Das Gehirn reicht, und das ist das Problem, bis in den Rücken hinein. Dort heißt es Rückenmark und verläuft im Wirbelkanal, umgeben von der schützenden Wirbelsäule. Trotzdem haben 85 Prozent der Deutschen mindestens einmal im Leben Kreuzschmerzen – und damit, wenn man so will, Beschwerden in den Ausläufern ihres Gehirns. »Das macht die Sache unfassbar kompliziert«, sagt der Orthopäde Ulf Marnitz vom Rückenzentrum Berlin .

Anders als beim Knie etwa ist bei Rückenbeschwerden die Psyche entscheidend. »Die Schmerzen sind gewissermaßen mit Emotionen vernetzt«, sagt Marnitz. Wer länger als drei Monate unter Rückenschmerzen leidet, bekommt mit einer Wahrscheinlichkeit von 60 Prozent eine Depression. Und umgekehrt können auch psychosoziale Probleme Rückenschmerzen erst auslösen.

Dass Ursache und Wirkung hier nicht immer eindeutig sind, haben Mediziner erst seit Kurzem verinnerlicht. Wurde bis in die neunziger Jahre hinein in der Regel noch operiert, wenn Wirbelsäulenschäden erkennbar waren – durch Röntgen oder Magnetresonanztomografie (MRT) zum Beispiel –, ist man mittlerweile davon abgerückt. Die Erfolgsrate war einfach zu klein: Auf dem MRT-Bild war der Schaden nach der Operation zwar behoben, die Schmerzen aber blieben meistens. In den Operationssaal muss heute deshalb nur noch, wer einen schweren Bandscheibenvorfall mit Lähmungen hat. Das sind lediglich fünf Prozent aller Patienten.

Gut leben als Patient: Wie wir mit Rückenschmerzen und Co. zurechtkommen (Bitte klicken Sie auf das Bild) © Karen Bleier/AFP/Getty Images

Bei weiteren 15 Prozent ist zwar ebenfalls ein Bandscheibenvorfall zu erkennen, aber die Beschwerden beschränken sich auf Schmerzen wie bei der 52-jährigen Ute Kaluza. Sie wurde den gängigen Empfehlungen entsprechend konservativ behandelt: Schmerzmittel in der akuten Phase, Physiotherapie zur Heilung. »Ich habe kaum noch Beschwerden«, sagt Kaluza heute.

Auf diese Weise behandeln Ärzte auch die Mehrheit der Rückenschmerzgeplagten richtig – die übrigen 80 Prozent, die keinen Bandscheibenvorfall haben. Ihr »unspezifischer Rückenschmerz« lässt sich nicht eindeutig zuordnen. Meist sind Nervenblockaden oder Muskelverkrampfungen verantwortlich, im unteren Rückenbereich nennt man diese auch Hexenschuss. Bei vier von fünf Patienten nehmen die Schmerzen innerhalb des ersten Monats übrigens auch ganz ohne Behandlung wieder ab.

Volkskrankheiten plagen viele Deutsche. Wie Betroffene damit zurechtkommen:

Asthma – Wie man Anfälle verhindert

Bluthochdruck – Bleibt die Krankheit unentdeckt, kann sie dem Körper schaden

Depression – viele sind erkrankt, ohne es zu wissen

Diabetes – ist die Krankheit einmal erkannt, lässt sie sich gut kontrollieren