Ernährung und PsycheIss dich glücklich!

Forscher entdecken den Einfluss der Ernährung auf die Psyche: Kann das richtige Essen gute Laune machen und seelische Leiden verhindern? von Eva-Maria Schnurr

ZEIT Wissen 5/2010

Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen

In England verkaufen sie das Glück in Flaschen. Es ist milchig weiß, riecht ein bisschen nach Ananas und schmeckt chemisch. »Bliss« heißt der Drink, übersetzt »Glück«, er soll ein sogenannter mood enhancer sein, also die Stimmung heben. Stoffe aus Ginkgo und Ginseng würden die Laune aufhellen, behauptet der Hersteller. Dass es keine Untersuchungen über die Wirksamkeit des Gebräus gibt, scheint nebensächlich – weiß nicht ohnehin jeder, dass Lebensmittel die Gefühlslage ändern können? Dass Nudeln glücklich machen und Schokolade Frust vertreibt, dass Stress mit Gummibärchen erträglicher wird? Und empfahl nicht schon der Grieche Hippokrates, der berühmteste Arzt der Antike, bei Depressionen Eselsmilch zu trinken?

Der Verdacht ist jahrtausendealt: Was wir essen, beeinflusst nicht nur den Körper, sondern auch die Psyche. Auch alternative Heilmethoden spiegeln diese Vorstellung wider. Die moderne Schulmedizin dagegen hielt den Ansatz lange für abwegig – bis jetzt. Nun ändert sich die Sicht der Experten. Sie stellen sich Fragen, die vor ein paar Jahren noch als absurd abgetan wurden: Kann es sein, dass eine ungesunde Ernährungsweise unglücklich macht – im schlimmsten Fall sogar depressiv? Und ist das eine Erklärung dafür, dass nicht nur die Fettleibigkeit in westlichen Ländern epidemieartig zunimmt, sondern auch Depressionen und Angsterkrankungen häufiger werden?

Einen Zusammenhang zwischen den Leiden scheint es zu geben: Übergewichtige haben ein deutlich höheres Risiko für Depressionen. Dahinter steckt anscheinend mehr als die geläufige Erklärung, dass Dicke wegen ihres Aussehens unglücklich sind und aus Frust mehr essen.

Anzeige

Mindestens vier verschiedenen Fährten sind Wissenschaftler heute auf der Spur, um die Effekte des Essens auf die Stimmung zu erklären, und vermutlich spielen alle eine gewisse Rolle. Da gibt es Stoffe in der Nahrung, die unmittelbar auf das Gehirn wirken. Da ist der Magen-Darm-Trakt, durchzogen mit einem komplexen Nervengeflecht, das Signale direkt in die Gefühlszentren des Gehirns schickt. Da ist das Immunsystem, das die Stimmung drücken kann und das auf Nahrung ziemlich direkt reagiert. Und nicht zuletzt könnten sogar Bakterien, die im Darm bei der Verwertung der Kost helfen, für Glück oder Unglück mitverantwortlich sein.

»Psychiater haben bisher nie unterhalb des Halses nach Ursachen für Probleme gesucht. Aber vielleicht werden wir in Zukunft psychiatrische Probleme nicht mehr nur im Gehirn, sondern auch im Verdauungstrakt behandeln«, sagt Emeran Mayer, Professor an der University of California in Los Angeles (UCLA) und einer der führenden Forscher im Bereich der Neurogastroenterologie, also der Neurowissenschaften des Magen-Darm-Systems.

Konzentrationsfutter

Kolja Beisiegel, Student, 24 Jahre

Was gab's zu essen?
Eine Woche lang morgens Müsli mit Vollkornhaferflocken und Obst. Zwischendurch Äpfel. Mittags Vollkornbrot mit Joghurt, Möhren und Bananen. Nachmittags Äpfel. Abends eine warme Mahlzeit mit Tofu, Reis, Gemüse, hinterher Nüsse. Viel Wasser.

Was gab’s gar nicht?
Weißbrot, Kuchen, Süßes, Pommes frites, Alkohol.

Größter Unterschied zu sonst?
Die Zwischenmahlzeiten und das viele Trinken.

Was sagt die Wissenschaft?

