Demenz Der langsame Abschied
Irmgard Karg war geschockt, als bei ihrem Mann Alzheimer diagnostiziert wurde. Dabei ahnte sie noch gar nicht, was auf sie zukam.
An schlechten Tagen, wenn er morgens seine Arme von oben bis unten mit Zahnpasta beschmiert, den Notruf gewählt oder in seiner Verzweiflung bei ihr für eine schlaflose Nacht gesorgt hat, würde sie am liebsten weinen. »Aber ich weine nicht«, sagt Irmgard Karg. »Weil ich dann Angst habe, nicht mehr aufhören zu können.«
An guten Tagen, wenn er plötzlich in ganzen Sätzen spricht, überraschend schnell an ihrer Hand durch den Park läuft oder sich unerwartet an die Ballonfahrt an seinem 60. Geburtstag erinnert, würde sie sich am liebsten freuen. »Denn dann«, sagt Irmgard Karg, »habe ich irrigerweise die Hoffnung, dass doch alles wieder wie früher werden kann.«
Früher, das war, als die Krankheit ihr noch nicht langsam ihren Mann Günther entriss. Als er in Rente ging und sie gemeinsam auf ein erfolgreiches Leben zurückblickten. Er, der gelernte Fernmeldemechaniker, hochgewachsen, mit Charme und dunklem Haar, und sie, die ehemalige Personalsekretärin, sportlich, bodenständig, aber sicher auf dem gesellschaftlichen Parkett. Elf Jahre lang hatten sie in Venezuela gewohnt, ein Sohn und eine Tochter kamen zur Welt, Günther Karg brachte es in der Firma bis zum Direktor.
Doch dann, als sie den Alltag zu zweit endlich genießen wollten, verstand Günther Karg immer öfter den Sinn ihrer Worte nicht. Er schichtete schmutzige Teller zu den sauberen in die Spülmaschine und meinte, die Maschine habe nicht richtig gespült. Er wollte im Winter nur noch dort Auto fahren, wo er sich auskannte, und sagte, er könne ja nicht mehr so gut sehen. Er wartete bei Verabredungen am falschen Ort und entschuldigte sich, er habe sich verhört. »Ich wusste, dass da was nicht stimmt, doch mein Umfeld hielt mich für verrückt«, sagt Irmgard Karg.
2004 schickte sie ihren Mann zum Ohrenarzt, dann zum Neurologen, doch erst zwei Jahre später wurde im Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf die richtige Diagnose gestellt: Alzheimer, erste Phase, Gedächtnis- und Orientierungsproblemen sind typische Symptome . Seine Frau war fertig, vor der Klinik nahm sie seine Hand: »Komm, wir stehen das zusammen durch.« Er antwortete nur: »Ich nehme meine Medikamente, und dann ist gut.«
Heute, vier Jahre später, es ist ein Samstag im Herbst, stellt Irmgard Karg, 72, in ihrem Esszimmer im Norden Hamburgs frischen Kaffee auf den Tisch. Ihr Mann, 74, sitzt gerade auf dem Stuhl, neugierig und interessiert, und wenn er gefragt wird, wie es ihm gehe mit Alzheimer, sagt er: »Ich kann damit leben.«
- Informationen
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Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft ist die größte deutsche Selbsthilfeorganisation zum Thema Demenz. Informationen für Patienten und Angehörige gibt es im Netz unter www.deutsche-alzheimer.de
Für Jugendliche, die sich für das Thema interessieren, gibt es ein spezielles Angebot unter www.alzheimerandyou.de
Diese bürgerschaftliche Initiative will für die Situation von Demenzkranken sensibilisieren: www.aktion-demenz.de
Dabei durchlebt er mittlerweile die zweite Phase der Krankheit: Die Patienten wissen nicht mehr, wie einfache Abläufe funktionieren, sie verlaufen sich und haben feinmotorische Schwierigkeiten, können etwa ihr Hemd nicht mehr zuknöpfen. Sprache und Zeitgefühl gehen verloren. Daher ist für Günther Karg seit Mai schon November. Er schläft viel, und wenn er wach ist, redet er wenig. Er hat keine Ahnung, wie man den Fernseher einschaltet, hält den Rasierapparat verkehrt herum. Ständig fragt er: »Wann fahren wir nach Weihnachten?«
Steht er nachts auf, muss ihn Irmgard Karg danach zudecken. Sie muss ihn waschen und anziehen, beim Zähneputzen jeden Schritt erklären: »Nimm den Becher.« – »Nimm einen Schluck.« – »Spül deinen Mund aus.« Jeden Morgen, jeden Abend aufs Neue, kurze Sätze, 365 Tage im Jahr. Die zweite Phase ist die anstrengendste für Angehörige. »Ich habe keinen Mann mehr, auch keinen Gesprächspartner«, sagt Irmgard Karg. Sie überlegt kurz. »Ich habe ein Kind.«
