Sie waren mal das Maß aller Dinge, schienen unverzichtbar – bis neuere, schnellere Modelle kamen und sie aus den Büros und Arbeitszimmern verdrängten. Hunderttausende aussortierte Computer liegen im Staub von Agbogbloshie, zusammen mit alten Fernsehern und Druckern. In dem Slum am Rande der ghanaischen Hauptstadt Accra liegt die größte Elektromülldeponie des Landes. Auf einem Quadratkilometer Fläche erstrecken sich Berge zertrümmerter Geräte und qualmende Feuerstellen.

Computer haben in Industrieländern im Durchschnitt nur eine Lebensdauer von zwei oder drei Jahren, bevor sie ersetzt werden. Es ist eine Verschwendung von Ressourcen, von der die Menschen auf der Schrottdeponie ein wenig profitieren wollen. Sie gewinnen Rohstoffe aus entsorgten Elektrogeräten und verkaufen sie weiter. Die Menschen riskieren dabei ihre Gesundheit, dennoch ist die Arbeit für viele verlockend. Wie auch in anderen Entwicklungsländern hat sich daraus in Ghana ein eigener Wirtschaftszweig entwickelt. Bis zu 13.000 Tonnen sogenannter e-waste (electronic waste) werden hier jährlich auf der Suche nach Stahl, Kupfer oder Aluminium verarbeitet. Auch Geräte aus Deutschland landen hier.

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Das dürfte eigentlich nicht sein. Denn der Export von Elektroaltgeräten ist hierzulande verboten. Das Elektro- und Elektronikgerätegesetz von 2005 fordert die Verbraucher dazu auf, alte oder defekte Geräte kostenlos auf den Recyclinghöfen ihrer Kommunen abzugeben. Von dort aus werden sie fachgerecht entsorgt – auf Kosten der Hersteller.

2006 wurden auf diese Weise 754.000 Tonnen Elektromüll gesammelt. Doch die Gesamtmenge an Elektroschrott liegt deutlich höher. Von den weltweit jährlich 50 Millionen Tonnen Elektroschrott stammen zwischen 1,3 und 1,5 Millionen Tonnen aus Deutschland. "Die genauen Zahlen zu ermitteln ist unglaublich schwer, denn was nicht bei den Recyclinghöfen landet, wird natürlich nicht erfasst", sagt Joachim Wuttke, der beim Umweltbundesamt der Experte für diese Fragen ist.

Ein großer Teil der alten Geräte landet auf illegalen Schrottplätzen oder bei privaten Sammlern. Da diese keinen elektronischen Abfall nach Afrika oder Asien verschiffen dürfen, deklarieren sie die Geräte als intakte Gebrauchtware – deren Export erlaubt ist. Sie verkaufen den Schrott an Entwicklungsländer weiter und machen damit ein Geschäft.

Einer Studie im Auftrag des Umweltbundesamtes zufolge importierte Ghana im Jahr 2006 fast 6000 Tonnen elektronische Geräte aus der Bundesrepublik. Wie viele davon wirklich noch zu gebrauchen waren und wie viele gleich vom Ankunftshafen nach Agbogbloshie transportiert wurden, steht nicht in den Statistiken. Wer kann schon überprüfen, ob wirklich alle 200 Computer in einem Container funktionieren? "In der ersten Reihe stehen oftmals Geräte, die tatsächlich verwendet werden können, dahinter kommt nur noch Abfall", sagt Kristine Koch, die beim Umweltbundesamt zur Entsorgung von Elektrogeräten forscht.

 

Nach Schätzungen von Greenpeace sind bis zu 75 Prozent der nach Afrika eingeführten Ware nicht mehr zu gebrauchen. Das stellen die afrikanischen Abnehmer aber meist erst nach dem Kauf fest, denn in der Regel dürfen sie von den angebotenen Computern nur einen testen. Die funktionstüchtigen Exemplare verkaufen sie weiter, die defekten Geräte landen mit dem heimischen Schrott in Agbogbloshie.

Hier werden sie mit einfachen Methoden zerlegt, bei denen nicht nur viele wertvolle Stoffe verloren gehen, sondern die auch die Umwelt und die Gesundheit der Menschen gefährden. Denn die Geräte enthalten verschiedene Schadstoffe, die vor allem beim Verbrennen in großen Mengen freigesetzt werden. Sie sind nicht nur krebserregend, sondern können unter anderem Nieren- und Leberschäden verursachen und das Immunsystem beeinträchtigen.

Experten dringen daher auf schnelle und umfassende Lösungen. Nach ihren Vorstellungen sollten etwa Hersteller keine gefährlichen Stoffe mehr verwenden dürfen. Andreas Manhart vom Öko-Institut in Freiburg hat eine Studie zum nachhaltigen Management von Elektroabfall in Ghana verfasst, er sagt: "Zum einen müssen wir durch verschärfte Gesetze und Kontrollen die illegalen Exporte in den Griff bekommen, zum anderen brauchen die Entwicklungsländer endlich funktionierende Strukturen, um ihren eigenen elektronischen Abfall zu managen."

Bis in den Entwicklungsländern das Know-how vorhanden ist, schlägt Manhart Kooperationen vor. In Agbogbloshie etwa solle der Schrott nur so weit zerlegt werden, wie es ohne Gesundheitsgefährdung möglich ist: Anstatt Platinen zu verbrennen oder Rechner mit Steinen aufzubrechen, sollen sie als Einheiten gesammelt oder nur in bestimmte Teile zerlegt werden, die gegen Geld exportiert werden. Die letzten Schritte zur Rohstoffwiedergewinnung sollten Firmen in den Industrieländern übernehmen, die über entsprechende Technik verfügen.

Die westlichen Unternehmen müssten dann die Rohstoffe, die momentan verloren gehen, nicht mehr teuer einkaufen. Durch richtiges Recycling könnten fast 90 Prozent mehr Silber, Gold und Palladium aus alten Rechnern gewonnen werden. Die Zusammenarbeit würde sich für alle lohnen.