Chinesische MedizinDas Reich der Mittel

Die Traditionelle Chinesische Medizin wird von vielen Schulmedizinern nicht ernst genommen. Teilweise zu Recht. Doch immer mehr Institute und Pharmaunternehmen untersuchen, ob in den geheimnisvollen Essenzen nicht doch Heilkraft steckt. von Richard Friebe

Traditonelle Chinesische Medizin TCM Naturheilverfahren

Dass Akupunktur gegen bestimmte Leiden hilft, ist inzwischen auch wissenschaftlich belegt. Das gilt allerdings nur für wenige Methoden aus der Traditionellen Chinesischen Medizin  |  © Bernd Thissen/dpa

Vernichtender kann Kritik kaum ausfallen: »Traditionelle Chinesische Medizin beruht nicht auf Wissenschaft, sondern auf Mystizismus, Magie und Anekdoten.« So stand es 2008 im Magazin Science zu lesen. Zitiert wurde dort kein westlicher Schulmediziner, sondern Fang »Zhouzi« Shi-min, ein chinesischer Topwissenschaftler. Sein Kollege Zhang Gongyao, Medizinprofessor an der Central South University, startete kürzlich gar eine Online-Petition in seinem Land, die forderte, die zum Teil mehr als 2500 Jahre alten Methoden aus den Leistungen des staatlichen Gesundheitssystems herauszunehmen.

Wenn also die Ablehnung schon bei Experten im Herkunftsland so vehement ist, könnte man den Schluss ziehen, dass die bitteren Kräutermixe, die Bärengallenextrakte und Seepferdchenpulver tatsächlich nichts anderes sind als Quacksalberei. Dass es nichts bringt, sich nach einem Fünf-Elemente-System zu ernähren, Shiatsu oder Qigong zu praktizieren. Und dass Akupunktur bloß einen Placeboeffekt hat.

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Doch es gibt auch ganz andere Meinungen, sogar von westlichen Schulmedizinern und Pharmazeuten. Weltweit wächst die Zahl der Institute, Universitätsprojekte und Pharmafirmen, die mit neuen Methoden in den alten Mitteln der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) nach Wirkstoffen und Wirkmechanismen suchen. Was sie bislang gefunden haben, reicht von »lebensgefährlich« über »wirkungslos« bis hin zu »dem effektivsten Mittel, das wir je hatten«.

So bezeichnet der Malariaexperte François Nosten von der University of Oxford Artemisinin, gewonnen aus einer Beifuß-Art (Artemisia annua), die in der TCM gegen Fieber empfohlen wird. Anders als bei allen übrigen Malaria-Medikamenten wurden bisher keine resistenten Parasitenstämme gefunden. »Warum das so ist, wissen wir nicht, und es gibt keine Garantie, dass es nie passieren wird«, sagt Nosten. Anscheinend hätten die Erreger es bei pflanzlichen Substanzen generell schwer, denn bei Chinin, dem einzigen anderen aus Pflanzen gewonnenen Malariamittel, sei die Situation ähnlich, Resistenzen dagegen hätten sich zumindest nur sehr langsam gebildet.

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Auch gegen Krebs könnte Artemisinin wirken, es wird gerade an der University of Washington als Therapeutikum getestet. Ephedrin, ein hierzulande vor allem als Dopingmittel bekannter Wirkstoff, der auch gegen Asthma wirkt, stammt ebenso aus der TCM wie einige weitere Substanzen, die derzeit im Westen auf ihre Eignung als Medikament gegen Leiden von Asthma bis Krebs untersucht werden.

Zahlreiche Unternehmen verdienen heute ihr Geld mit der Analyse von Pflanzenextrakten, die EU fördert ein Qualitätssicherungsprojekt für TCM-Präparate, und am Institut für Chemische Physik im chinesischen Dalian läuft ein Großprojekt namens Herbalom, das die Wirkungsweise der östlichen Medizin entschlüsseln soll. Ähnlich wie im Humangenomprojekt wollen die Forscher dort alle Moleküle, die in den TCM-Mitteln stecken, finden und analysieren. Bei etwa 400.000 Rezepten aus 12.000 Pflanzen- und 1500 Tierarten sowie gut 100 Mineralien ist das allerdings kein schnell erreichbares Ziel.

Leserkommentare
  1. liegt doch nicht etwa in der mangelnden Wirkung, der "antiken" pflanzlichen Medizin, sondern wohl eher in den Schwierigkeiten aus den natürlichen Wirkstoffen, die in freier Wildbahn so einfach munter in der Botanik vor sich hin gedeihen, ein umsatzträchtiges, patentierbares "neues" Präparat zu entwickeln!

    Kurz, damit lässt sich nicht genug exklusive Kohle scheffeln!

  2. und die Uringläser, die Blutegel und was die Medizin hier alles so zu bieten hatte.
    Selbstverständlich geht der gebildete, städtisch lebende Chinese zum Arzt und nicht zum TCM-Mediziner.
    Wir gehen ja hier auch nicht zum Quacksalber.

  3. hat schon Resistenzen. Soviel zu diesem Thema.

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