US-Energieminister Der Erklärminister
Einen so kompetenten Energieminister haben die USA noch nie gehabt: Steven Chu ist Physiker und hat den Nobelpreis gewonnen. Doch eines fehlt ihm – Erfahrung in der Politik. Kann er trotzdem seine Vision verwirklichen, Amerika grüner zu machen?
©Nicholas Kamm/AFP/Getty Images

Der Energieminister der USA, Steven Chu, während einer Rede. Hinter ihm steht der Präsident Barack Obama
Steven Chu hatte sich auf den Besuch in St. Louis gefreut. Selbst jemand wie er bekommt nicht alle Tage einen Ehrendoktor verliehen und wird dann auch noch gebeten, auf der Abschlussfeier einer der besten Universitäten des Landes zu reden. Es hätte ein entspannter Ausflug in sein altes Leben werden können – in die Welt der Wissenschaft.
Doch dann sendeten alle großen Fernsehstationen die Live-Unterwasser-Aufnahmen von der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko: Eine gräulich-braune Masse quillt aus einem geborstenen Rohr, dazu erklären die Moderatoren, vermutlich fließe mehr Rohöl ins Meer als von BP zugegeben, viel mehr. Schlagartig wurde Millionen Amerikanern klar, welches Desaster sich vor der Küste abspielte . Und Steven Chu, seit eineinhalb Jahren Energieminister ebendieser Amerikaner, konnte seinen Zeitplan vergessen.
Ganz absagen wollte er den Besuch an der Washington University in St. Louis aber nicht. Und so steht Chu an diesem Morgen um kurz vor neun im wallenden grünen Talar und mit Doktorhut im Universitätshof und schwört einige Hundert Absolventen auf den Ernst des Lebens ein. Anfangs liest er hastig ab. Doch nach ein paar Minuten scheint eine Last von ihm abzufallen. »Nichts macht mich glücklicher, als unter Studenten zu sein«, sagt er. »Ich bin zwar jetzt Energieminister, doch im Innersten werde ich immer Professor bleiben.« Hier unter Akademikern fühlt er sich wohl, hier sind seine Visionen gefragt.
Als Barack Obama Ende 2008 verkündete, Steven Chu solle sein Energieminister werden, war das eine riesige Überraschung. Ausgerechnet Chu, der keinerlei Erfahrung in Washington hatte, nicht einmal in der Regionalpolitik! Sicher, er hatte 1997 den Physiknobelpreis bekommen, aber welcher Amerikaner konnte schon erklären, wofür? Und er hatte das renommierte Lawrence Berkeley National Laboratory geleitet – aber qualifizierte ihn das als Minister?
- Physiknobelpreis
Für die Idee, Atome mit Lasern zu fangen und zu kühlen, bekam Chu 1997 den Physiknobelpreis. Hier demonstriert er das Experiment an der Stanford University.
- Energieminister
Im Dezember 2008 gelang Barack Obama ein Coup: Er nominierte Chu als Energieminister – der ist nun der erste Forscher mit Nobelpreis in einem so wichtigen Amt.
- Ölkatastrophe
Während der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko trat Chu nur selten öffentlich auf. Hinter den Kulissen suchte er mit einem Forscherrat nach einer Lösung.
- Ehrendoktor
Im Mai verlieh ihm die Washington University den Ehrendoktor – seinen dritten. Zuvor hatten ihn schon die Eliteuniversitäten Yale und Harvard ausgezeichnet.
Aus Obamas Sicht war die Wahl exzellent: In Berkeley hatte Chu ein riesiges Energieforschungsprogramm ins Leben gerufen, hatte er Solartechnik und Biokraftstoffe erforschen lassen, hatte aus einem behäbigen Staatslabor eine Stätte der Zukunftsforschung gemacht. Der neue Präsident wollte ein Zeichen setzen. Er wollte allen zeigen, dass die Ära der Klimawandelskepsis und Wissenschaftsfeindlichkeit, die unter George W. Bush geherrscht hatte, vorbei war. Und dass es ihm ernst ist mit dem Kampf gegen den Klimawandel.
Jetzt muss Chu beweisen, dass er mehr ist als nur ein Aushängeschild. Zu seinen neuen Aufgaben gehört es, einem der energiehungrigsten Länder der Erde das Energiesparen beizubringen. Kann einer wie er es schaffen, den Widerstand der mächtigen Öl- und Kohlelobby zu brechen? Kann er die Zweifler im Kongress mit seinen berühmten PowerPoint-Präsentationen überzeugen, ein Klimaschutzgesetz zu verabschieden? Und kann es ihm gelingen, einen internationalen Pakt zur CO₂-Reduktion auf den Weg zu bringen? Anders gefragt: Kann ein Topwissenschaftler über Nacht zum Toppolitiker werden?
