Genbank für Pflanzen Das Beerenkomplott
84 Jahre lang sammelten russische Pflanzenforscher Obstsorten aus der ganzen Welt und pflanzten sie bei St. Petersburg an – eine der weltgrößten Obstgenbanken entstand. Nun soll das wertvolle Erbe zerstört werden und Einfamilienhäusern weichen.
© Jens Uehlecke

Tausende Obstsorten gedeihen in der Forschungsstation Pawlowsk. Leonid Burmistrow kann zu jeder Sorte etwas erzählen
Der Dauerregen hält Leonid Burmistrow nicht davon ab, auch heute nach seinen Schützlingen zu schauen. Mit seinen wuchtigen Wanderschuhen stapft er durch die Schlammpfützen, vorbei an den Erdbeerpflanzen, den Kirsch- und Pflaumenbäumen, bis er bei seinen Lieblingen ist – den Vogelbeeren. Er streicht über die Stämme und kontrolliert, ob die stürmische Nacht Spuren hinterlassen hat; mit Daumen und Zeigefinger testet er behutsam die Festigkeit der Früchte. »Wenn diesen Bäumen etwas zustieße, wäre das sehr schmerzlich für mich«, sagt er.
Burmistrow ist leitender Wissenschaftler und Kurator an der Pawlowsk-Versuchsstation , knapp 30 Kilometer südlich von St. Petersburg. Die Station beherbergt eine der ältesten Genbanken der Welt, eine Sammlung von fast 6000 seltenen Pflanzen, vor allem Obst. Die meisten davon sind in keiner anderen Genbank weltweit zu finden, einige existieren wohl nicht einmal mehr in der Wildnis. Allein 986 Erdbeersorten aus 50 Ländern reifen hier, manche tragen Früchte, fast so groß wie Tischtennisbälle. Jetzt aber sollen die Felder von Pawlowsk umgepflügt werden. Die staatliche Wohnungsbaustiftung will das Land an Investoren versteigern. Die Pflanzen sollen dem russischen Traum vom Häuschen im Grünen weichen.
Der Zerstörungsplan hat weltweit Proteste ausgelöst. Pflanzenforscher, vor allem aus Europa und den USA, fordern in Briefen und EMails an den Kreml, die einzigartige Kollektion zu retten. »Wenn die Bulldozer kämen, wäre das eine Katastrophe«, sagt Cary Fowler, Direktor des Global Crop Diversity Trust , der einst von der UN-Landwirtschaftsorganisation gegründet wurde, um die biologische Vielfalt zu verteidigen. »Jeder Baum, jeder Strauch dort hat spezielle genetische Eigenschaften. Manche sind besonders kältetolerant, manche immun gegen Krankheitserreger, und manche tragen besonders leckere Früchte.«
Ein solcher Genpool, argumentieren Fowler und viele seiner Kollegen, könnte eines Tages eine Obstkrise verhindern. Heutzutage verlassen sich die meisten Landwirte nur noch auf einige wenige Sorten, extrem anfällige Monokulturen sind entstanden. Was, wenn ein neuer Krankheitserreger eine Apfelernte weitgehend vernichtet? Was, wenn die Kirschbäume den fortschreitenden Klimawandel nicht verkraften? Vielleicht könnte dann eine der Pflanzen aus Pawlowsk mit ihren einzigartigen Genen die Grundlage sein, um neue, widerstandsfähigere Sorten zu züchten. »Pawlowsk ist eine Bibliothek des Lebens voller einzigartiger Werke«, sagt Fowler. »Welche davon wir einmal brauchen, wissen wir noch nicht.«
Auch für die Medizin könnte sich die Sammlung als unschätzbar erweisen. »Wer weiß, vielleicht entdecken wir in 20, 30 Jahren, dass eine der Beerenarten aus Pawlowsk einen heute unbekannten Inhaltsstoff enthält, der einer bestimmten Krankheit vorbeugt«, sagt Monika Höfer, verantwortlich für die Obstgenbank am Julius-Kühn-Institut in Dresden-Pillnitz . »Wollen wir diese Chance für ein paar Hektar Bauland vergeben?«
Auf die Idee, Wild- und Kulturpflanzen aus der ganzen Welt zusammenzutragen und systematisch zu erfassen, kam als Erster der russische Botaniker Nicolai Wawilow. Heute gilt er als Vater der modernen Genbanken. Um Samen und Triebe zu sammeln, organisierte er in den zwanziger Jahren Expeditionen in alle Winkel der damals noch jungen Sowjetunion, später auch ins Ausland. Generationen russischer Pflanzenforscher eiferten ihm nach.
