Der 15. Mai war Johns Unglückstag. Als der Familienvater in der Küche eines Hamburger Restaurants gerade Geschirr in die Maschine räumte, wurde ihm plötzlich schwindelig. Vor seinen Augen flimmerte es, seine Knie wurden weich, der 40-Jährige stürzte zu Boden. Seither warten seine Frau und die beiden Kinder in Ghana vergebens auf Geld aus Deutschland. John hatte einen Schlaganfall.

Es war Glück im Unglück, dass dies bei der Arbeit geschah: Sein Chef rief sofort einen Krankenwagen. Hätte ihn der Schlag zu Hause getroffen, würde John womöglich nicht mehr leben. Die beiden Mitbewohner, mit denen er das 15-Quadratmeter-Zimmer teilt, hätten kaum gewagt, ihn in ein Krankenhaus zu bringen. Denn John und seine Zimmergenossen führen ein Leben im Verborgenen. Sie besitzen keine gültigen Papiere und halten sich illegal in Deutschland auf. Werden sie krank, verzichten sie lieber auf ärztliche Hilfe, so wie die meisten in ihrer Lage. Sie haben Angst, Namen und Adresse zu nennen. Sie wollen unsichtbar bleiben, weil sie fürchten, abgeschoben zu werden.

Es ist eigentlich unvorstellbar: Im reichen Deutschland sterben Menschen, weil sie medizinisch nicht versorgt werden. Dabei ist die Bundesrepublik schon vor Jahrzehnten dem UN-Sozialpakt von 1966 beigetreten, in dem sie »das Recht eines jeden auf ein Höchstmaß an körperlicher und geistiger Gesundheit« anerkannt und sich verpflichtet hat, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass »jedermann im Krankheitsfall in den Genuss medizinischer Einrichtungen und ärztlicher Betreuung« kommt. Trotzdem bleibt den etwa 200.000 bis 400.000 Menschen, die keine gültigen Papiere haben, der Zugang zum Gesundheitssystem weitgehend verwehrt. Man will ihnen den Aufenthalt so unangenehm wie möglich machen.

Eigentlich sei die Gesundheit »höher zu bewerten als das Staatsbürgerrecht, mit dem es in Deutschland kollidiert«, sagt Jutta Lindert, Leiterin des Instituts für angewandte Forschung an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg . »Wir müssen Methoden entwickeln, dieses Recht für Migranten ohne Papiere zu garantieren.« Etliche westeuropäische Staaten haben längst Lösungen gefunden. 

Vier Wochen blieb John im Krankenhaus. Er sei sehr gut versorgt worden, sagt er. Das Berufsethos verpflichtet Ärzte, im Notfall jedem zu helfen – unabhängig von seinem Status. Allerdings: Als es dem Ghanaer etwas besser ging, geschah genau das, was Menschen wie er fürchten. Die Ausländerpolizei holte ihn aus dem Krankenhaus ab. Man fuhr ihn in das Lager Nostorf-Horst, einsam gelegen in einem Wald in Mecklenburg. Dort bringt die Hansestadt »Personen ohne Bleiberechtsperspektive« unter. Sobald er sich hinreichend erholt hat, soll er Deutschland verlassen.

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Dass John nach Ghana zurückkehren muss, hat sich wie ein Lauffeuer unter seinen Landsleuten in Hamburg herumgesprochen. Es bestärkt Menschen ohne offiziellen Aufenthaltsstatus darin, so spät wie möglich Hilfe zu suchen – oder gar nicht.

Ein schüchternes Klopfen, die Tür öffnet sich einen Spalt. Eine Afrikanerin sucht fragend den Blick von Detlev Niebuhr. »Kommen Sie herein, bitte schön«, sagt der Internist mit einladender Geste. Dichte Tüllgardinen sorgen für Dämmerlicht in dem 12-Quadratmeter-Raum, der in einem Seitentrakt des Hamburger Marienkrankenhauses liegt. An den Wänden hängen Kreuze; einen Vormittag pro Woche räumt der Krankenhauspfarrer sein Zimmer für die anonyme Sprechstunde von Detlev Niebuhr und seinen beiden Kollegen, die hier im Wechsel die Patienten betreuen.