Jobverlust »Die beste Vorbeugung sind soziale Vernetzung und Sport«

Wir müssen endlich richtig mit Arbeitslosigkeit umgehen, sagt Rolf Rosenbrock, Leiter der Forschungsgruppe Public Health am Wissenschaftszentrum Berlin.

ZEIT WISSEN: Professor Rosenbrock, warum genießen Arbeitslose nicht einfach ihre freie Zeit?

Rolf Rosenbrock: Wir leben in einer Arbeitsgesellschaft. Wenn keine Arbeit mehr da ist, fehlen uns Ziele ebenso wie der soziale Zusammenhalt. Der Tag verliert seine Struktur. Und es gibt keine Rückmeldungen mehr auf das, was wir tun. All das belastet die Psyche und kann zu körperlichen Beschwerden führen.

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ZEIT WISSEN: Gibt es Charaktere, für die das Risiko besonders hoch ist?

Rosenbrock: Menschen, die sehr in ihrer Arbeit aufgegangen sind, leiden besonders stark . Und in der Regel leiden Männer mehr als Frauen, weil die Lohnarbeit für sie oft eine zentralere Bedeutung hat.

ZEIT WISSEN: Sind Akademiker stärker gefährdet? Sie identifizieren sich oft stark mit ihrer Arbeit.

Rosenbrock: Es kommt in allen Schichten vor, dass sich ein Mensch sehr stark mit seinem Arbeitsplatz identifiziert und deshalb Probleme bekommt, wenn er ihn verliert. Abgesehen davon, ist die Arbeitslosigkeit unter Akademikern nur etwa ein Viertel so hoch wie bei weniger qualifizierten Menschen. Entsprechend geringer ist die Gefahr, zum Langzeitarbeitslosen und damit vielleicht krank zu werden: Die gesundheitlichen Effekte treten im Schnitt erst nach zwölf Monaten auf.

ZEIT WISSEN: Wie können Menschen, die ihre Arbeit verlieren, vorbeugen?

Rosenbrock: Auf keinen Fall darf man sich zurückziehen . Die soziale Vernetzung ist neben Sport die wichtigste Vorbeugung. Am besten, man schließt sich mit Menschen in der gleichen Lage zusammen und denkt sich Aktivitäten aus, die Körper und Seele gut tun.

ZEIT WISSEN: Warum ignoriert die Politik den Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Krankheit?

Rosenbrock: Die Politik ist sehr mit der Frage beschäftigt, wie man das Verhältnis von Fördern und Fordern am besten gestaltet, um die Menschen wieder in Arbeit zu bringen.

ZEIT WISSEN: Die Ursache vieler Probleme ist aber doch, dass sich Arbeitslose unter Druck gesetzt fühlen.

Rosenbrock: Richtig. Viele empfinden das Vorgehen der Behörden als repressiv und demütigend.

ZEIT WISSEN: Man geht also genau den falschen Weg?

Rosenbrock: Im Regelfall ja.

Die Fragen stellte Ulrike Meyer-Timpe

 
Leser-Kommentare
  1. Ja, Sie haben Recht! Genauso, wie man das Recht auf Arbeit hat sollte man auch das Recht auf Arbeitslosigkeit haben. Dann wären wir eine wirklich reiche Gesellschaft.

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    ...erkennen (oder anerkennen) dass es in der heutigen Zeit sicherlich nichts aussergewöhnliches ist, arbeitslos zu sein.

    Ok, in der Rentnergeneration haben bis jetzt einige noch nicht mitbekommen dass sich die Zeiten geändert haben. Bei denen sind ja alle faul, weil es ja genug arbeit gibt - wenn man will...

    ...erkennen (oder anerkennen) dass es in der heutigen Zeit sicherlich nichts aussergewöhnliches ist, arbeitslos zu sein.

    Ok, in der Rentnergeneration haben bis jetzt einige noch nicht mitbekommen dass sich die Zeiten geändert haben. Bei denen sind ja alle faul, weil es ja genug arbeit gibt - wenn man will...

  2. ...erkennen (oder anerkennen) dass es in der heutigen Zeit sicherlich nichts aussergewöhnliches ist, arbeitslos zu sein.

    Ok, in der Rentnergeneration haben bis jetzt einige noch nicht mitbekommen dass sich die Zeiten geändert haben. Bei denen sind ja alle faul, weil es ja genug arbeit gibt - wenn man will...

