Deutsches Schulsystem Die ideale Schule
Die Bundesländer liefern sich einen Wettstreit um die beste Schulform – doch auf die Experten und die Eltern hört niemand.
© Sean Gallup/Getty Image

In einer Berliner Vorschule. Der Lehrer spielt mit den Kindern
Seitdem die Menschen zur Schule gehen, träumen sie von der perfekten Schule. Dabei gehen die Ansichten darüber, was eine gute Schule ausmacht, weit auseinander. Die einen wünschen sich eine angstfreie Schule als wirklichen Lebensort ohne Noten und Sitzenbleiben, andere suchen nach Leistung und Eliteförderung. Ein Traum aber verbindet die meisten pädagogischen Visionäre miteinander: Eine Schule, in der jedes einzelne Kind im Mittelpunkt steht, die jeden Schüler mitnimmt, sich auf die unterschiedlichsten Begabungen einstellt und unentdeckte Potenziale hebt. Doch das einzelne Kind gerät leicht aus dem Blick, wenn sich Schulen vor allem auf Leistungsvergleiche, die Einführung neuer Bildungsstandards und die neuesten Rahmenrichtlinien aus den Kultusministerien konzentrieren müssen.
Dabei sollte doch alles anders werden, nachdem die Ergebnisse der ersten Pisa-Studie vor fast zehn Jahren Deutschlands Schülern nur Mittelmaß bescheinigt hatten. Der Schock saß tief und führte zu grundsätzlichen Fragen: Taugen die tradierten Schulsysteme noch, damit Deutschlands Schüler wieder den Anschluss an die internationale Spitze schaffen? Und in welchen Schulformen sind sie am besten aufgehoben?
Ein Wettlauf um die effektivsten Schulstrukturen begann. Seitdem sind die Schulsysteme der 16 Bundesländer gigantische Großbaustellen. Es wird aufgerissen und zubetoniert, aufgestockt und abgespeckt, je nachdem welche politische Konstellation gerade über Bildung entscheidet. Eine unvollendete Reform folgt der nächsten. »Für die meisten Strukturreformen gibt es keine pädagogische Logik. Das ist immer ein politischer Kuhhandel«, sagt Hans Brügelmann, Erziehungswissenschaftler an der Universität Siegen.
Die endlosen Reparaturen am Bauwerk Schule haben ihren Preis – Eltern, Schüler und Lehrer reagieren zunehmend empfindlich auf jedes weitere Experiment. In Hamburg tobt seit zwei Jahren ein Bildungskrieg, wie ihn Deutschland noch nicht erlebt hat. Was den Aufstand der Eltern heraufbeschworen hat, sind nicht mehr als zwei Schuljahre. Hamburgs schwarz-grüner Senat plant, die Grundschule zur sechsjährigen Primarschule zu reformieren. Dafür muss das Gymnasium um zwei Jahre schrumpfen, ausgerechnet die Lieblingsschule der Hamburger Eltern. Ihnen fehlt der Glaube, dass Schule automatisch besser wird, sobald sich die Strukturen ändern. Zudem gibt es bisher keinerlei eindeutige empirische Belege, dass die sechsjährige Grundschule zu mehr Leistung führt als die vierjährige. »Wir Bildungsforscher interpretieren das so, dass sechs Jahre gemeinsames Lernen nichts schaden, aber auch nichts verbessern«, sagt Olaf Köller, Direktor am Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik in Kiel. »Die Kernvoraussetzung für eine gute Schule ist gelingender Unterricht, nicht die Struktur«, sagt Köller. Guter Unterricht sei unter allen Strukturbedingungen möglich.
