Psychologie Professor Teddybär
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Ein breites Lächeln auf dem Jahrbuchfoto lässt auf eine glückliche Zukunft schließen

Vagal superstars nennt Keltner diese Menschen. Er behauptet sogar, man könne sie auf Anhieb erkennen. Oveis und er spielten Probanden Videos vor, die eine Person im Gespräch mit jemand anderem zeigten. Der Ton war abgeschaltet. Nach 20 Sekunden mussten die Beobachter entscheiden, wie sehr sie der jeweiligen Person vertrauten.

Tatsächlich wurden diejenigen, die die physiologische Messung als vagal superstars identifiziert hatte, als besonders vertrauenswürdig eingeschätzt. »Die Fähigkeit, für andere zu sorgen, war für das Überleben unserer Spezies so wichtig, dass wir anscheinend auch die Fähigkeit haben, vertrauenswürdige Menschen zu erkennen«, folgert Keltner. Offenbar reicht schon ein Nicken oder ein Blick. »Wir fangen erst an, das zu erforschen«, räumt er ein. Die Studie ist noch nicht in einem Fachmagazin erschienen. Aber er hat sie schon in China wiederholt, mit demselben Resultat.

Der Körper ist ein großartiges Kommunikationsinstrument, meint Keltner. Wenn er selbst redet, gestikuliert er, zieht die Brauen hoch, macht große Augen, grinst, lacht. Manchmal streckt er seine Hände aus und betrachtet sie – oder fasst sein Gegenüber an. Mit Absicht. Das mache er ständig, sagt er. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass manche Leute ihn einen »großen blonden Teddybären« nennen, wie Jonathan Haidt verrät. »Menschen mögen es, berührt zu werden«, sagt Keltner. Er fand heraus, dass wir Mitgefühl am besten durch Berührung mitteilen können.

Kaum jemand hat die Sprache des Körpers so genau studiert wie er. Von seinem Mentor Paul Ekman, dem Erfinder des facial action coding system, lernte er, kleinste Bewegungen der Gesichtsmuskeln zu erkennen, um Emotionen präzise zu beschreiben. Keltner hat als Erster die Signale für Verlegenheit systematisch erforscht. »Sie sind universell«, sagt er.

Wer verlegen ist, schaut nach unten und senkt den Kopf, wobei das Genick entblößt wird. Viele lächeln unsicher. Solche Gesten zeigen Primaten beim Beschwichtigen. »Entschuldigung, ich habe einen Fehler gemacht, seht her, ich bin verletzlich«, übersetzt Keltner. Er sieht darin ein weiteres Indiz für unsere friedvolle Seite. »Verlegenheit zeugt von gutem Charakter.« Experimente ergaben, dass Menschen, denen man sie deutlich ansieht, besonders gemocht werden.

An Keltners Arbeit ist nicht nur ihr Gegenstand, das Alltägliche, das jeder kennt, interessant. Es sind auch seine ausgefallenen Methoden. »Er ist außergewöhnlich kreativ«, sagt Haidt, »und findet großartige Erkenntnisse an den ungewöhnlichsten Orten.« Sogar in College-Jahrbüchern. Vor ein paar Jahren erregte er Aufsehen mit einer Studie, die einen Zusammenhang zwischen dem Lächeln auf einem Jahrbuchfoto und dem späteren Lebensglück herstellte.

Je wärmer die Absolventinnen des Mills College auf ihrem Foto im Jahr 1960 gelächelt hatten, desto erfüllter war ihr Leben später. Sie führten glücklichere Ehen, fühlten sich Mitmenschen näher und waren weniger ängstlich. Das klingt ziemlich unglaublich. Aber kürzlich präsentierten andere Forscher ganz ähnliche Ergebnisse aus vergleichbaren Langzeitstudien.

Dass Keltner auf ausgefallene Ideen kommt, überrascht nicht, immerhin haben seine Eltern seinen Vornamen selbst erfunden. Und sie weckten seinen Sinn für Emotionen. Die Mutter war Professorin für Literatur, zu Hause zitierte sie Gedichte des Romantikers William Wordsworth und sorgte dafür, dass ihr Sohn als Teenager Virginia Woolf las. Der Vater, ein Maler, porträtierte seine Söhne und nahm sie mit zu Ausstellungen. »Das Codierungssystem von Ekman war die wissenschaftliche Umsetzung dieser Bildung«, sagt Keltner.