Günther Karg ist anhänglich geworden – und wenn er merkt, dass es seiner Frau nicht gut geht, sagt er: »Dass du so einen Blödmann geheiratet hast.« Oder: »Was du alles für mich tust, das habe ich nicht verdient!« Nachts weckt er sie oft. »Ich hab Angst, dass dir etwas passiert«, sagt er dann, und: »Schläfst du?« – »Jetzt nicht mehr«, antwortet Frau Karg meist. Und wenn er wieder Panik bekommt, dass sie ihn sitzen lässt, sagt sie, dass sie sich einander das doch vor 47 Jahren versprochen hätten: in guten wie in schlechten Tagen. Frau Karg hatte sich vorgenommen: Solange sie alles selbst regeln kann, regelt sie alles selbst. »Ich wollte für meinen Mann eine Art Mutter Teresa sein.«
- Datum 07.01.2011 - 17:59 Uhr
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- Quelle ZEIT Wissen 1/2011
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Wir haben das 13 Jahre lang gemacht, es ist wirklich kaum zu beschreiben. Und jetzt, wo es vorbei ist (seit 3.10. 2010) ist eine große Lücke, wo meine Schwiegermutter früher war. Wir sind froh, daß es vorbei ist, aber sie fehlt uns sehr. Das Leben ist nicht "life style", es ist schon noch etwas größer.
werden nach Schätzung der WHO die nicht infektiöse Epidemie der Zukunft schlechthin sein - zunächst in den Industrieländern, bei wachsendem Wohlstand auf der ganzen Welt. Und jede Gesellschaft wird sich der ethischen Herausforderung stellen müssen, wie die betroffenen Mitbürger/innen integriert und gepflegt werden können. Es wäre gut, rechtzeitig etwas Abstand zu gewinnen von der Lifestyle-Ideologie und der Superbeschleunigung und der reproduktiven Arbeit wieder mehr Gewicht neben der produktiven zu geben.
Sozialverträgliches Frühableben?
Danke an "ZEIT online", dass sie sich dieses Themas annimmt.
„Oft denkt sie, dass sie noch Glück hat, wenn Frauen berichten, dass ihre Männer aggressiv sind …“
Und sie hat wirklich Glück mit ihrem Ehemann, der sich durchaus noch menschlich und angemessen verhält.
Meine Mutter dagegen hat mit ihrem Mann, mit dem sie über 50 Jahre verheiratet ist, nicht diese Gnade. Nachdem unser an Alzheimer erkrankter Vater dreimal versucht hat, sie zu erschlagen bzw. zu erwürgen, haben wir Kinder keine andere Möglichkeit gesehen, als ihn in eine professionelle Vollzeitpflege zu geben. Unsere Mutter heult sich die Augen aus und wird von dem schlechten Gewissen geplagt, dass sie ihren geliebten Mann „abgeschoben“ hat. Oft wird ihr das auch noch zusätzlich von außen stehenden Mitmenschen eingeredet, die nicht den Schimmer einer Ahnung von dem haben, was Angehörige von Demenzkranken mitmachen und erleiden müssen. Diese Krankheit ist die Hölle für den Betroffenen und seine Familie. Man sitzt dem Menschen gegenüber, den man einmal so geliebt hat. Manchmal lächelt er sogar. Oft hat man das Gefühl, dass es nur noch die körperliche Hülle ist, die man sieht, zu der man sanfte, ruhige Worte spricht. Worte, die innerhalb einer Nanosekunde wieder vergessen werden. Mit dem Geist stirbt die Persönlichkeit eines Menschen.
Es begann damit, dass er den Weg zu Verwandten nicht mehr fand nachdem sie umgezogen waren... da war er gerade mal knapp über 50. Im Nachhinein und mit Kenntnis der Erkrankung fallen einem immer mehr Dinge ein, die schon frühzeitig darauf hinwiesen, dass die Krankheit bei ihm Fuß gefasst hatte.
Mutter schwieg dazu, half ihm und entschuldigte ihn.
Schlimmer wurde es als er mit 58 Jahren einer Modernisierung bei seinem Arbeitgeber zum Opfer fiel und zuhause bleiben musste.
Mutter schwieg dazu, half ihm und entschuldigte ihn.
Videografieren und Filme machen wollte er... doch selbst die Bedienung eines einfachen Titelgerätes war ihm bald zu kompliziert. Ungeschnitten liegen heute noch hunderte Stunden Videomaterial im Schrank.