Muss das Gehirn große Aufgaben bewältigen und gerät in Stress, kommt der Hunger – die Laune sinkt. Zwischenmahlzeiten und Vollkornprodukte halten den Blutzuckerspiegel konstant im mittleren Bereich, das soll die Konzentration fördern und die Stimmung stabil halten. Eindeutig belegt ist eine Wirkung aber nicht. Auch ob viel Trinken der Konzentration wirklich hilft, ist unklar. Bei einer epidemiologischen Studie an 5200 Fünftklässlern in Kanada stellten Gesundheitswissenschaftler fest, dass die Kinder umso besser in der Schule waren, je ausgewogener ihre Ernährung war, je mehr Obst und Gemüse und je weniger Kalorien sie zu sich nahmen. Andere Untersuchungen deuten darauf hin, dass ein ordentliches Frühstück die geistige Leistungsfähigkeit steigert.

Zu dieser Prognose passen auch drei Studien, die vor Kurzem in angesehenen Fachjournalen erschienen sind. Sie deuten darauf hin, dass bestimmte Ernährungsmuster das Risiko für psychische Probleme verändern. Australische Wissenschaftler verfolgten Ernährung und Stimmung von 1046 Frauen über zehn Jahre hinweg, eine spanische Forschungsgruppe analysierte die Daten von 10.094 Männern und Frauen über mehr als vier Jahre, und ein britisch-französisches Team untersuchte zwischen 1985 und 2004 in London 3486 Büroangestellte.

Alle kamen zu einem ähnlichen Ergebnis: Menschen, die frisches Gemüse, Früchte, Fisch und Vollkorn essen, also vollwertige und frische Kost, haben ein geringeres Risiko, an Depression zu erkranken. Wer hingegen viel verarbeitete Lebensmittel, Frittiertes, Weißmehlprodukte und Süßes zu sich nimmt, steigert sein Risiko für die Erkrankung. Zwar lässt sich mit solchen Studien immer nur ein statistischer Zusammenhang ermitteln, kein Ursache-Wirkungs-Prinzip. Aber dass andere gesundheitliche Probleme oder Verhaltensweisen wie Rauchen oder Sport für die Unterschiede verantwortlich sind, schlossen die Forscher aus; ebenso, dass es die schlechte Laune war, die die Betroffenen zuerst gequält hatte und so den ungünstigen Speiseplan erst verursachte.

Leserkommentare
  1. 2 Leserempfehlungen
  2. Seltsam wie hier Versuche ins Gegenteil geschrieben werden. Der schwedische Versuch, Supersize Me nachzustellen, kam zum entgegengesetzten Ergebnis des Filmes und gilt als einer der belege, daß es sich beim Filmemacher um einen Fälscher handelt.
    http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/mahlzeit/591171/

    Auch die oft behauptete Epidemie von Fettleibigen in Europa ist eine Propagandalüge.
    Ein typische Werbeartikel für Functionel Food also.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Petka
    • 10. August 2014 21:53 Uhr

    Wenn man sich die Mühe macht und hinter die Paywall von Newscientist guckt, findet man allerdings weder Aussagen über Cholesterin, noch über Gewichtsverlust nach der Studie noch über irgendwelche Verbote der Fortbewegung per pedes.

    Hm. Ganz irritiert muss man sich jetzt noch hinter die Paywall des Wiley-Verlages bewegen und die Studie "Young healthy individuals develop lack of energy when adopting an obesity provoking behaviour for 4 weeks: a phenomenological analysis" anschauen und findet: ebenfalls nichts dergleichen (Begrenzung auf 5000 Schritte und 1h Oberkörperworkout/Woche).

    Da war der querlesende Redakteur von Deutschlandfunk wohl gerade mal außer Haus und der HiWi mit Fastfood-Faible durfte schreiben und sich abreagieren. Denn ... Nyström hat danach eine _andere_ Studie über zwei Wochen laufen lassen, bei der ebenfalls Überfütterung mit verschiedenen Lebensmitteln (Zucker versus Proteine) getestet wurde und traf dabei Aussagen über Cholesterin-, Leber- und Metabolismuswerte.

    Die erste Studie handelte aber eben vor allem von Gewichtszunahme (5 von 18 haben auch die von der Ethikkomission erlaubten 15% erreicht) und ... dem miesen Gefühlsleben der Probanden. Siehe auch Artikel oben also.

