Das Fernsehen zeigt ein Champions-League-Spiel, doch İlhan Mansiz geht zum Yoga. Für einen Mann mit seiner Vergangenheit ist das ungewöhnlich: Mansiz hat den größten Teil seines Lebens mit Fußball verbracht. Er spielte als Profi für den 1. FC Köln, Beşiktaş İstanbul, Hertha BSC und für 1860 München, und bei der Weltmeisterschaft 2002 schoss er die türkische Nationalmannschaft mit dem entscheidenden Tor ins Halbfinale – am Ende wurde seine Mannschaft Dritter.

Nun aber hat Mansiz damit abgeschlossen. Zwar trainiert er noch immer dreimal täglich an sechs Tagen die Woche, aber es geht nicht mehr um Kopfbälle und Sprintkraft, sondern um Pirouetten und Schrittfolgen, um Präzision und Eleganz. Mansiz will 2014 zu Olympia. Als Eiskunstläufer.

Dabei stand Mansiz vor drei Jahren zum ersten Mal auf Schlittschuhen: Damals nahm er an der türkischen Variante der Fernsehsendung Stars on Ice teil – einer Show, in der Prominente gemeinsam mit Profi-Eisläufern eine Kür im Paarlauf erarbeiten. Mansiz lernte die ungewohnten Bewegungsabläufe schnell, hatte Spaß, gewann die Show – und verliebte sich in seine Partnerin, die Slowakin Oli Beständig, die bei den Olympischen Spielen in Salt Lake City Siebzehnte im Paarlaufen geworden war. Warum sie aufgehört habe mit dem Wettkampfsport, fragte er Oli irgendwann. Und sie antwortete, sie würde es gern noch einmal versuchen, finde aber keinen geeigneten Partner.

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»Erst wollte ich mich auf die Suche nach einem Partner für sie machen und das Team unterstützen. Aber dann dachte ich: Ich habe offenbar selbst Talent, ich lerne schnell. Warum nehmen wir nicht die Herausforderung an und versuchen es gemeinsam?«, erzählt Mansiz. Seit diesem Sommer steht das Paar in Oberstdorf drei Stunden täglich auf dem Eis, zudem gehören Ballett, Yoga und Krafttraining zum Programm. »Ich fange bei null an«, sagt Mansiz. »Aber mich reizt ja gerade, dass ich mit 35 noch einmal eine ganz neue Sportart lernen kann.«

Noch vor wenigen Jahren hätten ihm Wissenschaftler keine Chance gegeben. »Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr – diese Überzeugung war in der Bewegungswissenschaft verbreitet«, sagt Claudia Voelcker-Rehage, Sportwissenschaftlerin am Zentrum für Lebenslanges Lernen an der J acobs University Bremen . Komplizierte Bewegungen wie Sprünge beim Eiskunstlauf müsse man vor der Pubertät einüben, hieß es. »Das ist inzwischen vom Tisch«, sagt Voelcker-Rehage. »Heute ist klar: Im Prinzip ist es das ganze Leben lang möglich, neue Bewegungen zu erlernen.« Mit 30 Tennisstunden zu nehmen oder mit 40 Gitarrenstunden, halten Forscher für ebenso erfolgversprechend, wie mit 60 den Führerschein zu machen.

»Warum auch nicht«, fragt Ralf Krampe erstaunt, der in Belgien am Zentrum für Entwicklungspsychologie der Universität Leuven über Motorik forscht: Entwicklungspsychologen gingen heute davon aus, dass das junge Erwachsenenalter bis etwa 45 Jahre dauere, das mittlere bis 65. »Erst danach sprechen wir überhaupt von ›Alter‹«, sagt er.

Aber selbst dann ist die Zeit des Lernens noch lange nicht vorbei, wie eine Studie von Claudia Voelcker-Rehage zeigt. Sie ließ 1206 Testpersonen zwischen 6 und 89 Jahren jonglieren üben und fand heraus: Am geschicktesten stellten sich die 15- bis 29-Jährigen an, für Ältere war es zwar etwas schwieriger, aber zwischen 30- und 75-Jährigen waren die Unterschiede gering – fast alle konnten nach sechs Übungseinheiten die Bälle oder Tücher in der Luft halten. Erst mit über 80 gelang das seltener. »Die Studie zeigt, dass Erwachsene neue Bewegungen zwar etwas langsamer lernen als Jugendliche, dass es aber erst im wirklich hohen Alter Einschränkungen gibt«, sagt Voelcker-Rehage.

Im Gehirn der späten Anfänger passiert beim Lernen das Gleiche wie bei Frühstartern: Schon nachdem man nur etwa 20 Minuten lang Melodien auf dem Klavier nachgespielt hat, verändern sich die Aktivitätsmuster im Gehirn. Das hat eine Untersuchung am Institut für Musikphysiologie und Musikermedizin an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover an erwachsenen Laien gerade ergeben. »Die Hör- und die Handregionen im Gehirn vernetzen sich bereits nach der ersten Übungseinheit stärker.

Wenn man weiterübt, sind diese Verbindungen nach drei bis fünf Wochen stabil«, sagt der Leiter des Instituts, Eckart Altenmüller. Solche Neuverschaltungen zwischen verschiedenen Netzwerken im Hirn entstehen, wenn man lernt. Je häufiger Nervenverbindungen genutzt werden, umso fester wird die Verbindung, und umso besser sitzt das Gelernte. »Man kann das Gehirn trainieren wie einen Muskel – das ganze Leben lang«, sagt Ralf Krampe.