NaturerfahrungSinnsuche im Gehölz

Die Sehnsucht nach Naturerfahrung treibt immer mehr Menschen in die Wildnis. Psychologen und Soziologen erkunden die Wirkung der Natur: Macht sie uns zu besseren Menschen? Selbsterfahrungsbericht eines Städters. von Christian Schüle

Höhepunkt der Naturerfahrung in der Wildnisschule: Mit der Präsenz des Baumes verschmelzen

Höhepunkt der Naturerfahrung in der Wildnisschule: Mit der Präsenz des Baumes verschmelzen  |  © Native Spirit

Wir Städter wissen ja nicht einmal, ob man Brennnesselsamen essen kann. Wir können Bäume nicht benennen, Blüten nicht bestimmen und haben grundsätzlich Angst vor kleinen Tieren, die fliegend auf uns zukommen. Die Reize der Hightech-Welt machen uns müde, dennoch können wir nicht schlafen. Stets haben wir das Hintergrundrauschen der Autos im Ohr; nachts flackern Impulse der Bildschirme in unserem Gehirn fort. Durch die Schuhsohle sind wir dauernd vom natürlichen Boden getrennt, wir rasieren unsere Körper und bilden uns ein, mit Biofleisch und Biojoghurt hinreichend gesund ernährt zu sein. Zum nahe gelegenen See fahren wir mit dem Auto; hüpfen wir ins Wasser, fragen wir uns vorher, ob dies einen unangenehmen Hautausschlag zur Folge haben könnte. Sonne schadet uns Städtern schnell, wir fürchten Verbrennung und Dehydrierung und googeln zur Sicherheit Erste-Hilfe-Maßnahmen – da draußen ist’s gefährlich.

Es kommt aber der Tag, an dem vielen von uns unsere Naturentfremdung sauer aufstößt, an dem wir überreizt sind, überfordert, ausgebrannt, keineswegs so glücklich, wie wir sein müssten. Wir brechen auf, um unseren Verstand zu verlieren. Mutig suchen wir die Natur, ohne zu wissen, ob wir ihr überhaupt gewachsen sind. Und wir werden uns die Frage stellen: Machen Wiesen, Weiden, Flüsse und Seen uns tatsächlich zum besseren Menschen?

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Also packe ich eine viel zu große Tasche mit viel zu vielen Kleidungsstücken und fahre nach Süden, wo der Natur seit Jahrtausenden nichts anderes beschieden ist, als ein erhabenes Symbol ihrer selbst zu sein: ins Voralpenland mit seinen Wiesen, Bergen, Flüssen und Seen. Nach mehreren Tagen werde ich in meine digital verwaltete Stadt zurückkehren. Ich werde Verstörendes erlebt haben.

Die Selbsterfahrung beginnt im Hochseilgarten in Bolsterschwang, bayerisches Allgäu, weil man dort oben spüren soll, wie ungeerdet man im Leben ist, will heißen: wie weit man sich bereits von den natürlichen Begebenheiten entfremdet hat. Die Gurte angelegt, die Karabiner eingehakt, der Helm festgeschnallt, sind die ersten Kletterschritte senkrecht hinauf noch kein Problem. Doch ab Meter vier wird mir schwindlig, das Herz schlägt gegen den Brustkorb, Schweiß bricht aus. Natürlich klettere ich mutig weiter. Was aber, wenn der Fuß abrutscht? Wenn das Seil leerläuft? Was ist mit Höhenangst? Wie ungeschickt ich schließlich nach dem letzten kleinen Haken im Stamm greife und mich ungelenk auf die Plattform ziehe, als sei der Körper ein träger Sack – es ist peinlich.

ZEIT Wissen 5/2010

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Der Hochseilgarten, acht Meter über dem Boden, ist eigens geschaffen, damit wir von Ängsten besetzten und beherrschten Städter dieselben verlieren. Damit wir vertrauen lernen. Uns hingeben, loslassen, orientieren – all jene Urkompetenzen, die weder mit Erkenntnisgewinn noch mit Buchwissen zu tun haben, sondern mit emotionaler Intelligenz, vernetztem Denken, Kreativität und, aus alldem entstehend: mit situativ angemessenem Verhalten im Alltag.

