Als Dacher Keltner seine Forschungsergebnisse auf dem Friedensgipfel im Dalai Lama Center for Peace and Education in Vancouver vorstellte, kamen ihm fast die Tränen. 2500 Zuschauer füllten das Auditorium im Art-déco-Stil. Unter den Gästen waren tibetanische Mönche, die Menschen umarmten einander. Manchmal schlug jemand einen Gong; es gab vegetarisches Essen in recycelbarer Verpackung. Überwältigt hat ihn aber vor allem die Begegnung mit seinem wichtigsten Zuhörer: dem Dalai Lama. Als dieser seine Hände umfasste und sich verbeugte, lächelte Keltner wie ein Junge an Heiligabend.

Der Psychologieprofessor der University of California gehört zu jenen Wissenschaftlern, deren Arbeit das Interesse des geistlichen Oberhauptes der Tibeter weckt. Im vergangenen Jahr erschien sein Buch Born to Be Good, in dem er dem verbreiteten Menschenbild des rivalisierenden Egoisten jenes eines fürsorglichen Wesens entgegensetzt. Keltner ist davon überzeugt, dass der Mensch von Natur aus gut ist.

Während die meisten seiner Kollegen den Blick auf die Probleme der menschlichen Psyche richten, erforscht Keltner ihre gute Seite – die positiven Emotionen und deren Rolle für den sozialen Zusammenhalt. Er untersucht, wie Menschen lächeln, einander berühren oder necken und wie viel Mitgefühl sie für andere aufbringen. »Er ist einer der größten Verfechter des Guten in der Psychologie«, sagt sein Kollege Jonathan Haidt von der University of Virginia.

Das Bild des Dalai Lama hängt in Keltners Büro in Berkeley über einer Schale Muscheln. Der Professor selbst sieht aus wie jemand, der viel Zeit am Strand verbringt: gebräunte Haut, blonde Mähne. Er trägt Jeans und Outdoorschuhe, den Rucksack lässig über der Schulter. Unbekümmert lässt er sich auf seinen Stuhl fallen, dessen Bezug so zerfetzt ist, dass die Spiralen herausgucken. Darauf angesprochen, schaut er verdutzt. »Ach ja, der Stuhl. Peinlich, oder? Den muss ich mal austauschen«, sagt er und grinst so vergnügt, als wäre es ihm völlig egal.

Vielleicht kümmern einen Äußerlichkeiten wenig, wenn man wie Keltner daran glaubt, dass das Gute tief im Menschen verwurzelt ist. »Unsere Spezies hat überlebt, weil wir die Fähigkeit entwickelt haben, zu kooperieren und für Hilfsbedürftige zu sorgen«, sagt er. Und beruft sich auf den Begründer der Evolutionstheorie: »Schon Darwin nahm an, dass Mitgefühl unser stärkster Instinkt ist.«

Keltner vermutet, dass dieses Gefühl eine weitverzweigte Wurzel im menschlichen Körper hat: den Vagusnerv. Dieser beginnt am oberen Ende des Rückenmarks, seine Äste sind mit den Gesichts- und Kehlkopfmuskeln, mit Herz, Lunge und anderen Organen verbunden. Er gehört zum Parasympathikus, jenem Teil des vegetativen Nervensystems, der beruhigend wirkt.

Wenn Menschen sich aufregen oder Angst haben, pocht ihr Herz schneller und verteilt so verstärkt Blut im Körper. Dadurch konnten unsere Vorfahren bei Gefahr fliehen oder kämpfen. Der Vagusnerv dagegen hilft, die Herzfrequenz zu senken. Und ermöglicht Keltner zufolge, dass Menschen einander friedlich begegnen.

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Erst vor wenigen Jahren stellte der Psychiater Steven Porges die These auf, dass der Nerv eine wichtige Bedeutung für das soziale Miteinander habe, dass er eine Art Fürsorgeorgan sein könnte. Denn der Vagusnerv regt auch Muskeln an, die Mimik und Stimme beeinflussen, und ist mit Rezeptoren verknüpft, die das Vertrauenshormon Oxytocin binden.

»Unsere Untersuchungen zeigen, dass er uns hilft, andere gern zu haben und uns um sie zu kümmern«, sagt Keltner. Er und sein Kollege Christopher Oveis haben herausgefunden, dass der Vagusnerv aktiviert wird, wenn Menschen Fotos hungernder Kinder ansehen. »Sie berichten dann über ein warmes Gefühl in der Brust.«

Je mehr Nervenaktivität die Messungen zeigten, desto mehr Mitgefühl empfanden die Probanden. Eine andere Studie ergab, dass Menschen mit einem relativ hohen Vagusnervtonus mehr Freunde und soziale Kontakte haben. Zwar zeigte die Studie keinen Kausalzusammenhang, aber die Ergebnisse decken sich mit jenen anderer Forscher, denen zufolge etwa Schulkinder mit einem erhöhten vagalen Tonus besonders hilfsbereit sind und viel Mitgefühl zeigen.