Katastrophenkartierer Vor ihnen die Sintflut
Ohne sie würde die Hilfe in Katastrophengebieten ins Leere laufen: Experten erstellen mithilfe von Satellitenaufnahmen und Kollegen vor Ort Landkarten für die Helfer. Die Flut von Pakistan war ihre größte Herausforderung.
© Daniel Berehulak/Getty Images

Im Juli begann in Pakistan eine historische Flutkatastrophe: Hier fliehen Menschen in den Wassermassen, die Teile der Provinz Sindh überschwemmt haben
Die Flut von Pakistan überraschte Martin Mainberger in der Nähe von Freiburg. »Alert Watch«, begann die SMS, »Überschwemmungen nach intensiven Monsun-Regenfällen im Norden von Pakistan«. Mainberger hatte sich den Sommer von Terminen frei gehalten, er rechnete mit einem Einsatz zur Hurrikan-Saison, die Hurrikan-Katastrophe blieb aber aus. Dann eben Pakistan, dachte er und nahm sich zwei Wochen frei. Ein paar Tage später landete er in Islamabad.
Tobias Schneiderhan erfuhr von der Flut per E-Mail. Er saß vor den zwei Monitoren in seinem Büro im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Oberpfaffenhofen, als das Welternährungsprogramm der UN Hilfe anforderte. Schneiderhan legte auf dem Computer sofort einen neuen Ordner an: »Pakistan-Flut« , neben Burkina-Faso-Flut, Deutschland-Fluten, Polen-Flut, Island-Vulkan. Dann machte er sich an die Arbeit. Den Indus, diesen unbändigen Fluss, ins Visier nehmen. Aus dem Weltraum.
Martin Mainberger und Tobias Schneiderhan sind Retter im Hintergrund. Sie verteilen keine Lebensmittel, bereiten kein Trinkwasser auf und bauen keine Flüchtlingslager. Und doch sind sie Schlüsselfiguren, wenn Vulkane, Erdbeben oder Stürme ein Land ins Chaos stürzen: Sie produzieren Krisenkarten, der eine aus der Vogel-, der andere aus der Froschperspektive. Die Karten zeigen, welche Straßen überschwemmt und welche Brücken eingestürzt sind, welche Krankenhäuser erreichbar und wie viele Menschen auf der Flucht sind, sie zeigen, wo Notunterkünfte fehlen und wo welche Hilfsorganisation arbeitet. Ohne sie wären die Helfer blind.
Ein gutes Dutzend Organisationen und Forschungsinstitute hat sich inzwischen auf die Vermessung von Katastrophen spezialisiert. Das DLR betrachtet Naturkatastrophen aus dem All, die britische Nichtregierungsorganisation MapAction , für die Martin Mainberger nach Pakistan geflogen ist, schickt Freiwillige mit vernetzten Computern, GPS-Geräten und einem Farbdrucker ins Land. Beide haben dasselbe Ziel: so schnell wie möglich die Krise zu kartieren und die Karten laufend zu aktualisieren. Neue Technologien, darunter Google Earth und Google Maps, haben ihre Arbeit zum Teil erst möglich gemacht. Für MapAction arbeiten Amateure und Hobbykartografen, und dank Web-2.0-Technik fließen zunehmend sogar Hilferufe der direkt Betroffenen ein, die per SMS, Twitter oder E-Mail abgeschickt werden.
Martin Mainberger hatte Respekt vor Pakistan – da waren die Fernsehbilder von sozialen Unruhen, die Berichte über die Taliban, die unglaublichen Flüchtlingszahlen – aber er hatte keine Angst. Mainberger ist Berufstaucher und Unterwasserarchäologe, ein Mann mit Geheimratsecken und Lebenserfahrung, meistens sucht er Pfahlbauten und Wracks im Bodensee. »Ich bin es durch meinen Beruf gewohnt, Risiken zu minimieren«, sagt er. In Islamabad werde er im Gästehaus der UN wohnen, und außerdem: »Meine Kinder sind schon erwachsen.«
Im Krisenfall schickt MapAction meist zwei bis fünf Mitarbeiter, die sich gerade Urlaub nehmen können, ins Land. Dafür hat die Organisation weltweit 40 körperlich und psychisch belastbare Freiwillige ausgewählt. Aus Deutschland hatten sich mehr als 30 beworben, zwölf wurden eingeladen und ausführlich getestet. Zur ersten Übung im Niemandsland von Südengland mussten sie ohne Wegbeschreibung anreisen und bei Minusgraden im Zelt übernachten, sie begegneten Katastrophenopfern, von Schauspielern gespielt. Zwei blieben übrig: Mainberger und eine Geoinformatikerin aus Karlsruhe. Mainberger macht aus Idealismus mit, sagt er, aber auch, weil er die Erfahrung mit Geodaten in seinem Beruf nutzen kann.
- Datum 04.11.2010 - 11:35 Uhr
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- Quelle ZEIT Wissen 6/2010
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