Beschluss hin erlaubt sind.

    Es ist zwar weiter möglich, dass ein Mann, der an seiner Vaterschaft zweifelt, einen heimlichen Test von einem Labor durchführen wird (Folge 2). Entprechenden Tests sind aber vor Gericht wertlos und dem Auftraggeber droht ein Bußgeld von bis zu 5.000 Euro.

    Die einzige Möglichkeit, die Vaterschaft auszuschließen, bleibt die Anfechtung vor Gericht.

    Zu dem im Artikel geschilderten Fall kann ich kein bedenkliches Handeln des Vaters feststellen. Er hat nur alles in seiner Macht stehende getan, ohne dabei sein Kind in Gefahr zu bringen. Welcher Vater würde das nicht tun?

    Das Kind hatte sozusagen Glück im Unglück: Pech wegen des seltenen Gendefekts, aber Glück, ein Mediziner als Vater zu haben, der etwas von Gendiagnostik versteht. Ich wünsche dem Kind alles Gute für eine endgültige Heilung.

    Antwort auf
  7. @Sweet-CD: Sehr gelungener Kommentar!

    Dem kann ich mich nur anschliessen. Dank der neuen Hochdurchsatz-Sequenzier-Technologien werden in den nächsten Jahren sehr viele neue monogenetische "mendelian disorders" identifiziert... Häufig ist es reiner Zufall... Eine Punktmutation in einem Gen in der Eizelle/Spermium - und ein neue seltene Erkrankung entsteht... das wir ja nicht unendlich viele Gene haben, wird sich die Erkrankung mit Sicherheit wiederholen (in Dt, Iran, Australien... heute, vor 1000 Tsd Jahren) - aber wie soll man sie behandeln?

    Ein Glück, dass in diesem Fall der Vater als Arzt gehandelt hat....aber als Vater hat er auch volle Verantwortung getragen. Als Ärzte sind wir heutzutage sehr limitiert was neue Medikamente angeht... selbst Vitamine dürfen nicht in hoher Dosis, ohne entsprechendes Ethikvotum (und den Nachweis des Nutzens) ausprobiert werden.... Einzeilheilversuche sind noch möglich, aber da läuft man auch die Gefahr, ins Gefängnis zu wandern...
    - Also Proteomik und bessere pharma- screening systeme (worauf sich die Pharmafirmen ihre Zähne scharf machen..)müssen her..
    Trotzdem toll, wie dieser Fall gelöst wurde...

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