Seitdem die Menschen zur Schule gehen, träumen sie von der perfekten Schule. Dabei gehen die Ansichten darüber, was eine gute Schule ausmacht, weit auseinander. Die einen wünschen sich eine angstfreie Schule als wirklichen Lebensort ohne Noten und Sitzenbleiben, andere suchen nach Leistung und Eliteförderung. Ein Traum aber verbindet die meisten pädagogischen Visionäre miteinander: Eine Schule, in der jedes einzelne Kind im Mittelpunkt steht, die jeden Schüler mitnimmt, sich auf die unterschiedlichsten Begabungen einstellt und unentdeckte Potenziale hebt. Doch das einzelne Kind gerät leicht aus dem Blick, wenn sich Schulen vor allem auf Leistungsvergleiche, die Einführung neuer Bildungsstandards und die neuesten Rahmenrichtlinien aus den Kultusministerien konzentrieren müssen.

Dabei sollte doch alles anders werden, nachdem die Ergebnisse der ersten Pisa-Studie vor fast zehn Jahren Deutschlands Schülern nur Mittelmaß bescheinigt hatten. Der Schock saß tief und führte zu grundsätzlichen Fragen: Taugen die tradierten Schulsysteme noch, damit Deutschlands Schüler wieder den Anschluss an die internationale Spitze schaffen? Und in welchen Schulformen sind sie am besten aufgehoben?

Ein Wettlauf um die effektivsten Schulstrukturen begann. Seitdem sind die Schulsysteme der 16 Bundesländer gigantische Großbaustellen. Es wird aufgerissen und zubetoniert, aufgestockt und abgespeckt, je nachdem welche politische Konstellation gerade über Bildung entscheidet. Eine unvollendete Reform folgt der nächsten. »Für die meisten Strukturreformen gibt es keine pädagogische Logik. Das ist immer ein politischer Kuhhandel«, sagt Hans Brügelmann, Erziehungswissenschaftler an der Universität Siegen.

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Die endlosen Reparaturen am Bauwerk Schule haben ihren Preis – Eltern, Schüler und Lehrer reagieren zunehmend empfindlich auf jedes weitere Experiment. In Hamburg tobt seit zwei Jahren ein Bildungskrieg, wie ihn Deutschland noch nicht erlebt hat. Was den Aufstand der Eltern heraufbeschworen hat, sind nicht mehr als zwei Schuljahre. Hamburgs schwarz-grüner Senat plant, die Grundschule zur sechsjährigen Primarschule zu reformieren. Dafür muss das Gymnasium um zwei Jahre schrumpfen, ausgerechnet die Lieblingsschule der Hamburger Eltern. Ihnen fehlt der Glaube, dass Schule automatisch besser wird, sobald sich die Strukturen ändern. Zudem gibt es bisher keinerlei eindeutige empirische Belege, dass die sechsjährige Grundschule zu mehr Leistung führt als die vierjährige. »Wir Bildungsforscher interpretieren das so, dass sechs Jahre gemeinsames Lernen nichts schaden, aber auch nichts verbessern«, sagt Olaf Köller, Direktor am Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik in Kiel. »Die Kernvoraussetzung für eine gute Schule ist gelingender Unterricht, nicht die Struktur«, sagt Köller. Guter Unterricht sei unter allen Strukturbedingungen möglich.

Allerdings: Deutschland und Österreich sind die einzigen Länder in Europa , die ihre Schüler bereits nach vier Jahren Grundschule auf mehrere Schulformen verteilen und damit Lebenswege zementieren. Immer mehr Eltern sehen aus Frustration über das zergliederte und hochselektive Schulsystem im längeren gemeinsamen Lernen neue Hoffnung. »Die gemeinsame, inklusive Schule für alle ist für das Hineinwachsen in eine demokratische Gesellschaft unverzichtbar«, sagt Hans Brügelmann. Das aber ist noch lange nicht Konsens. Eine flächendeckende Einführung von Gemeinschaftsschulen sei in Deutschland nach wie vor politisch nicht gewollt, sagt Olaf Köller. »Allein schon, weil sich niemand vom Gymnasium verabschieden will. Da müssen wir uns nichts vormachen.« In vielen Bundesländern zeichne sich aber ein Trend zur Zweigliedrigkeit ab. Das heißt: Nach der Grundschule steht neben dem Gymnasium nur eine weitere Schulform zur Verfügung, die im Idealfall ebenfalls zum Abitur führt. In Hamburg und Bremen werden Haupt- und Realschüler künftig unter einem Dach unterrichtet. Das Abitur kann in den neuen Stadtteil- bzw. Oberschulen nach 13 Jahren absolviert werden. In einem derart durchlässigen System sollte kein Kind mehr in seiner Entwicklung behindert werden. Und so kann, wer sich etwa erst in der achten Klasse vom Sinn des Lernens überzeugen lässt, immer noch bis zum Abitur durchstarten. Abstellgleise darf es in einem zukunftsfähigen Schulsystem nicht mehr geben. Die moderne Schule muss dafür sorgen, dass kein Kind zurückbleibt.

Dafür brauchen Pädagogen einen neuen Blick auf ihre Schüler: Es gibt kein Kind, das alles kann – aber auch keines, das nichts kann. Die Vielfalt an Talenten und Begabungen, aber auch an Schülern ganz unterschiedlicher sozialer und kultureller Herkunft zum Programm zu machen bedeutet auch, sie nicht mehr als Bedrohung zu erleben. Bisher hat Heterogenität in der Ausbildung vieler Lehrer kaum eine Rolle gespielt. Sie haben sich auf ein Schulsystem eingestellt, das gut vorsortiert und die Schwachen rechtzeitig von den Starken trennt. Aber ohne Lehrer, die sich auf neue differenzierende Unterrichtsmethoden einlassen, um den unterschiedlichen Leistungsniveaus in einer Klasse zu entsprechen, wird Schule nicht gerechter, und die Bildungschancen eines Kindes werden auch weiterhin vom sozialen Status seiner Familie abhängen.

Wer gute Schulen kennt, der weiß, dass sie in jedem beliebigen Schulsystem entstehen können: immer dann, wenn Lehrer, Eltern und Schüler die Entwicklung ihrer Schule selbst in die Hand nehmen. Noch länger auf Rezepte zu setzen, deren Wirkung fragwürdig ist, führt dagegen vor allem dazu, dass Potenziale und Talente im großen Stil verschwendet werden.