Netzneutralität Droht ein Zwei-Klassen-Internet?

Netzbetreiber denken darüber nach, bestimmten Daten Vorfahrt zu geben. Das wäre gefährlich.

Verizon gehört zu den Unternehmen, die gerne über einige Grundsätze der Netzneutralität diskutieren wollen

Verizon gehört zu den Unternehmen, die gerne über einige Grundsätze der Netzneutralität diskutieren wollen

Mit Videos, TV-Serien und Onlinerollenspielen ist das Internet zur weltumspannenden Entertainment-Maschine geworden. Netzbetreiber verfolgen das mit Argwohn: Die wachsenden Datenmassen verstopften ihre Leitungen, klagen sie – vor allem die mobilen Datenautobahnen, über die Millionen Smartphones online gehen. Sie könnten nicht mehr garantieren, dass alle Daten rechtzeitig ans Ziel kommen. Die Folge: Videos ruckeln, Onlinetelefonate stocken.

Internet-Protokoll (IP)

Satz von Regeln für den Datenaustausch zwischen verschiedenen Computernetzen im Internet. Der Austausch erfolgt in Form von standardisierten Datenpaketen, die unter anderem die weltweit gültige Adresse des Zielrechners (IP-Adresse) enthalten. Die gegenwärtige Version 4 des Internet-Protokolls (IPv4) wird seit 1981 genutzt, die Umstellung auf die nächste Version (IPv6) läuft aber seit einigen Jahren.

Deep Packet Inspection (DPI)

Verfahren, um Datenpakete zu analysieren und zu filtern. DPI liest nicht nur den Adresskopf eines Datenpaketes, sondern auch dessen Inhalt aus. Auf diese Weise können Netzbetreiber herausfinden, ob es sich bei Datenpaketen um Websites, Musik, Filme, Spiele oder andere Inhalte handelt.

Zudem stören sich Netzbetreiber daran, dass einige Anbieter an den datenintensiven Diensten gut verdienen, während sie die Kosten für den Ausbau der Leitungen tragen. Warum nicht also zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen? Nahe liegt die Idee, ein Zwei-Klassen-Netz zu schaffen, in dem zeitkritische Daten gegen Aufpreis Vorfahrt haben. Manch zahlungskräftiger Anbieter dürfte an solch einem Modell durchaus Interesse haben, Google etwa scheint darüber nachzudenken: Vor Kurzem schrieb die New York Times, der Konzern verhandele mit einem Mobilfunkbetreiber über eine Bevorzugung etwa seiner YouTube-Videos.

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Dabei hatte sich Google bislang immer stark eingesetzt für die sogenannte Netzneutralität. Dieses kluge Grundprinzip des Internets besagt: Alle Daten sind gleich – sie werden, ungeachtet des Inhalts und des Übertragungsformats, nach demselben Schema weitergeleitet. Der Vorteil: Das Netz kann Daten nach simplen Regeln übermitteln. Technisch wäre es dank des Internet-Protokolls (IP) zwar machbar, Datenpakete für eine bevorzugte Durchleitung zu markieren. Ein solches intelligentes Netz wäre aber deutlich aufwendiger zu betreiben als das bisherige.

Zudem hat die Neutralität auch zum rasanten Internet-Wachstum beigetragen, weil neue Anbieter sich nicht um die Struktur kümmern mussten, sondern ihre Daten nach den einfachen Standards einspeisen konnten. Außerdem jammern die großen Netzbetreiber zu Unrecht. Anbieter und Nutzer haben über die angeschlossenen Internet-Provider schließlich immer schon für den Datentransport bezahlt. Vor allem wäre es jedoch gefährlich, die Netzneutralität aufzugeben: Dank der Überwachungstechnologie Deep Packet Inspection können die großen Netzbetreiber Datenpakete heute minutiös auf ihren Inhalt hin prüfen. So könnten sie die Veröffentlichung missliebiger Inhalte behindern. Auch könnten sie ihre eigenen Onlinedienste wie Videostreaming bevorzugen.

Ein Ende der Netzneutralität würde den großen Netzbetreibern eine Machtstellung verschaffen, die weder Innovationen, Chancengleichheit noch Datenschutz zuträglich ist. Das demokratische Medium Internet wäre verloren.

 
Leser-Kommentare
  1. Versandhändlern. Die Speditionen sicher auch.

    Muss man solche Sachen "Zudem stören sich Netzbetreiber daran, dass einige Anbieter an den datenintensiven Diensten gut verdienen, während sie die Kosten für den Ausbau der Leitungen tragen." eigendlich wirklich diskutieren?

    Allein schon die Gedankenspiele zeigen auf, dass einige Unternehmen zu groß geworden sind und zuviel Marktmacht haben.

    Diese Marktmacht muss eben wieder gebrochen werden.

  2. wenn es keine Netzneutralität gegeben hätte. Sobald Provider auch Contentanbieter sind - und über Mautkosten, gestaffelte Angebote und Sondertarife würden sie das zumindest indirekt, aber sicherlich auch mehr oder weniger direkt wie bei der Telekom - benachteiligen sie Konkurrenzangebote bis hin zur Blockade. Beispiele gibt es im Mobilbereich zu genüge, und man denke nur an die Unsitte einiger Anbieter, den ersten Seitenaufruf zur Begrüßung auf ihre eigene Homepage umzuleiten. Mit Internet hat das dann aber nichts mehr zu tun, sondern eher mit einem T-Online-Krüppelnet, Arcor-Krüppelnet oder einem United Krüppelnet, je nach Anbieter. Die feuchten Träume der Industrie sind die Albträume der Kunden.

