Forschung Erstarrte Winzlinge
Durch Zufall entdeckte ein Kasseler Museumsdirektor in einem alten Schrank sechs mumifizierte Föten. Lange rätselten Forscher über ihr genaues Alter – jetzt haben sie das Geheimnis gelüftet und die Krankheitsgeschichten rekonstruiert.
Zu Tode bin ich erschrocken«, sagt Kai Füldner, »so etwas bin ich nicht gewohnt!« Der Ex-Forstwissenschaftler war noch neu als Direktor des Kasseler Naturkundemuseums . Er hatte sich, damals im Frühjahr 2005, nur ein wenig umschauen wollen, stieg die Treppen hoch zu den Depots mit alten Beständen. Im zweiten Obergeschoss öffnete er Metallschränke, einen nach dem andern, sichtete den Inhalt. Schließlich schaute er hoch zu den Klappen über den Schranktüren. An die kam er jedoch nicht heran. Füldner holte eine Leiter. »Und die war auch noch wacklig«, erinnert er sich.
Er stieg hinauf, bis unter die Decke. Und hinter der ersten Klappe lag ein totes Kind. »Einen halben Meter vor meiner Nase.« Entsetzt blickte Füldner in das Gesicht des mumifizierten Fötus, der ihn aus der muffigen Dunkelheit heraus mit leeren Augen anstarrte. Das ungeborene Kind hatte den Mund geöffnet. Der Ausdruck seines Gesichts erinnerte in beklemmender Art und Weise an den Schrei des Malers Edvard Munch. Die Unterarme hatte der Winzling vor dem Bauch ineinander gelegt, die Hände eingerollt; die Schultern waren zusammengezogen, bis fast unters Kinn. Als ob er friere.
Sechs Föten fand der Museumsleiter. Alle waren mumifiziert und mit Kupferdraht auf Holzplatten befestigt. Einer lag noch in einer aufgeschnittenen Gebärmutter, einer war nur ein faustgroßer Klumpen. Die übrigen: missgebildete Wesen. Keines der werdenden Kinder hat die 40. Schwangerschaftswoche überlebt.
Als getrocknete Präparate sind sie erhalten geblieben. Die Mumien entstanden Anfang des 18. Jahrhunderts und halfen einst den Anatomielehrern bei der Ausbildung junger Mediziner: Es waren Studienobjekte zur Embryonalentwicklung. Im Rahmen des German Mummy Project haben Forscher nun die Föten untersucht. Mithilfe eines Computertomografen (CT) haben sie posthum die Krankengeschichten der Ungeborenen rekonstruiert.
An einem der Föten, »Kassel IV«, sieht man noch heute Teile der Gebärmutter und der Plazenta. Woran das Mädchen in der 25. Woche der Schwangerschaft gestorben war, lässt sich nicht sagen: Es gibt keine Fehlbildung, alle Organe sind in anatomisch korrekter Lage vorhanden.
Bei anderen der Kasseler Föten ist die Todesursache klarer: Der an den Schrei erinnernde männliche Fötus »Kassel I«, jene Mumie, die Museumsleiter Füldner zuerst entdeckte, ist vom Scheitel bis zum Steiß nur 12 Zentimeter lang. Er starb in der 30. Schwangerschaftswoche, das lässt sich an den Schaftlängen der Knochen von Armen und Beinen ablesen.
Die seltsame Kopfhaltung des Fötus führt Jana Mesenholl, die mit CT-Aufnahmen die Todesursache der Föten zu ergründen versuchte, auf einen schweren Defekt des zentralen Nervensystems zurück. Ihre Diagnose: Anenzephalie. Dabei krümmen sich Hals- und Brustwirbelsäule nach vorn, der Kopf wächst nach hinten, der Gesichtsschädel wird angehoben. Außerdem bildet sich eine zervikale Spina bifida , ein »offener Rücken«.
Nur aus einem Kopf besteht die Mumie »Kassel V«. Der Schädel wurde zwischen dem ersten und zweiten Halswirbel vom Körper getrennt. Nicht nur das Gehirn, sondern auch Teile des Schädelknochens haben die Präparatoren entfernt und damit den Blick auf das Innere der Schädelhöhle freigelegt.
Frühe anatomische Mumien kennt man vor allem aus Italien. In Florenz und Modena sind 200 Jahre alte Ganzkörperpräparate zu besichtigen; einigen waren zuvor metallische Legierungen injiziert worden, um die Arterien darzustellen. Wie aber sind die Kasseler Fötenmumien entstanden?, fragten sich die Wissenschaftler um Wilfried Rosendahl, den Leiter des German Mummy Project an den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim.
- Datum 20.11.2010 - 14:20 Uhr
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- Quelle ZEIT Wissen 6/2010
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Ich bin schockiert über die respektlose Ausdrucksweise des Schreiberlings...
