Soziologie Das Geheimnis der Freundschaft

Sie begleiten uns oft ein Leben lang, für viele sind Freunde sogar die bessere Familie. Wissenschaftler erforschen, warum sie uns stark machen – und ob Mann und Frau befreundet sein können.

Der Mann von der italienischen Autovermietung muss verwirrt gewesen sein. Er hatte einen Fiat Bambino bereitgehalten, aber als das Brautpaar aus Deutschland bei ihm ankam, protestierte es gegen das winzige Gefährt – so lange, bis der Autovermieter seinen eigenen Wagen für die Hochzeitsreise zur Verfügung stellte. »In das kleine Ding hätten wir ja nie reingepasst«, sagt Rainer Seehase – hatte er doch nicht nur seine Frau mit auf die Hochzeitsreise genommen, sondern auch seinen Freund Gerhard.

Über den Autovermieter lachen die beiden Männer noch heute, Jahre später. Auch in dieser Nacht, als sie in Fleecepullis an Deck ihres Segelschiffes sitzen und die Geschichte erzählen. Die Braut habe nichts gegen die Begleitung des Freundes gehabt, versichert Rainer Seehase, gesteht aber: »Ich habe gar nicht darüber nachgedacht, ob das adäquat ist.« Man muss zu seiner Verteidigung sagen, dass er Gerhard Niemeier damals schon viel länger kannte als seine Frau. Die beiden sind seit fast 60 Jahren Freunde. Niemeier hatte ihm schon beim Scheitern seiner vorherigen Ehe beigestanden, war es da nicht nur fair, dass er am neuen Glück auch teilhaben durfte?

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So kurios die Geschichte ist – sie zeigt, welch große Bedeutung Freundschaft hat. Gerade heute, da Partner und Jobs häufig wechseln, eine eigene Familie nicht mehr selbstverständlich ist und immer weniger Menschen in der Kirche Trost finden, werden Freunde immer wichtiger. Manchmal sind sie die Einzigen, die uns über einen langen Zeitraum begleiten – die wissen, wer wir wirklich sind. Sie sind nicht nur die Gefährten unserer Kindheits- und Jugendabenteuer, sondern zunehmend auch die Säulen, die uns als Erwachsene im Leben stützen. »Freundschaften sind eine der zentralen Relaisstationen des sozialen Zusammenhalts«, sagt der Soziologe Heinz Bude . Und für manche Menschen sind sie sogar wichtiger als die Familie.

ZEIT Wissen 1/2011
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Wissenschaftler wollen das Geheimnis dieser besonderen Beziehung ergründen. Sie vermessen unsere Freundeskreise und testen mit Experimenten, wen wir hineinlassen. Mediziner finden Belege dafür, dass soziale Beziehungen uns vor Krankheiten schützen und unser Leben verlängern können, manche fordern sogar schon Freunde auf Rezept. Soziologen stellen ein neues Verantwortungsgefühl unter Freunden fest und sehen darin eine Rettung der alternden Gesellschaft jenseits von Familie und Sozialstaat.

Freundschaft hat viele Formen. Es gibt Freunde fürs Leben, die von klein auf bis ins hohe Alter zusammenhalten, und es gibt Freunde, die wie eine Familie zusammenleben. Manche Freundschaften überspannen Kontinente oder Generationen, andere bestehen fast nur im Internet. Und dann gibt es noch jene Freundschaft, die Psychologen – und vielen anderen – Rätsel aufgibt: Können Männer und Frauen befreundet sein, ohne an Sex zu denken?

Leser-Kommentare
    • vb187
    • 06.02.2011 um 0:30 Uhr

    ...aber sie werden niemals den Status von Geschwistern (mit denen man sich gut versteht) oder gar den Eltern haben.

    Allein das erwiesene Beispiel aus dem Text "Der Sprung zu pflegenden Freunden sei noch groß." zeigt, dass Freunde sehr wichtig sind und oft weiterhelfen, aber letztendlich kommen sie nicht an die Familie heran, da nur diese nahezu bedingungslos GIBT. Nahezu kein Freund kann da mithalten. Aber wieso denn auch! Aus evolutionärer Sicht bereits sind Freunde dazu da, um (in erster Linie) einen Nutzen darzustellen - auch wenn das jetzt ziemlich nüchtern klingt und es heute nicht so ist, wie noch vor 20.000 Jahren.

