VulkanforschungIm Dauerfeuer

Alle zwanzig Minuten spuckt der Stromboli vor Sizilien Lava und Asche. Hier testen Wissenschaftler aus aller Welt neue Warntechnik – und streiten über die Lehre aus dem Eyjafjallajökull-Chaos von 

Der Stromboli ist einer der aktivsten Vulkane der Welt

Der Stromboli ist einer der aktivsten Vulkane der Welt. Forscher pilgern hierher, um die speienden Riesen besser zu verstehen  |  © Mario Laporta/AFP/Getty Images

Es ist, als wäre alle 20 Minuten Silvester, hatte Matthias Hort gesagt. Das war vor ein paar Wochen, sechs Studenten saßen in seinem Büro an der Universität Hamburg, und Hort klärte sie über die Risiken der Expedition auf. Manchmal, sagte er, fielen Bomben vom Himmel, so nennen Vulkanforscher faustgroße glühende Steine, und vor ein paar Jahren sei sogar eine ganze Bergflanke ins Meer gerutscht. Man werde nicht leichtsinnig sein, versprach er schließlich, er habe eine Frau und zwei Kinder, die wolle er wiedersehen. Seine Studenten nickten.

Jetzt sind sie hier, in Süditalien, auf dem Stromboli, einem der aktivsten Vulkane der Welt. Über ihnen die Mittagssonne, im Rucksack die Messgeräte, am Horizont Sizilien. Unter den Füßen 3000 Meter Vulkan, davon etwa 1000 über dem Meeresspiegel, und vor ihnen, in hoffentlich sicherer Entfernung, der Schlot. Vier Tage lang haben sie Instrumente, Kabel und Batterien hier hochgeschleppt, zwei Stunden dauert ein Aufstieg. Heute wollen sie alles aufbauen und dem Vulkan mit einem umgebauten Radargerät direkt in den Rachen spähen.

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Der Berg spuckt plötzlich eine schwarze Wolke und Lavafetzen aus. Blinzelnd stehen die Geophysiker vom Klimacampus Hamburg im Rauch, das Schwefeldioxid beißt in den Augen, Asche rieselt auf ihre Helme. »Teufelsküche«, sagt Hort, »jeder Vulkan hat seine Macken, aber auch ein paar allgemeine Charaktereigenschaften.«

Um diese herauszufinden, hat er das Radargerät mit seinen Studenten auch schon auf den Mount Erebus in der Antarktis getragen, auf den Yasur in Vanuatu (Südpazifik), den Colima in Mexiko und den indonesischen Merapi. Wer Vulkane versteht, kann ihre Ausbrüche vorhersagen – und möglicherweise ein Chaos verhindern, wie es in Europa nach dem Ausbruch des Eyjafjallajökull entstand. Damals wurden Tausende Flüge wegen der Aschewolke abgesagt.

ZEIT Wissen 5/2010

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Der Stromboli dient den Forschern als Übungsgelände, um ihre Instrumente als Frühwarnsysteme zu erproben. Lange Zeit hat man die Feuerberge vor allem mit Seismometern abgehorcht, inzwischen kommen die verschiedensten Geräte zum Einsatz, vom Radar bis zum Gas-Sensor. »Der Ausbruch eines Vulkans lässt sich heute in 80 Prozent der Fälle vorhersagen«, schätzt Hort. Mehr sei knifflig. Versiegt der Vulkan, oder waren die ersten Eruptionen nur ein Vorspiel zum großen Ausbruch? »Da stehen wir noch am Anfang.« Mehr Daten müssen her.

Der Stromboli – seit der Antike als Leuchtturm des Mittelmeers bekannt – ist eine Pilgerstätte für Vulkanforscher. Eine ganze Klasse von Ausbrüchen ist nach ihm benannt, auch der Eyjafjallajökull zeigte »strombolianische Aktivität«: Dabei bildet sich in regelmäßigen Zeitabständen eine Gasblase in der unterirdischen Magmakammer und steigt durch den Schlot nach oben. Wenn die Blase die Oberfläche erreicht, platzt sie und katapultiert Asche und Lava in die Luft. Weil der Stromboli so regelmäßig Dampf ablässt, ist die Wucht der Eruptionen einigermaßen vorhersehbar und das Risiko, ihn zu erforschen, eher gering.

Der Berg ist bei den Forschern auch deshalb so beliebt, weil sie hier morgens einen Espresso trinken, mittags Eruptionen beobachten und abends in der Pizzeria fachsimpeln können. Und so traf sich Matthias Hort vor neun Jahren hier mit drei Kollegen, Jon Dehn aus Alaska, Andrew Harris aus Hawaii und Maurizio Ripepe aus Florenz. Bei Rotwein heckten sie unten im Dorf den Plan aus, ihre Instrumente gleichzeitig auf den Vulkan zu richten. Seitdem finden auf Stromboli regelmäßig Gipfeltreffen statt. Ihre Messdaten fügen sie wie ein Puzzle zusammen, um das Gesamtsystem besser zu verstehen.

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