Allerdings: Deutschland und Österreich sind die einzigen Länder in Europa, die ihre Schüler bereits nach vier Jahren Grundschule auf mehrere Schulformen verteilen und damit Lebenswege zementieren. Immer mehr Eltern sehen aus Frustration über das zergliederte und hochselektive Schulsystem im längeren gemeinsamen Lernen neue Hoffnung. »Die gemeinsame, inklusive Schule für alle ist für das Hineinwachsen in eine demokratische Gesellschaft unverzichtbar«, sagt Hans Brügelmann. Das aber ist noch lange nicht Konsens. Eine flächendeckende Einführung von Gemeinschaftsschulen sei in Deutschland nach wie vor politisch nicht gewollt, sagt Olaf Köller. »Allein schon, weil sich niemand vom Gymnasium verabschieden will. Da müssen wir uns nichts vormachen.« In vielen Bundesländern zeichne sich aber ein Trend zur Zweigliedrigkeit ab. Das heißt: Nach der Grundschule steht neben dem Gymnasium nur eine weitere Schulform zur Verfügung, die im Idealfall ebenfalls zum Abitur führt. In Hamburg und Bremen werden Haupt- und Realschüler künftig unter einem Dach unterrichtet. Das Abitur kann in den neuen Stadtteil- bzw. Oberschulen nach 13 Jahren absolviert werden. In einem derart durchlässigen System sollte kein Kind mehr in seiner Entwicklung behindert werden. Und so kann, wer sich etwa erst in der achten Klasse vom Sinn des Lernens überzeugen lässt, immer noch bis zum Abitur durchstarten. Abstellgleise darf es in einem zukunftsfähigen Schulsystem nicht mehr geben. Die moderne Schule muss dafür sorgen, dass kein Kind zurückbleibt.
Dafür brauchen Pädagogen einen neuen Blick auf ihre Schüler: Es gibt kein Kind, das alles kann – aber auch keines, das nichts kann. Die Vielfalt an Talenten und Begabungen, aber auch an Schülern ganz unterschiedlicher sozialer und kultureller Herkunft zum Programm zu machen bedeutet auch, sie nicht mehr als Bedrohung zu erleben. Bisher hat Heterogenität in der Ausbildung vieler Lehrer kaum eine Rolle gespielt. Sie haben sich auf ein Schulsystem eingestellt, das gut vorsortiert und die Schwachen rechtzeitig von den Starken trennt. Aber ohne Lehrer, die sich auf neue differenzierende Unterrichtsmethoden einlassen, um den unterschiedlichen Leistungsniveaus in einer Klasse zu entsprechen, wird Schule nicht gerechter, und die Bildungschancen eines Kindes werden auch weiterhin vom sozialen Status seiner Familie abhängen.
Wer gute Schulen kennt, der weiß, dass sie in jedem beliebigen Schulsystem entstehen können: immer dann, wenn Lehrer, Eltern und Schüler die Entwicklung ihrer Schule selbst in die Hand nehmen. Noch länger auf Rezepte zu setzen, deren Wirkung fragwürdig ist, führt dagegen vor allem dazu, dass Potenziale und Talente im großen Stil verschwendet werden.
- Datum 04.05.2010 - 11:31 Uhr
- Quelle ZEIT Wissen 03/2010
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»Die Kernvoraussetzung für eine gute Schule ist gelingender Unterricht, nicht die Struktur«, sagt Köller. Guter Unterricht sei unter allen Strukturbedingungen möglich.
Dem kann als mit dem Lehramt Vertrauter nur zustimmen, der einen sehr schwachen Strukturbegriff hat. Wenn zu Strukturen die Qualität der Lehrerausbildung, das Lehrer-Schüler-Zahlenverhältnis, die Qualität des Arbeitsplatzes Schule und darüber hinaus die Verbindung von Elternhaus und Schule gezählt wird, dann ist guter Unterricht nicht in allen Strukturen möglich. Dass er relativ zu schlechten Strukturen gut sein kann, ist dabei nicht die Frage.
Außerdem: Vom Gymnasium wollen sich Eltern so lange nicht verabschieden, wie sie in ihm die einzig sichere Zukunft für ihr Kind erblicken. Wenn durch richtige Bildungspolitik nachweislich die Qualität anderer Schulen aufgewertet wird, dann ist "Gymnasium" nichts weiter als ein Name.
Brisant ist vielmehr die Frage, ob es überhaupt politischer Wille sein kann, allen Kindern die bestmögliche Forderung zuteil werden zu lassen. Wer soll denn die vielen flexiblen Minijobs annehmen, derer die Arbeitslosenstatistik bedarf, wenn nicht Geringqualifizierte?! - Die Frage ist gewiss eine Provokation. Der Zusammenhang von Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik muss aber in den Blick genommen werden, statt im luftleeren Raum über Schulformen zu debattieren. Es werden nie pädagogisch-didaktische Ziele das Primat haben, wenn BIP das Ziel ist.
