Spracherwerb : Was können wir noch lernen?

Kinder eignen sich eine Sprache mit Leichtigkeit an. Wie gut aber geht das noch mit 30, 50 oder 70 Jahren? Erstaunlich gut, sagen Forscher – wenn die Bedingungen stimmen.

Für den Ingenieur Joachim Zimmer wird es wohl das komplizierteste Projekt seiner Laufbahn werden. Weder sein Maschinenbaustudium noch seine jahrelange Berufserfahrung bei Bosch werden ihm helfen können. Der 47-Jährige will Chinesisch lernen, in zwei Monaten wird er in Changsha im Süden Chinas einen Job als Gruppenleiter antreten. Nach fast 30 Jahren sitzt er nun wieder auf der Schulbank, am Landesspracheninstitut in Bochum . "Ein ziemlich merkwürdiges Gefühl", sagt er.

Max Westerheide dagegen kennt es nicht anders. Er ist gerade mal 17 Jahre alt, geht aufs Gymnasium und demnächst für ein Jahr zum Schüleraustausch nach China. Joachim Zimmer schaut hin und wieder neidisch zu ihm rüber. "Der kapiert das relativ schnell", sagt er. "Das wurmt mich schon ein bisschen."

Drei Wochen haben die beiden und ihre drei Mitschüler am Landesspracheninstitut in der Ruhr-Universität Zeit, um eine völlig fremde Sprache zu lernen. Das LSI ist landesweit bekannt dafür, Managern und Diplomaten, Ingenieuren und Korrespondenten schnellstens komplizierte Sprachen beizubringen – sei es Japanisch, Russisch oder Persisch. 800 Vokabeln und etwa die Hälfte der chinesischen Grammatik sollen Zimmer und Westerheide zum Schluss beherrschen. Ein spannendes Experiment: In kürzester Zeit wird sich zeigen, wie der gestandene Ingenieur das meistert und ob er mit dem 30 Jahre jüngeren Schüler mithalten kann.

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Für den Job eine neue Sprache zu lernen – vor dieser Herausforderung stehen viele Berufstätige irgendwann in ihrer Karriere. Jeder dritte braucht wenigstens Grundkenntnisse, jeder sechste Fachkenntnisse in einer Fremdsprache, ergab eine Umfrage des Bundesinstituts für Berufsbildung . Und nicht erst bei vergleichsweise exotischen Sprachen wie Chinesisch, Arabisch oder Kisuaheli kommen die Lerner ins Schwitzen. Auch wer Schulenglisch beherrscht, aber Business-Englisch braucht, muss sich beinahe eine ganz neue Sprache aneignen. Da wünscht sich so mancher, früher begonnen zu haben, und fragt sich: Was ist denn noch drin, wenn man jenseits der 30 oder 50 eine neue Sprache lernt? Und wie stellt man das am besten an?

Wir sind geradezu zum Lernen gemacht: Schon vor der Geburt lassen Erfahrungen und Eindrücke neue Verbindungen zwischen den Nervenzellen im Gehirn entstehen und verstärken ältere, später wird das Netz ständig neu geknüpft, gelöst, geflickt. Kinder machen Tag für Tag enorme Fortschritte. Wie flexibel aber ist das Gehirn eines Erwachsenen, wie gut kann es noch etwas vollkommen Unbekanntes meistern? Wer hat noch nicht mit dem Gedanken gespielt, etwas ganz Neues auszuprobieren – doch noch Geige spielen lernen! Oder Snowboard fahren! Oder Italienisch! –, und dann womöglich einen Rückzieher gemacht, weil er glaubte, zu alt zu sein.

Doch die Hirnforschung macht Mut : Auch das Gehirn eines Erwachsenen ist noch formbar, "plastisch" sagen die Wissenschaftler. Und anders als lange Zeit angenommen, können sogar noch nach der Pubertät neue Nervenzellen im Hirn entstehen. Besonders das Sprachenlernen fasziniert die Lernforscher, hier erhoffen sie sich die aufschlussreichsten Erkenntnisse, es ist die Königsdisziplin: Fast alle Sinne sind gefordert, Denken und Bewegung (Zunge, Gaumen, Lippen) müssen koordiniert werden, und das alles im Miteinander mit anderen Menschen, deren Absichten und Gefühle man verstehen muss, um mitreden zu können. Und schließlich ist Sprache das wichtigste Werkzeug zum Weiterlernen – ohne sie bliebe uns die Welt verschlossen.

Was aber Erwachsene beim Sprachenlernen eigentlich von Kindern unterscheidet und was das wiederum für ihren Lernerfolg bedeutet, darüber streiten die Wissenschaftler erbittert. Die einen sind fest davon überzeugt, dass es ein biologisch eingebautes Verfallsdatum für das sprachliche Lernvermögen gibt. Danach gehe es unweigerlich bergab. Die anderen bestreiten das vehement. Sie meinen, dass Kinder einfach deshalb so mühelos lernen, weil sie perfekte Bedingungen haben: viel Zeit, Betreuung rund um die Uhr, individuelles Training. Dahinter steckt die hartnäckige Debatte um den Einfluss von Biologie oder Umwelt. Es geht allerdings um weit mehr als um theoretische Grundsatzfragen. Denn wenn es nicht das Hirn ist, sondern schlicht die Umweltbedingungen sind, die Kindern das Lernen so leicht machen – dann könnte man diese doch ganz praktisch im Unterricht für Erwachsene imitieren und so das Fremdsprachenlernen revolutionieren.