"missgebildete Wesen" schreibt er da....
und "bis zur 34. Schwangerschaftswoche hat das Häufchen Mensch überlebt"
und am Ungeheuerlichsten der letzte Satz..
"heute triebe man es ab."
Dieser "Haufen Mensch" der mit solchen Worten über kleine Babys schreibt,
hat wohl keine Ahnung wie es ist, einen solchen Menschen in sich zu tragen und zu lieben.
Es ist keinesfalls selbstverständlich ein Baby abzutreiben nur weil es nicht der "Norm" entspricht.
Ich habe keinerlei Respektlosigkeit sehen können, eher im Gegenteil. Der Autor stellt diese 34 Wochen Leben dem heutigen Abtreiben gegenüber, und ich lese zwischen den Zeilen durchaus ein leises Bedauern und Faszination für diese hoffnungslosen Lebenskeimlinge.
"Missgebildete Wesen" - das ist ein alter Ausdruck, im christlichen 18.Jh. hätte man es nicht anders bezeichnet. "Krötenkopf" haben sie auch gesagt, und das wirkt erheblich brutaler.
PS. Wikipedia weiß dazu, dass Eltern heute bei Anenzephalie nicht selten gegen Abtreibung entscheiden und der Natur ihren Lauf lassen. Manchmal kommt das Kind zur Welt und lebt noch ein paar Stunden oder Tage.
PS2 Noch zum Artikel: Wenn "Kassel IV" gesund, aber samt der Gebärmutter präpariert ist, dann dürfte wohl damals die Schwangere selbst verstorben sein.
Ich habe keinerlei Respektlosigkeit sehen können, eher im Gegenteil. Der Autor stellt diese 34 Wochen Leben dem heutigen Abtreiben gegenüber, und ich lese zwischen den Zeilen durchaus ein leises Bedauern und Faszination für diese hoffnungslosen Lebenskeimlinge.
"Missgebildete Wesen" - das ist ein alter Ausdruck, im christlichen 18.Jh. hätte man es nicht anders bezeichnet. "Krötenkopf" haben sie auch gesagt, und das wirkt erheblich brutaler.
PS. Wikipedia weiß dazu, dass Eltern heute bei Anenzephalie nicht selten gegen Abtreibung entscheiden und der Natur ihren Lauf lassen. Manchmal kommt das Kind zur Welt und lebt noch ein paar Stunden oder Tage.
PS2 Noch zum Artikel: Wenn "Kassel IV" gesund, aber samt der Gebärmutter präpariert ist, dann dürfte wohl damals die Schwangere selbst verstorben sein.
Ich habe keinerlei Respektlosigkeit sehen können, eher im Gegenteil. Der Autor stellt diese 34 Wochen Leben dem heutigen Abtreiben gegenüber, und ich lese zwischen den Zeilen durchaus ein leises Bedauern und Faszination für diese hoffnungslosen Lebenskeimlinge.
"Missgebildete Wesen" - das ist ein alter Ausdruck, im christlichen 18.Jh. hätte man es nicht anders bezeichnet. "Krötenkopf" haben sie auch gesagt, und das wirkt erheblich brutaler.
PS. Wikipedia weiß dazu, dass Eltern heute bei Anenzephalie nicht selten gegen Abtreibung entscheiden und der Natur ihren Lauf lassen. Manchmal kommt das Kind zur Welt und lebt noch ein paar Stunden oder Tage.
PS2 Noch zum Artikel: Wenn "Kassel IV" gesund, aber samt der Gebärmutter präpariert ist, dann dürfte wohl damals die Schwangere selbst verstorben sein.
...finde ich diese Formulierungen. Das Leid der Eltern, und des Kinds, wird meiner Meinung nach respektvoll dargestellt, neben der Faszination für die Präparate.
an Schreiber die Zeilen verfasst hat. Die ersten Sätze haben mich doch sehr irritiert bis zum Fund der Föten, da hatte man das Gefühl, die Sendung mit der Maus beginnt. Überhaupt erscheint mir der Artikel sehr gestreckt und verdünnt um Zeilen zu gewinnen. Man sollte allerdings bedenken, dass es keineswegs selbstverständlich war um 1800, dass Kinder gesund oder überhaupt auf die Welt kamen. Da konnte es leicht sein, dass von 8 Geburten nur 2 überleben die ersten Jahre. Das wusste man bereits vorher. Heute haben wir eine ganz andere Situation, da ist es natürlich sehr tragisch, wenn ein Kind nicht auf die Welt kommt, wenn die Eltern es wollten.
Lieber Leser,
um mehr über die Autoren der ZEIT und von ZEIT ONLINE zu erfahren, finden Sie neben dem Artikel übrigens meist ein Profil mit Informationen.
http://community.zeit.de/...
Herzliche Grüße.
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