Freundschaft ist stärker als Sex

Wenn Jandrik Wessels und Joy Liedtke zusammen mit dem Kinderwagen über die Parkanlage am alten Flugfeld in Berlin-Tempelhof spazieren, könnte man denken: Was für ein schönes Paar! "Verrückt", sagt Joy Liedtke. Die beiden schütteln den Kopf und lachen. Sie kennen sich seit fünf Jahren, sehen sich dreimal in der Woche, gehen tanzen und zelten jedes Jahr zusammen auf einem Musikfestival, sie kochen miteinander, diskutieren über Politik und können sogar zusammen schweigen. Aber geküsst haben sie sich in fünf Jahren nicht ein einziges Mal. Jandrik und Joy sind nur Freunde.

In den siebziger Jahren bezeichneten Sozialwissenschaftler diese Art der Freundschaft schlichtweg als anormal. Bis in die achtziger Jahre gab es nicht einmal eine eigene Beziehungskategorie dafür. Dann aber geschah etwas Ungeheuerliches: Bei einer Studie in den USA gaben bis zu 30 Prozent der Probanden eine Person anderen Geschlechts als ihren besten Freund an.

Heute, da sich die Lebenswelten von Männern und Frauen stark überschneiden, Geschlechterrollen und Stereotype sich auflösen, ist die platonische Freundschaft zwischen den Geschlechtern gang und gäbe. Trotzdem wirken solche Freundespärchen auf viele noch immer irgendwie verdächtig. Läuft da wirklich nichts? Muss nicht – wie bei Harry und Sally im Film – zwangsläufig eine sexuelle Beziehung entstehen, wenn Mann und Frau sich so nahe sind?

"Aus evolutionärer Perspektive ist jede halbwegs gleichaltrige Person des anderen Geschlechts ein potenzieller Fortpflanzungspartner – wenn Mann auf Frau trifft, steht das einfach im Raum", sagt der Evolutionspsychologe Lars Penke von der University of Edinburgh. Und er bestätigt ein Klischee: "Männer haben eine stärkere Tendenz als Frauen, bei einer neuen Bekanntschaft eine mögliche sexuelle Beziehung zu vermuten." Trotzdem sei eine platonische Freundschaft möglich.

Dass nicht jeder rein platonische Absichten verfolgt, fand die amerikanische Kommunikationsforscherin Heidi Reeder bei ausgiebigen Umfragen heraus. Immerhin 28 Prozent der Befragten fanden ihren engen Freund oder ihre enge Freundin körperlich anziehend, 14 Prozent sehnten sich sogar insgeheim nach einer Liebesbeziehung, und 39 Prozent hatten zumindest früher romantische Absichten gehabt. Die Mehrheit der 231 Teilnehmer aber empfand keine romantische oder sexuelle Anziehung ihren Freunden gegenüber. Und die Freundschaft hatte für die meisten Priorität, sie wollten die Beziehung nicht verändern. Zu diesem Ergebnis kamen kürzlich auch zwei Forscher der Universität Athen: Zwar kann sexuelle Anziehung eine Herausforderung sein, die Freundschaft ist in vielen Fällen aber stärker.

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Leichter ist es natürlich, wenn zumindest einer der beiden Freunde bereits vergeben ist, sagt der Evolutionspsychologe Lars Penke. Als Joy über Freunde Jandrik kennenlernte und sie eine Woche lang zusammen auf einem Musikfestival kampiert hatten, wusste sie, dass er von nun an einen Platz in ihrem Leben haben sollte. Aber eben nur als guter Freund. Einen Partner hatte sie schon. Mit dem ist sie seit mittlerweile elf Jahren zusammen, inzwischen haben sie auch ein Kind. Jandrik hatte damals ebenfalls anderes im Kopf, eine schmerzhafte Trennung lag hinter ihm, da wäre er "gar nicht auf die Idee gekommen, in Joy mehr als eine Freundin zu sehen".

Ob aus ihnen etwas hätte werden können, wenn die Situation eine andere gewesen wäre? "Nimm’s nicht persönlich", sagt Joy zu ihrem Freund Jandrik, "aber ich kann mir das mit dir einfach nicht vorstellen." Dabei findet sie Jandrik schon attraktiv, und auch das Herz habe er am rechten Fleck. "Aber man kann jemanden attraktiv finden, ohne mit ihm ins Bett steigen zu müssen." Die Wissenschaft gibt ihr recht. Heidi Reeder kam in ihrer Umfrage zu dem Ergebnis, dass man den Freund oder die Freundin objektiv gesehen körperlich attraktiv finden kann, ohne sich selbst von ihm oder ihr angezogen zu fühlen.

Ist ein bestimmtes Maß an Vertrautheit erreicht, würde das Prickeln ohnehin nachlassen, sagt Lars Penke. "Bei Freunden, die zusammen durch dick und dünn gegangen sind und sich in- und auswendig kennen, gibt es das so gut wie nicht mehr." Ab einem gewissen Punkt bestehe keine große Gefahr mehr, dass das Verhältnis noch ein erotisches Niveau erreiche.