Die Geringqualifizierten werden uns bestimmt nicht so schnell ausgehen, wie in dem Beitrag von Regina Mönch aus der gestrigen FAZ nachzulesen ist: http://www.faz.net/s/RubC...
Kritisch beginnt die ganze Angelegeheit dann zu werden, wenn die Qualifikationsanforderungen aus parteiideologischen Gründen gesenkt werden sollen, wie bereits bei der Berliner Polizei und Feuerwehr geschehen: http://www.tagesspiegel.d...
Die Geringqualifizierten werden uns bestimmt nicht so schnell ausgehen, wie in dem Beitrag von Regina Mönch aus der gestrigen FAZ nachzulesen ist: http://www.faz.net/s/RubC...
Kritisch beginnt die ganze Angelegeheit dann zu werden, wenn die Qualifikationsanforderungen aus parteiideologischen Gründen gesenkt werden sollen, wie bereits bei der Berliner Polizei und Feuerwehr geschehen: http://www.tagesspiegel.d...
/Zitat
"Noch länger auf Rezepte zu setzen, deren Wirkung fragwürdig ist, führt dagegen vor allem dazu, dass Potenziale und Talente im großen Stil verschwendet werden."
Zitat/
Also: Keine Experimente - wie schon Adenauer meinte und sachgerechte Reformen (Rente) populistisch verweigert. Bis heute haben wir es nicht geschafft, die dadurch entstanden materiellen Schäden und die angerichteten Schäden in den Köpfen aufzuarbeiten.
Die Bildungspolitiker fordern ein ums andere Mal ein durchlässiges Schulsystem, dass allen Schülern einen Weg zum Abitur bieten soll. Gleichzeitig ruft man in Berlin die "Bildungsrepublik Deutschland" aus und fordert "mehr Bildung für alle!".
Das klingt erst einmal toll: Mehr Abiturienten, mehr Studenten, mehr Akademiker; da wird Deutschland doch sicher im internationalen Vergleich besser werden, soll das Volk denken.
Fakt ist jedoch, dass durch diese Politik die Schulabschlüsse schlicht entwertet werden. Ich habe an einem Gymnasium in Bremen Abitur gemacht und habe mich öfters darüber aufgeregt, dass man so viele schwache Schüler mitziehen muss; nur weil die Eltern wollen, dass ihr Kind unbedingt das Abitur macht.
Individuelle Förderung bedeutet für mich nicht, dass es eine Schulform für alle gibt und jeder das Abitur macht! Viel wichtiger wäre es, die "alten" Schulformen und Abschlüsse aufzuwerten, so dass man z.B. mit einem guten Realschulabschluss jede Ausbildung beginnen kann. Was nützen uns schließlich unmengen Akademiker, wenn niemand mehr unser täglich Brot backen kann oder die kaputte Toilette repariert?
kwT
kwT
hätten alle Kinder die selben Rahmenbedingungen bzw die selben Förderungen, dann könnten sich die Kinder der scheinbaren und echten Elite ja nicht mehr so durchsetzen, wie sie es jetzt tun - es ist doch die nackte Angst der Elite vor Konkurrenz
nur in Deutschland und Österreich ist die soziale Abstammung so entscheidend für die berufliche Karriere und das Bildungsniveau
"nur in Deutschland und Österreich ist die soziale Abstammung so entscheidend für die berufliche Karriere und das Bildungsniveau"
Auch in Frankreich, Algerien, Sudan, Lybien, Nigeria....(und unzähligen weiteren Ländern in denen eine Funktionselite besteht, die sich Leistungsdruck verständlicherweise nicht aussetzten will)
Entscheident ist doch, dass die, die immer von der Leistungsgesellschaft reden, diese bestmöglist verhindern.
Es gab einen Shift von Chancengerechtigkeit zu Chancengleichheit. Dieser kleine aber feine Unterschied hat gewaltige Auswirkungen.
"nur in Deutschland und Österreich ist die soziale Abstammung so entscheidend für die berufliche Karriere und das Bildungsniveau"
Auch in Frankreich, Algerien, Sudan, Lybien, Nigeria....(und unzähligen weiteren Ländern in denen eine Funktionselite besteht, die sich Leistungsdruck verständlicherweise nicht aussetzten will)
Entscheident ist doch, dass die, die immer von der Leistungsgesellschaft reden, diese bestmöglist verhindern.
