Da ist sie wieder, diese Handbewegung von Angela Merkel. Mit Daumen und Zeigefinger hat sie ihr Argument zugespitzt, sie bewegt die Hand auf und ab, als wolle sie es allen Zuhörern einschärfen.

In Talkshows und Politikerreden scheint es von Gesten nur so zu wimmeln. Tatsächlich sind sie dort aber nicht häufiger zu beobachten als in alltäglichen Gesprächen. Wenn wir etwas erklären, geht das kaum ohne Hände, nicht einmal am Telefon. »Wer einmal versucht, das Binden einer Schleife ohne eine einzige Handbewegung zu erklären, merkt sofort, wie schwer das ist«, sagt Ellen Fricke, Linguistin an der Universität Freiburg. Die Form eines Hutes, eine Biegung im Straßenverlauf – sprachlich lässt sich so etwas nur schwer, mit einer Geste aber ganz mühelos darstellen.

Trotzdem haben Sprachwissenschaftler Gesten lange nur am Rande untersucht. Zusammen mit drei anderen Forscherinnen steht Fricke nun kurz davor, das grundlegend zu ändern. Sie wollen eine Grammatik der Gesten schaffen, eine Sprachbeschreibung, die neben Lauten und Zeichen auch sichtbare Signale der Kommunikation einbezieht. Drei Jahre lang haben sie an dem Projekt gearbeitet, über 80 Stunden Videomaterial von Talkshows, Ratesendungen, Vorlesungen und Gesprächen ausgewertet.

Einer der Ersten, der Gesten als sprachliches Phänomen beschrieb, war David McNeill, ein Psycholinguist an der University of Chicago. In seinem Buch Hand and Mind entwickelte er Anfang der neunziger Jahre die Idee, dass Gesten im Grunde nichts anderes seien als in Bewegung übertragene Gedanken. Wie durch ein Fenster zum Geist könne man über sie anderen Menschen beim Denken zusehen. Unsere Gesten sagen demnach viel darüber aus, wie wir etwas empfinden und uns vorstellen: Ist ein Rückschlag nur eine kleine, flüchtige Handbewegung oder ein harter Abprall, der einen nach hinten wirft?

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Auch was uns wichtig ist, heben wir durch Gesten hervor. Politiker nutzen das gern. Die Handbewegung von Angela Merkel ist der sogenannte Fingerring. Schon vor fast 2000 Jahren empfahl ihn der römische Rhetoriklehrer Quintilian in seiner Ausbildung des Redners für den Beginn einer Rede, um die Aufmerksamkeit der Zuhörer zu fokussieren. David McNeill bezeichnet solche Gesten als Beats, eng an den Rhythmus der Sprache gekoppelte Handbewegungen, die den Höhepunkt eines Arguments im richtigen Moment betonen. Da Politiker vieles in ihren Reden für höhepunktverdächtig halten, sieht man solche Gesten bei ihnen entsprechend oft. Dabei werden sie von Rhetoriktrainern im gezielten und vor allem sparsamen Einsatz von Gestik geschult.

Wirklich erlernen lässt sich eine gute redebegleitende Gestik allerdings nicht. »Man erkennt einen Moderator, der eine Geste eingeübt hat«, sagt Cornelia Müller, Linguistin an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder, die ebenfalls an dem Grammatikprojekt beteiligt ist. »Die Hände bewegen sich nicht spontan, sondern erst nachdem die Worte, die sie unterstreichen sollen, schon gesagt wurden.«

Spontane Gesten lernen wir bereits in der Kindheit. Die einfache Zeigegeste – »da« und »dort« – ist der Beginn aller Kommunikation, nicht nur der mit den Händen: Aus dem Nach-etwas-Greifen wird bei einem Kind mit etwa elf Monaten das Zeigen. Aus dem Habenwollen wird eine Botschaft, die es an eine andere Person richtet. Erst danach erlernt es die dazugehörigen Wörter. Mit etwa dreieinhalb Jahren gestikulieren Kinder dann plötzlich doppelt so viel wie vorher, genau dann, wenn auch der Wortschatz einen Sprung macht.