Im liberalen Elternhaus lernte er auch, ohne Tabus zu denken. An die Pinnwand im Büro und den Rückspiegel seines Autos hat er kleine Skelette gehängt, Mitbringsel aus Mexiko. »Ich mag, wie offen die Mexikaner mit dem Tod umgehen.« Gefallen an den bizarren Figuren fand er, nachdem er mit George Bonanno eine Studie über Trauer gemacht hatte. Sie ergab, dass Menschen den Tod ihres Partners schneller verarbeiten, wenn sie häufiger lachen. Eine ungeheure Behauptung! Unter Psychoanalytikern galt Frohsinn in der Trauerphase als Zeichen von Verdrängung. »Wenn wir die Studie auf Konferenzen präsentierten, standen die Leute auf und sagten: Ihr seid verrückt!«

Keltner provoziert gern. »Das ist wichtig«, sagt er. Aufruhr gab es auch, als er eine Studie publizierte, der zufolge Mächtige weniger mitfühlend sind. Er glaubt, dass Menschen beeinflussen können, wie stark ihre gute Seite ist. Etwa durch Meditation. Darin übt er sich manchmal selbst. Hat er auch schon mal gemessen, ob er ein vagal superstar ist? »Ausgezeichnete Idee«, sagt Keltner. Aber nein, habe er noch nicht. Vermutlich ist das auch überflüssig.

 
Leser-Kommentare
  1. "Je wärmer die Absolventinnen des Mills College auf ihrem Foto im Jahr 1960 gelächelt hatten, desto erfüllter war ihr Leben später. Sie führten glücklichere Ehen, fühlten sich Mitmenschen näher und waren weniger ängstlich. Das klingt ziemlich unglaublich."

    Für wen ? Je glücklicher jemand in der Jugend ist/war, je positiver die Pubertät verläuft, desto glücklicher ist er/sie später in der Regel auch. Das ist doch mittlerweile eine Binsenweisheit.

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    Ich wäre bei solchen Thesen überhaupt vorsichtig. Jemand, der früher glücklich war, kann über Nacht unglücklich werden. Es hilft gar nichts, wie man früher war.

    Sätze wie diese

    "Keltner ist davon überzeugt, dass der Mensch von Natur aus gut ist."

    jedoch suggerieren eine vormoderne Kausalität. Nach dieser ruht etwas, und gerät durch andere in Unordnung. Die Ruhe ist hier die Güte - und die Unruhe das Böse.

    Solch steile Thesen kursieren seit Jahrzehnten durch die Medien. Ich erinnere mich an Artikel vor 100 Jahre, die ähnliches beschrieben. Wer's mag. Es ist immerhin unterhaltsam und erinnert einen daran, mal öfter glücklich zu sein. Leute wie Keltner sind mir jedoch unheimlich und unwissenschaftlich. Das bisschen empirisches Gezirpe macht noch keine schlüssige Theorie aus.

    Allerdings überrascht mich, dass Die Zeit seit Jahren empfänglich für dermaßen triviale Gut/Böse-Thesen ist.

    Ich wäre bei solchen Thesen überhaupt vorsichtig. Jemand, der früher glücklich war, kann über Nacht unglücklich werden. Es hilft gar nichts, wie man früher war.

    Sätze wie diese

    "Keltner ist davon überzeugt, dass der Mensch von Natur aus gut ist."

    jedoch suggerieren eine vormoderne Kausalität. Nach dieser ruht etwas, und gerät durch andere in Unordnung. Die Ruhe ist hier die Güte - und die Unruhe das Böse.

    Solch steile Thesen kursieren seit Jahrzehnten durch die Medien. Ich erinnere mich an Artikel vor 100 Jahre, die ähnliches beschrieben. Wer's mag. Es ist immerhin unterhaltsam und erinnert einen daran, mal öfter glücklich zu sein. Leute wie Keltner sind mir jedoch unheimlich und unwissenschaftlich. Das bisschen empirisches Gezirpe macht noch keine schlüssige Theorie aus.

    Allerdings überrascht mich, dass Die Zeit seit Jahren empfänglich für dermaßen triviale Gut/Böse-Thesen ist.

  2. Okay, das ist hier nur ein Artikel, aber an sich kommen täglich x-Studienergebnisse auf den Tisch. 90% davon ist einfach flach und oft sogar unsinnig (oder gar falsch). Leider sind viele Studien einfach nur einseitig und versuchen (wie in der Mathematik) ein Ding aus der Realität in einem kleinen Raster und Modell zu untersuchen - und nur in Ausnahmefällen geschieht dies umfassend UND mit dem Blick aufs Ganze. Ich sehe in dieser Studie einen Informationsgehalt von 0.

  3. ... aber nichts. Entweder es wird einer gezeigt oder nicht- Punkt.