Heute beherbergt das inzwischen nach Wawilow benannte staatliche Institut für Pflanzenforschung in St. Petersburg getrocknete Samen von mehr als 300.000 Sorten aus der ganzen Welt. Fein säuberlich verpackt in Aluminiumtütchen, lagert das Gros bei minus 17 Grad in unendlichen Regalreihen. Pflanzen, die sich nicht als Samen konservieren lassen, erhält das Institut auf den Feldern seiner elf Versuchsstationen, jene in Pawlowsk ist wegen ihrer Tausenden Obstsorten der ganze Stolz der Wissenschaftler. Wawilow persönlich pflanzte hier 1926 die ersten Bäume und Sträucher, nicht weit vom weltberühmten Jekaterinenpalais.
- Datum 19.10.2010 - 16:56 Uhr
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- Quelle ZEIT Wissen 6/2010
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Erst wurde Wawilow selber totgefoltert, jetzt wird auch noch sein Werk und Andenken ausgerottet.
Könnte es sein, dass man den Leuten Geld anbieten soll/muss?
auch nicht anders.
In Hamburg soll das Altonaer Museum platt gemacht werden.
Für eine Flaniermeile für die Yuppies.
300 000 Sorten kann man nicht einfach vernichten. Da drin stecken Jahrtausende an Züchterarbeit - die auch noch vermehrt werden kann.
300 000 Sorten kann man nicht einfach vernichten. Da drin stecken Jahrtausende an Züchterarbeit - die auch noch vermehrt werden kann.
begeht ein Verbrechen an der Menschheit. Sofortige aufnahme in das Weltkulturerbe. Oder liebe Presse, gründet eine Stiftung bzw. Sammlung um das zu retten.
... ist deshalb nicht möglich, weil der Antrag von der jeweiligen Regierung kommen muss.
Die UNO ist eine Organisation der Regierungen, nicht der Menschheit!
... ist deshalb nicht möglich, weil der Antrag von der jeweiligen Regierung kommen muss.
Die UNO ist eine Organisation der Regierungen, nicht der Menschheit!
300 000 Sorten kann man nicht einfach vernichten. Da drin stecken Jahrtausende an Züchterarbeit - die auch noch vermehrt werden kann.
... ist deshalb nicht möglich, weil der Antrag von der jeweiligen Regierung kommen muss.
Die UNO ist eine Organisation der Regierungen, nicht der Menschheit!
Eine mit unendlicher Geduld, Zeit und anhaltender Liebe zur Sache aufgebaute einzigartige Sammlung und Welt-Naturerbe, die im modernen Kapitalismus, in dem sich alles rechnen muß (time is money) so kaum zustande gekommen wäre.
Und kommt dann der Kapitalismus, kommt er in Rußland ungeschützt bis brutal; bezeichnend ja daß gerade eine Staatliche Wohnungsbaustiftung den Wert dieses Schatzes zuGunsten einiger Silberlinge zerstören will. Gerade absurd erscheint das Vorhaben, da Land im nördlichen Rußland nun doch eigentlich im Überfluß vorhanden ist. 25 km vom Stadtzentrum entfernt sollte man sich diese paar Hektar Gehegten Naturgarten einfach leisten.
ist interessant, daß knapp am 60. Breitengrad, im maritimen Übergangsbereich mit teilweise kräftigem kontinentalen Einfluss Anbau und Vermehrung der verschiendensten Obstsorten noch ein auskömmliches Klima finden. Der Golfstrom schickt seine milde Regenwolken also bis nach Rußland.
Wissenschaftler verstehen und helfen sich immer untereinander, nur idiotische Politiker machen Probleme!
Wo leben Sie denn? Wissenschaftler feinden sich genauso an. Die sind auch keine besseren Menschen.
Warum weint man dieser Sammlung eine Träne nach, während andere Sammlungen durch GMOs verunreinigt werden?
Wo leben Sie denn? Wissenschaftler feinden sich genauso an. Die sind auch keine besseren Menschen.
Warum weint man dieser Sammlung eine Träne nach, während andere Sammlungen durch GMOs verunreinigt werden?
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