    • LP
    • 19.06.2010 um 19:57 Uhr

    Ich glaube so einige, besonders unter den jungen Arbeislosen, denken auch darüber nach, sich selbständig zu machen oder als Freiberufler zu arbeiten. Dies setzt (vom Startkapital mal abgesehen) allerdings vorraus, dass man den Kopf frei hat und sich auf die Entwicklung eigener Projekte konzentrieren kann. Wer pro Monat mindestens 10 ordentliche Bewerbungen schreiben muss, der hat, sofern er nebenher versucht freiberuflich zu arbeiten und ein Netzwerk usw. aufzubauen, schnell eine 60-80 Stunden Woche. Und dass bei so gut wie keinem Einkommen.
    Auch ist es schwer sich auf ein eigenes Projekt zu konzentrieren, wenn man immer Angst haben muss, sich beim nächsten Termin im Arbeitsamt dafür rechtfertigen zu müssen, nicht genug Bewerbungen geschrieben zu haben.

    Die Arbeitsagenturen sind hier teilweise mehr Bremser als Förder. Wenn sie schon keine Stellen zu vermitteln haben, dann sollten sie vielleicht mal überlegen, sich als Partner der Arbeitslosen zu definieren. Also deren Bestreben nach selbständiger Arbeit nach Möglichkeit zu fördern bzw. zumindest nicht zu behindern.

    "Wer arbeitet soll mehr haben" sagt unser Außenminister. Wer arbeitet ohne bezahlt zu werden (Eigeninitiative und arbeiten für die Selbständigkeit) dem sollte Vater Staat zumindest keinen psychologischen Druck auferlegen.

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    Ich bin auch gerade dabei mich selbstständig zu machen. Vor meiner Heirat war ich noch bei der ARGE gemeldet und hatte da auch mit dem Gedanken gespielt. Aber keiner kann sich vorstellen was ich mir von meinem Job-Vermittler anhören konnte, dass ich noch ein paar Informationen einholen müsste und so. Er meinte nur "Was für Informationen? Sie gehen zum Ordnungsamt und melden ein Gewerbe an". Heute weiß ich, was man alles falsch machen kann: Erst mal die Art des Gewerbes, ob Freiberufler, ob mit oder ohne Steuer, Krankenversicherung und und und. Ich hätte mich derb in die Nesseln gesetzt, wenn ich auf den Idioten gehört hätte - und mich hätte es Geld gekostet.

    Daran sieht man wie wenig Ahnung die haben und worum es wirklich geht.

    Ich bin auch gerade dabei mich selbstständig zu machen. Vor meiner Heirat war ich noch bei der ARGE gemeldet und hatte da auch mit dem Gedanken gespielt. Aber keiner kann sich vorstellen was ich mir von meinem Job-Vermittler anhören konnte, dass ich noch ein paar Informationen einholen müsste und so. Er meinte nur "Was für Informationen? Sie gehen zum Ordnungsamt und melden ein Gewerbe an". Heute weiß ich, was man alles falsch machen kann: Erst mal die Art des Gewerbes, ob Freiberufler, ob mit oder ohne Steuer, Krankenversicherung und und und. Ich hätte mich derb in die Nesseln gesetzt, wenn ich auf den Idioten gehört hätte - und mich hätte es Geld gekostet.

    Daran sieht man wie wenig Ahnung die haben und worum es wirklich geht.

    • lepkeb
    • 19.06.2010 um 20:10 Uhr

    "die Arbeitslosigkeit unter Akademikern nur etwa ein Viertel so hoch wie bei weniger qualifizierten Menschen"

    Weil diese in D-land oftmals für einen Nettolohn kurz über HartzIV arbeiten gehen (oftmals in Positionen die keine akademische Qualifizierung benötigen), in der (meist vergeblichen) Hoffnung später mehr zu verdienen. Da ihnen ja von den "Eliten" erzählt, wird das dies so sein müsste. Und die Indoktrinierung funktioniert in höher gebildeten Schichten noch besser als in den anderen Niederungen, denn man glaubt das System zu kennen und es für sich zu nutzen.

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    ...man bekommt gar keine Jobs. Versuch mal einer als Fach Akademiker einen Job als Lagerarbeiter zu bekommen. Keine Chance. Warum? Zum einen wissen die auch dass man, wenn man einen Job in seinem Bereich bekommen kann, wieder weg ist, aber vor allem weil man was im Kopf hat und sich sicherlich nicht von manchen Schwachmaten ver..... lässt wie die, die normalerweise den Job machen...

    ...man bekommt gar keine Jobs. Versuch mal einer als Fach Akademiker einen Job als Lagerarbeiter zu bekommen. Keine Chance. Warum? Zum einen wissen die auch dass man, wenn man einen Job in seinem Bereich bekommen kann, wieder weg ist, aber vor allem weil man was im Kopf hat und sich sicherlich nicht von manchen Schwachmaten ver..... lässt wie die, die normalerweise den Job machen...