»Do something that matters!«, ruft er den Absolventen in St. Louis zu, tut etwas Sinnvolles! So wie er mit seinen Doktoranden etwas bewegt habe, als sie klimafreundliche Technologien erforschten. »Es gibt eine 50:50-Wahrscheinlichkeit, dass die Durchschnittstemperaturen bis 2100 um vier Grad steigen werden, wenn die Menschheit so weitermacht«, erklärt er. »Das mag nicht nach viel klingen, aber in der letzten Eiszeit war die Welt auch nur sechs Grad kälter, und die USA waren bis runter nach Ohio vereist.« Für die Studenten sei der drohende Klimawandel aber auch eine Chance: Sie könnten Teil einer »zweiten industriellen Revolution« werden, einer grünen, die Amerika schon aus wirtschaftlichen Gründen anführen müsse.
- Datum 23.09.2010 - 12:27 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT Wissen 5/2010
- Kommentare 5
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






und es ist äußerst peinlich für einen Ölkonzern, wenn er solche Verfahren nichtmal kennt!
Ein sehr schöner Artikel, man kann Herrn Chu nur Glück wünschen. Das wird er gebrauchen können, so ganz alleine unter Politikern.
..aber so weitsichtig sind wir nicht. Es sollen ja Alle schön auf oder noch unter dem Niveau von Frau Merkel herumdümpeln. Auch wissenschaftliche Beiräte unter 'Genies' wie J. Schellnhuber sind eine Farce.
Auch ich hoffe, dass Herr Chu nicht von den Kartellen der USA zermürbt wird. Die Umweltverbände sollten seinem Pragmatismus folgen und nicht jeden 'Pakt' mit Ölkonzernen dämonisieren- er wird wissen, was er tut. Und er muss viele Interessen ausbalancieren! Nicht nur im Land, sondern auch auf dem internationalen Parkett. Mit Chu könnten die USA als Vorreiter hinsichtlich Erneuerbarer Energien auftreten- eine Rolle, von der sich Deutschland spätestens unter schwarz-gelb verabschiedet hat.
..aber so weitsichtig sind wir nicht. Es sollen ja Alle schön auf oder noch unter dem Niveau von Frau Merkel herumdümpeln. Auch wissenschaftliche Beiräte unter 'Genies' wie J. Schellnhuber sind eine Farce.
Auch ich hoffe, dass Herr Chu nicht von den Kartellen der USA zermürbt wird. Die Umweltverbände sollten seinem Pragmatismus folgen und nicht jeden 'Pakt' mit Ölkonzernen dämonisieren- er wird wissen, was er tut. Und er muss viele Interessen ausbalancieren! Nicht nur im Land, sondern auch auf dem internationalen Parkett. Mit Chu könnten die USA als Vorreiter hinsichtlich Erneuerbarer Energien auftreten- eine Rolle, von der sich Deutschland spätestens unter schwarz-gelb verabschiedet hat.
Das Thema erfordert unserer Erkenntnisse nach auch das Adressieren von Wertehierarchien und Handlungslogiken. Siehe auch folgende sehr lesenswerte Beiträge über Steven Chu (in engl. Sprache):
http://www.sourceintegral...
http://www.sourceintegral.com/2009/09/23/dr-steven-chu-could-be-the-architect-of-a-world-centric-solution-to-avoid-“dangerous-climate-change”/
“The research required to inform and support a major societal transformation lies primarily in the domains of the humanities and social sciences, which have been much less prominent in the climate change discourse than natural sciences and economics. Nevertheless, their insights into human cultures, behaviours and organisation are crucial” [...]
Glücklicherweise ist er ein ABC und kein Cowboy. Und er scheint den "human impact" bei der Arbeit sehr gut zu kennen. Hoffe er kann etwas ändern ein dem Land, dass von Lobbyisten regiert wird.
Bitte bemühen Sie sich um eine sachliche Wortwahl und einen differenzierten Diskussionsbeitrag. Danke. Die Redaktion/ag
..aber so weitsichtig sind wir nicht. Es sollen ja Alle schön auf oder noch unter dem Niveau von Frau Merkel herumdümpeln. Auch wissenschaftliche Beiräte unter 'Genies' wie J. Schellnhuber sind eine Farce.
Auch ich hoffe, dass Herr Chu nicht von den Kartellen der USA zermürbt wird. Die Umweltverbände sollten seinem Pragmatismus folgen und nicht jeden 'Pakt' mit Ölkonzernen dämonisieren- er wird wissen, was er tut. Und er muss viele Interessen ausbalancieren! Nicht nur im Land, sondern auch auf dem internationalen Parkett. Mit Chu könnten die USA als Vorreiter hinsichtlich Erneuerbarer Energien auftreten- eine Rolle, von der sich Deutschland spätestens unter schwarz-gelb verabschiedet hat.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren