Spracherwerb Was können wir noch lernen?
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Ein Aufenthalt im Ausland und soziale Kontakte sind die beste Lernmethode

Ein Wörterbuch brauchte sie bald nicht mehr, sie lernte lieber die "alltägliche und echte Sprache" von Marco. Sie fragte ihn nach Vokabeln, schnappte Redewendungen auf und probierte sie an ihm aus. Sie ließ sich von ihm korrigieren, ahmte seine Aussprache nach und übernahm unbewusst seinen Singsang. "Seine Sprache wurde so fast nebenbei zu meiner eigenen", sagt sie. Wer in einem fremden Land eine Sprache lerne, habe oft Hemmungen, auf die Einheimischen zuzugehen und sie auszuprobieren. "Aber in einer Liebesbeziehung nimmt man kein Blatt vor den Mund", sagt Julia Morgenstern. "Wenn du jemandem vertraust, hast du keine Angst, Fehler zu machen." Ihr Spanisch ist heute fast so gut wie ihre Muttersprache.

Computerprogramm

Claudia Brunow, 29, Personalsachbearbeiterin:

"Vor einem Jahr habe ich beschlossen, etwas für mich zu tun. Ich wollte eine neue Sprache lernen, aber keine, die ich für den Beruf brauche, sondern eine, die mir Spaß macht. Ich habe mich für Dänisch entschieden, denn das hat mich schon immer fasziniert. Im Internet habe ich mich über verschiedene Lernmöglichkeiten informiert. Wegen meiner Arbeitszeiten kann ich feste Kurstermine nur schwer einhalten, deshalb wollte ich ein Sprachtraining, bei dem ich selbst bestimmen kann, wann, wo und wie schnell ich lerne. Das Computerprogramm ist optimal, denn den Laptop kann ich überall benutzen. Bei jeder Lektion kann ich wählen, ob ich zuerst Vokabeln oder Grammatik lernen möchte und ob ich sie lesen oder hören will. Besonders gut gefällt mir, dass ich lerne, Alltagssituationen zu meistern: einkaufen oder nach dem Weg fragen. Ich denke, dass ich mir dadurch bereits gute Grundkenntnisse erarbeiten konnte. Am Ende jeder Lektion gibt es einen Test mit detaillierten Korrekturen. Schade ist nur, dass ich kein persönliches Feedback zur Aussprache bekomme. Aber ich will bald nach Dänemark fahren und meine Kenntnisse praktisch anwenden – ganz ohne Computer."

Aber auch wer, wie die meisten, die Fremdsprache für seinen Job lernt, bekommt die Chance, sie anzuwenden, gleich mitgeliefert – und sollte sie unbedingt nutzen, selbst wenn das erste Telefongespräch noch stockend verläuft, beim Small Talk das eine oder andere Wort fehlt oder die Präsentation nicht gerade eine Eins in Grammatik verdient hätte. "Ja nicht grübeln: Wie geht noch gleich der Akkusativ?", rät MPI-Direktor Klein. "Hauptsache, man drückt sich klar und verständlich aus. Formale Korrektheit ist dafür ziemlich unwichtig."

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Die Angst, Fehler zu machen, ist wohl das größte Hindernis beim Sprachenlernen. "Erwachsene sind da weit weniger risikobereit als Kinder, das erklärt wohl auch einen Teil des Alterseffekts", meint Robert DeKeyser. Wie gut und schnell jemand eine Sprache lernt, hängt deshalb nicht nur von seiner allgemeinen Sprachbegabung, sondern auch von seiner Persönlichkeit ab. "Extrovertierte Typen, die einfach drauflosreden, haben es leichter", sagt DeKeyser. "Introvertierte Menschen lernen mehr für sich; viele haben einen großen Wortschatz, aber sie sprechen normalerweise nicht sehr flüssig."

Max Westerheide gehört sicher zu den Drauflosrednern. Seine etwas vorlaute Art hat die älteren Chinesisch-Schüler hin und wieder genervt, doch beim Sprachenlernen hilft sie offenbar. Der Ingenieur Zimmer dagegen ist zurückhaltender, tastet sich langsamer vor. "Für mich ist wichtig, dass die Strukturen gut erklärt wurden", sagt er. "Vielleicht ticke ich als Ingenieur einfach so." Nach drei Wochen Dauerchinesisch ist er aber optimistisch: "Ich denke, dass ich das in China schon hinkriege, wenn ich täglich mit den Leuten rede." Und am Ende sei sein junger Mitschüler auch gar nicht so viel weiter gewesen.

Mag also sein, dass 30-, 50-, 70-Jährige eine Sprache nicht mehr absolut perfekt lernen können. Aber was man wirklich braucht, um sich zu verständigen, das meistert auch das erwachsene Hirn. Und das reicht ja vollkommen.

 
Leser-Kommentare
  1. Ich habe mit 35 den Beruf des Informatikers erlernt, mit 46 Jahren die IHK-Prüfung zum Bankkaufmann bestanden und mit 55 die Programmierung der modernen Web-Technologien erlernt. Was morgen kommt, weiß ich nicht. Ich bin jetzt 58 und mein IQ ist höher als mein Alter, aber dafür gibt es keine Arbeitsstelle. Also spiele ich Gitarre. Das habe ich mit 13 begonnen und es klingt heute so : RockAndRolf - Hamburg Transrapid Rock (bei Youtube)
    Ich lerne...

  2. 2. ~ 1277

    Ich dachte, es würde um das Lernen gehen. Statt dessen geht es um das Erlernen und Beherrschen einer Fremdsprache. Zwar ist dies auch ein Lernen, aber es ist ein anderes. Es wurmt mich immer wieder, wenn ich diese Vermischung vorfinde. Denn ich selbst bin für mich das beste Beispiel, also auch leiderprobt durch die Folgen, die solch ein vorurteilbehaftetes Denken bedeutet. Und, natürlich, sind die Untersuchungen, die auf dieser Basis durchgeführt werden, reichlich nutzlos.

    Was ich meine, lässt sich leicht angeben. In Schule, Studium und Freizeit habe ich vieles recht einfach lernen können. Ein Grund, warum einiges nicht so leicht ging, habe ich ebenfalls durch Selbstbeobachtung finden können. Und dieser Grund ist bei Fremdsprachen sogar das wesentliche Charakteristikum. Dadurch machen mir Fremdsprachen immer Schwierigkeiten. Lesen geht noch, das ist verarbeitend. Aber sprechen! Keine Chance.

    Der Grund hierfür ist, dass man mit der Fremdsprache sich auch ein System aneignen muss. Grammatik, Aussprache, erst recht das Denken in dieser Sprache. Dafür gibt es in meinem Kopf keinen wirklichen Platz. Die deutsche Sprache ist mein Denken. Zusammenhänge in Physik oder Mathematik kann ich in deutsch denken. Aber für eine Fremdsprache müsste ich schizophren werden. Eine Programmiersprache kann ich heute noch in kurzer Zeit lernen, Chinesisch konnte ich nie.

  3. Ich finde Sprachenlernen und Sprachen generell toll und spannend. ABER

    a) muss man denn unbedingt akzentfrei sprechen ....
    b) muss man perfekt sein?

    brrrrrr! Ich glaube, dass die Frage ob perfekt oder nicht und aktzentfrei und grammatikfehlerfrei einigen Menschen, egal ob 10, 30, 50 oder 70 bloss den spass nimmt.

    Und generell? Wer nimmt es denn schon übel, wenn jemand sich bemüht in der Fremden Sprache zu sprechen? Von Englisch-Sprachigen (und grad die Sprache können wenige Nicht-Native-Sprecher kaum perfekt) z. B. wird man gern und bereitwilligst im Sprechen unterstützt, wenn mal die Aussprache nicht ganz stimmt oder die Grammatik - oder ein Wort fehlt. Ich denk mir mal - ohne Chinesen zu kennen, da sollte das auch möglich sein. Nur wir Deutschsprachigen neigen leider meist dazu, unsere zugewanderten Mitbürger in dummer Kindersprache anzusprechen (leider).

    Das Herumreiten auf der Nicht-mehr-möglichen Perfektion - je nach Alter ab 0/3/5/17 oder 47 ist doch irgendwie lächerlich.

    Hauptsache Lernen. Hauptsache Spass. Die Verständigung funktioniert dann schon. Und da dürfen auch die Native-Sprecher auch schon mal Lachen. Humor hilft auch!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Das ist ja alles richtig und ich sehe das auch genauso wie Sie.
    Aber darum ging es in diesem Artikel nicht. Wenn man erforschen möchte, was die (alters- oder umweltbedingten) Grenzen des Spracherwerbs sind, dann muss man differenzieren zwischen allen Perfektionsgraden, und das maximal erreichbare ist eben das Niveau eines Muttersprachlers. Es ist für das Verstehen der Lernprozesse eben wichtig zu wissen, was die Grenzen des Erreichbaren sind.

    Viele Grüße,

    Thomas

    Das ist ja alles richtig und ich sehe das auch genauso wie Sie.
    Aber darum ging es in diesem Artikel nicht. Wenn man erforschen möchte, was die (alters- oder umweltbedingten) Grenzen des Spracherwerbs sind, dann muss man differenzieren zwischen allen Perfektionsgraden, und das maximal erreichbare ist eben das Niveau eines Muttersprachlers. Es ist für das Verstehen der Lernprozesse eben wichtig zu wissen, was die Grenzen des Erreichbaren sind.

    Viele Grüße,

    Thomas

  4. Im Alter eine Fremdsprache zu lernen ist doch nicht so einfach. Mit 20 war ich in der Lage, mit nicht viel Lernen, in 5 Monaten in Deutschland, Vorträge bzw. Radio fließend zu verstehen.
    Mit 60 nach mehreren Aufenthalten in Kuba, insgesamt 28 Monate, mit viel Lernen dort und zu hause, war ich nicht in der Lage fließend TV zu verstehen. OK, dazu kommt, dass ich schlechter höre. Erst dann, wenn ich regelmäßig mehr als 2 Stunden täglich spanisch gelernt habe, habe ich ein Forschritt gespürt. Manche Wörter musste ich fünf- auch zehnmal aufgeschreiben, bis ich es gemerkt habe.
    Flißend reden konnte ich schon.
    Meine Erfahrung war, dass es notwendig ist die einfache Grammatik zu beherrschen - Zeitwörter zu wissen, weil die Hauptwörter kann man mit anderen Wörter beschreiben.

  5. Ich bin zwar noch jung (meine Freunde demnach ebenfalls), aber ich sehe dennoch einen enormen Unterschied zwischen meinen Gleichaltrigen.
    Ein paar meiner Bekannten lernen/beherrschen um die 4 Sprachen, sind wissbegierig und intelligent.
    Manche kriegen es nichtmal mit Englisch auf die Reihe, ihnen fehlt auch in fast allem anderen die Motivation.

    Ich denke, mit Motivation und Fleiß ist alles zu lernen.
    Ich selber spreche mehrere Sprachen, auch solche, die im Volksmund oft als 'schwierige Sprachen' bezeichnet werden.

  6. Das ist ja alles richtig und ich sehe das auch genauso wie Sie.
    Aber darum ging es in diesem Artikel nicht. Wenn man erforschen möchte, was die (alters- oder umweltbedingten) Grenzen des Spracherwerbs sind, dann muss man differenzieren zwischen allen Perfektionsgraden, und das maximal erreichbare ist eben das Niveau eines Muttersprachlers. Es ist für das Verstehen der Lernprozesse eben wichtig zu wissen, was die Grenzen des Erreichbaren sind.

    Viele Grüße,

    Thomas

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