In England verkaufen sie das Glück in Flaschen. Es ist milchig weiß, riecht ein bisschen nach Ananas und schmeckt chemisch. "Bliss" heißt der Drink, übersetzt "Glück", er soll ein sogenannter mood enhancer sein, also die Stimmung heben. Stoffe aus Ginkgo und Ginseng würden die Laune aufhellen, behauptet der Hersteller. Dass es keine Untersuchungen über die Wirksamkeit des Gebräus gibt, scheint nebensächlich – weiß nicht ohnehin jeder, dass Lebensmittel die Gefühlslage ändern können? Dass Nudeln glücklich machen und Schokolade Frust vertreibt, dass Stress mit Gummibärchen erträglicher wird? Und empfahl nicht schon der Grieche Hippokrates, der berühmteste Arzt der Antike, bei Depressionen Eselsmilch zu trinken?

Der Verdacht ist jahrtausendealt: Was wir essen, beeinflusst nicht nur den Körper, sondern auch die Psyche. Auch alternative Heilmethoden spiegeln diese Vorstellung wider. Die moderne Schulmedizin dagegen hielt den Ansatz lange für abwegig – bis jetzt. Nun ändert sich die Sicht der Experten. Sie stellen sich Fragen, die vor ein paar Jahren noch als absurd abgetan wurden: Kann es sein, dass eine ungesunde Ernährungsweise unglücklich macht – im schlimmsten Fall sogar depressiv? Und ist das eine Erklärung dafür, dass nicht nur die Fettleibigkeit in westlichen Ländern epidemieartig zunimmt, sondern auch Depressionen und Angsterkrankungen häufiger werden?

Einen Zusammenhang zwischen den Leiden scheint es zu geben: Übergewichtige haben ein deutlich höheres Risiko für Depressionen. Dahinter steckt anscheinend mehr als die geläufige Erklärung, dass Dicke wegen ihres Aussehens unglücklich sind und aus Frust mehr essen.

Mindestens vier verschiedenen Fährten sind Wissenschaftler heute auf der Spur, um die Effekte des Essens auf die Stimmung zu erklären, und vermutlich spielen alle eine gewisse Rolle. Da gibt es Stoffe in der Nahrung, die unmittelbar auf das Gehirn wirken. Da ist der Magen-Darm-Trakt, durchzogen mit einem komplexen Nervengeflecht, das Signale direkt in die Gefühlszentren des Gehirns schickt. Da ist das Immunsystem, das die Stimmung drücken kann und das auf Nahrung ziemlich direkt reagiert. Und nicht zuletzt könnten sogar Bakterien, die im Darm bei der Verwertung der Kost helfen, für Glück oder Unglück mitverantwortlich sein.

"Psychiater haben bisher nie unterhalb des Halses nach Ursachen für Probleme gesucht. Aber vielleicht werden wir in Zukunft psychiatrische Probleme nicht mehr nur im Gehirn, sondern auch im Verdauungstrakt behandeln", sagt Emeran Mayer, Professor an der University of California in Los Angeles (UCLA) und einer der führenden Forscher im Bereich der Neurogastroenterologie, also der Neurowissenschaften des Magen-Darm-Systems.

Zu dieser Prognose passen auch drei Studien, die vor Kurzem in angesehenen Fachjournalen erschienen sind. Sie deuten darauf hin, dass bestimmte Ernährungsmuster das Risiko für psychische Probleme verändern. Australische Wissenschaftler verfolgten Ernährung und Stimmung von 1046 Frauen über zehn Jahre hinweg, eine spanische Forschungsgruppe analysierte die Daten von 10.094 Männern und Frauen über mehr als vier Jahre, und ein britisch-französisches Team untersuchte zwischen 1985 und 2004 in London 3486 Büroangestellte.

Alle kamen zu einem ähnlichen Ergebnis: Menschen, die frisches Gemüse, Früchte, Fisch und Vollkorn essen, also vollwertige und frische Kost, haben ein geringeres Risiko, an Depression zu erkranken. Wer hingegen viel verarbeitete Lebensmittel, Frittiertes, Weißmehlprodukte und Süßes zu sich nimmt, steigert sein Risiko für die Erkrankung. Zwar lässt sich mit solchen Studien immer nur ein statistischer Zusammenhang ermitteln, kein Ursache-Wirkungs-Prinzip. Aber dass andere gesundheitliche Probleme oder Verhaltensweisen wie Rauchen oder Sport für die Unterschiede verantwortlich sind, schlossen die Forscher aus; ebenso, dass es die schlechte Laune war, die die Betroffenen zuerst gequält hatte und so den ungünstigen Speiseplan erst verursachte.