  3. Ein interessanter Aufsatz, allerdings (das Ayurveda wurde schon angesprochen) wußte man das alles irgendwie auch schon.
    Auch ich habe durch Ernährungsumstellung in den letzten Jahren eine gewisse melancholische Neigung sehr zum positiven beeinflußen können.
    1. generell weniger essen
    2. weitgehend auf Industrieprodukte verzichten
    3. Zucker und Zuckeraustauschstoffe meiden Ausnahme: Stevia
    4. viel Obst (Ananas!, Papaya!!!, Granatapfel, Banane, Mango!) aber auch alle anderen Sorten
    5. viel Gemüse und wenig Fleisch
    6. Hirse und Kichererbsen regelmäßig in die Mahlzeiten einbauen!!!
    7. wenig Alkohol
    8. statt Kafee, lieber Tee falls eine anregende Wirkung gewünscht ist lieber (in kleinen Mengen) Guarana aus dem Reformhaus verwenden
    9. wenig Säfte und ähnliches konsumieren, lieber Kräutertees: Brombeer, Cistus, Minze, ua. gerne mit Stevia gesüsst.
    10. weniger Kuhmilchprodukte, mehr von Schaf und Ziege

    Wirkungen (nachhaltig)

    weniger aggressiv, besser gelaunt, vollkommen normalisierter Blutdruck, sehr guter Schlaf, Gewichtsreduktion, gesteigerte Konzentrationsfähigkeit, praktisch keine Erkältungskrankheiten seit vielen Jahren, allgemein mehr Lebensenergie, gewisse Gelenkbeschwerden sind praktisch verschwunden

    Try it!

    • laikh
    • 01. Oktober 2010 13:02 Uhr

    @nicolai überleben hat wenig mit lebensqualität zu tun

    @artikel und milch...wer kann sich daran erinnern wie sein erster schluck milch geschmeckt hat???

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... gäbe es Sie heute nicht. Es gibt ein paar Hinweise, auf welchen Nahrungsmix wir in 1 Million Jahren von der Evolution getrimmt worden sind, seit Erfindung des Ackerbaus ( vor 15.000 Jahren = 1,5% der Geschichte ) werden Menschen nicht mehr artgerecht gehalten und ernährt, Geschwafel von Ernährungs"experten" hin oder her. Erst heutzutage wir leben Dank weltweiter Transporte von Lebensmitteln im "Paradies der Steinzeit". Was die "lebenswichtige" Milch angeht: Wie kam ein Steinzeitler an frische Milch? Ganz einfach, er hat eine wilde Büffelkuh gemolken ... daraus ergeben sich gleich zwei Fragen: Wie viel Milch kriegt man aus einer wilden ( = nicht auf Milchertrag gezüchteten ) Büffelkuh? Und bald noch wichtiger: Wie oft kan man das machen?
    Und was den Säugling angeht: Man braucht sich nicht selbst zu erinnern, wie die Muttermilch schmeckt, man braucht nur einen Säugling zu beobachten ...

  4. ... gäbe es Sie heute nicht. Es gibt ein paar Hinweise, auf welchen Nahrungsmix wir in 1 Million Jahren von der Evolution getrimmt worden sind, seit Erfindung des Ackerbaus ( vor 15.000 Jahren = 1,5% der Geschichte ) werden Menschen nicht mehr artgerecht gehalten und ernährt, Geschwafel von Ernährungs"experten" hin oder her. Erst heutzutage wir leben Dank weltweiter Transporte von Lebensmitteln im "Paradies der Steinzeit". Was die "lebenswichtige" Milch angeht: Wie kam ein Steinzeitler an frische Milch? Ganz einfach, er hat eine wilde Büffelkuh gemolken ... daraus ergeben sich gleich zwei Fragen: Wie viel Milch kriegt man aus einer wilden ( = nicht auf Milchertrag gezüchteten ) Büffelkuh? Und bald noch wichtiger: Wie oft kan man das machen?
    Und was den Säugling angeht: Man braucht sich nicht selbst zu erinnern, wie die Muttermilch schmeckt, man braucht nur einen Säugling zu beobachten ...

    • jvz
    • 01. Oktober 2010 18:31 Uhr

    In einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... ich denke, es war Seneca, körperbehindert, aber mit wachem Geist, als er an einer Gladiatorenschule vorbeihinkte und dort die Gladiatoren üben sah, angesichts derer er gesagt haben soll: "Es wäre wünschenswert, wenn in einem gesunden Körper auch ein gesunder Geist wäre!"
    Unsere Philolügen haben das ins Gegenteil sinnentstellt.

  5. ... ich denke, es war Seneca, körperbehindert, aber mit wachem Geist, als er an einer Gladiatorenschule vorbeihinkte und dort die Gladiatoren üben sah, angesichts derer er gesagt haben soll: "Es wäre wünschenswert, wenn in einem gesunden Körper auch ein gesunder Geist wäre!"
    Unsere Philolügen haben das ins Gegenteil sinnentstellt.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Psyche | Depression | Essen | Gehirn | ISS | Körper
Service