Mutter schwieg dazu, half ihm und entschuldigte ihn.
Reisen, sich die Welt anschauen wollten er und seine Frau... doch bald schon wollte er nur noch zuhause sein.
Mutter schwieg dazu, half ihm und entschuldigte ihn.
Mittlerweile ist er 80 und findet noch den Weg zwischen den Zimmern im Haus, muss aber angezogen und gewaschen werden, ist weglaufgefährdet, alle Außentüren müssen immer abgeschlossen sein. Sein Intellekt ist auf der Höhe einer durchschnittlichen Zucchini angekommen.
Mutter hat mittlerweile multiplen Krebs im Endstadium, schweigt dazu, hilft ihm und entschuldigt ihn.
Mein Enkel und ich helfen jetzt bei der Pflege und ich versuche, Mutter ab und zu was Schönes zu gönnen, auch wenn es für sie das Schönste ist, sich um ihren Mann zu kümmern.
Bitte verzichten Sie auf Aussagen, die als beleidigend verstanden werden können. Danke, die Redaktion/vv
...sein Enkel... wollte ich schreiben... geht das bei mir jetzt auch schon los...?
Ich wünsche Ihnen Kraft und Mut und Zuversicht.
...sein Enkel... wollte ich schreiben... geht das bei mir jetzt auch schon los...?
Ich wünsche Ihnen Kraft und Mut und Zuversicht.
...sein Enkel... wollte ich schreiben... geht das bei mir jetzt auch schon los...?
Ich wünsche Ihnen Kraft und Mut und Zuversicht.
Besten Dank!
Ich versuche, einen gewissen Abstand zu gewinnen. Es ist die Hülle meines Vaters aber er ist nicht mehr drin. Gegangen. Die Trauerarbeit dazu bin ich gerade am abschließen. Er ist mittlerweile für mich eine hilfsbedürftige "Kreatur" um die ich mich aus verschiedenen weltanschaulichen und moralischen Verpflichtungen heraus zu kümmern habe.
Ich versuche, mich mehr um meine Mutter zu kümmern, die geistig noch voll auf der Höhe ist. Vielleicht schaffen wir es noch, dass ich ihr im Frühjahr "mein" Irland zeige, an das ich vor langer Zeit mein Herz verloren habe. Auch nehme ich sie zu verschiedenen Veranstaltungen mit... sie war vorher vor 40 Jahren das letzte mal im Theater und im Kino...
... ich glaube, ich kann Sie sehr gut verstehen und bin sicher, Sie handeln richtig.
[...]
Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Beleidigungen und äußern Sie Ihre Kritik sachlich. Danke. Die Redaktion/ag
Besten Dank!
Ich versuche, einen gewissen Abstand zu gewinnen. Es ist die Hülle meines Vaters aber er ist nicht mehr drin. Gegangen. Die Trauerarbeit dazu bin ich gerade am abschließen. Er ist mittlerweile für mich eine hilfsbedürftige "Kreatur" um die ich mich aus verschiedenen weltanschaulichen und moralischen Verpflichtungen heraus zu kümmern habe.
Ich versuche, mich mehr um meine Mutter zu kümmern, die geistig noch voll auf der Höhe ist. Vielleicht schaffen wir es noch, dass ich ihr im Frühjahr "mein" Irland zeige, an das ich vor langer Zeit mein Herz verloren habe. Auch nehme ich sie zu verschiedenen Veranstaltungen mit... sie war vorher vor 40 Jahren das letzte mal im Theater und im Kino...
... ich glaube, ich kann Sie sehr gut verstehen und bin sicher, Sie handeln richtig.
[...]
Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Beleidigungen und äußern Sie Ihre Kritik sachlich. Danke. Die Redaktion/ag
Besten Dank!
Ich versuche, einen gewissen Abstand zu gewinnen. Es ist die Hülle meines Vaters aber er ist nicht mehr drin. Gegangen. Die Trauerarbeit dazu bin ich gerade am abschließen. Er ist mittlerweile für mich eine hilfsbedürftige "Kreatur" um die ich mich aus verschiedenen weltanschaulichen und moralischen Verpflichtungen heraus zu kümmern habe.
Ich versuche, mich mehr um meine Mutter zu kümmern, die geistig noch voll auf der Höhe ist. Vielleicht schaffen wir es noch, dass ich ihr im Frühjahr "mein" Irland zeige, an das ich vor langer Zeit mein Herz verloren habe. Auch nehme ich sie zu verschiedenen Veranstaltungen mit... sie war vorher vor 40 Jahren das letzte mal im Theater und im Kino...
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