  3. Ich bin auch gerade dabei mich selbstständig zu machen. Vor meiner Heirat war ich noch bei der ARGE gemeldet und hatte da auch mit dem Gedanken gespielt. Aber keiner kann sich vorstellen was ich mir von meinem Job-Vermittler anhören konnte, dass ich noch ein paar Informationen einholen müsste und so. Er meinte nur "Was für Informationen? Sie gehen zum Ordnungsamt und melden ein Gewerbe an". Heute weiß ich, was man alles falsch machen kann: Erst mal die Art des Gewerbes, ob Freiberufler, ob mit oder ohne Steuer, Krankenversicherung und und und. Ich hätte mich derb in die Nesseln gesetzt, wenn ich auf den Idioten gehört hätte - und mich hätte es Geld gekostet.

    Daran sieht man wie wenig Ahnung die haben und worum es wirklich geht.

  4. ...man bekommt gar keine Jobs. Versuch mal einer als Fach Akademiker einen Job als Lagerarbeiter zu bekommen. Keine Chance. Warum? Zum einen wissen die auch dass man, wenn man einen Job in seinem Bereich bekommen kann, wieder weg ist, aber vor allem weil man was im Kopf hat und sich sicherlich nicht von manchen Schwachmaten ver..... lässt wie die, die normalerweise den Job machen...

    Antwort auf "Natürlich ist"
  5. Vorausschickend möchte ich sagen mich inzwischen stört wie inflationär ein "Wir"-Geist beschworen wird.

    Denn jedes Individuum ist als solches zu nehmen. Das zeitgenössische Arbeits- und Arbeitslosenleben ist doch gerade dadurch so zynisch dass sich Menschen - meist zurecht - zu einer "Nummer" degradiert fühlen.

    Und wenn ein Leben daran zerbricht keine Erwerbsarbeit zu haben dann sollten "wir" mal unseren Wertekompass prüfen und darüber relektieren was wir im Leben wollen, wozu wir leben. Mir persönlich ist mein Beruf vollkommen irrelevant, ich arbeite gerne und habe es auch mein ganzes Leben durchgehend gemacht seit den Schultagen aber wenn ich keine Arbeit mehr hätte.. na und? Solange ich noch Speis' und Obdach habe, klar würde es mir früher oder später einfach nur fad und auf Almosen will ich ohnehin nicht angewiesen sein sondern für mich selbst sorgen. Aber es würde mein Leben nicht erschüttern. Denn dieses besteht nicht aus meinem Beruf. Sondern aus meinem Partner, meiner Familie, meinen Freunden. Und Arbeit ist eine Nebensache im Leben. Ein Mittel zum Zweck, nicht der Zweck. Und ich wehre mich dagegen den Leuten einzureden dass sich ihre Existenz über ihre Berufstätigkeit definierte!

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    • M.M.
    • 20.06.2010 um 16:36 Uhr

    Genau, das haben Sie treffend bemerkt.Dazu noch folgendes:
    ich habe mal (als Akademiker) für eine Zeitarbeitsfirma bei einem Premium-Autohersteller als Überführungsfahrer gearbeitet, offenbar ein schweres Stigma.

    Mit einer ansteckenden Krankheit zu vergleichen.

    Ich habe nicht schlecht verdient (soll's auch bei ZA-Firmen geben) aber die "gesellschaftliche" Reputation war hin.
    Ein chinesischer Kuli wäre nicht schlimmer dran gewesen.

    Der Vorteil: ich konnte in meinem Bekanntenkreis die (abgehoben eingebildete) Spreu vom (bodenständigen solidaren) Weizen trennen.

    Ein echter Gewinn.

    • M.M.
    • 20.06.2010 um 16:36 Uhr

    Genau, das haben Sie treffend bemerkt.Dazu noch folgendes:
    ich habe mal (als Akademiker) für eine Zeitarbeitsfirma bei einem Premium-Autohersteller als Überführungsfahrer gearbeitet, offenbar ein schweres Stigma.

    Mit einer ansteckenden Krankheit zu vergleichen.

    Ich habe nicht schlecht verdient (soll's auch bei ZA-Firmen geben) aber die "gesellschaftliche" Reputation war hin.
    Ein chinesischer Kuli wäre nicht schlimmer dran gewesen.

    Der Vorteil: ich konnte in meinem Bekanntenkreis die (abgehoben eingebildete) Spreu vom (bodenständigen solidaren) Weizen trennen.

    Ein echter Gewinn.

  6. "Wir leben in einer Arbeitsgesellschaft. Wenn keine Arbeit mehr da ist, fehlen uns Ziele ebenso wie der soziale Zusammenhalt. Der Tag verliert seine Struktur."

    Lösung:
    Wir müssen uns weiterentwickeln, weil eine Arbeitsgesellschaft offensichtlich anachronistisch ist und bleiben wird, solang es keinen nächsten Weltkrieg gibt.

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