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Kommentare

10 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

don't stop

Ich habe mit 35 den Beruf des Informatikers erlernt, mit 46 Jahren die IHK-Prüfung zum Bankkaufmann bestanden und mit 55 die Programmierung der modernen Web-Technologien erlernt. Was morgen kommt, weiß ich nicht. Ich bin jetzt 58 und mein IQ ist höher als mein Alter, aber dafür gibt es keine Arbeitsstelle. Also spiele ich Gitarre. Das habe ich mit 13 begonnen und es klingt heute so : RockAndRolf - Hamburg Transrapid Rock (bei Youtube)
Ich lerne...

~ 1277

Ich dachte, es würde um das Lernen gehen. Statt dessen geht es um das Erlernen und Beherrschen einer Fremdsprache. Zwar ist dies auch ein Lernen, aber es ist ein anderes. Es wurmt mich immer wieder, wenn ich diese Vermischung vorfinde. Denn ich selbst bin für mich das beste Beispiel, also auch leiderprobt durch die Folgen, die solch ein vorurteilbehaftetes Denken bedeutet. Und, natürlich, sind die Untersuchungen, die auf dieser Basis durchgeführt werden, reichlich nutzlos.

Was ich meine, lässt sich leicht angeben. In Schule, Studium und Freizeit habe ich vieles recht einfach lernen können. Ein Grund, warum einiges nicht so leicht ging, habe ich ebenfalls durch Selbstbeobachtung finden können. Und dieser Grund ist bei Fremdsprachen sogar das wesentliche Charakteristikum. Dadurch machen mir Fremdsprachen immer Schwierigkeiten. Lesen geht noch, das ist verarbeitend. Aber sprechen! Keine Chance.

Der Grund hierfür ist, dass man mit der Fremdsprache sich auch ein System aneignen muss. Grammatik, Aussprache, erst recht das Denken in dieser Sprache. Dafür gibt es in meinem Kopf keinen wirklichen Platz. Die deutsche Sprache ist mein Denken. Zusammenhänge in Physik oder Mathematik kann ich in deutsch denken. Aber für eine Fremdsprache müsste ich schizophren werden. Eine Programmiersprache kann ich heute noch in kurzer Zeit lernen, Chinesisch konnte ich nie.

Ich finde den Artikel seltsam tendenziös...

Ich finde Sprachenlernen und Sprachen generell toll und spannend. ABER

a) muss man denn unbedingt akzentfrei sprechen ....
b) muss man perfekt sein?

brrrrrr! Ich glaube, dass die Frage ob perfekt oder nicht und aktzentfrei und grammatikfehlerfrei einigen Menschen, egal ob 10, 30, 50 oder 70 bloss den spass nimmt.

Und generell? Wer nimmt es denn schon übel, wenn jemand sich bemüht in der Fremden Sprache zu sprechen? Von Englisch-Sprachigen (und grad die Sprache können wenige Nicht-Native-Sprecher kaum perfekt) z. B. wird man gern und bereitwilligst im Sprechen unterstützt, wenn mal die Aussprache nicht ganz stimmt oder die Grammatik - oder ein Wort fehlt. Ich denk mir mal - ohne Chinesen zu kennen, da sollte das auch möglich sein. Nur wir Deutschsprachigen neigen leider meist dazu, unsere zugewanderten Mitbürger in dummer Kindersprache anzusprechen (leider).

Das Herumreiten auf der Nicht-mehr-möglichen Perfektion - je nach Alter ab 0/3/5/17 oder 47 ist doch irgendwie lächerlich.

Hauptsache Lernen. Hauptsache Spass. Die Verständigung funktioniert dann schon. Und da dürfen auch die Native-Sprecher auch schon mal Lachen. Humor hilft auch!

@cwilluhn

Das ist ja alles richtig und ich sehe das auch genauso wie Sie.
Aber darum ging es in diesem Artikel nicht. Wenn man erforschen möchte, was die (alters- oder umweltbedingten) Grenzen des Spracherwerbs sind, dann muss man differenzieren zwischen allen Perfektionsgraden, und das maximal erreichbare ist eben das Niveau eines Muttersprachlers. Es ist für das Verstehen der Lernprozesse eben wichtig zu wissen, was die Grenzen des Erreichbaren sind.

Viele Grüße,

Thomas

Lernen mit 60

Im Alter eine Fremdsprache zu lernen ist doch nicht so einfach. Mit 20 war ich in der Lage, mit nicht viel Lernen, in 5 Monaten in Deutschland, Vorträge bzw. Radio fließend zu verstehen.
Mit 60 nach mehreren Aufenthalten in Kuba, insgesamt 28 Monate, mit viel Lernen dort und zu hause, war ich nicht in der Lage fließend TV zu verstehen. OK, dazu kommt, dass ich schlechter höre. Erst dann, wenn ich regelmäßig mehr als 2 Stunden täglich spanisch gelernt habe, habe ich ein Forschritt gespürt. Manche Wörter musste ich fünf- auch zehnmal aufgeschreiben, bis ich es gemerkt habe.
Flißend reden konnte ich schon.
Meine Erfahrung war, dass es notwendig ist die einfache Grammatik zu beherrschen - Zeitwörter zu wissen, weil die Hauptwörter kann man mit anderen Wörter beschreiben.