Fortschrittsglaube und Patente Der letzte Erfinder
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Manche Dinge fand Mosemann am Kapitalismus etwas seltsam

Das aber, was die Wiedervereinigung nicht geändert hatte, war die Physik, und für Dieter Mosemann war das schon eine ganze Menge. Er konnte jedem erklären, warum die Maschinen so gut waren. Er machte nebenher seinen Doktor, ein Schraubenverdichterprofessor aus Wien hatte ihn ermutigt, er kannte Mosemanns Patente. Mosemann wollte erst nicht, er hatte ja einen Garten, der ihn forderte. Seine Frau aber überredete ihn, und der Doktortitel erwies sich im Westen als hilfreich, »Doktor Mosemann« sagten die anderen plötzlich zu ihm.

Doch Aufträge bekamen sie erst, als sie ihre Maschinen unter Wert anboten. Sie bauten eine Tiefkühlhalle für Magnum-Eis und kühlten die Produktionsanlagen von Müllermilch. Diese Vorzeigeanlagen beeindruckten den Gea-Konzern, der für sein Geschäft noch einen Hersteller von Kühlgeräten suchte. Gea hatte die Kunden, Kühlautomat die Maschinen. Gea übernahm Kühlautomat mit 575 Mitarbeitern und einer Mitgift von der Treuhandanstalt.

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Manche Dinge fand Mosemann am Kapitalismus etwas seltsam. Zum Beispiel dass die amerikanischen Fischereikonzerne für ihre Trawler keine vollautomatischen Gefrieranlagen haben wollten wie damals die Russen, bedienbar von zwei Personen, sondern lieber zwei Dutzend Filipinos einstellten, die im Schichtwechsel in denselben Kojen schliefen.

Mosemann erinnerte sich nun manchmal an seine Marxismusvorlesung an der Technischen Universität Dresden: Der Kapitalist strebt nach dem Maximalprofit, hatte es damals geheißen. Jetzt war dauernd von Freiheit die Rede. American Freedom hieß eines der Schiffe, das Mosemanns Firma ausrüstete. Seine Technik war im Westen angekommen.

Und er selbst? »Ich habe mich nicht geändert«, sagt er. »Die Firma gibt das Geld, und ich habe ein eigenes Interesse, dass sie weiterbesteht.« Er ist keiner von denen, die meinen, früher sei alles besser gewesen. Er ist froh, dass es die DDR nicht mehr gibt, die oberschlauen Parteisekretäre, die Gängelei, das Warten auf den Telefonanschluss. Sicher, er denkt heute wie ein Kapitalist, er muss Gewinn machen, Wettbewerber ausstechen, »es ist eine Frage des Überlebens«, sagt er. Und er hat sich einen Mercedes gekauft.

Aber es gibt Grenzen. Dass Unternehmen ihre Fertigung nach China verlagern und in Deutschland Leute entlassen, nur um noch mehr Profit zu machen, findet er unmoralisch. Nur lässt sich so eine Einstellung durchhalten, wenn die Konkurrenz in China produziert und dadurch billiger ist? Er weiß es nicht. Er hofft es.

Vor Kurzem war Dieter Mosemann mit seiner Frau in einem Kaufhaus, um ein Geschenk für den Enkel zu kaufen. Sie gingen durch die Spielzeugabteilung. Und nur so zum Spaß stellten sie sich vor, wie es aussehen würde, wenn man alles Spielzeug aus China aus den Regalen entfernen würde. Es würde aussehen wie in den Kaufhallen der DDR.

 
Leser-Kommentare
    • istmor
    • 15.07.2010 um 12:35 Uhr

    Das ist wohl einer dieser differenzierten Artikel, für die die Zeit bekannt ist. Gefällt mir!
    Ich meine auch, dass kein vernünftiger Menschen ernsthaft behaupten wird, dass in der DDR alles besser gewesen wäre. Es gibt nur sehr viele, die meinen jetzt wäre alles besser und damals alles schlechter...

  1. ... die älteren Ingenieure hatten manchmal Glück und wurden übernommen, mein Schwiegervater ist so einer. Ein Leben lang in der selben Firma und jetzt wenigstens ein dickes Auto :-) Ich gönne denen das, andererseits nervt mich manchmal deren Überheblichkeit. Sie gleicht der bei den Wirtschaftswunderwessis. Wer nie im Dreck lag, weiß einfach nicht wie sich das anfühlt und der Attributionsfehler führt nicht selten zu einem übermässig ausgeprägten Ego. Schön, dass das bei Herr Mosemann offenbar nicht so ist.

    "Dass Unternehmen ihre Fertigung nach China verlagern und in Deutschland Leute entlassen, nur um noch mehr Profit zu machen, findet er unmoralisch. Nur lässt sich so eine Einstellung durchhalten, wenn die Konkurrenz in China produziert und dadurch billiger ist?"