    "Psychoanalytikern galt Frohsinn in der Trauerphase als Zeichen von Verdrängung."
    Als ob Psychoanalyse der Stein der Weisen in der Psychologie wäre, nur weil diese in Amerika so beliebt ist. Jeder trauert auf andere Weise. Das gilt insbesondere für Menschen aus unterschiedlichen kulturellen Kreisen. Äpfel und Birnen zu vergleichen soll jetzt doch nicht etwa wissenschaftlich sein?
    Im Übrigen ist Lachen sehr wohl ein häufiger Verdrängungsmechanismus, ein Selbstschutz. Er kann helfen zeitliche Distanz ,und damit Distanz, zwischen einem Ereignis und der Gefühlswelt einer Person zu schaffen.
    Welche Schlussfolgerungen sollen eigentlich aus dieser Studie gezogen werden? Lasst eure Kinder öfter lachen, wer nicht mitmacht bekommt Hausarrest. Schließlich gibt es ja genug HartzIV-Empfänger die grimmig gucken. Wir wollen ein glückliches Prekariat!
    Oder wir raten allen Müttern, die ihre Söhne in Afghanistan ließen, zum Comedy-Freitag auf Sat1.?
    Es schwingt schon ein wenig Wut mit, wenn ich diese Zeilen schreibe. Da der Artikel sich wie einer dieser 08/15 "Anleitungen zum Glück" liest. Gerade in den USA ist doch oberflächliche freundlichkeit eine Art Volkssport.
    Eine Studie über Ehrlichkeit wäre mal interessant.

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    stay out." Dieses Thema ist nichts für Sie.

    Zweifel, Verzweiflung und Vagusnerv - das passt nicht zusammen!

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  4. stay out." Dieses Thema ist nichts für Sie.

    Zweifel, Verzweiflung und Vagusnerv - das passt nicht zusammen!

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    Ja, danke für den Hinweis.

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  5. Also dass Menschen, die über andere Macht ausüben, weniger mitfühlend seien, klingt mir plausibel.

    Aber wenn die Leute den Tod ihres Partners schneller verarbeiten, liegt das bestimmt nicht daran, dass sie sich gegen ihr Gefühl dazu gezwungen haben, häufiger zu lachen. Eher glaube ich, die haben häufiger gelacht, weil sie mit dem Tod des Partners besser klarkamen.

    @ im Zweifel
    "Psychoanalytikern galt Frohsinn in der Trauerphase als Zeichen von Verdrängung."

    Das Zitat, dass sie da so angreifen, wurde doch von dem Keltner widerlegt. Niemand hat behauptet, die Psychoanalytiker hätten Recht.

    Für mich klingt der Artikel auch nicht wie eine Anleitung zum Glück. Steht doch gar nicht drin, was man nun machen soll, um einen tollen Vagusnervtonus zu haben oder glücklich zu sein.

    Allerdings muss ich auch mal dazu sagen, dass es mir eigentlich auch egal ist, in welchem Teil von meinem Körper meine Gefühle entstehen und wie das chemisch von statten geht. Wichtig ist doch, dass sie entstehen.

    Und da hab ich noch eine Anmerkung:

    Keltner erforscht die positiven Emotionen.

    Es gibt doch keine positiven und negativen Gefühle. Es gibt Gefühle und Punkt. Wenn einem etwas Trauriges passiert ist, dann ist man eben traurig. Das hilft einem, das Erlebte zu verarbeiten. Dann ist das Ereignis sicher nicht besonders positiv gewesen, aber das Gefühl ist deswegen doch nicht negativ zu bewerten.

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    Ich bin der Auffassung, dass es sich durchaus gelohnt hätte, auch andere Strömungen heranzuziehen. "Nur" weil Keltner die Psychoanalyse "widerlegt" hat, hat er noch lange nicht Recht.
    Ich sträube mich vor allem gegen d e n richtigen Weg zur Trauerbewältigung.

    Ich bin der Auffassung, dass es sich durchaus gelohnt hätte, auch andere Strömungen heranzuziehen. "Nur" weil Keltner die Psychoanalyse "widerlegt" hat, hat er noch lange nicht Recht.
    Ich sträube mich vor allem gegen d e n richtigen Weg zur Trauerbewältigung.

  6. 6. Re: 5

    Ich bin der Auffassung, dass es sich durchaus gelohnt hätte, auch andere Strömungen heranzuziehen. "Nur" weil Keltner die Psychoanalyse "widerlegt" hat, hat er noch lange nicht Recht.
    Ich sträube mich vor allem gegen d e n richtigen Weg zur Trauerbewältigung.

  7. 7. Re: 4

    Ja, danke für den Hinweis.

    Antwort auf ""If in doubt"
  8. ...gerade so, als hätte es Macchiavelli, Hobbes und Schopenhauer nie gegeben.

    Aber die Zeitungen müssen ja irgendwie voll werden.-

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  • Quelle ZEIT Wissen 3/2010
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