Es gab einen Shift von Chancengerechtigkeit zu Chancengleichheit. Dieser kleine aber feine Unterschied hat gewaltige Auswirkungen.
"nur in Deutschland und Österreich ist die soziale Abstammung so entscheidend für die berufliche Karriere und das Bildungsniveau"
Auch in Frankreich, Algerien, Sudan, Lybien, Nigeria....(und unzähligen weiteren Ländern in denen eine Funktionselite besteht, die sich Leistungsdruck verständlicherweise nicht aussetzten will)
Entscheident ist doch, dass die, die immer von der Leistungsgesellschaft reden, diese bestmöglist verhindern.
Es gab einen Shift von Chancengerechtigkeit zu Chancengleichheit. Dieser kleine aber feine Unterschied hat gewaltige Auswirkungen.
Ich lese hier:
"Ein Traum aber verbindet die meisten pädagogischen Visionäre miteinander: Eine Schule, in der jedes einzelne Kind im Mittelpunkt steht, die jeden Schüler mitnimmt, sich auf die unterschiedlichsten Begabungen einstellt und unentdeckte Potenziale hebt."
Veto, das ist falsch. Ich hoffe, es ist nicht zu polemisch, wenn ich es einmal direkt ausspreche:
Unser Schulsystem dient nicht der Förderung von Kindern, sondern der Selektion. Weil nicht gefördert wird ist das Lernen Nebensache, am wichtigsten ist das Abfragen und Bewerten des Erlernten.
Wer Förderung braucht fällt durch, wer von zuhause gute Voraussetzungen mitbringt wird gut bewertet. Ich bin kein Neider, denn ich habe davon profitiert. Meine Eltern waren angesehen, das brachte ohne eigenes Bemühen eine ganze Note in Deutsch und Geschichte.
Das war schon zu Kaisers Zeiten so. Heute wird nicht mehr geprügelt, das wäre unfein. Heute wird mit Noten aussortiert, das ist leise und effizient, die Hand schmerzt danach auch nicht so, und man spart sich die Arbeit, sich mit den Schülern genauer beschäftigen zu müssen.
Das deutsche Schulsystem zementiert die gesellschaftlichen Schichten, macht also genau dasselbe, was die Schulen in Indien auch tun. Wir haben es mit einer zivil aussehenden und mit vielen Worten und vielen Lügen getarnten Form eines Kastensystems zu tun. In letzter Konsequenz steht nach ein paar Generationen dann Auschwitz wieder auf dem Programm.
War das zu polemisch für Sie, Herr Lehrer?
Ständig werden dieselben Schablonen wiedergekäut. Ständig wird "Schule" verändert, wie ews scheint nur noch, um davon abzulenken, dass keiner weiß, wie es geht.
Für mich als Ich-kann-Schule-Lehrer beginnt Schule da, wo einer ein Problem konkret gelöst hat und den Erfolg noch einmal wiederholen kann. Die Tatsache, dass immer noch jeden Tag Millionen Kinder Millionen ungelöster Probleme aus der Schule als Belastung mit nach Hause bringen, zeigt, dass Schulen nur vorgibt, Schule zu sein, aber es nicht ist.
Und dann Wettstreit???
Wäre nicht langsam mal LERNEN fällig?
Not amused
Franz Josef Neffe
Es ist doch so: die Investitionen in die Bildung fließen doch nicht nur in Gebäude, sondern auch in die so oft bemängelte Ausbildung der Lehrer. Die müssen sich nun weiterbilden, um die neue Sicht auf den Schüler auch im Unterrichten umsetzen zu können und dies tun sie nicht erst seit gestern, sondern bereits seit Jahren. Die Lernumgebung und die Klassenraumgestaltung hat einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf das Lernen.
Das Argument eines Vorkommentators, dass niemand mehr die Brötchen backen möchte, weil er Abitur hat, ist zu kurzsichtig. Jeder wählt in erster Linie seinen Beruf nach Interessen. Die Entscheidung Bäcker zu werden haben mit Sicherheit die Leute nicht getroffen weil sie einen Haupt- oder Realschulabschluss haben, sondern weil es ihnen als Berufsfeld gefiel. Aber jeder sollte alle Möglichkeiten haben, um frei wählen zu können und nicht schon durch seinen Schulabschluss herabgesetzt werden nach dem Motto "Du wirst jetzt Müllfahrer oder Bäcker".
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