    Die Firmen stehen ja selbst unter Zugzwang. Die Frage wer für diesen Zugzwang verantwortlich ist, ist auch relativ einfach zu beantworten: es sind die Freihandelsideologen in der WTO und in der EU. Denn eigentlich zwingt uns niemand direkt mit China zu konkurrieren. Wer seinen Markt bedingungslos freigibt, der muss halt mit den Folgen leben.

    Aber ich gebe auf, die Presse, auch die ZEIT, macht seit Jahren einen auf "machtlos gegenüber der Globalisierung" und die meisten Leute blicken es nicht oder wollen es nicht verstehen und fügen sich der verlogenen Argumentation. Frustrierend.

  2. hallo herr rauner, warum finde ich sätze wie diese
    (zitat)
    Viele Ideen entsprangen dem Mangel. Wie man aus Runkelrüben durch chemische Behandlung Pseudoananas zaubert (»Fruchtfleischsimulate mit südfruchtartigen Merkmalen«), beschrieb die Akademie der Wissenschaften in DD 224484. Lebensmittelchemiker verwandelten Äpfel in Sultaninen, Sojabohnen in Marzipanersatz, grüne Tomaten in Zitronat.

    aus ihrem artikel in zeit wissen im netz unter der URL
    http://killerak603.blogdr... im wortlau wieder????

    Viele Ideen entsprangen dem Mangel. Wie man aus Runkelr¨¹ben durch chemische Behandlung Pseudoananas zaubert ("Fruchtfleischsimulate mit s¨¹dfruchtartigen Merkmalen"), beschrieb die Akademie der Wissenschaften in DD 224484. Lebensmittelchemiker verwandelten Äpfel in Sultaninen, Sojabohnen in Marzipanersatz, gr¨¹ne Tomaten in Zitronat.

    können sie mir bitte auf die sprünge helfen??
    danke.

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    Redaktion

    Hallo Windspiel,

    danke für den Hinweis. Mein Artikel ist das Original.
    Beste Grüße,
    Max Rauner

    Redaktion

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    Max Rauner

  3. Redaktion

    Hallo Windspiel,

    danke für den Hinweis. Mein Artikel ist das Original.
    Beste Grüße,
    Max Rauner

  4. Nicht Malimo war das ostdeutsche Frottee, sondern Frottee das Malimo des Westens. Erfinder des Verfahrens war Heinrich Mauersberger (DDR-Patent Nr. 8194, Anmeldetag: 3. Februar 1949; U.S. Patent #2,890,579, 16. Juni 1959). Malimo ist eine Lizenproduktion nach Mauersbergers Patent

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    Frottee ist eine Lizenproduktion nach Mauersbergers (Malimo)Patent.

    Frottee ist eine Lizenproduktion nach Mauersbergers (Malimo)Patent.

  5. Frottee ist eine Lizenproduktion nach Mauersbergers (Malimo)Patent.

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    Redaktion

    Hallo Herr Kotsch,
    ich bin nicht sicher, was die Lizenzproduktion angeht. Aber Malimo war keine Frottee-Kopie, da haben sie Recht. Dieter Schulz aus Dresden hat uns dazu folgendes geschrieben:

    "Die Malimo-Technologie ist nicht, wie im Artikel behauptet, das DDR-Frottee. Während Frottee ein klassisches Webverfahren mit Kette und Schuss unter Verwendung spezieller Garne ist, wird bei Malimo die Bindung der Kettfäden durch Quernähen analog der Nähmaschine erzeugt, das ist das Geniale daran. Beim Weben kann immer nur ein Schussfaden durch die Kettfäden geführt werden, die Webgeschwindigkeit ist dadurch beschränkt. Bei Malimo können beliebig viele Nähnadeln gleichzeitig die Kettfäden binden, was eine enorme Produktivitätssteigerung bewirkt."

    Redaktion

    Hallo Herr Kotsch,
    ich bin nicht sicher, was die Lizenzproduktion angeht. Aber Malimo war keine Frottee-Kopie, da haben sie Recht. Dieter Schulz aus Dresden hat uns dazu folgendes geschrieben:

    "Die Malimo-Technologie ist nicht, wie im Artikel behauptet, das DDR-Frottee. Während Frottee ein klassisches Webverfahren mit Kette und Schuss unter Verwendung spezieller Garne ist, wird bei Malimo die Bindung der Kettfäden durch Quernähen analog der Nähmaschine erzeugt, das ist das Geniale daran. Beim Weben kann immer nur ein Schussfaden durch die Kettfäden geführt werden, die Webgeschwindigkeit ist dadurch beschränkt. Bei Malimo können beliebig viele Nähnadeln gleichzeitig die Kettfäden binden, was eine enorme Produktivitätssteigerung bewirkt."

    • adept
    • 15.07.2010 um 20:11 Uhr

    ... sondern das vollbringen immer nur einzelne individuen. Und das wahrscheinlich im fall der DDR noch viel mehr als bei uns gegen hindernisse des systems, aufgrund eines großen persönlichen idealismus.

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