    Eine Leser-Empfehlung
  3. Ich habe vor einigen Monaten einen sehr informativen Leserkommentar zu einem Artikel auf Golem.de gelesen ("Telekom: René Obermann stellt die Netzneutralität in Frage").

    Sehr empfehlenswert, falls man an einem schnellen aber detaillierten Überblich zum Thema interessiert ist.
    http://forum.golem.de/rea...

    • peto1
    • 10.11.2010 um 18:56 Uhr

    Man muss erst mal dazu sagen das Unternehmen und Sicherheitsbehörden nutzen sogenannte VPN (Virtual Private Network). Polizei-Stationen, Bundeswehrstandorte, Konzerne mit Zentralen in mehreren Städten, alle sind untereinander über Corporate Network-Leitungen miteinander unter Ausschluss der Öffentlichkeit verbunden.
    Zweitens,Es geht um das Internet 2, welches aus einem Geflecht von nicht öffentlichen Leitungen, öffentlichen aber verschlüsselten und teilweise öffentlichen Leitungen besteht.
    In Deutschland wird dieses Netz primär von der Wissenschaft genutzt. 10 000 Kilometer Glasfaserleitung verbinden die 70 Wissenschaftszentren dieses Landes miteinander.
    Drittens,Es gibt nicht genug Glasfaser Verbindungen, es wird zwar noch gebaut aber nicht schnell genug.

  4. wir haben ja schon die
    Zwei-Klassen-Medizin, die
    Zwei-Klassen-Arbeitswelt, die
    Zwei-Klassen-Gesellschaft...

    Der Klassenkampf ist vorbei.
    Die Reichen haben gewonnen.

  5. @peto1: Nicht zu vergessen all die Firmen-Lans, oder ihr privates WLAN... aber was wollen Sie damit sagen? Die Existenz von Spezialnetzen für Spezialzwecke, die nicht allgemein erreichbar sind, hat nichts mit dem Thema Netzneutralität zu tun.

    Zum Thema Glasfasernetze: Ich wundere mich sehr, dass der Aufbau und bisherige Unterhalt des Internets unter den bisherigen Umständen der Netzneutralität wirtschaftlich war, aber der vergleichsweise moderate Ausbau es plötzlich nicht mehr sein soll. Es ist doch anzunehmen, dass die Investitionskosten für den Aufbau einer solchen gigantischen Infrastruktur weitaus höher sind als der weitere Ausbau. Auch der Hinweis auf den immer stärker wachsenden Traffic überzeugt mich nicht, schließlich ist der Traffic bereits in der Vergangenheit exponentiell gewachsen, und die technische Entwicklung endet ja nicht plötzlich.

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    • peto1
    • 11.11.2010 um 6:45 Uhr

    Was ich damit sagen will?
    10 000 Km Glasfaser Verbindungen für nur 70 ziele und die anderen Tausenden Kilometern Glasfaser Leitungen für Firmen und weitere tausende Kilometern für behörden...

    NUN RATEN SIE MAL AUF WESSEN KOSTEN DIE HOCHWERTIGEN LEITUNGEN GELEGT WURDEN, NICHT FÜR DIE ÖFFENTLICHEN VERBRAUCHER
    und dann jammern die auch noch...

    • peto1
    • 11.11.2010 um 6:45 Uhr

    Was ich damit sagen will?
    10 000 Km Glasfaser Verbindungen für nur 70 ziele und die anderen Tausenden Kilometern Glasfaser Leitungen für Firmen und weitere tausende Kilometern für behörden...

    NUN RATEN SIE MAL AUF WESSEN KOSTEN DIE HOCHWERTIGEN LEITUNGEN GELEGT WURDEN, NICHT FÜR DIE ÖFFENTLICHEN VERBRAUCHER
    und dann jammern die auch noch...

    • hagego
    • 10.11.2010 um 20:36 Uhr

    Wer dem Internet sozusagen eine Hierarchie geben möchte - zu fragen wäre, nach welchen Kritirien sollte diese gewichtet werden? - der muss ja auch Vorschläge für deren Einhaltung machen. Und schafft damit quasi automatisch "Überwachungskriterien".

    Ist es das, was einige Unternehmen vielleicht sogar ganz gezielt ansteuern? Oder nehmen sie diesen Umstand nur billigend in Kauf?

    Wo auch immer "selektiert" wird, da findet dieses Aussuchen bzw. Aussortieren unter dem Primat des Eigeninteresses statt und verliert damit die "Unschuld des Objektiven".

    • tom310
    • 10.11.2010 um 21:33 Uhr

    Irgendwie diskutieren alle am Ziel vorbei. Der Traffic wird nicht von den Inhalteanbietern sondern den Nutzern erzeugt. Logisch wäre es also den Nutzer zur Kasse zu bitten. Da müssten die Provider von ihren Flatrates abrücken oder die Anbieter anzapfen. Tja, der Kunde scheint hier in der besseren Position zu sein.

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