    Ich, der seine älteren Schwestern bis in die Pubertät bekämpft hat und mit denen ich 3-4 Jahre "verfeindet" war habe ein sehr gutes Verhältnis zu meiner Familie (+ ich selbst habe nun bereits eine Art junge Familie) und kann mir kaum einen besseren Freund als meine Schwestern vorstellen. Wobei ich bereits einige beste Freunde hatte/habe.
    Das "Problem" an Freunden ist, dass man die Bindung immer wieder pflegen muss. Wenn man mal beruflich (oder bildungsbedingt) kaum Zeit zur Pflege hat, kann solch eine Freundschaft schneller verflachen, als einem lieb ist. Das kann ich mir bei Geschwistern nicht vorstellen, muss ich sagen.
    Dennoch sind Freunde sehr wichtig, vor allem bei gemeinsamen Interessen oder Anderem. Essentiell jedoch nur bei Menschen, die keine Familie haben oder diese - wie auch immer - verloren haben. Man sollte seine Freundschaften immer pflegen.

  1. "(...)zeigt, dass Freunde sehr wichtig sind und oft weiterhelfen, aber letztendlich kommen sie nicht an die Familie heran, da nur diese nahezu bedingungslos GIBT. Nahezu kein Freund kann da mithalten."

    Das kann so sein (und ist schön!), muss aber nicht. Das Bild was Sie von der Familie zeichnen, ist doch sehr idealtypisch. Dabei zeichnet sich eine Familie zunächst in der Regel dadurch aus, dass man sie sich nicht aussucht. Für viele ist sie der Himmel, für manche aber auch die Hölle auf Erden. Bei Freunden ist das anders. Da kommt nach bestimmten positiven Eigenschaften eine Selektion zustande.

    Ansonsten glaube ich, dass man freundschaftliche Bindungen, im Vergleich zur Liebe oder "Netzwerk"-Kontakten eben nicht oder zumindest weit weniger pflegen muss.

    • macey
    • 06.02.2011 um 9:59 Uhr

    Ich halte diesen Artikel für viel zu optimistisch, was das Ausmaß der freundschaftlichen Beziehungen betrifft. Es ist schwierig geworden, verlässliche Freundschaften aufzubauen.
    Die Menschen igeln sich immer mehr in ihren Wohnungen ein, verbringen die Freizeit vor den Bildschirmen, statt nach Draußen zu gehen und neue Leute kennen zu lernen.
    Dazu kommt der Zwang zur beruflichen Mobilität, der häufigen Ortswechsel verlangt. Diese Mobilität ist quasi Gift für dauerhafte Freundschaften.
    Fraglich ist auch, dass Frauen bessere Freundschaften pflegen als Männer. Meine Beobachtung ist eher, dass Frau ihre Geschlechtsgenossinnen eher als Konkurrentinnen sehen, mit dem entsprechenden üblichen Zickenkrieg. Die Einsamtkeit älterer Frauen, die häufig gar keine Freunde haben, ist die Folge dieser Einstellung.

  2. Dinge passieren nicht „zufällig“.
    Begegnungen passieren nicht „zufällig“.
    Ich bin der Überzeugung, dass man Menschen |Freunde begegnet, die man für die jeweilige Situation „benötigt“, vielleicht auch für das ganze Leben.
    Wir ziehen sie sozusagen geistig an oder stoßen sie geistig ab.

    sonnigen Sonntag noch....

  3. ...die alten, lahmen "Big Five": Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und - eigentlich, hier heißt sie Ängstlichkeit - Neurotizismus. Diese angeblich "grundlegenden Faktoren der Persönlichkeit" sind, wissenschaftlich gesehen, ziemlich dürftig - beruhen sie doch lediglich auf relativ willkürlichen Selbst- und Fremdeinschätzungen, die man pseudoquantifiziert, um ihre Korrelationen (und darauf basierende Faktorenanalysen) berechnen zu können. Aussagen, die darauf basieren, sollte man nicht allzu ernst nehmen.

  4. ...galt die Freundschaft als die glücklichste und menschenwürdigste aller Liebesarten, die Krone des Lebens und die Schule der Tugend. Aber die moderne Welt ignoriert sie völlig.“ (C. S. Lewis)

    http://soulfirecologne.wo...

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