Eben hier oben höre ich Vögel, höre den Mähdrescher, rieche Gras und Blumenduft – ja, ich rieche! Auf dem Hochseil dreht es sich, wie die Betreiber sagen, um »persönliche Meisterschaft«, um die Spürenswirklichkeit des eigenen Körpers, der eigenen Natur. Hinreichend entschleunigt, seile ich mich an und rase schließlich, im Sitzgurt hängend, zwanzig Meter über Grund von Baum zu Baum, über Holundersträuche hinweg, zur zarten Sinfonie des plätschernden Bachs, irgendwo dort unten, wo Käfer kreuchen und Wildwespen sausen. Im Wurzelwerk der Natur komme ich zurück zu den eigenen Wurzeln. Kleines Glück im Waldgarten, nachmittags um halb drei. Was derart guttut, befreit. Was befreit, stößt Veränderungen an.

Kein Weg führt heute mehr an der Einsicht vorbei, dass es die Wiederentdeckung der Sinnlichkeit, des Körpers und des Menschen als Naturwesen zu verzeichnen gilt. Das spätmoderne Subjekt zieht zu Felde gegen seine Naturentfremdung in artifiziellen Schleifen eines zunehmend virtuellen Lebens. Kollektiv treiben Städter ins wilde Draußen, Beispiele gibt es zuhauf. Unvermeidliche Trendforscher wie jene des deutschen Zukunftsinstituts machen eine »neue Lust an der Natur« aus und haben, wie immer rasch, den passenden Begriff zur Hand: »Neonature«.

Leserkommentare
    • alkyl
    • 09. September 2010 14:57 Uhr

    Wie hieß das noch gleich? Generation.... mit ´nem Goldfisch im zu kleinen Glas vorn drauf.

    Es muß wohl daran liegen, daß ich im Dorf aufgewachsen bin und auch schon mal in Nestern mit Namen wie "Honigsee" gewohnt habe. Die langen Jahre, die ich zwischendurch in Städten wie Berlin, El Paso, Kiel oder Essen gelebt habe, haben mir wohl deshalb nicht geschadet. Aber daß der voll urbane Mensch derart naturentfremdet sein könnte, daß er die hier beschriebenen Antidote tatsächlich bräuchte, wäre mir nie in den Sinn gekommen. Ich glaub, ich geh´mal eben in den Garten ;-) .

  1. Schon häufig ist mir aufgefallen, wie sehr sich die Lebenswahrnehmung von Großstädtern, nicht unbedingt zum Besten, aufgrund eines kranken Umfeldes verschoben hat.

    Das hier auch von innen heraus Veränderungen angestrebt werden freut mich sehr, schließlich werden ja auch Kleinstadt- und Landmenschen zwangsläufig mit den Denkweisen der Großstädter konfrontiert.

    Nun mag es zwar den ein oder anderen fast schon rührend erscheinen (was ehrlich gesagt auch meine erste Regung war), ist man gezwungen Kartoffeln in Säcken zu pflanzen. Aber schon auf dem zweiten Blick sieht man die ungeheure Kraft die hinter solch Aktionen stecken.

    Ich hoffe sehr diese wird sich weiter entwickeln. Auch mit einigen hundert Quadratmetern kann man schon einen kleinen Kreislauf schaffen, kann ohne größeren Eintrag von außen Pflanzen ziehen und ein paar Kleintiere halten.

    Ebenso sind auch in der Architektur immer häufiger Anklänge an ein lebenswertes Umfeld zu finden. Ganze Häuser werden schon mit eingefügten Gärten geplant.

    Wenn wieder mehr Menschen lernen mit Pflanzen und Tieren zusammenzuleben, ist dies für Mensch und Umwelt gut. Die Erfahrungen des Autors kann man hierbei nur jedem empfehlen. Damit die Lebenswirklichkeit vieler Menschen sich in Zukunft wieder aus einem lebenswerteren Umfeld heraus entwickeln kann.

    Vielen Dank an den Autor
    Mit freundlichen Grüßen

    • chamsi
    • 11. September 2010 14:59 Uhr

    liegt die Lösung für die meisten Probleme unserer Zeit.
    Für uns Erwachsene und noch viel mehr für unsere Kinder
    ist die Besinnung auf unsere Wurzeln lebenserhaltend und
    glückstiftend.
    Es wäre schön, wenn diese Erkenntnis aus der "esoterischen"
    Ecke heraus käme und als simples Faktum Anerkennung finden
    würde.

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